Kapitel 3

Wir hatten unseren Stammtisch.

Ohne Bier. Ohne andere Kollegen. Ohne kubanische Rhythmen. Ohne leckere Krustentiere. Eine Schande.

Wir redeten über Serienmörder und was wir mit ihnen gemeinsam hatten und was nicht. Laut Definition ist man übrigens erst ein Serienmörder ab drei Toten, also war Jeremy genaugenommen nur ein zweifacher Mörder. Wenn Jeremy seine Strafe abgesessen hatte, würde er den dritten Mord begehen und in meine Liga aufsteigen. Davon war ich inzwischen überzeugt.

Ich hatte ein paar Bücher zum Thema gelesen, was mich zuvor kaum tangiert hatte, schließlich wurde ich täglich mit neuen Mordfällen konfrontiert. Es war eine interessante Symptomanalyse. Trifft das auf mich zu? Und das? Ich hatte mich richtiggehend festgelesen. Dabei war ich kein Hypochonder.

Ich malte mir sogar ein paar Schlagzeilen gewisser Blätter aus, für den Fall, dass ich geschnappt und bekannt werden würde:

Der Klarsichtfolienmörder. Oder: Der Blutfetischist. Dexter - der blutige Rächer - Morgan. Obwohl, das gefällt mir irgendwie.

Jeremy biss sich auf die Unterlippe. „Hast du schon einmal jemanden gegessen? So wie Hannibal?"

„Hannibal, the cannibal." Der Junge brachte mich wirklich zum Lachen. Und auf neue Ideen. „Nein, zu deiner Frage, ich bin ein ganz miserabler Koch."

„Ich wollte ihn einfach bluten sehen", überlegte Jeremy laut, „Sehen, wie er sein Blut verliert, seine Lebenskraft... seine Macht über mich. In der Schule bin ich nie so konzentriert gewesen, ist das nicht lustig?"

„Das… Bedürfnis baut sich solange auf, bis ich nicht mehr kann und Dampf ablassen muss. Wenn sich das Ventil öffnet, ist alles unglaublich fokussiert. Ich stehe regelrecht unter Strom. Pures Adrenalin. Du solltest da draußen bei mir sein. Ich werde dir alles zeigen, was du wissen musst." Mit Begeisterung erinnerte ich mich an die Zeiten mit Harry, und wie Deb jedes Mal gebettelt hatte, mit uns kommen zu dürfen. Aber sie hätte das nicht verstanden. Ich war einfach anders, das hatte Harry gesehen und akzeptiert.

„Warum tötest du, Dex?", fragte mich Jeremy plötzlich durch seine Ponysträhnen ansehend. „Gibt es eine Moral des Mordens für dich? Ist das Harrys Codex? Gerechtigkeit schaffen?"

„Es hat überhaupt nichts mit Gefühlen zu tun, wenn ich zum Messer greife. Moral, das Richtige zu tun, das ist nur die Richtung, in die Harry mich gelenkt hat. Ich folge seinem Codex. Ich bin der Codex. Er hat mich gerettet, wer weiß, wo ich sonst wäre."

„Du kannst dir jeden aussuchen und trotzdem folgst du dem Codex. Du hast Prinzipien, das kannst du nicht abstreiten. Oft scheinen Mörder menschlichere Vorstellungen von Moral zu haben als die Leute, die für Recht und Ordnung sorgen sollen." Jeremy schnaubte. Er hatte viel Zeit zum Nachdenken gehabt. „Warum tötest du?", wiederholte er seine Frage.

„Weil ich es kann", erwiderte ich leicht stirnrunzelnd. „Ich weiß nicht, ich tue es einfach. Ich muss es tun."

Harrys Codex war einfach, es gab keine Ausnahmen, keine Sonderregelungen. Es gab keinen Plan dafür, wie man mit anderen Mördern kommunizierte, oder mit Opfern. Shit, ich hasste beide Begriffe. Als würde ich mich selbst in eine Schublade eines dieser Profiling-Bücher werfen. Und dann tat ich es mit ihm.

„Du weißt, ich habe aus Rache getötet."

Ich nickte. „Du warst Opfer. Und dann warst du Täter."

„Oh ja, und jetzt fühle ich mich wirklich besser." Jeremy sprang aufgebracht auf. „Alles, was wir wirklich gemeinsam haben, ist, dass wir beide gefühllose Soziopathen sind. Du kannst mir nicht helfen. Niemand kann das. Es ist zu spät. Egal." Er hastete zum Ausgang.

Ich folgte ihm verwirrt auf dem Fuße. Ich hätte es sehen müssen, die Richtung, in er das Gespräch gezwungen hatte.

„Verschwinde", fauchte er mich an, als sich Jeremy zu mir umdrehte. Seine Augen waren glasig, er kämpfte gegen Tränen an. „Und komm nicht wieder." Dann machte er den Wachmann an, ihn rauszulassen. Der maßregelte ihn gelassen, während er mich auf Abstand hielt. Schließlich ließ er Jeremy gehen und mich wie einen Idioten aussehen.

So etwas nennt man dann wohl mordio interruptus.

~ * ~ * ~

Von da an verweigerte er meine Besuche.

Vielleicht verstand ich ihn wirklich nicht. Jeremy hatte ein Motiv zu töten, ich nicht.

