4.
Sein erster Instinkt war es, ins Hotelzimmer zurückzukehren. Dort würde er wahlweise Hermione anschreien oder sie umarmen und nicht mehr loslassen. Wieso hatte sie ihn nicht festgehalten? Er war auf ihre Mitarbeit angewiesen, und es war klar, dass er etwas gefunden hatte, das sie weiterbringen würde. Sie hatte gesagt, dass sie ihm vertraute. Weshalb war sie nicht an seinem Arm geblieben? Es konnte nur ihr Gryffindorstolz sein, der ihr verbot, sich ihm anzuschließen, nachdem ihre Freundschaft zerstört war. Severus seufzte und unterdrückte den Instinkt.
Er hatte sich – und Hermione – noch im Hotelzimmer mit einem Desillusionierungszauber belegt, deshalb konnte er sich unbemerkt umsehen. Er stand in einer Wohnung, die die wenigen Möbel kaum fassen konnte. Neben ihm befand sich ein offener Durchgang zur Küche. Er selbst befand sich in einem Wohnzimmer, das wegen des vielen Mülls kaum als solches zu erkennen war. Es stank nach Zigaretten und ungewaschener Wäsche. Der Geruch von Tannennadeln tat sein möglichstes, diesen Gestank zu überdecken, doch er scheiterte. Severus bewegte sich langsam durch den Raum, in dem er stand. Wenn er zu schnelle Bewegungen machte, würde er trotz Desillusionierungszauber entdeckt werden, weil die Luft um ihn herum flimmerte. Er schien allein zu sein, doch er hatte keine Zweifel, dass das Mädchen, das sie im Hotel belauscht hatte, in der Nähe sein musste. Der Verfolgungszauber war nicht störanfällig.
Tatsächlich hörte er aus dem Nebenraum leise Geräusche und verstärkte den Griff um seinen Zauberstab, bevor er sich zum Türrahmen schlich. Außerdem waren das Geschrei einer Frau und das antwortende Gebrüll eines Mannes zu hören. Ein Kind weinte leise, doch da sich diese Szenen nicht in unmittelbarer Nähe zu ihm abspielten, ignorierte er sie. Das leise Ploppen einer Apparation ließ ihn jedoch herumwirbeln. Er konnte niemanden sehen und wurde misstrauisch. Jemand, der sich beim Eintreffen an einem Ort nicht zeigte und zu erkennen gab, hatte zumeist keine guten Absichten. Ein Schimmer zeigte ihm, wo sich der Neuankömmling befand, und Severus zögerte nicht.
„Expelliarmus", zischte er. „Petrificus Totalus."
Er fing den hellen Zauberstab, der durch die Luft flog, und steckte ihn ein. Den getarnten Körper seines Besitzers ließ er zunächst an Ort und Stelle liegen.
Es gab keine Tür, die ins nächste Zimmer führte, sondern einen billigen Vorhang aus Kunststoffschnüren, hinter denen er die Umrisse eines Menschen erkannte. Entschlossen hob er seine Tarnung auf und schob den Vorhang zur Seite. Hinter sich hörte er ein Keuchen, doch kaum hatte er den Raum betreten, umgab ihn Frieden und Ruhe. Der Gestank der Armut, der ihn an seine Kindheit erinnerte, verblasste, und Severus fühlte sich wohl. Das Mädchen drehte sich erschrocken zu ihm um. In den Händen trug es noch das Tannengesteck aus dem Hotelzimmer.
Im gesamten Raum waren Adventskränze, Tannengebinde und weihnachtliche Gestecke aufgestellt. Sie bedeckten jede gerade Oberfläche: Regalbretter, den Tisch, sogar das Bett. Severus wusste instinktiv, dass jedes davon eine Vielzahl Wreathlings beherbergte. Die Atmosphäre war schrecklich friedlich.
In bester Lehrermanier verschränkte er die Arme vor der Brust und wartete ab. Niemand sonst war im Raum und das Mädchen war leicht in Schach zu halten. Sie war etwa siebzehn oder achtzehn Jahre alt und galt somit in beiden Welten als volljährig, doch Armut und Vernachlässigung ließen sie jünger aussehen. Es war nur der Anwesenheit der vielen Wreathlings geschuldet, dass sie nicht vor Angst zitterte. Severus fragte sich, warum er nicht wütender war, bis er sich daran erinnerte, dass die Wichtel auch die negative Energie, die von ihm ausging, wie ein Schwamm aufsaugten. Beinahe hätte er nachgegeben und sich entspannt, doch dann fiel ihm ein, dass diese Viecher mit ihren Glückseligkeitsausdünstungen dafür verantwortlich waren, dass Hermione gegen ihren Willen mit ihm geschlafen hatte, und der Zorn kehrte zurück.
„Nun?", fragte er, als das Mädchen immer noch schwieg.
Sie presste das Gesteck beschützend an sich.
„Ich wollte doch nur ein schönes Weihnachtsfest."
Von jenseits des Vorhangs ertönte gedämpftes Stöhnen und Gepolter. Dann stand plötzlich eine Frau im Türrahmen.
