2. Kapitel
Down Down Down
Wenn ich dachte die obere Hälfte des Hauses wäre groß gewesen, dann war es nichts im Vergleich zu dem "Keller". Hier schien anscheinend das Eisberg-Prinzip zu herrschen. Nur 1/3 war von außen wirklich zu sehen.
Mir fiel nicht einmal ein passender Begriff zu dem ein wo wir uns gerade befanden. Ein Bunker in King Size Maße vielleicht. Nein, selbst das ist eine Untertreibung.
Mein Macher führte mich eine wirklich verdammt lange breite Treppe runter die sich in einem eleganten Bogen hinab schlängelte. Die Einrichtung hier war das genaue Gegenteil zu der im oberirdischen Teil des Hauses.
Dunkel gebeizte schwere Eichenmöbel, schwarze und bordeaux farbene Wände, eiserne Wandkerzenhalter, alte Gemälde und ein rustikaler Holzboden. Es hatte Stil und war dennoch altmodisch, genau wie die Bewohner dieses Hauses.
Doch das wirklich aller Erste was mir hier unten auffiel war die Stille. Nirgends, wo ich auch in meinem bisherigen Vampirdasein gewesen war, war es jemals so ruhig.
Es gab überall Geräusche. Menschen die erzählten und lachten, das rascheln des Windes in den Bäumen, Autos, Rohrleitungen, Tiere etc. Immer gab es irgendein Hintergrundgeräusch mit den Ohren eines Vampires. Aber hier nicht. Es war gleichzeitig entspannend und beunruhigend, eine komische Kombination.
Ich blieb stehen und schloss meine Augen, nur um zu schauen ob ich wirklich kein einziges Geräusch ausmachen konnte. Da war nichts, nur die Schritte von Keran der vor mir lief.
"Was hast du?"
Er hatte angehalten und schaute sich nach mir um. Ich öffnete meine Augen und blickte mir die Wände und die Decke an. Nur an der Tiefe der Erde konnte er nicht liegen.
"Warum ist es hier so totenstill?" Keran lächelte.
"Die Wände hier sind 5-fach Schallisoliert. Eine nette Abwechslung von dem lauten Getöse der Stadt, nicht wahr."
Huh, soviel zum Thema altmodisch! Ich wollte gar nicht wissen was das gekostet haben muss.
"Schon, aber findest du es nicht auch ein wenig naja gruslig?"
Keran zog eine ungläubige Augenbraue hoch. Ja natürlich fand er überhaupt nichts gruslig. Großer, starker Vampir.
"Jetzt mal im ernst. Da oben könnte der 3. Weltkrieg ausbrechen und man würde es hier überhaupt nicht mitkriegen. Man ist hier total abgeschottet von allem."
Ich schloss schnell wieder zu meinem Macher auf und wir gingen weiter den Gang entlang, vorbei an ein paar Abbiegungen und Türen.
"Du weißt doch, so älter der Vampir, so besser seine Sinne. Für jemanden in meinem Alter ist es nicht ganz so still wie für dich. Du brauchst dir keine Sorgen machen, ich würde dir bescheid sagen falls es Bomben regnen würde." Und er lachte herzhaft.
Na super da hatte ich mich jetzt in was reingeritten. Damit würde er mich wahrscheinlich den Rest meines unsterblichen Lebens aufziehen. Phoenix, der Vampir der sich in der Stille fürchtet. Hätte ich bloß meine Klappe gehalten.
"Jaja Keran, scheiße witzig!"
Immer noch lachend öffnete er eine Tür und führte mich in einen Raum. Dort stand ein großes schweres Bett, ein Schrank, ein Tisch und eine kleine Couch. Alles in dem Stil in dem der Rest der unteren Etage war.
Als ich das gemütlich aussehende Bett so anschaute merkte ich wie mir schon die Müdigkeit der aufgehenden Sonne in die Glieder kroch.
"Deine Taschen habe ich schon her gebracht sie stehen da hinten bei der Badezimmertür. Du solltest dich jetzt hinlegen. Alles weitere können wir auch morgen besprechen."
Ich nickte kurz, murmelte ein "Danke" und ließ mich auch schon auf die Matratze plumpsen.
"Soll ich noch bleiben und deine Hand halten bis du eingeschlafen bist?"
Ich habe es gewusst! Mistkerl.
