Hermine wünschte ihm wirklich aufrichtig, dass es noch einmal eine Frau geben würde, die er so nahe an sich heranlassen würde wie jetztsie, damit er endlich das Glück finden würde, das im Schlaf weiche Linien in sein Gesicht zeichnete, und das sie ihm jetzt wieder nehmen musste.
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ACHTZEHN
Als Severus erwachte, war Hermine fort. Er sprang aus dem Bett, kleidete sich notdürftig an und seufzte ein erleichtertes „Guten Morgen", als er sie vor dem Kamin sitzen sah, ein Buch in der Hand und einen Becher dampfenden Kaffees auf dem Tisch neben sich.
Langsam wandte Hermine ihm ihr Gesicht zu und musterte ihn mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck.
„Guten Morgen", gab sie schließlich zurück. In ihrem Ton lag etwas, dass Severus nicht einordnen konnte, doch es ließ das Lächeln auf seinem Gesicht einfrieren, und er fühlte sich schrecklich bloß vor ihrem gleichgültigen Blick.
Severus hatte zugegebermaßen nicht besonders viel Erfahrung mit solchen Situationen. Wie begegnete man sich am Morgen, wenn man in der Nacht zuvor miteinander geschlafen hatte? Er kannte lediglich hastige Verabschiedungen und die peinlichen Momente, wenn man sich danach noch einmal begegnete. Man murmelte eine verschämte Begrüßung und mied den Blick des anderen. Aber sicher war es anders, wenn man einander wirklich zugetan war?
Hastig wandte er sich ab und kehrte erst zu Hermine zurück, als er sich vollständig angezogen hatte.
Sie sah nicht auf, als er zurückkehrte und sich an die Arbeit machte. Mit aller Gewalt verbannte Severus ihr merkwürdiges Verhalten aus seinen Gedanken- er brauchte all seine Konzentration.
„Es tut mir leid, was gestern Abend geschehen ist", sagte Hermine plötzlich, als er sich für einen Moment aufrichtete. Misstrauisch schnellte Severus' Blick zu ihr hinüber. Ihre Stimme hatte schwankend geklungen, doch in ihrer Miene lag keine Verunsicherung.
„Ich hätte das nicht tun sollen", sprach sie weiter. „Es erschien mir in dem Augenblick eine gute Idee, aber ich weiß jetzt, dass es das nicht war. Es hat nichts mit dir zu tun. Es tut mir leid", wiederholte sie.
Severus atmete zischend ein. So war das also! Hermine hatte ihn als Trost benutzt! So wie sie es bereits in den letzten Wochen getan hatte, nur dass sie diesmal einen Schritt weitergegangen war. Und sie bereute es. Da gab es nichts weiter zu sagen. Severus kam sich unendlich töricht vor, dass er tatsächlich geglaubt, gehofft hatte, Hermine könnte eine Gefährtin sein… werden… bleiben…
Nichts würde von ihrer Gemeinschaft übrig bleiben, wenn er es geschafft hatte, sie zu heilen.
Er nickte knapp, und suchte in seiner Erinnerung nach der Maske der Gleichgültigkeit, die ihm einst so gut gepasst hatte. Er glitt beinahe mühelos hinein….
Nachdem Hermines Anfall an diesem Abend vorüber war blieb sie noch für einen kurzen Moment auf dem Sofa sitzen, um wieder zu Kräften zu kommen, und Severus musste sich beinahe gewaltsam davon abhalten, zu ihr zu gehen. Es erschien so leicht, so selbstverständlich, sie in den Armen zu halten- doch bis vor vier Wochen hatte er noch nicht einmal einen Gedanken an sie verschwendet. Sie war nur hier, weil er eine Schuld wieder gut machen wollte- so hatte er es anfangs halten wollen, und so würde er es beenden.
Wenig später stand sie auf und ging in ihr Zimmer. Wortlos, doch Hermine hätte ihm genauso gut ins Gesicht schreien können, dass sie seiner überdrüssig war- der Effekt wäre derselbe gewesen.
Sie schloss leise ihre Tür, doch das Klicken ließ ihn zusammenfahren, als habe Hermine sie ins Schoss geschlagen.
Severus fand keinen Schlaf in dieser Nacht, und er suchte ihn auch nicht. Ihm blieben weniger als vierundzwanzig Stunden, und er würde schlafen können, wenn er das Gegenmittel endlich vollendet hätte.
„Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand."
Es war geradezu lachhaft, dass ihm dieser Issac Newton-Satz durch den Kopf schwirrte, in dem Moment, als er die Zeit so intensiv wahrnahm wie noch nie.
Er verfluchte dieses gleichförmige Fließen, alles in ihm empörte sich dagegen, dass sie sich nicht von seiner Qual aufhalten lassen wollte.
