6. Kapitel: Ein Unglück kommt selten allein
Kaum, dass Jess den Gemeinschaftsraum der Slytherins betreten hatte, herrschte vollkommene Stille im Raum und die Blicke aller Anwesenden ruhten auf ihr. Sie ignorierte die Neugierde und die Verachtung in den Augen ihrer Mitschüler und ging einigermaßen aufrecht und sicher die Treppe hinauf. Sie schlief nicht wie die anderen Mädchen in Schlafsälen mit mehreren Betten, sondern hatte ihren eigenen Raum zugewiesen bekommen. Dieser befand sich eine Etage über den Räumen der Jungen und Mädchen und war mit einem verhangenen, großen Bett, einer Kommode und Regalen ausgestattet. Das exklusivste war jedoch ihr eigenes, kleines Badezimmer.
Sie schlief deshalb allein, weil die Beschwerden ihrer Mitschülerinnen irgendwann alle Maße überschritten hatten und Dumbeldore zu dieser Maßnahme gegriffen hatte. Snape freute das natürlich gar nicht, er hätte es viel lieber gehabt, wenn Jess gleich rausgeworfen worden wäre, wie er ihr selbstverständlich unmissverständlich mitgeteilt hatte.
In ihrem Raum angekommen war sie nach den vielen Stufen völlig außer Atem und sie hätte ihren Kopf am liebsten gegen die Wand geschlagen, der nachklingenden Schmerzen und der Verzweiflung wegen. Sie ließ sich auf ihr Bett sinken, stützte die Ellbogen auf die Knie, legte das Gesicht in ihre Hände und schloss die Augen. Sie fühlte ihre Beine nicht mehr. Ihr Kopf dröhnte. Und ihr war schlecht. Sie fror. Und vor allem zitterten ihre Hände. Sie wusste ganz genau, was sie jetzt brauchte. Und sie wusste, dass sie den Dunklen Morgen nicht kriegen würde.
Als sie sich gerade erhoben hatte, um das offen stehende Fenster zu schließen, erschrak sie gleich aus zwei Gründen auf einmal: Zum Einen öffnete sich ohne jegliche Ankündigung die Tür ihres Zimmers und zum Anderen rauschte urplötzlich eine schwarze Eule in einem Höllentempo durch das Fenster in ihr Zimmer und ließ sich auf ihrer Schulter nieder. Verwirrt und geschockt starrte sie zuerst den Mann an, der im Türrahmen stand und versuchte dann, die Eule auf ihrer Schulter loszuwerden. Als das Tier gewichen war und sich auf der Fensterbank niedergelassen hatte, stützte sie sich an der Kommode ab, holte tief Luft und schenkte dann zuerst ihrem beflügelten Gast Beachtung. Jetzt erst registrierte sie die Farbe des Tieres und den gleichfarbigen Umschlag, der um ihre Kralle gebunden war. Mit der Erkenntnis kam die Lähmung. Sie wusste, was in diesem Brief stehen musste.
Nach einer Ewigkeit erwachte sie aus irrer Starre und bewegte sich langsam und unsicher auf das stillhaltende Tier zu. Sie band den Umschlag von der Kralle los und starrte lange Zeit einfach nur die Aufschrift „vertraulich" an. Dann öffnete sie den Umschlag mit einem Ruck und entfaltete den Brief. Ihre Augen huschten über die Schrift. Dann ließ sie den Brief fallen. Sie blickte mit leeren Augen geradeaus, hob den Arm und schmiss mit einem Ruck alles hinunter, was sich auf ihrer Kommode befand: Bilderrahmen, Gläser, Bücher, Hefte, Stifte, einfach alles. Die Kommode musste anschließend unzählige Tritte und Schläge einstecken, während Jess die Tränen nicht zu unterdrücken versuchte, die mit der rasenden Wut und dem unglaublichen Schmerz kamen. Irgendwann spürte sie, dass der Unbekannte seine Arme fest um Jess legte und sie von der Kommode wegzerrte. Obwohl Jess sich mit aller Kraft wehrte, hielt er sie ungerührt fest und fragte ruhig, aber bestimmt: „Was ist passiert?" „Er ist tot! ER IST TOT VERDAMMT!", schrie sie ihn an. „Wer ist tot?"
„Joe!"