Ich warf mit aller Kraft die ich besaß ein Kissen in seine Richtung. Unnötig zu erwähnen das er es mit Leichtigkeit abfing und immer noch dieses blöde Grinsen in seinem Gesicht hatte.
"Mein Zimmer ist gleich Gegenüber, falls was sein sollte."
Er warf das Kissen wieder zu mir zurück, natürlich so schnell das ich keine Zeit hatte zu reagieren und es mir voll gegen den Kopf klatschte.
Ich knurrte ihn an und alles was ich dann noch hörte war sein lautes Lachen als er auch schon aus meinem Zimmer verschwand und die schwere Tür hinter sich ins Schloss zog.
Gut so. Jetzt hatte ich wenigstes meine Ruhe.
Ohne die Motivation jetzt noch viel durch die Gegend zu wuseln, zog ich mir mein Kleid und die Unterwäsche aus und kuschelte mich ins Bett.
Mein letzter Gedanke bevor ich in einen tiefen Schlaf abdriftete, galt einem gewissen Vampir und unendlich tiefen Augen.
Jemand beobachtete mich. Ich konnte es mit jeder Faser meines Körpers fühlen.
Die Härchen auf meinen Armen stellten sich auf und mein Herzschlag beschleunigte sich.
Diese unterschwellige Gefühl das irgendwas nicht stimmte hatte ich schon den ganzen Abend über gehabt und mit jeder Minute die verging wurde es intensiver.
Nach meinem Auftritt in dem kleinen Club, war ich schnurstracks nach Hause gelaufen nur um eine panische Nachricht von meiner kleinen Schwester auf dem Anrufbeantworter zu haben.
Sie sagte wenn ich das hörte sollte ich sofort vorbeikommen. Einzelheiten ließ sie aus, aber ich konnte mir sowieso schon denken worum es ging.
Es war nicht das erste Mal das ich so eine Nachricht auf meinem AB vorfand und bestimmt war es auch nicht das letzte Mal.
Ich stöhnte entnervt, da ich eigentlich nur noch in mein Bett wollte und überhaupt keine Lust hatte jetzt noch die 3 Kilometer bis zum Haus meiner Eltern zu torkeln. Ich war immer noch betrunken und müde wie Hölle, aber ich wusste wenn ich nicht ging, würde alles nur noch viel schlimmer werden und ich konnte eine 12-jährige nicht mit so einer Scheiße alleine lassen. Also schnappte ich mir wieder meinen Schlüssel und stiefelte los. Es war nicht wirklich ein weiter Weg aber mit meinem Alkoholpegel dauerte es doch schon länger als gewöhnlich.
Ich zündete mir eine Zigarette an, in der Hoffnung sie würde mich etwas beruhigen aber leider half es nicht. Ständig warf ich nervöse Blicke über meine Schulter zurück, jedes Mal mit der Erwartung dass ein verrückter Massenmörder mit Kettensäge auftauchen würde.
Als ich das Haus erreichte brannten alle Lichter und ich konnte laute Stimmen von drinnen hören.
„Home sweet home" nuschelte ich mir selber zu als ich den kleinen Gartenweg entlang ging. Die grüne Eingangstür war einen Spalt weit offen und ich schlüpfte hinein.
„Was machst du undankbare Schlampe hier? Verpiss dich aus meinem Haus."
Ohne auf die Stimme meiner liebvollen Mutter zu reagieren lief ich an ihr vorbei und die Treppe hoch, die zum Zimmer meiner Schwester führte.
Ich wusste dass das Miststück das mich auf diese Welt gebracht hatte zu vollgedröhnt war, um auch nur ansatzweise versuchen zu könne mir zu folgen.
Oben angekommen klopfte ich leise an die Tür.
„Süße, ich bin´s mach auf."
Eine Sekunde später klickte das Schloss und meine Schwester stürzte sich in meine Arme. Die Augen tränennass, die Haare total verwüstet und auf ihrem Jochbein ein großer unschöner Bluterguss der gerade noch dabei war seine volle Farbe zu entfalten.
Oh ja ich wusste genau was sich hier abgespielt hatte, denn bis vor ca. einem Jahr war es schließlich auch mein Alltag gewesen.
Ich schob das kleine zitternde Bündel Mensch zu ihrem Bett und setzte mich mit ihr in meinen Armen hin.
Sie schniefte laut als sie sprach.
„Nimm mich bitte mit. Ich will hier nicht mehr bleiben. Nimm mich bitte mit. Ich tu auch alles was du willst, nur bitte lass mich nicht wieder hier."
