5.
Am nächsten Morgen schlug Severus die Augen auf und kniff sie sofort wieder zusammen, als er mit Minervas Kopf in den grünen Flammen seines Kamins konfrontiert wurde.
„Severus!", mahnte sie und klang, als versuchte sie seit längerem, ihn zu wecken. „Ich erwarte dich in einer halben Stunde in meinem Büro!"
Er knurrte zur Antwort und öffnete die Augen erst wieder, als er den grünen Schimmer nicht mehr wahrnehmen konnte. Sein Rücken schmerzte, weil er in seinem Sessel eingeschlafen war, und er hatte einen Kater. Mühsam stand er auf. Nachdem er sich gewaschen und umgezogen hatte, machte er sich auf den Weg. Minerva wollte einen Bericht über die letzten Tage bekommen, so wie es zur Tradition geworden war. Sobald er von einer Mission, auf die ihn Shacklebolt geschickt hatte, zurückgekehrt war, würde sie ihn mit neugierigen Fragen nerven, bis er nachgab. Sie war schlimmer als Albus, doch er tat ihr den Gefallen, weil er es wollte, nicht weil er es musste. Dieser Unterschied war ihm bewusst. Er hatte jederzeit die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und sie auszuschließen.
Severus hatte auf einen Ausnüchterungstrank verzichtet, weil er der Meinung war, dass er sich seinen Kater verdient hatte, und jeder Schritt sandte einen stechenden Schmerz in seinen Kopf. Endlich hatte er die Gargoyles passiert und ließ sich wenig elegant auf den Stuhl fallen, nachdem die selbstdrehende Wendeltreppe eine wirkliche Herausforderung für seinen Magen dargestellt hatte.
„Nun?"
„Auftrag erledigt."
In dem Bemühen, das Zittern ihrer Hände zu kontrollieren, verschränkte Minerva die Finger miteinander. Er hatte gelernt, nicht wegzusehen und ihre Schwäche zu akzeptieren. Minerva sah ihn streng an.
„Komm mir nicht so, Severus. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?"
„Äh." Er war verwirrt, doch sie ließ ihm keine Zeit, eine eloquente Antwort zu formulieren.
„Ich weiß, dass ihr erfolgreich wart, weil Hermione mir bereits Bericht erstattet hat. Daher weiß ich auch, dass du dich wie der letzte Blödmann benommen hast und einfach abgehauen bist!"
Eine kalte Hand legte sich um sein Herz, das seinen Bemühungen zum Trotz noch immer fühlte. Er fragte sich, ob er gerade Minervas oder Hermiones Einschätzung seiner selbst zu hören bekam, doch dann kam er zu dem Schloss, dass es keinen Unterschied machte. Er hatte versagt und die Frau verloren, in die er sich ver-
Er sperrte diesen Gedanken hinter einen ducken Okklumentikwall, bevor er ihn zu Ende denken konnte.
„Darüber bin ich dir keine Rechenschaft schuldig"; spie er.
Minerva seufzte, ließ das Thema jedoch fallen.
„Ich freue mich jedenfalls, dass ihr erfolgreich wart. Die Wreahtlings sind bereits auf die Zaubererhaushalte verteilt worden. Es ist wirklich unglaublich, was diese kleinen Wesen für uns tun!"
Das ist es, dachte Severus bitter. Sie hatten ihm einen Traum gegeben, der niemals Realität werden dürfen hätte. Sie hatten ihn einen weiteren Fehler begehen lassen, der in die Waagschale seines Lebens geworfen würde. Selbst in seinen Tagen als Voldemorts Spion hatte er sich nie einer Frau aufgedrängt und bei dem grauenvollen Treiben seiner Waffenbrüder Unfähigkeit vorgetäuscht. Er schämte sich, weil er nicht stark genug für sie beide gewesen war.
