5. Kapitel: Strafe muss sein
Es war gegen Mittag, als Jess aus einem traumlosen Schlaf erwachte. Sie hatte anscheinend seit der Begegnung mit Marcus am Vortag durchgeschlafen und fühlte sich daher recht gut. Man hätte sogar meinen können, sie wäre guter Laune gewesen. Dies änderte sich jedoch schlagartig, als sie sah, wer neben ihrem Bett auf einem Stuhl saß und sie kalt fixierte. Verdammt, wie sie diesen Kerl hasste! Ohne eine Begrüßung von sich zu geben, starrte sie genauso finster zurück und stellte sich vor, was jetzt wohl kommen mochte.
„Guten Tag, Miss Bodes." Seine Stimme war so kalt und dunkel wie seine Augen. „Ich wüsste nicht, was an diesem Tag gut sein soll.", sagte sie abweisend und schaute nicht für einen Moment weg. Zum einen wollte sie nicht, denn er hätte sie für schwach halten können und zum anderen konnte sie den Blick einfach nicht von ihm wenden. Auf Snapes Gesicht zeichnete sich die altbekannte Schadensfreude ab.
„Professor Dumbledore und ich hatten soeben eine Unterredung und sind zu dem Schluss gekommen, dass ich, als Ihr Hauslehrer, die Strafe allein festlegen werde." Er mühte sich nicht, das Grinsen zu verkneifen. Jess wiederum kam nicht umhin, die Mundwinkel reflexartig ein wenig nach unten zu ziehen. Konnte es eigentlich noch schlimmer kommen? Ja: „Da Sie mir mit Ihren Diebstählen erheblichen Schaden zugefügt und Arbeit von vielen Wochen zerstört haben, wird das Strafmaß ganz besonders ausfallen." Er machte eine quälende Pause, in der Jess seinen Blick weitestgehend mied.
„Professor Dumbledore, Mme. Pomfrey, Mrs. McGonagall und ich sind uns einig, dass Sie zu starkem Drogenmissbrauch neigen, selbstgefährlich und vermutlich sogar suizidgefährdet sind. Deshalb werden Sie fortan rund um die Uhr beaufsichtigt." Jetzt konnte Jess es sich unmöglich verkneifen, ihm einen entnervten, wütenden Blick zuzuwerfen. Snape schien noch zufriedener. „Für diese Zwecke hat Professor Dumbledore Mr. Hawkins eingestellt. Er ist Psychotherapeut und wird Sie die meiste Zeit des Tages betreuen. Während der Ferien dürfen Sie natürlich vorläufig nicht mehr nach Hause und werden von mir beaufsichtigt, da Mr. Hawkins in dieser Zeit seinen – sicherlich wohl verdienten – Urlaub antritt." Jess hätte ihm zu gerne irgendeine abfällige Bemerkung zugezischt, doch angesichts ihrer vollkommenen Sprachlosigkeit war das nicht möglich. Sie war vollkommen fassungslos und über alle Maßen entsetzt.
„Sowas bescheuertes!", brach es schließlich doch aus ihr heraus. „Gott verdammt, wer kann auf solch hirnrissige Ideen kommen?!" Sie sah ihn nicht an, sondern starrte wütend geradeaus.
„Auf diese ‚hirnrissige Idee' bin ich gekommen, Miss Bodes." Seine Stimme klang enorm gereizt. „Sie sollten es mir danken, es ist meine Aufgabe, Sie zu schützen." Jetzt grinste er so unverschämt und log so eindeutig, dass Jess ihm am liebsten eine schallende Ohrfeige verpasst hätte.
„Oh ja, so eine Idee kann wirklich nur von Ihnen kommen!", zischte sie ihm zu und blinzelte erbost. Er neigte sich ein wenig zu ihr herab und funkelte sie gefährlich an: „Sie sollten Ihr Mundwerk hüten! Ich werde davon absehen, Sie wegen Ihrer Frechheit noch weiter zu strafen. Aber lassen Sie sich eines gesagt sein: Noch nie hat mir ein Schüler, geschweige denn eine Schülerin so viel Ärger gemacht, wie Sie! Und das wird Sie einiges kosten, da können Sie sich sicher sein." Er stand auf und rauschte davon, ohne noch einen Blick zurück zu werfen.
Jess sprang auf, griff sich ohne nachzudenken die Tischlampe und schleuderte sie Snape hinterher gegen die Flügeltür, die noch nicht einmal ganz geschlossen war. Schnaubend vor Wut und immer wieder blinzelnd, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, stand sie nun schwer atmend da, ihre Schultern mitsamt Brustkorb hoben und senkten sich merklich. Sie wartete darauf, dass Snape wieder eintreten würde, aber sie wusste nicht, wieso. Sie war schlicht und einfach unheimlich wütend.