Wie oft ich diese Worte schon gehört hatte, ich konnte es nicht mehr zählen.
Seitdem ich aus diesem Höllennest abgehauen bin, war es immer das Erste was sie zu mir sagte wenn wir uns sahen. Aber ich konnte sie nicht mitnehmen, so gern ich es auch gewollt hätte.
Mein Leben war ein einziges Chaos. Ich wohnte in einer winzigen ein Zimmer Wohnung, die mehr Schimmelflecken an der Wand hatte als Tapete und selbst dieses Rattenloch konnte ich mir kaum leisten. Ganz zu schweigen von Lebensmitteln.
Den größten Teil den ich bei meinen Job verdiente, zahlte ich auf ein Konto ein, mit dessen Geld ich später einen ordentlichen Anwalt finanzieren wollte, der meine kleine Schwester hier raus holte und meinem Erzeuger kräftig in den Arsch trat. Doch bis das Geld reichte saß sie hier fest, genau wie ich all die Jahre.
Schon als ich in ihrem Alter war hatte ich die ersten Versuche unternommen mit ihr weg zu rennen, aber es hatte einfach keinen Sinn. Unser Vater war Richter und hatte einflussreiche Freunde in so gut wie jedem öffentlichen Amt. Wenn ich den Behörden die uns aufgabelten erzählte warum wir da unbedingt weg mussten, glaubte mir natürlich niemand. Sie brachten uns immer und immer wieder zurück.
„Du weißt das kann ich nicht."
In meinen Augen sammelten sich jetzt auch die Tränen als ich ihren Kopf streichelte und anfing ein leises Lied zu singen.
Meine Augen flogen so schnell auf als hätte mir jemand einen kalten Eimer Wasser übers Gesicht geschüttet.
Wo zur Hölle kam jetzt dieser scheiß Traum schon wieder her? Ich hatte ihn schon seit mindestens neun Jahren nicht mehr gehabt und das war auch gut so.
Ich wollte nicht ihr Gesicht sehen. Wollte nicht ihre traurige Stimme hören. Wollte nicht die schlimmste und beschissenste Nacht in meinem Leben noch einmal präsentiert bekommen.
Hätte ich sie damals einfach geschnappt und wäre mit ihr gerannt, so weit unsere Füße uns trugen, wäre vielleicht nichts von alledem passiert und…
Reiß dich zusammen.
Das war ein anderes Leben. Ich war nicht mehr das kleine Mädchen das sich vor ihrem Daddy fürchtet. Ich war nicht mehr das bemitleidenswerte schwache Ding das nicht einmal in der Lage war für sich selbst einzustehen.
Ich hatte jetzt Keran und er gab mir alles was ich brauchte um glücklich zu sein, na meistens zumindest. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich mir schon vor langer Zeit eine Kugel durch mein Hirn gejagt.
Ich kann es nicht fassen das ich tatsächlich einen Albtraum gehabt hatte. Nach all diesen Jahren in denen ich meine Ruhe hatte.
Meine Träume waren unter anderem ein Grund gewesen warum ich in den ersten zwei Jahren als Neugeborene so extrem Blutrünstig gewesen war. Jedes Mal danach hatte ich immer das furchtbare Bedürfnis zu zerstören und nach ein paar zerfetzten Leichen ging es mir einfach besser. Der Schmerz lies nach.
Und ausgerechnet jetzt, wo ich mich nicht mal von Menschen nähren durfte kamen sie wieder.
Diese Stille hier macht mich wirklich ganz wirr im Kopf. Ich hoffte inständig, dass es bei diesem einen bleiben würde.
Vielleicht sollte ich Keran davon erzählen? Er wusste von meinen Träumen und was sie bei mir auslösten. Doch würde ich jetzt zu ihm gehen, würde das nur beweisen dass ich immer noch das kleine Mädchen war, das ich so krampfhaft versuchte nicht zu sein. Wenn ich nicht einmal mit blöden Albträumen umgehen konnte wie sollte ich dann jemals mit meinem Leben zurecht kommen?
Ich musste dringend etwas trinken um mich zu beruhigen. Mein Blutzucker war einfach im Keller, daran musste es liegen.