„Laut Hermione gab es einen Geheimnisverrat durch die Familie der Hüter der Wreathlings. Nur so konnten die tragischen Ereignisse ihren Lauf nehmen." Minerva seufzte erneut. „Sie hat einen Weg gefunden, alles diskret zu regeln. Das Mädchen trägt nicht die volle Schuld. Sie wusste nicht, was sie tat."
„Es ist tragisch, wie viel Wissen untergeht. Nur die reinen Zauberfamilien bewahren die Traditionen noch. Miss Mark weiß nichts von dem Ausmaß ihrer Tat", pflichtete er ihr widerwillig bei. „Trotzdem sollte sie eine gerechte Strafe bekommen, aber Hermione sieht das wohl anders." Die Erwähnung ihres Namens ließ die kalte Hand fester zugreifen und Severus ging zum Angriff über. „Kein Wunder, sie ist immerhin auch eine Muggelgeborene."
Minerva sah ihn mit einer Mischung aus Schrecken und Missbilligung an.
„Sei vorsichtig, Severus. Diese Vorurteile haben dich schon einmal dein Glück gekostet."
Abrupt stand er auf.
„Wenn das dann alles wäre, Schulleiterin?"
Severus kochte vor Wut. Minerva hatte kein Recht, so mit ihm zu reden. Hätte sie damals die Clique um Potter besser unter Kontrolle gehabt, wäre er nicht in die Fänge der Ideologie geraten, die Lucius Malfoy im Gemeinschaftsraum in schillerndsten Farben anpries.
„Nein, mein Junge", sagte Minerva betrübt. „Du kannst gehen."
Er wusste, dass er ihr gegenüber unfair war. Es war nicht allein ihre schuld gewesen. De mortuis nihil nisi bene. Toten durfte man nichts Böses nachsagen, abgesehen höchstens von Voldemort persönlich. So war er erzogen worden und deshalb war Minerva die einzige, gegen die sich sein Groll noch richten konnte. Er wusste auch, dass die endgültige Verantwortung für seine Entscheidungen bei ihm lag. Damals war er nicht in der Lage gewesen, dem Locken der Dunklen Kräfte zu widerstehen, genauso wie er es nicht geschafft hatte, die Gefährlichkeit der Wreathlings zu erkennen. Er war in ihren Bann geraten und die Folgen für ihn waren ähnlich verheerend wie an dem Tag am See. Er hatte den einzigen Menschen verloren, mit dem er eine Freundschaft auf Augenhöhe führen konnte.
Es war das letzte Hogsmeade-Wochenende vor den Ferien, deshalb erschreckte Severus auf dem Weg durch die Flure und Hallen nur wenige Schüler aus den unteren Jahrgängen. Er konnte niemandem Punkte abziehen, da Minerva ihm verboten hatte, Gründe wie „panischer Blick" oder „Stolpern" dafür heranzuziehen, also hatte er noch kein Ventil für seine schlechte Laune gefunden, als er vor dem Eingang zu seinen Gemächern eine schmale Gestalt sehen sah. Nur deshalb war er nicht sein übliches beherrschtes Selbst, sondern ließ Hermione in seine Räume, statt sie einfach stehen zu lassen.
„Du!" Ihr Zeigefinger bohrte sich schmerzhaft in seinen Oberkörper, kaum dass die schwere Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war. Hermiones Augen blitzten wütend und es gab ihm einen Stich, nicht mehr die Zuneigung für ihn darin zu sehen. Er umschloss ihre Hand mit seiner, damit sie ihn wenigstens körperlich nicht verletzte. „Was fällt dir eigentlich ein? Ich dachte, wir wären Freunde!" Ich dachte, wir wären – aber nein, du bist der große Severus Snape, der niemanden braucht und andere zurücklässt und auf ihren Gefühlen herumtrampelt! Ich dachte wirklich, dass ich dir wichtig wäre!" Sie unterstrich die Interpunktion mit dem Versuch, ihren Finger wieder in seine Brust zu stechen.
Ihre wütende Rede traf Severus nicht unvorbereitet, doch er hatte mit anderen Vorwürfen gerechnet.