Doch so war es, sie ließ sich nicht beirren und Sekunde um Sekunde, Minute um Minute, Stunde um Stunde verrann, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.
Severus war noch nicht bereit, aufzugeben, doch mit jedem fehlgeschlagenen Experiment verkürzte sich die Phase, in der er noch hoffen durfte.
Hermine hingegen schien von alledem völlig unbeeindruckt zu sein, und er verargte ihr in manchen Augenblicken regelrecht ihre scheinbare Gleichgültigkeit. Wie konnte sie dem nahen Tode so gefasst ins Auge blicken? Beinahe wünschte er, sie würde vor Angst beben und sein Aufbegehren teilen, statt sich so aufreizend teilnahmslos zu geben.
Es trieb Severus beinahe in den Wahnsinn, dass er so weit gekommen war, um jetzt an der letzten fehlenden Substanz zu scheitern.
Er hatte nicht gemerkt, dass sie hinter ihn getreten war und zuckte zusammen, als sie die Hand auf seine Schulter legte.
„Es ist vorbei", sagte sie leise.
Hektisch wandte er sich ab und blickte aus dem Fenster. Nein, noch war der Mond nicht an seiner endgültigen Stellung am Nachthimmel angelangt, er hatte noch ein paar Minuten, vielleicht würde er es doch noch schaffen.
Die Flüssigkeit, die er in den Kolben umfüllte verfehlte ihr Ziel, er war zu fahrig. Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte er, Ruhe zu bewahren als sie ihre Hand auf seine legte.
„Es ist vorbei", wiederholte sie. „Du hast alles getan, was du konntest"
„Aber es war nicht genug!", brach es aus ihm hervor und er warf die Phiole an die Wand.
Er wusste, dass er verloren hatte. Der Mondzyklus war vollendet, der Fluch war unumkehrbar- Hermine würde sterben.
Schon einmal hatte er es nicht verhindern können, dass jemand an den Folgen seiner Handlungen starb...
Und der Schmerz überwältigte ihn ohne Vorwarnung. Er sank auf die Knie und barg das Gesicht in den Händen, von trockenen Schluchzern geschüttelt. Er hatte wieder versagt!
Es fühlte sich an, als würde etwas von innen heraus all seine Eingeweide zerreißen, er konnte nicht anders als schreien.
Er lief nach draußen und schrie den Mond an, dessen blasses Rund er aus tiefstem Herzen verabscheute. Warum tat er ihm das an? Er stand dort, als ginge es ihn nichts an, dass sein Erscheinen soeben ihr Schicksal besiegelt hatte. Sie würde sterben, weil der verwünschte Mond sich nicht davon abhalten lassen wollte, aufzugehen! Er, Severus, hatte doch alles getan, um seinen Fehler wieder gut zu machen! Warum war es ihm nicht vergönnt gewesen, Hermine zu retten? Warum würde er zusehen müssen, wie sie ging, sobald er die Phiole gab? Hermine würde ihr Leben beenden- und Severus würde es geschehen lassen müssen!
Sie war ihm gefolgt und beobachtete ihn. Blass und still wie der Mond selbst stand sie im Türrahmen und beobachtete schweigend sein Wüten. Und Severus hasste sie für diese Stille!
„Was stehst du da, als ginge es dich nichts an, verdammt noch mal?", brüllte er. „Es ist dein Leben, das gleich enden wird! Und ich werde zusehen und weiterleben müssen! Ich bin es so leid! Ich verfluche den Tag, an dem ich mich entschieden habe, mich bei dir für ein Leben zu bedanken, das ich noch nicht einmal haben wollte! Ich verfluche mich dafür, dass ich nicht einfach gegangen bin, als du die Tür nicht geöffnet hast! Ich verfluche dich, ich verfluche die Eule- und ich verfluche das elende Schicksal, dass mir immer wieder die Schuld aufbürdet am Tod der Menschen, die ich liebe!"
Keuchend und unsicher hielt Severus inne. Er hatte es nicht gewusst, bevor er es ausgesprochen hatte- und Hermines überraschter Blick bewies ihm, dass sie es auch nicht geahnt hatte.
Brüsk wandte er sich ab. Warum nur hatte er sich diese letzte Demütigung nicht ersparen können?
„Severus…"
Er hörte ihre Stimme in seinem Rücken und dieser einzelne zitternde Laut hallte in ihm nach. Er verriet ihm, dass er nicht der einzige war, der sich tiefer in etwas hineingewagt hatte, das nicht hätte passieren sollen.
Mit einer ungestümen Geste riss er Hermine an sich und barg sie in seinen Armen.
„Ich wollte das nicht, ich wollte das verhindern...", presste er hervor, das Gesicht an ihrem Hals verborgen, während sie ihm tröstend über das Haar strich.
„Ich weiß", murmelte sie.