„Severus!", schimpfte Hermione. „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Du hast mich gescho – oh." Ihre Tirade brach ab und ihre Augen begannen zu glänzen, als sie den Raum betrat, und Severus kämpfte gegen die Versuchung, sie in den Arm zu nehmen, an. Er schlüpfte hinter die eiskalte Schale, die er während seiner Zeit als Doppelagent erschaffen hatte, und atmete erleichtert auf. Weder Hermione noch die Friedenswichtel konnten ihm etwas anhaben.
„Sie haben die Wreathlings gestohlen!" Sie war noch immer aufgeregt und ihre Brust hob sich unter hektischen Atemzügen, als sie die Situation erfasste. Severus wunderte sich nicht darüber, dass sie ihn gefunden hatte. Sie hatte höchstwahrscheinlich den Zauber zur Anwesenheitserkennung mit einem wegweisenden Spruch verbunden. Hermione war ihm in seiner Intelligenz ebenbürtig. Er zwang sich, aufmerksam zu bleiben.
„Wie bitte?" Das Mädchen schüttelte vehement den Kopf. „Keinen Alkohol, oh nein! Sie hören sie doch!" Sie deutete auf die verschlossene Tür zum Nebenzimmer, durch die das streitende Paar zu hören war. „Und wenn sie betrunken sind, ist es noch schlimmer."
Severus und Hermione tauschten einen verwirrten Blick.
„Miss…?"
„Melanie Mark." Sie schrumpfte unter seinem Starren noch ein wenig mehr.
„Miss Mark." Er belohnte ihre Kooperation, indem er die Intensität seines Blickes ein wenig minderte. „Wir sind wegen der Wreathlings hier, wegen der Kranzlinge." Er hatte sich an eine von Lucius' Gesellschaften erinnert und glaubte zu wissen, wo das Missverständnis lag. Bei dieser Gelegenheit, noch vor der Rückkehr des Dunklen Lords, hatte Lucius seine Gäste stolz durch seinen Weinkeller geführt und mit den erlesenen und seltenen Tropfen aus aller Herren Länder geprahlt. Die junge Hexe, die eingeschüchtert vor ihnen stand, hatte ein englisches mit einem ähnlich klingenden deutschen Wort verwechselt. Dadurch hatten sie Informationen erhalten, die sie der Lösung des Rätsels näherbrachten. Severus konnte sich eines befriedigten Grinsens nicht erwehren, bevor er sich weiter in seinen Panzer zurückzog.
„Wir müssen uns dringend unterhalten, Miss Mark. Müssten Sie nicht eigentlich arbeiten?"
„Doch, aber …"
„Dann schlage ich vor, wir kehren ins Hotel zurück", unterbrach er sie harsch. Er musste aus dieser Wreathling-verseuchten Umgebung heraus und griff sowohl nach ihrem als auch nach Hermiones Arm, um sie ins Schloss zu apparieren.
Beide ließen ihn sofort los, nachdem er sie per Apparation in das Hotelzimmer gebracht hatte.
„Meinen Zauberstab!", fauchte Hermione. Severus überlegte, ob er eine Show daraus machen sollte, ihn aus der Tasche seines Jacketts zu holen, doch sie schien zu wütend zu sein, um sie gefahrlos ärgern zu können, deshalb reichte er ihr den Stab wortlos. Er hielt sich nicht damit auf, sich von Hermiones Verhalten verletzt zu fühlen. Das würde er später tun, wenn sie den Auftrag abgeschlossen hatten und er vor dem Kamin in seinem Quartier in Hogwarts säße, den Whiskey tränke, den Minerva ihm vorzeitig zu Weihnachten geschenkt hätte, und in Selbstmitleid versänke. Eines nach dem anderen, dachte er und grinste freudlos.
Ohne die Vielzahl an Wreathlings, die sie in der Wohnung umgeben hatten, verwandelte sich Miss Mark in ein Häuflein Elend. Severus hatte wenig Mitleid mit ihr. Sie war eine Diebin und für das Unglück vieler Hexen und Zauberer verantwortlich. Mit verschränkten Armen stand er vor ihr. Sie schien unter seinem Blick immer kleiner zu werden.
„Ist Ihnen überhaupt bewusst, was sie angerichtet haben?" Er erhob seine Stimme nicht, doch das gefährliche Flüstern hatte schon manchen seiner Schüler überzeugt, zu gestehen. Miss Mark dagegen sah ihn fragend an.
„Ich habe doch nur die Kranzlinge mitgenommen. Es geht ihnen gut und im Januar lasse ich sie wieder frei."
Sie war ehrlich verwirrt. Ihre Körpersprache verriet, dass sie nicht log. Severus war fassungslos.
„Sie haben sie nur mitgenommen", echote er und holte tief Luft, um dem Mädchen das Ausmaß seiner Tat darzulegen. Ein Ellenbogen traf ihn in die Seite und er funkelte Hermione an. Sie starrte wütend zurück.
„Miss Mark – darf ich Melanie sagen?"