„Hermione." Er knurrte an dem Klumpen aus Ärger, Unverständnis und allen anderen Gefühlen vorbei, der seinen Hals eng werden ließ. „Was willst du von mir?"
„Was ich -?" Ihre braunen Augen wurden groß, dann wieder wütend. „Ich will, dass du dazu stehst, was geschehen ist! Himmel, Severus, ich verlange ja nicht, dass du dich entschuldigst. Aber eine Erklärung wäre nett, damit ich weiß, was ich falsch gemacht habe!"
Wenn eine frau behauptete, keine Entschuldigung zu wollen, dann war das genaue Gegenteil der Fall. Severus wusste das. Er wusste aber auch, dass er sich nicht entschuldigen konnte. So schrecklich es auch war, sie ausgenutzt zu haben, konnte er doch nicht sagen, dass es ihm leid täte. Er bereute nicht, dass er mit ihr geschlafen hatte, dass er ihren Körper mit seinen Fingern und seinem Mund erkundet, die Weichheit ihrer Haut bestaunt, die Hände in ihren unmöglichen Haaren vergraben und sich in ihr verloren hatte. Er bereute, dass er sich an sie verloren hatte.
Schließlich erkannte er, dass sie noch immer auf eine Antwort wartete.
„Hermione." Er konnte es nicht lassen, ihren Namen zu sagen, denn er befürchtete, dass dies seine letzte Gelegenheit dazu wäre. „Das waren nicht wir. Du warst nicht du selbst, als wir… daran sind nur diese verdammten Wrestlings schuld!" In seinem Bemühen, sich zu erklären und wenigstens die Freundschaft zu retten, die ihn mit Hermione verband, bemerkte er seinen Versprecher nicht einmal. Hermione lachte nicht. Sie zog ihre Hand zurück und Severus bedauerte den Verlust des armseligen Körperkontakts, während er gleichzeitig beunruhigt registrierte, dass ihr Gesichtsausdruck nicht länger wütend, sondern entschlossen aussah. Es würde ihr nichts entgegensetzen, wenn sie ihn verhexen wollte, doch er hoffte, dass sie es schnell hinter sich brächte.
„Die Wreathlings sind schuld? Severus?" Sie trat einige Schritte zurück und sah ihn prüfend an. Ihm gefiel das Lächeln, das auf ihrem Gesicht erscheinen wollte, ganz und gar nicht, und er wappnete sich gegen den Angriff.
„Moment." Der Angriff kam nicht. „Lass mich das richtig verstehen: Du denkst, ich bin wütend, weil du mit mir geschlafen hast?"
Er nickte und versuchte, nicht zu erröten, weil ihm ihre direkte Formulierung die Erinnerung wieder vor Augen stehen ließ.
„Du denkst, die Wreathlings haben bewirkt, dass ich mich aufs Bett gelegt und an England gedacht habe? Dass ich nicht mit dir schlafen wollte, aber die Wichtel mich irgendwie dazu gebracht haben?"
Wieder konnte er nur nicken und hoffte, dass sie endlich den Zauberstab ziehen würde. Er schämte sich und konnte damit nicht umgehen. Es wäre leichter zu ertragen, wenn er die Konsequenzen seiner Tat körperlich tragen könnte.
Zu seiner Bestürzung begann Hermione zu lachen. Sie lachte so sehr, dass sie sich die Tränen aus den Augen wischen musste, bevor sie sich auf seine Couch fallen ließ.
„Komm her!" Sie tätschelte den Platz neben sich und er folgte gehorsam wie ein Hund. „Ich werde dich nicht verhexen."
Er konnte sich trotzdem nicht entspannen. So dicht neben ihr zu sitzen und zu wissen, dass er sie nicht berühren durfte, weil er sie verloren hatte, war schrecklich. Severus widerstand dem Drang, sich wie ein Schuljunge auf seine Hände zu setzen, damit sie nicht wanderten.
„Mein lieber Severus, ich möchte etwas klarstellen. Wreathlings leben von negativer Energie. Sie verbreiten Frieden. Sie verändern nicht – nicht, hörst du – Gefühle oder spiegeln falsche Tatsachen vor."