Mein Gefühl sagte mir das es Nachmittag war und die Sonne noch am Himmel stand, also würde mein Macher noch ruhen, das war gut. Er würde nur Verdacht schöpfen wenn er mitbekam das ich schon um so eine Uhrzeit mein Bett verließ. Das war weder üblich, noch gesund für jemanden meines Alters.
Als wir vorhin hier runter gekommen waren hatte ich ein Blick auf eine abgespeckte Version einer Küche gehabt die nicht weit von meinem Zimmer entfernt war. Da würde es mit Sicherheit etwas von diesem TruBlood Mist geben.
Also suchte ich mir schnell eine kurze Hose und ein Tank Top aus meiner Tasche, welches ich mir schnell anziehen konnte. Trotz der vielen schalldichten Wände bemühte ich mich so wenig Geräusche wie möglich zu machen, als ich Barfuß den Flur entlang ging, schließlich wollte ich hier niemanden wecken. Wie viele Vampire hier tatsächlich noch neben Godric wohnten konnte ich nicht genau sagen, aber ich schätze Mal das es mindestens drei waren.
Ich bog um eine Kurve und fand mich in etwas wieder, das aussah wie ein Wohnzimmer. Die „Küche", die nur aus einem riesigen Kühlschrank, einer Mikrowelle, einer Spüle und ein paar Schränken bestand, war ganz auf die amerikanische Art durch eine Theke vom Rest des Raumes abgegrenzt.
Bingo!
Ich ging an der riesigen Sitzecke vorbei zum Kühlschrank und war überrascht als ich sah, das er nicht nur mit TruBlood sondern auch mit Infusionsbeuteln vollgestopft war.
Schweinerei. Selbst durch die luftdichte Folie der Beutel konnte ich den unverkennbaren Duft ausmachen.
Mit einem langen seufzen nahm ich mir eine der Flaschen und stellte sie in die Mikrowelle. Sieben Minuten bei voller Kraft sollten wohl ausreichen um die Brühe warm zu kriegen.
Als es endlich piepte, holte ich die Flasche raus und schraubte den Deckel ab. Alles passierte dann so schnell und überraschend das ich keine Zeit hatte zu reagieren. Die heiße Flüssigkeit entlud sich durch eine kleine Explosion genau in mein Gesicht und auf meinen Oberkörper. Und es tat verflucht weh!
Ich konnte fühlen wie meine Haut unter dem synthetischen Blut verbrühte, nur um gleich darauf wieder zu heilen.
Mit einem schmerzhaften Aufschrei schmiss ich die Flasche krachend in die Spüle und wischte mir mit dem Handrücken über die Augen.
Innerhalb der nächsten 3 Sekunden machte es zweimal ´Wuuuuuscch´ und es stand Godric, leider angezogen und ein komplett nackter Keran vor mir und schauten sich hektisch um.
Godric schien als erster das Rätsel zu lösen, warum ich komplett in Blut eingematscht war.
Sein Blick ging von der Mikrowelle zur Spüle, mit der kaputten Flasche und dann zu mir zurück. Er entspannte sich und trat einen Schritt zurück, ganz im Gegensatz zu Keran.
„Bist du in Ordnung? "
Mein Macher kam auf mich zu und wischte mir fast schon panisch mit seinen Händen die schmierige Flüssigkeit vom Gesicht, anscheinend auf der Suche nach einer Verletzung. Natürlich konnte er riechen das es nicht mein Blut war, aber er hatte meine Schmerzen gespürt als ich mir die Haut verbrüht hatte.
Als er nichts fand, entspannte auch er sich sichtlich.
Soviel zum Thema er fürchtete sich vor nichts. Pah! Ich war offensichtlich die Schwachstelle in seiner harten Schale und dieser Gedanke lies mein totes Herz warm werden.
„Mir geht es gut. Ich hab mich nur verbrannt."
Der Ausdruck in Kerans Augen wurde weich und er drückte mir einen langen intensiven Kuss auf meine blutigen Lippen.
„Du wirst nochmal mein Untergang sein!"
Er leckte sich seinen nun beschmierten Mund und verzog angewidert das Gesicht.
„Das schmeckt ja tatsächlich so wie es riecht"
Ich schnaubte daraufhin nur.
Godric hatte die Zeit über im Hintergrund gestanden und uns still beobachtet. Der splitternackte Keran und ich mussten ein toller Anblick gewesen sein.
Nacktheit war nichts besonders für jemanden der schon Jahrtausende hinter sich hatte und mein Macher hatte ehrlich gesagt nichts an sich, weswegen er sich hätte verstecken müssen. Deshalb ignorierte ich die Tatsache einfach.
