2.

„Natürlich nicht", murmelte er, doch Granger war bereits zu weit entfernt, um ihn zu hören. Er hatte getan, was er in Stresssituationen immer tat und sich mit verletzenden Worten Zeit erkauft, um sich zu orientieren. Severus fragte sich, warum er in diesem Fall so viel Bedauern empfand. Es schmerzte ihn beinahe körperlich, die Traurigkeit in Grangers Augen zu sehen, nachdem er sie angefahren hatte.

„Granger, warte!"

Sie drehte sich weder um noch verlangsamte sie ihren Schritt. Severus konnte in der beginnenden Dämmerung zwischen den dunklen Bäumen ihre Silhouette nur noch schwer ausmachen und empfand eine irrationale Angst, sie zu verlieren. Er griff nach drastischen Maßnahmen.

„Hermione!" Ihr Name klang nicht schlecht, wenn er ihn aussprach, und ungebetene Überlegungen machten sich breit. Er konnte nicht anders, als darüber nachzudenken, wie es sich anfühlte, wenn er ihren Namen nicht mit einem Anflug von Panik in der Stimme rief, sondern zärtlich oder gar leidenschaftlich.

Severus schüttelte den Kopf, um die Gedanken zu vertreiben und eilte dem Objekt seiner unvermittelten Begierde nach.


Sie stand zwischen mehreren Tannen, die den Buchenwald durchbrachen. Severus hatte den Eindruck, dass nur Zauberer dieses Gebiet des Waldes betreten konnten. Granger starrte mit gerunzelter Stirn auf einen Zweig der größten Tanne, der sich knapp oberhalb ihres Kopfes befand.

„Psst!", machte sie, als Severus näherkam. „Spürst du das, Snape?"

Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder, weil ihm nichts einfallen wollte. Er spürte nichts, doch er konnte die Frau nicht anblaffen, die in stummer Aufregung vor ihm stand und ihn aus großen Augen ansah. Nur langsam fiel ihm etwas auf.

„Es fehlt etwas."

Granger nickte enthusiastisch.

„Was du bemerkst, ist die Abwesenheit negativer Einflüsse, sowohl innerlicher als auch äußerlicher." Sie dozierte schon wieder, doch er hatte nichts dagegen, wenn sie weiterhin so dicht bei ihm stünde. Er beobachtete fasziniert, dass sich ihre Atemwolken mischten und gemeinsam nach oben entwichen.

„Da ist ein Nest." Sie bog die Zweige vorsichtig auseinander und Severus sah eine Art Spinnennetz, das sich dicht am Stamm entlangspannte. In die silbern glitzernden Fäden waren unzählige Tannennadeln verflochten, so dass winzige Hängematten entstanden.

„Es ist leer", flüsterte er und Granger ließ die Zweige zurückgleiten. Gemeinsam untersuchten sie noch mehrere der umstehenden Bäume. Überall fanden sie verlassene Wichtelnester.

„Wir wissen also, wo diese Wrestlings waren." Ihre Augen leuchteten mit unterdrücktem Lachen, als er sich versprach. Je weiter sie sich von den Bäumen mit den Nestern entfernten, um so mehr fühlte er sich wieder wie sein eigenes Selbst, und er musste sich beherrschen, sie nicht zu rügen. Er beließ es bei einer hochgezogenen Augenbraue und Granger war intelligent genug, seinen Fehler nicht zu kommentieren.

„Die Wreathlings", korrigierte er sich.

„Oder Kranzlinge." Sie konnte es doch nicht lassen, und Severus massierte seine Nasenwurzel. Er bekam Kopfschmerzen. „Wenn du mir bitte deinen Arm leihen würdest, könnte ich uns zum Hotel bringen."

Er studierte den Boden unter seinen Füßen, während sie sich weiter von der Tannenschonung entfernten. Irgendwo raschelte ein größeres Tier im trockenen Laub und Severus spürte, wie sie den Bannkreis um die fremde Baumart verließen. Als er wieder aufsah, war die Freude aus Grangers Gesicht verschwunden.