Heftig drückte er seinen Mund auf ihre Lippen, ihre süßen, warmen Lippen, deren Geschmack er schon bald nicht mehr kennen würde. Ihr weicher Körper schmiegte sich an ihn, derselbe Körper würde schon bald kalt und starr sein, nicht wissend, dass er ihn einst besessen hatte. Er musste ihn noch einmal spüren, er wollte sich jedes Detail einprägen, die Erinnerung daran, würde das einzige sein, was von ihr überlebte. Sie würde bald nur noch seine Erinnerung sein, nichts anders blieb von ihr übrig… und er würde leben, um diese Erinnerung wie einen kostbaren Schatz in sich zu bergen…
Der Mond schien gleichgültig durch das Fenster, während er sie leidenschaftlich liebte, jede Faser von ihr spürend, jeden Funken Lebens in ihr verinnerlichend... sie würde nicht ganz gehen.... etwas von ihr würde ihm bleiben... sie war sein gewesen....
„Ich liebe dich", sagte er leise.
Er hatte es noch nie zu einem Menschen gesagt. Er hatte es empfunden, doch er hatte es nie gesagt....
Lily war damals gegangen, ohne dass er es ihr hatte sagen können, und er wollte die Gelegenheit nicht noch einmal verpassen.
„Ich liebe dich", wiederholte er, verwundert über den Klang dieser Worte aus seinem Mund.
Sie lächelte, nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände und küsste ihm ihre Antwort direkt ins Herz- und Severus wollte in dieser berauschenden Erkenntnis versinken.
Doch dann löste sie sich von ihm und verließ das Bett, um sich anzuziehen.
„Es wird nicht weniger schmerzhaft, wenn wir den Abschied heraus zögern, Severus. Wenn du nicht dabei sein möchtest... ich könnte es verstehen..."
Heftig schüttelte er den Kopf und beeilte sich, sich ebenfalls anzukleiden.
Hermine nickte dankbar. „Ich würde gerne ans Meer gehen…"
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Kein einziges Wort fiel zwischen ihnen, als sie ihren letzten gemeinsamen Spaziergang zum Strand antraten.
Es war kalt und dunkel, doch seine Jacke wärmte sie wie schon an ihrem ersten Besuch an der Küste.
Wie lange schien das her zu sein! Es war eine andere Hermine gewesen, die damals an seiner Seite gegangen war. Sie erinnerte sich an die Schwüre, die sie sich selbst gegeben hatte. Sie hatte so vieles ändern wollen- doch ihre Zeit hatte nicht gereicht.
Liebevoll glitt ihr Blick zu ihrem stummen Begleiter hinüber. Die Zeit hatte gerade gereicht, um ihr zu zeigen, wie gut es sich anfühlen konnte, wahrhaftig zu lieben- und sie wollte dankbar dafür sein. Es wäre leichter für sie, wenn sie seinen Schmerz nicht sehen müsste, wenn sie nicht wüsste, dass er leiden würde, doch so groß ihr Kummer darüber auch sein mochte, sie war sicher, dass es das Beste sein würde, ein rasches Ende herbeizuführen. Sie wollte gehen, so lange sie noch sie selbst war.
An einem großen Felsbrocken blieb sie stehen und lehnte sich an ihn, den Blick aufs schwarz scheinende Meer gerichtet, auf das der volle Mond eine schmale, silberne Spur zeichnete. Severus stand neben ihr und legte seinen Arm um ihre Schultern.
Schließlich streckte sie auffordernd ihre Hand aus und Severus ließ sichtbar widerwillig die kleine Phiole hineinfallen.
„Danke", flüsterte sie.
Noch ein letztes Mal fuhr sie mit ihren Fingern über sein gramgezeichnetes Gesicht und setzte dann die Phiole an ihre Lippen.
Gleich würde es vorbei sein... gleich würde ihr alles gleichgültig sein... sein herzzerreißender Kummer....
Hermine spürte die schwarzen Schwingen des Thanatos herannahen, fast war es, als berührten seine Spitzen ihr Gesicht.
„Leb wohl", flüsterte sie, wissend, dass sie nicht mehr sie selbst sein würde, wenn er sie zudeckte.
Ein letzter bewusster Atemzug, das kühle Glas auf ihren Lippen wartete sie auf den Drang, das Elixier zu trinken.
Thanatos nahte, kreiste... und plötzlich kehrten die Farben zurück, die Taubheit schwand. Hermine spürte Severus' bebenden Körper, der sie an sich gepresst hielt, und von einem plötzlichen Impuls getrieben leerte sie den Inhalt der Phiole.
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tbc
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A/N: *in Deckung geht, um nicht von enttäuschten Lesern gelyncht zu werden*
Nächte Woche kommt noch ein Epilog! Vertraut mir!
Tamsyn
