7. Kapitel: Der Morgen danach

Mr. Hawkins saß am Rande von Jess' Bett und starrte gedankenverloren vor sich hin. Nachdem sie ihm gestern die Meldung über Joe's Tod entgegengeschmettert hatte, hatte sie das Bewusstsein verloren und bislang geschlafen. Hawkins hatte sie in ihr Bett gelegt und sich daraufhin darüber informiert, wer dieser Joe war. Da weder Professor Snape noch Mrs. McGonagall ihm hatten helfen können, war er zu Dumbledore gegangen. Dieser hatte ihn gebeten, dieses Thema vertraulich zu behandeln, da nur Dumbledore von Joe wusste. Jess hatte Dumbledore persönlich gebeten, niemandem von der Verlobung zu erzählen, damit niemand sie mit diesem Thema verletzen konnte. Warum sie Dumbledore überhaupt davon erzählt hatte, war offensichtlich: Sie wollte schon um Diskretion bitten, bevor ihre Pflegeeltern Dumbledore davon erzählten. Und Dumbledore respektierte ihre Bitte natürlich verständnisvoll. So hatte niemand davon erfahren.

Jetzt war es früher Morgen und Jess schlief immer noch. Immer wieder beobachtete er sie mit einem prüfenden Blick, doch nichts tat sich.

Eine Stunde verging...

Dann zwei...

Endlich! Sie wachte auf. Geblendet vom hereinfallenden Sonnenlicht wischte sie sich blinzelnd die Haare beiseite und setzte sich auf. Sie sah sich kurz um, gewann die Orientierung wieder und sah dann Hawkins an. „Scheiße." Ohne, dass er sich vorgestellt hatte, schien sie zu wissen, wer er war. Snape hatte ihr schließlich von seinem Eintreffen erzählen müssen. Und von seiner Aufgabe.

Mit diesem kurzen Wort, dass anscheinend gleichbedeutend mit einem freundlichen ‚Hallo' war, verschwand Jess im Nebenraum, ihrem kleinen Bad mit Dusche, Waschbecken und Klo. Anscheinend hatte Snape ihr Hawkins' Aufgabe nicht sehr detailliert erläutert, denn wenn Hawkins' eine „Totale Aufsicht" durchführen wollte, dann meinte er damit auch eine „Totale Aufsicht". Also stand er auf, ging auf die Badezimmertür zu und öffnete sie einfach, ohne vorher anzuklopfen. Da Jess' grade die Hände auf den Rand des Waschbeckens gestützt hatte und das Wunderwerk aus Keramik gedankenverloren betrachtet hatte, kam es zwar zu keiner peinlichen Situation, doch Jess' Ärger ließ sich dadurch auch nicht aufhalten.

„Was zum Teufel fällt Ihnen eigentlich ein?! Ich rate Ihnen davon ab, noch einmal so hereinzuplatzen! UND JETZT RAUS!" Sie packte die Tür und schmiss sie wuchtig zu, doch Hawkins' stellte seinen Fuß in den Weg und sah die äußerst wütende Jess ungerührt an. „Miss Bodes, bevor ich Ihnen erkläre, wozu ich hier bin, empfehle ich Ihnen doch dringend, einen solchen Wutausbruch in Zukunft zu vermeiden. Ich weiß, dass Sie durchaus temperamentvoll sind und ich weiß auch, dass Ihr Verlobter kürzlich verstorben ist. Aber das macht mich nicht zu Ihrem persönlichen Buhmann, haben Sie mich verstanden?!"

Jess drehte den Kopf wieder in Richtung Waschbecken und schloss die Augen. Dann schluckte sie schwer. „Ich weiß, warum Sie hier sind", sagte sie einem schon sehr gemäßigten Ton, „aber ich habe ganz gewiss nicht vor, mir beim Pissen das Leben zu nehmen. Wenn Sie...", sie schluckte abermals und er merkte, dass ihre Stimme. Sie musste sich räuspern. „...wenn Sie also bitte für zwei Minuten rausgehen könnten..." Sie tat einen kurzen Wink in Richtung Schlafzimmer, wobei ihm auffiel, dass ihre Hände zitterten. Kein Wunder. Er sah sie blicklos an und schüttelte dann stumm den Kopf. Jess ließ den Kopf resignierend hängen und unternahm ganz entgegen ihrer Gewohnheiten keinen zweiten Versuch, um Hawkins loszuwerden. Also band sie die Haare, die jetzt dringend eine Wäsche nötig hatten, in einen unordentlichen Zopf, wusch sich das Gesicht und putzte sich die Zähne.

Dann drehte sie sich wieder zu Hawkins und sah ihn erst eine Weile an, bevor sie ihn bat: „Vielleicht könnten wir uns zumindest auf einen Kompromiss einigen? Wenn ich auf's Klo gehe oder dusche, drehen Sie sich weg und es gibt keine Probleme. In Ordnung?" Sie sah ihn hoffnungsvoll an und er hatte ohnehin nicht vorgehabt, diese Handlungen auch noch ganz genau zu beobachten, also nickte er nur und drehte sich weg. Einigermaßen erleichtert, aber dennoch peinlich berührt, verrichtete Jess also ihre Morgentoilette. Anschließend drehte sie ihm den Rücken zu, zog sich aus und schob die durchsichtige Platte der Duschwand beiseite und ließ im Anschluss daran minutenlang das warme Wasser an ihrem Körper herunterlaufen, ohne sich zu bewegen. Hawkins musste ab und an einen Blick über die Schulter werfen und als er feststellte, dass die Scheiben beschlagen waren, drehte er sich nicht länger weg. Schließlich musste er versuchen, aus jeder ihrer Bewegungen eine Handlung zu erahnen, die möglichst ungefährlich und harmlos war, ansonsten würde er ungerührt eingreifen müssen. Irgendwann hatte Jess auch ihre schier endlose Dusche beendet und stellte das Wasser ab. Allerdings verließ sie danach nicht die Dusche. Hawkins nahm also ein großes und ein kleines gefaltetes, schwarzes Handtuch, schob die Platte ein kleines Stück beiseite, ohne dass er außer den Kacheln etwas hätte erblicken können, wenn er hineingeschaut hätte, und reichte ihr diese. Ein „HmHm." anstelle einer Danksagung ertönte und Jess trocknete sich ab. Auch das wieder durch die beschlagenen Scheiben beobachtend dachte Hawkins sich, dass der Umgang mit dieser Schülerin sicherlich nicht leicht werden würde. Und wegen der Sache mit Joe erst recht nicht.

Mit einem turbanartigen Gebilde auf dem Kopf und auch sonst eingewickelt in Schwarz kam Jess schließlich aus der Dusche und gewährte Hawkins somit einen genaueren Blick auf ihre körperliche Verfassung. Das Erste, was ihm auffiel, war ihre unnatürliche Blässe, die hellblauen Augen und im starken Kontrast dazu die dunklen Augenringe. Auch fielen ihm die blauen Verfärbungen an den Oberarmen auf, ihm nicht unbekannt.

Dann wurde die allgemein herrschende Stille durch ein lautes Klopfen an Jess' Tür unterbrochen.