„Wo genau ist unser Hotel?"

„Oh, es ist ein ganz hübsches Örtchen. Das Hotel ist in einer ehemaligen Burg untergebracht, direkt über einem See. Sagt dir der Name Waldeck etwas? Nein? Also, das liegt ziemlich in der Mitte Deutschlands. Die Burg selbst hat eine interessante Geschichte, und dann gibt es da noch die Sage von den Hollen und König Erck, die sich die Muggel erzählen." Sie lachte. „Natürlich wissen wir, dass es keine Sage ist. Ich bin so froh, eine Hexe zu sein! Was ich sonst alles verpassen würde!"

Severus holte tief Luft, doch er schluckte die Rüge hinunter, die ihm schon auf der Zunge lag.

„Hermione", knurrte er und sie hörte tatsächlich auf zu reden und griff nach seinem Arm, den er ihr endlich reichte.


„Guten Abend, mein Name ist Hermione Granger. Ich habe ein Doppelzimmer reserviert."

Granger hatte aus ihren letzten Erfahrungen gelernt und nur ein Zimmer gebucht. Severus hatte nichts dagegen. Bei ihren letzten Reisen – einmal zu einer Konferenz und das andere Mal bei einem früheren Auftrag Shacklebolts – hatte es diese lästigen Komplikationen gegeben. Die gebuchten Zimmer waren entweder bereits anderweitig vergeben worden oder unbenutzbar gewesen, so dass sie sich jedes Mal eher peinlich berührt bereiterklären mussten, sich in einen gemeinsamen Raum einquartieren zu lassen. Granger hatte anscheinend beschlossen, dieses Theater deshalb von vorneherein auszuschließen. Severus konnte das nur recht sein, obwohl er hoffte, dass seine neue Faszination für Grangers Äußeres nicht zu unbeholfenen Erklärungsversuchen führen würde. Er würde seinen Körper an die Kandarre nehmen und sich jegliche Reaktionen auf ihre Nähe verbieten müssen.

Da er den Translationszauber nicht stab- und wortlos beherrschte, drang er erneut in die Gedanken der Rezeptionistin ein, um zu verstehen, was gesprochen wurde. Diesen interkommunikativen Effekt der Legillimentik hatte er durch Zufall entdeckt und machte es sich nun zunutze, dass Gedanken sich nicht in Fremd- oder Muttersprachen manifestierten, sondern einfach da waren und verstanden wurden. Er sah sich selbst durch die Augen der älteren Frau und bemerkte erstaunt, dass sie ihn wohlwollend betrachtete. Seinem graumelierten Haar fehlte der ölige Glanz, gegen den kein Shampoo oder Tonikum half, und seine Gesichtszüge waren weicher und beinahe attraktiv zu nennen. Granger dagegen wirkte blass und langweilig, und Severus spürte die Eifersucht der Frau, als sie nach Eheringen an ihren Händen suchte. Sie hielt sie für eine reiche Exzentrikerin, die mit ihrem distinguierten Gentlemanfreund Dinge anstellen wollte, die Severus erröten und den mentalen Kontakt abbrechen ließen. Er bekam noch mit, dass sich Grangers Gesicht in das der Rezeptionistin verwandelte, und schauderte heftig.

Seine Begleiterin sah ihn irritiert an, bevor sie sich wieder der Frau zuwandte, die ihr mit ausgesuchter Höflichkeit die Schlüsselkarte überreichte. Wenn Severus nicht einen Blick in ihren Kopf riskiert gehabt hätte, wäre auch er davon getäuscht worden. Die Rezeptionistin spiele ihre Rolle gut.

Severus machte sich einen Spaß daraus, Granger besonders zuvorkommend und mit ausladender Geste seinen Arm anzubieten, um die Frau zu ärgern, die so gering von ihr dachte.


Das Zimmer war winzig und bot gerade genug Platz für ein Doppelbett, einen Sekretär und die Schiebetür zum Badezimmer. Ausdehnungszauber kamen leider nicht in Frage, da das Reinigungspersonal Verdacht schöpfen würde. Außerdem genoss Severus die resultierende Nähe zu Granger.