Er nickte, betrachtete den abgewetzten Teppich vor dem Sofa und fragte sich, warum er zuließ, dass sie mit ihm redete wie mit einem kleinen Kind.
„Kann es sein, dass ich zu subtil für dich war?"
„Wovon redest du, zur Hölle?" Seine Stimme klang rauh im Vergleich zu Hermiones melodischem Lachen. Sie rückte näher zu ihm und küsste ihn auf die Wange.
„Denkst du wirklich, ich könnte die Tränke für meine Patienten nicht selbst brauen? Glaubst du, Shacklebolt traut dir nicht zu, im Alleingang für ihn zu arbeiten? Hast du wirklich nicht gemerkt, dass wir uns nicht zufällig die Hotelzimmer teilen mussten?"
Sie flüsterte ein wenig atemlos, und die Härchen an Severus' Nacken richteten sich auf. Er schluckte nervös, doch sie ließ ihm keine Zeit, um zu antworten.
„Ich brauche dich nicht, Severus." Er zuckte von ihr weg, als hätte sie ihn geschlagen. Er hatte also recht gehabt. Hermione wollte nichts mit ihm zu tun haben. Ihre Worte waren nur Schall und Rauch gewesen.
„Ich will dich."
Moment.
„Was?", krächzte er. Die Welt schien um ihn herum unterzugehen, während er versuchte, zu begreifen, was sie ihm mitgeteilt hatte. Es gelang ihm nicht. „Wie bitte?"
Mit einem frustrierten Stöhnen hob Hermione die Hände in die Luft.
„Du bist so ein sturer Esel, Severus! Mach doch die Augen auf und benutze deinen Verstand, auf den du so stolz bist!"
Beschimpfungen waren gut. Beschimpfungen waren sicher. Er könnte sich den Rest seines Lebens von ihr beschimpfen lassen, denn dann wäre sie bei ihm. Trotzdem kam es ihm vor, als fehlte ihm das letzte Puzzleteil.
„Was?"
„Um Himmels willen!", fauchte Hermione, und dann schlang sie die Arme um seinen Hals und noch bevor er verstand, was passierte, küsste sie ihn und er küsste sie wieder und die Wut und der Ärger verpufften.
„Du willst mich?", hakte er ungläubig nach, als sie schließlich zurück zur Gegenwart fanden. Mit einer Bewegung seiner Hand brachte er das Feuer im Kamin dazu, höher zu lodern. Hermione zitterte leicht vor Kälte, und er breitete die Decke über ihnen aus, während sie eng aneinander geschmiegt in die Flammen sahen. Sein Sofa war eindeutig zu schmal und unbequem, doch nichts in der Welt brächte ihn jetzt dazu, aufzustehen.
Sie lachte, noch immer atemlos von den Höhen, die sie gemeinsam erklommen hatten, und schob sich tiefer in seine Arme.
„Wie kann ein intelligenter Mann wie du nur so blind sein?"
„Vielleicht hatte ich nicht damit gerechnet, dass du so subtil vorgehst. Du warst immerhin in Gryffindor", stichelte er, doch er nahm seinen Worten die Schärfe, indem er die weiche Haut an ihrem Bauch streichelte. Hermione streckte sich unter seiner Berührung wohlig wie eine Katze, und er stellte fest, dass er nicht so müde war, wie er dachte. Severus lachte leise und beobachtete fasziniert, dass sich eine Gänsehaut auf ihren Schultern und Armen ausbreitete.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich alles richtig verstanden habe", flüsterte er. Hermione drehte sich in seinen Armen um und sah ihn ungläubig an. Er erlaubte sich ein winziges Lächeln. „Vielleicht solltest du es mir noch einmal erklären."
Und das tat sie.
Ausführlich und mehrmals, bis jeder schlechte Gedanke und jeder Protest verschwunden war.
Ganz ohne Wrestling.
Naja. Fast.
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