„Warum bist du überhaupt schon wach?"
Und da waren wir beim Thema. Ich wusste ich konnte ihm die Wahrheit nicht sagen, also musste ich mir schnell eine verdammt gute Notlüge einfallen lassen.
„Ich…..war so hungrig das ich aufgewacht bin und naja zu was das geführt hat kannst du ja sehen."
Meiner Meinung nach war das eine plausible Erklärung die ich ziemlich glaubwürdig vorgetragen hatte und doch konnte ich sehen das er mir nicht glaubte. Keran lies es aber dennoch unkommentiert und ich merkte wie er kurz meine aktuelle Gefühlslage durch unsere Verbindung auskundschaftete.
Er schaute zur Seite wo Godric stand, so als würde er ihm ohne Worte etwas mitteilen wollen.
„Ich geh dann mal wieder ins Bett. Wir sehen uns in ein paar Stunden."
Ohne auf eine Antwort zu warten verschwand er mit seinem blanken Knackarsch aus meiner Sicht und ich blieb mit dem Hausherr alleine zurück.
Ich wischte mein Hände an meinem Shirt ab und wandte mich ebenfalls an Godric.
„Tut mir ehrlich leid das ich hier so eine Sauerei veranstaltet habe, ich weiß auch nicht wirklich wie das passiert ist."
Ich schaute mir ein bisschen verzweifelt das Chaos an, was ich hier veranstaltet hatte. So gut wie alles in einem Umkreis von zwei Metern hatte ein paar Spritzer abbekommen. Ein paar Glasscherben waren aus der Spüle auf den Boden gesprungen als ich die Flasche mit zu viel Wucht hinein geschmissen hatte und von mir tropfte immer noch etwas der roten Flüssigkeit auf die dunklen Fliesen der Küche.
Ich ging zur Spüle um einen Lappen zu suchen, als ich Godric dicht hinter mir spürte und herum wirbelte.
„Er ist anders mit dir, fast liebevoll. So habe ich ihn noch nie erlebt und das mag schon was heißen, schließlich habe ich viele Jahrhunderte mit ihm verbracht."
Ich wusste nicht wirklich was ich von dieser Aussage halten sollte. Er hatte so neutral gesprochen das ich nicht bestimmen konnte ob es positiv oder eher negativ gemeint war oder ob er überhaupt eine Antwort erwartete.
Ich entschloss mich dafür die Situation etwas aufzulockern.
„Das solltest du ihn nicht hören lassen, Gefühle sind bei ihm eine Schwäche. Er könnte es persönlich nehmen. "
Ich lächelte ihn kurz an, damit er auch verstand das ich es nur als Scherz meinte.
Ich fand den Lappen und begann in Vampirgeschwindigkeit die Küche zu putzen. Als ich fertig war spülte ich mir noch schnell meine Arme und mein Gesicht im Waschbecken ab. Besonders gründlich war es nicht, aber für jetzt würde es gehen, schließlich musste ich immer noch was trinken um meine Nerven zu beruhigen.
Godric schien meinen Gedanken zu erahnen und ging zum Kühlschrank um zwei Flaschen TruBlood rauszunehmen. Er sah mich an und fing an zu erklären.
„Als erstes den Deckel abmachen und dann erst in die Mikrowelle stellen. Und eine Minute reicht völlig. Du willst es ja warm und nicht…heiß."
Wenn ich kein Vampir gewesen wäre, hätte mein Gesicht jetzt die Farbe einer Tomate bekommen. Da brauchte es doch echt einen über 2500 Jahre alten Mann um mir zu erklären wie ich mir etwas zu trinken aufwärmen kann. Eine einzige Peinlichkeit.
Ich beobachtete das Spiel seiner Rückenmuskulatur als er in der Küche tätig war und ich kann euch sagen es war besser als jeder Porno.
Als er fertig war reichte er mir eine der beiden Flaschen und deutete mit einer Bewegung seiner Hand an, mich auch die Couch zu setzen.
Als wir beide platz genommen hatten kam ich nicht drum herum mich zu wundern warum auch er TruBlood trank. Schließlich war der Kühlschrank mit weitaus besseren Sachen gefüllt, die er sich hätte nehmen können.
Direkt wie ich war, platze ich natürlich auch sofort damit raus.