Snape öffnete die Tür wieder ein Stück und sah Jess vernichtend an. Dann trat er wieder ein und marschierte auf Jess zu, mit einem Tempo und einer so gewaltigen Ausstrahlung, dass sogar sie einen Funken Respekt empfand. Jess würde schon im nächsten Moment bereuen, was sie getan hatte und vor allem bedauern, dass Madame Pomfrey und auch sonst niemand anwesend war, denn Snape blieb in einiger Entfernung abrupt stehen, richtete seinen Zauberstab auf sie und bellte, mit vor Zorn funkelnden Augen „CRUCIO!".
Jess stürzte augenblicklich zu Boden und krümmte sich unter Schmerzen, die so viel gewaltiger als alles andere je zuvor waren, dass sie nicht einmal schreien konnte. Snape beugte sich über sie und bevor die Schmerzen einen grausamen Höhepunkt erreichten, der Jess den Verstand zu rauben schien, nahm sie noch sein mehr als gehässiges Grinsen war. „Ich sagte, Sie sollten sich zügeln, Miss Bodes." Jessy verstand nur Bruchstücke der Worte, die Schmerzen waren einfach zu heftig. Nach endlosen Tagen, wie es Jess schien, wandte Snape seinen Zauberstab von Jess ab und die Schmerzen hörten mit einem Mal auf. Nicht aber ihre Nachwirkungen. Jess erlangte zwar ihr normales, uneingeschränktes Bewusstsein wieder, doch sie befand sich in einem Zustand der Panik. Ihre weit aufgerissenen Augen sahen direkt in die von Snape, der noch immer über ihr in der Beuge hing und sie eiskalt fixierte. Während sie keuchend und zuckend auf dem kalten Boden lag und noch gar nicht richtig wusste, wie ihr soeben geschehen war, vernahm sie Snapes kalte Stimme erneut, diesmal etwas klarer: „Übrigens können sie den Krankenflügel verlassen, Madame Pomfrey hält einen längeren Aufenthalt nicht für nötig." Während er den Raum diesmal endgültig verließ, ließ er noch die Überreste von Jess' Wutanfall verschwinden und warf keinen Blick mehr zurück.
Nach einer Ewigkeit stand Jess mit langsamen und vorsichtigen Bewegungen auf und begab sich vorsichtig zu ihrem Bett, wobei sie so manches Mal das Gleichgewicht verlor und fast zu Boden gestürzt wäre. Dort stützte sie sich ab und fragte sich, was zum Teufel eben geschehen war. Sie konnte es nicht fassen. Snape hatte sie mit dem Crutiatus-Fluch belegt. Einer der unverzeihlichen Flüche. ‚Und nicht umsonst unverzeihlich…', dachte sich Jess. Sie begann langsam sich umzuziehen.
Danach warf sie einen Blick in den mannshohen Spiegel neben ihrem Bett und straffte sofort ihre Haltung. Zwar war sie wie immer ganz in Schwarz gekleidet, doch ihre Haut schien noch blasser geworden zu sein, als sie es noch vor einigen Stunden gewesen war. Das schwarze Haar hing ihr wirr ins Gesicht und sie sah genauso aus, wie sie sich fühlte. Wer auch immer jetzt eine falsche Bemerkung machen würde, käme nicht ohne weiteres davon. Sie zog die Schublade des Nachttisches neben dem Krankenbett auf und nahm die wenigen persönlichen Dinge heraus, die darin lagen: ihre schwarze Armbanduhr, den einzigen Ring, den sie besaß, und ein kleines schwarzes Feuerzeug. Sie liebte diesen typischen Gebrauchsgegenstand der Muggel. Sie ließ das ‚kleine Schwarze' in ihrer Umhangtasche verschwinden, zog sich die Uhr an und streifte schließlich den Ring über.
An dem schlichten, silbernen Schmuckstück blieb ihr Blick wie so oft hängen. Sie drehte ihn gewohnheitsgemäß mit dem Daumen hin und her und ließ ihn eine Weile im Licht funkeln. Sie musste jedes Mal an ihren Verlobten denken, wenn sie den Ring betrachtete. Sie hatte seit fast einem Jahr nichts mehr von ihm gehört. Joe war auf Studienreise, er war ein Halbblut und der einzige Mensch, dem sie vertraute. Und jetzt wusste sie nicht einmal, wo er war. Er war wie vom Erdboden verschluckt.
Sie schüttelte den Gedanken ab und ging voller Unmut aus dem Raum, um sich auf den Weg zu ihrem Schlafsaal zu machen…