Das Mädchen nickte und sah Hermione hoffnungsvoll an. Severus erkannte, dass sie zwischen mütterlichen Instinkten und professionellem Denken hin- und hergerissen war. Er unterdrückte ein Schnauben, doch er trat mental einen Schritt zurück und überließ ihr die Führung in dieser Situation. Mit verwirrten, weinenden Kindern hatte er noch nie gut umgehen können. Mit morbider Faszination stellte er fest, dass die Therapeutin in Hermione gewann, und fragte sich, ob sie in ihren Kindern auch erst die Patienten und danach ihr eigen Fleisch und Blut sah.
„Warum hast du die Kranzlinge mitgenommen, Melanie?"
„Ich wollte ein friedliches Weihnachtsfest. Sie haben doch gesehen und gehört, wie es bei uns zu Hause ist."
„In der Tat."
Hermione schoss ihm erneut einen wütenden Blick zu, doch Miss Mark schien seine Bemerkung nicht gehört zu haben. Ihr Redefluss wurde nur davon unterbrochen, dass sie ab und zu die Nase hochzog. Severus schauderte wegen des schniefenden Geräusches und der schlechten Manieren, die sie zeigte.
„Mein Freund hat mir die Nester gezeigt. Erst habe ich nur ein paar Kranzlinge geholt, doch es hat nicht geholfen. Je mehr Kranzlinge ich hatte, umso schlimmer erschien mir dagegen der Streit meiner Eltern."
„Ein Teufelskreis", pflichtete Hermione ihr bei.
Severus war noch nicht zufrieden. Das Mädchen hatte durch ihre Dummheit den Tod mehrerer Menschen verursacht. Sie sollte erfahren, was sie angerichtet hatte, und die vollen Konsequenzen einer Strafe tragen. Doch Hermione war offensichtlich anderer Meinung.
„Wir suchen uns einen Raum, in dem wir alles besprechen können." Ihm war klar, dass dieses Uns ihn nicht einschloss, noch bevor sie weitersprach. „Kannst du bitte dafür sorgen, dass Melanies Abwesenheit nicht auffällt?"
„Selbstverständlich." Er überwand sich und tat ihr den Gefallen: „Granger."
Die Lichter des Schlosses hießen ihn willkommen, als Severus wenige Stunden später den Weg vom Apparationspunkt zu den Eingangstüren Hogwarts' erklomm. Aus dem Schornstein von Hagrids Hütte quoll Rauch und er hörte Fang bellen, bevor laute, knirschende Geräusche erklangen. Es war wohl Fütterungszeit. In der Dämmerung ging Severus den Weg, der ihm so vertraut war. Selten war er dabei so schweren Herzens gewesen. Mit jedem Schritt schien er sich weiter von Hermione zu entfernen, dabei war es doch eigentlich umgekehrt. Sie hatte sich von ihm abgewandt und er sollte wütend auf sie sein. Die Narbe an seinem Hals juckte, wie jedes Mal, wenn er großem Stress ausgesetzt war. Es würde ihn nicht überraschen, dass sie wieder aufbräche. Das war ein weiteres Überbleibsel aus dem Krieg. Naginis Gift hatte sein Blut und seine Zellen verändert, und bis vor kurzem hatte er auch gedacht, dass die Schlange sein Herz vergiftet hatte. Doch dann war er unter den Einfluss dieser elenden Wichtel geraten und hatte sich erlaubt zu fühlen und zu hoffen, und nun wusste er, dass mit seinem Herzen alles in Ordnung war. Abgesehen davon, dass es schmerzte und sein Inneres in eine große Masse an Schwermut verwandelt hatte.
Minerva würde wissen, dass er aus Deutschland zurückgekehrt war. Die Schutzbanne, die das Schloss umgaben, hielten gleichzeitig den Schulleiter darüber auf dem Laufenden, wer kam und wer ging. Seit ein paar Jahren wurden auch Besucher toleriert, die sich nicht angemeldet hatten. Ganz anders war es dagegen gewesen, als Severus Schulleiter war. Er hatte die Banne angepasst, damit niemand durch die Tore und äußeren Grenzen dringen konnte, der nicht von ihm oder Filch eingelassen wurde. Nur über den Tunnel, der in den Raum der Wünsche führte, hatte er keine Kontrolle. Der Hausmeister hatte sich damals als mürrischer, aber treuer Gehilfe erwiesen und Severus hatte sich oft gefragt, ob er von Albus mehr erfahren hatte als sein alter Freund ihn glauben machen wollte. Noch bis zu diesem Tag verband die beiden Männer eine widerwillige Freundschaft, obwohl sie sich nur darin äußerte, dass sie sich nicht wie Luft behandelten, wenn sie auf den Fluren aneinander vorbei liefen.
Tatsächlich wartete Minerva in der Eingangshalle auf ihn, doch ein Blick in sein Gesicht genügte, um sie den taktischen Rückzug antreten zu lassen. Als Severus die Treppen hinabstieg, freute er sich regelrecht darauf, in der Einsamkeit seiner Räume wütend auf die Welt zu sein.
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