„Warum zur Hölle trinkst du das freiwillig?"
Für mich sah es fast so aus als ob er ein Lachen unterdrücken müsste als er sprach.
„Nun um ehrlich zu sein finde ich es nicht besonders fair wenn ich in deiner Gesellschaft etwas anderes trinken würde. Es ist auch schon so schwer genug für dich und ich habe kein Interesse daran dich unnötig zu quälen."
„Das ist … nett. Aber du musst das nicht tun."
Sein Gesicht war wieder ein perfektes Pokerface, blank, ohne jede Emotion.
„Ich weiß."
Ich sah wahrscheinlich aus wie ein begossener Pudel als ich ihn anstarrte als hätte er drei Köpfe. Er verzog keine Miene als er trank und alleine dafür hatte er meinen Respekt verdient.
Ich versuchte es so lässig aussehen zu lassen wie er, doch scheiterte kläglich bei dem Versuch.
„Bestraft dich Keran öfter so?" Ich zog eine Augenbraue hoch. Also hatte die alte Tratschtante Godric schon in Kenntnis gesetzt.
„Nein, das ist das erste Mal das er physische und psychische Folter bei mir kombiniert."
Melodramatisch, ich sagte es ja bereits. Aber meine Situation mit ein bisschen Würde zu tragen, würde mir auch nicht schaden, besonders in Anwesenheit von dem gefürchtetsten Vampir auf diesem Kontinent. Hm.
Heul nicht rum wie ein kleines Kind. Sehr unattraktiv sowas.
„Ich meine ich hab es ja irgendwie verdient. Und für seinen Charakter hat er wirklich eine Engelsgeduld mit mir!"
Das stimmte wirklich. Er hatte schon Leuten das Herz rausgerissen die ihn nur falsch angesehen hatten. Dagegen waren die Strafen die er mir gab ja mal überhaupt nichts und ich pisste ihn ständig an.
„Ja das denke ich auch. Mein Kind hätte eine schlimmere Strafe für das bekommen was du gemacht hast. Einen Kampf provozieren mit einen Vampir der dich hätte in der Luft zerfetzen können und das auch noch in der Öffentlichkeit vor sowohl Menschen als auch unseres gleichen. Das war wirklich extrem waghalsig und unüberlegt."
„Er hat mich aber provoziert und ich lass mir nicht gerne von Fremden meinen Hintern betatschen, naja, zumindest nicht ohne meine Zustimmung."
Scheiße noch eins Phoenix, reg dich bloß nicht auf. Atmen. Ruhig. Atmen.
Godric sah mich eine Weile nachdenklich an, bevor er wieder sprach.
„Du und Eric werdet eine Menge Spaß zusammen haben."
Huh? Hörte ich da etwa einen Funken Ironie raus? Ich machte ein neugieriges Gesicht.
„Wer ist Eric?"
„Mein Abkömmling. Er wird auch in den nächsten Tagen hier eintreffen."
Jetzt nahm das Gespräch eine interessante Wendung. Ich wusste nicht das Godric auch ein Kind hatte. Aber ich hätte es mir denken können bei seinem Alter.
Godric lachte kurz auf und ich konnte nicht umhin zu sehen wie sexy er dabei aussah. Aber trotzdem stimmte hier irgendwas nicht!
„Wieso ist das witzig?"
Ich war ernsthaft verwirrt.
„Ich male mir nur gerade eure erste Begegnung aus. Ihr seid euch so ähnlich mit eurem Temperament, das es garantiert nicht lange dauern wird bis ihr euch die Schädel einschlagt."
Und das war WITZIG? Also ich weiß ja nicht. Bei meinem Glück war Eric mindestens 500 Jahre alt und weitaus besser als ich im Schädel einschlagen. Nach Dallas zu kommen war anscheinend doch keine so gute Idee gewesen wenn mir schon Krieg mit Artgenossen voraus gesagt wird die ich noch gar nicht kannte.
„Was tut Eric so?" Hintergrundinfos konnten nie Schaden.
„Eric ist Sherif in Louisiana und betreibt dort eine Vampirbar."
Ein Sherif, ich zieh die Scheiße aber auch echt magisch an. Meine Schultern sackten nach unten und Godric setze sich zu mir auf die Couch. Hellseher wie er war traf er auch gleich den Nagel auf den Kopf.