Er war nicht wie ich. Er hatte den ersten Jungen getötet, weil dieser ihn psychisch und physisch missbraucht hatte. Der Mord basierte auf Rache. Ich tötete nicht aus Rache, Rache war etwas für Menschen mit Gefühlen. Ich tötete, weil das die einzige Quelle war, irgendetwas zu fühlen.

Was wusste ich schon?

Ich war allein seit Harrys Tod, doch wenn ich jetzt bewusst darüber nachdachte, fühlte ich mich allein.

Manchmal dachte ich daran, wie gut es war, dass ich keine Gefühle hatte. Deb hatten ihre Gefühle zu Männern viel zu oft wehgetan. Ich konnte mir nur ausmalen, was Rita mit Paul durchgemacht haben musste. Die Fakten kannte ich, aber die Emotionen dazu waren mir fremd, ich konnte sie nicht fassen. Gefühle blieben so wenig an mir haften wie Essen an Teflonpfannen.

Jeremy war noch nicht so schwarz wie ich. Er wurde hitzig wütend. Er konnte weinen. Er lachte über meine miesen Witze. Nach langem Überlegen kam ich zu dem Schluss, dass ich ihm anders helfen musste. Wenn er schon meine Besuche verweigerte, musste ich einen anderen Weg finden, also beschloss ich, eine Psychotherapeutin auf meine Kosten zu ihm ins Gefängnis zu schicken. Nach meinen wenigen Sitzungen bei Dr. Meridian wusste ich, wie befreiend es war, jemanden die volle Wahrheit sagen zu können.

Gott, ich hatte den Gesichtsausdruck des Mannes geliebt, nachdem ich ihm gestanden hatte, dass ich ein Serienmörder war - und er es schließlich glaubte. Danke, Doc, und noch mal Tausenddank, ihr Tod war nicht umsonst.

Ich sprach mit Jeremys Pflichtverteidiger und fand eine Therapeutin namens Miss Claremont mit einem exzellenten Ruf.

~ * ~ * ~

„Warum haben Sie mich engagiert?"

Miss Clarement saß mir gegenüber. Sie hatte ihre Beine übereinander geschlagen. Die Therapeutin hatte schöne Beine, doch ihre ganze Kleidung hatte etwas Spießiges. Wahrscheinlich wollte sie damit Professionalität ausstrahlen, denn in meinen Augen erschien sie mir ein zu wenig jung, um so gut zu sein, wie behauptet wurde. Oder um den überteuerten Stundenlohn zu rechtfertigen.

„Ein reizendes Paar..." Ich blickte von ihren Beinen hoch und lächelte breit. „...Augen."

Ich war nicht hier, um mehr über mich oder meine verdammten Motive zu erfahren, sondern wie sie mit Jeremy zurande gekommen war.

„Sie sind weder mit Jeremy Downs verwandt noch kannten sie ihn, bevor er verhaftet wurde." Claremont fixierte mich mit ihrem Blick.

„Wenn ich ihn ansehe, sehe ich keinen Mörder. Was sehen Sie?"

Sie beugte sich leicht vertraulich vor und machte einen freundlichen Gesichtsausdruck, sehr verständnisvoll, doch ein Blinder mit einem Krückstock hätte erkannt, dass das eine antrainierte Geste von ihr war. Vielleicht brachte sie ihre anderen Klienten damit zum Reden, aber ich hatte Menschen studiert. Man arbeitete nicht umsonst in einer Polizeistation, um nichts über menschliche Verhaltensweisen zu lernen. Und darin musste ich zwangsläufig ein Meister sein.

„Wollen Sie ihm deshalb helfen? Weil Sie glauben, dass er unschuldig ist?", harkte Claremont nach.

Ich zuckte deutungslos mit den Schultern und ließ mich zurück in ihre äußerst bequeme Couch sinken. „Er erinnert mich an mich in dem Alter."

Die Frau beließ es nicht mit der Antwort auf sich beruhen und versuchte tiefer zu bohren. Verstand die dumme Kuh nicht, dass sie für mich arbeitete? Und nicht damit sie mich zur Hölle noch eins therapierte? Grausam. Ich könnte sie auf der Stelle töten. Wenn ich keine Prinzipien hätte.

Ich erklärte ihr, wie ich den Eindruck hatte, zum wiederholten Mal, dass ich wissen wollte, was sie von Jeremy erfahren und sie sagte mir, sie könne es mir nicht erzählen. Das würde das Verhältnis von Patient zu Therapeut nicht zulassen.

Remis.

Ich mochte zwar gute Kämpfe, aber am Ende musste einer verlieren und einer gewinnen. Schließlich sagte Miss Claremont auch, als sie einsah, dass wir uns nicht von der Stelle bewegten: „Jeremy vertraut Ihnen. Was immer zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist, es kann nicht so schwerwiegend sein, dass Sie es nicht aus dem Weg räumen können."

Miststück. Gutes Miststück. Sie setzte sich freiwillig auf die Ersatzbank, während sie mich aufs Spielfeld zurückscheuchte. Und dafür hatte ich sie also bezahlt. Dass sie mir sagte, dass ich mit ihm reden sollte. Sehr witzig.