„Also", fragte er, während er aus dem in die dicken Außenmauern eingelassenen Fenster sah, „was machen wir hier?" Er berührte die Zweige des Tannengestecks, das auf der Fensterbank stand, und fühlte dieselbe Ruhe wie in der Schonung im Wald. „Finden wir hier die Wrestlings?" Er wollte Granger lachen hören und wurde nicht enttäuscht.

„Du hast nicht zugehört, oder?"

Er trauerte dem Klang ihres Lachens nach und schüttelte den Kopf. Es war so friedlich in dem kleinen Raum, dass ihm nicht einmal einfiel, wie er ihr die Schuld für seine Unaufmerksamkeit zuschieben konnte.

Granger trat neben ihn ans Fenster und die Luft schien ihm nicht mehr zu reichen. Ihre Nähe ließ ihm heiß werden und er griff an seinen Kragen, um den obersten Knopf zu lösen.

„Sieh ihn dir an", forderte sie leise und deutete auf das Gesteck. Erst jetzt fiel ihm auf, dass im Grün verborgen ein kleines Wesen lag, das schlief. Seine Haut war dunkelgrün und leicht stachelig. Es hatte große Ohren und eine spitze Nase, hielt die Augen geschlossen und atmete ruhig und gleichmäßig.

„Das ist ein", sie kicherte, „Wrestling. Sieht doch sehr friedlich aus, nicht wahr? Nur Hexen und Zauberer können sie sehen, doch auch die Muggel sind auf sie angewiesen."

„Friedenswichtel!" Severus fiel es wie Schuppen von den Augen. „Ich dachte, das wäre nur ein Märchen", staunte er.

„Sie sind genauso ein Märchen wie die Heiligtümer des Todes", konterte Granger leise.

„Friedenswichtel", wiederholte er und betrachtete die Kreatur ehrfürchtig. Er hatte nicht gedacht, dass sie tatsächlich existieren. Der Erzählung nach lebten Friedenswichtel in den wärmeren Monaten in Tannenwäldern und taten, was Wichtel eben taten. Ihre eigentliche Aufgabe erfüllten sie jedoch im Winter. Dann sorgte nämlich ihr Hüter dafür, dass sie in den Weihnachtsbäumen und Tannengestecke einen warmen Platz zum Überwintern fanden. Sie hielten darin Winterschlaf und zogen ihre Energie aus den negativen Gedanken, die es um sie herum gab. Sie banden Hass und Streit in dem glitzernden Staub, den sie absonderten und der sie am Ende des Winters wie ein Kokon umhüllen würde, aus dem sie wie der sprichwörtliche Schmetterling kriechen würden. Durch die Friedenswichtel wurde die Weihnachtszeit erst ruhig und besinnlich. Kein Wunder, dass ihr Verschwinden untersucht werden musste!


„Er sieht so friedlich aus." Granger seufzte. Severus seufzte auch, denn ihre Bewegung brachte sie näher und in ihm erwachte der Wunsch, sie zu küssen und die Fantasie der Rezeptionistin Wirklichkeit werden zu lassen.

„Wo hast du eigentlich deine Kinder gelassen?" Es war ihm egal, was er sagte, solange sie nur wieder auf Abstand ging. Er würde sich blamieren und die Freundschaft zerstören, die erst im letzten Jahr gewachsen war, wenn sie weiterhin ihre weichen Rundungen in die Nähe seines Körpers brachte, dessen Nervenzellen begeistert jede Regung weiterleiteten.

„Bei Gram und Granda Granger", murmelte sie abgelenkt, und dann besaß sie die Frechheit, ihren Kopf an seine Schulter zu lehnen. Severus unterdrückte ein Stöhnen, als seine Selbstbeherrschung dahinschmolz.

„Hermione", warnte er.

„Severus."

Es war nur ihre Schuld, dass sie das Abendessen verpassten.


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