„Phoenix, hier hat er keinerlei Gewalt. Er denkt, ein eintausend Jahre alter Wikingerkönig zu sein und mich als Macher zu haben würde ihn irgendwie privilegieren und jeder müsste vor ihm kuschen. Ich denke ich habe ihm einfach zu viel durchgehen lassen als Neugeborenen.
Glaub mir wenn ich dir sage, dass ich es absolut genießen würde wenn du ihm Kontra bietest."
Ich denke meine Augen waren gerade so groß wie die einer Kuh. Ich war aufgeregt wie ein kleines Kind im Spielzeug laden. Gerade hatte ich die verdammte OFFIZIELLE Erlaubnis bekommen meine angestaute Frustration, und davon hatte ich mittlerweile reichlich, verbal an jemandem abzulassen. Wie geil war das denn bitte?
Mein Hoch wurde allerdings schnell abgelöst.
„Aber das kann ich nicht machen, er ist hundert Mal älter als ich und ein Krieger noch dazu. Wenn ich ihn anpisse reißt er mir einfach ein Teil meiner Gliedmaßen ab und stopft mir damit den Mund."
Godric zog ungläubig eine Augenbraue hoch, als wäre es total lächerlich was ich gerade gesagt hätte, und kam noch ein Stück näher an mich heran.
„Eric, würde es nicht wagen einen meiner Gäste in meinem Haus zu verletzten. Und solange du hier bist, stehst du unter meinem Schutz."
Flirtete er etwa gerade mit mir? Oh ja bitte, nicht aufhören.
Er machte eine Pause und strich mir mit seiner Hand eine wirre Strähne meines Haares aus dem Gesicht. Wäre ich nicht schon Tod, wäre ich auf der Stelle gestorben.
Dort wo seine Finger mich berührten prickelte es, als hätte ich Ameisen unter meiner Haut und ich musste mich stark zusammen reißen das ich nicht anfing wie eine Katze zu schnurren.
Godric zog seine Hand schnell wieder zurück und rückte ein Stück von mir ab, als ob er sich verbrannt hätte.
Wie jetzt?
Als wäre nichts gewesen fuhr er fort.
„Selbst wenn das nicht der Fall wäre, glaubst du ernsthaft Keran würde es zulassen das er dich angreift? In deiner Gegenwart führt er sich auf wie eine Glucke. Schon erstaunlich was du aus ihm gemacht hast."
Glaubte er ernsthaft ich merkte nicht wie er gerade versuchte mich abzulenken? Aber ich musste ihm lassen das es funktionierte….
„Was ich aus ihm gemacht habe? Ich habe garnichts gemacht. Er hat sich doch meine Gesellschaft ausgesucht."
„Es war nicht abwertend gemeint."
Godric hatte es wirklich drauf bei mir die richtigen Knöpfe zu drücken. An, aus, an, aus. Ich bekam das Gefühl das er hier gerade mit meinen Emotionen Ping Pong spielte.
Und da machte es bei mir klick!
Verfluchte Scheiße er spielte wirklich mit mir, dieser Mistkerl. Die ganze Zeit, seit dieses Gespräch lief reizte er mich mit Absicht, physisch und psychisch nur um mich dann wieder auf Eis zu schicken und das mit verdammter Absicht.
Was er damit bezweckte oder welches Ergebnis er sich erhoffte, wusste ich nicht, aber ich konnte mit 100%iger Sicherheit sagen, dass es mir nicht gefiel.
Ich bekam langsam aber sicher ein Bild von ihm. Wie sagt man so schön, stille Wasser sind tief, und die tiefe von Godric konnte ich mir nicht einmal annährend ausmalen. Ich hatte bei ihm immer den Eindruck gehabt als ob er sehen könnte was ich denke. Was war, wenn es wirklich der Tatsache entsprach? Was wenn er wirklich in mir lesen konnte wie in einem offenen Buch, alleine durch meine Körpersprache?
Er war vielleicht nicht der Typ der sich mit Gewalt die Türen öffnete, das hatte er gar nicht nötig, er manipulierte um zu bekommen was er wollte.
Meiner Meinung nach, waren das die gefährlichsten von allen. Diejenigen die in der Lage waren mit deinem Geist und deinen Gedanken zu jonglieren wie es ihnen passte und dich dazu bringen konnten Dinge zu tun von denen du gar nicht wusstest das du sie tun willst.
Jemand in seinem Alter, mit seiner geistigen und körperlichen Stärke, seinem Aussehen und seiner Erfahrung, wäre nicht aufzuhalten wenn er das Talent des Manipulierens wirklich so gut beherrscht wie ich befürchtete. War es das was Keran meinte als er mich vor Godric und seinem Einfluss gewarnt hatte? Der Grund warum er so extrem erpicht darauf war das ich meine Gefühle im Zaum hielt?
Ich muss wohl eine Weile zu ruhig gewesen sein, denn Godric legte den Kopf schräg.
„Worüber denkst du nach?"
Und es schoss einfach so aus mir raus.
„Weißt du das etwa nicht?"
Scheiße noch eins, ich wusste ja das ich nicht besonders gut war im täuschen, aber musste ich ihn gleich mit dem Gesicht genau reinstoßen? Ja, anscheinend.
Mein Verdacht schien sich zu bestätigen als sich auf seinem Gesicht das erste Mal ein echtes Lächeln ausbreitete, sodass ich dachte der Teufel persönlich würde neben mir sitzen. Und zu meiner eigenen Überraschung machte es mich unglaublich an. Ich konnte meine Erregung spüren die sich in mir ausbreitete wie Lava.
„Langsam verstehe ich warum Keran ausgerechnet dich verwandelt hat. Ich muss sagen ich bin ein bisschen beeindruckt das du so schnell dahinter gekommen bist."
Was sollte man darauf sagen? Mir war nicht wohl bei einem Gespräch dieser Art und erst recht nicht wenn ich vor Geilheit gleich platzen würde. Wie krank war ich denn?
„Ich denke ich sollte mich jetzt auch noch einmal hinlegen gehen."
Ich stand auf ohne auf eine Antwort zu warten und ging in menschlicher Geschwindigkeit zur Tür. Keine Millisekunde später wurde ich schon krachend an die nächste Wand gepresst. Seine Hüfte fixierte mich und seine Arme stützten sich rechts und links neben mir ab. Die Berührung war intensiv, aber es tat nicht weh. Sein Gesicht war nur Millimeter von meinem entfernt und ich spürte seinen Atem auf meiner Haut als er sprach.
„Hast du jetzt Angst vor mir?"
Ich war Geil wie die Hölle heiß ist und fühlte mich Gleichzeitig etwas unwohl ihm körperlich so ausgeliefert zu sein, aber komischer Weise hatte ich keine Angst.
Ich schaute ihm tief in die Augen und auf diese kurze Distanz war es als ob man in die endlosen Weiten des Weltalls schaut. Ein Gefühl ganz tief in meinem Innern sagte mir das er mir nicht weh tun würde, das ich vor ihm nichts zu fürchten hatte, wie gefährlich er auch sein mag. Vielleicht war es dumm und naiv gewesen sein so etwas zu denken, aber ich konnte mir nicht helfen.
„Nein."
Es war nicht mehr als ein Flüstern gewesen aber ich wusste das er es genauso deutlich gehört hatte, als hätte ich es ihm ins Ohr geschrien.
Durch unsere Nähe konnte ich jeden seiner Muskeln durch unsere Kleidung spüren und auch, dass ich nicht die einzige war, die hier ein Problem mit der Erregung hatte.
Er schloss seine Augen und kappte somit die Verbindung die ich zu ihm hatte und die ich am liebsten für die Ewigkeit aufrecht erhalten hätte. Er beugte seinen Kopf zu meiner Halsbeuge runter und fuhr ganz langsam mit der Nase die Linie meiner Schlagader entlang als er tief inhalierte.
Oh Gott im Himmel wollte er mich etwa mit einer Überdosis Erotik töten? Ich schwöre es gelang ihm fast.
Völlig unvorbereitet schnappten auf einmal meine Fangzähne raus. Ein kleines Stöhnen entwich meiner Kehle und ich war mir vollkommen sicher das er spätestens jetzt meine Erregung riechen konnte.
Als er bei meiner Wange angekommen war stoppte er und schaute mir wieder in die Augen.
„Ich kann dich gut leiden kleine Phoenix, du bist ein süßes Ding, aber du solltest mich nicht begehren. Du solltest es nicht genießen wenn ich dich berühre. Ich würde über dich hinweg fegen wie ein Hurrikane und es würden nichts als Trümmer von dir übrig bleiben."
Und mit einem Mal war der Druck auf meinem Körper weg und er lies mich hier alleine stehen. Das schien mir jetzt irgendwie öfter zu passieren.
