8. Kapitel: Strich durch die Rechnung?
„Sie haben Ihr anscheinend nicht genau gesagt, wie das unter meiner Aufsicht laufend wird." Hawkins klang unzufrieden. „Das überließ ich Ihrer allgemein bekannten und hochgeschätzten Kompetenz." Und Snape klang wie immer stichelnd und nach astreinem Arschloch, wie Jess fand. Sie hatte sich im Bad ihre herbeigezauberten Klamotten angezogen und Hawkins war in dieser Zeit zur Türe gegangen, hinter der sich, wie Jess an diesem ohnehin schon verdorbenen Morgen nicht anders vermutet hatte, Snape verbarg.
Jess trat aus dem Bad, sah Snape an und murmelte, während sie sich an ihm vorbeiquetschte, um zu ihrem Bett zu gelangen: „Typisch." - „Wie bitte, Miss Bodes?" Jess blickte zwar nicht hinter sich, konnte Snapes boshaftes Funkeln in den Augen aber förmlich auf ihrer Haut fühlen. „Typisch für Sie." Jess' Worte waren tonlos und strotzten nur so vor Ablehnung. „Was typisch für mich ist, werden Sie heute Abend um Punkt neunzehn Uhr in meinen Räumen erfahren, wenn Sie Ihre Strafarbeit ableisten." ‚Erneut', dachte er und grinste gehässig. Jess sagte nichts, doch ihr Blick sprach mehr als tausend Worte hätten ausdrücken können. ‚Ich versuchte zu lächeln, mich nicht zu ergeben – deprimiert und ernüchtert, wie noch nie in meinem Leben.', schoss ihr die Liedzeile plötzlich durch den Kopf. Sie ging zum Fenster, stellte sich davor und starrte wortlos in den hellen Morgen. Snape sah Hawkins noch ein letztes Mal abwertend an und verschwand dann zufrieden.
Es war Zeit zum Frühstücken. Schon auf den Fluren hatten die Schüler Jess und Hawkins überraschte Blicke zukommen lassen, doch als sie die große Halle gemeinsam betraten, gab es kaum jemanden, der das Doppel nicht ansah und ein schlagartiges Gemurmel setzte ein. Auch als die beiden nebeneinander am äußersten Ende der Slytherin-Bank Platz nahmen, hatte Jess noch niemandem in die Augen geblickt und keine Miene verzogen. Die Blicke und Spekulationen ärgerten sie nicht, sie waren ihr schlichtweg egal. Ihr war alles egal. Ihr Kopf war leer, sie spürte sich selbst nicht mehr. Wie eine lebende Tote kam sie sich vor. Sie wusste nicht weshalb, doch sie blickte zum Lehrertisch und ohne Umschweife direkt in Snapes Augen, die sie anstarrten. Bevor sie ihn auch nur im Ansatz böse angucken konnte, traf sie etwas steinhartes und kaltes mit voller Wucht an der Augenbraue. Jess wäre beinahe rückwärts von der Bank geflogen, hätte Hawkins sie nicht abgefangen. Sie hielt sich stöhnend vor Schmerz eine Hand an die Stirn und sowohl sie, als auch ihr Begleiter erkannten schnell die zwei Ursachen des schrecklich pochenden Schmerzes: jemand hatte mit einer Kaffeetasse nach ihr geworfen und eine mittelgroße Platzwunde verursacht. Sie wusste nicht, woher die Tasse kam, sie wusste nur, dass sie aus diesem Raum raus musste. Sie musste weg von diesen Leuten, von denen sie nicht wusste, wen sie am meisten hasste. Sie musste weg von diesem Ort, der gerade anfing, sich bedrohlich um sie zu drehen. Schwankend und mit an der Wange herunterlaufendem Blut wollte sie sich auf die großen Flügeltüren zu bewegen, als Hawkins sie packte und zum Ausgang der Lehrer, direkt neben Snape zog. Sie nahm nur verschwommen wahr, wie man sie durch eine Tür lotste, von Snapes verärgertem Blick bekam sie nichts mit.
Das Nächste, was sie wahrnahm, war der Krankenflügel. Dort befand sie sich mit genähter und geschwollener Augenbraue in einem Krankenbett, neben dem selbstverständlich Hawkins saß und sie nachdenklich anstarrte. Sie sagte nichts, weil sie erstens nichts sagen wollte und zweitens nicht wusste, was sie großartig hätte sagen können. Sie spürte so viel auf einmal, dass sie schon wieder fast nichts mehr spürte. Der stechende Schmerz an der Augenbraue, die pochenden Kopfschmerzen, beigleitet von einem Dröhnen, die Entzugserscheinungen in Form von chronischer Kälte und Zittern und der unumgängliche Schmerz des Verlustes. Nein, sie wollte nicht an Joe denken. Es würde sie umbringen.
‚Wäre das denn so schlimm?'
Hawkins schnappte sich das leere Glas von dem Tisch neben Jess Bett, füllte es mit kühlem Wasser auf und reichte es ihr. „Ich weiß, dass dir kalt ist, aber das steht jetzt nicht im Vordergrund. Es würde sich auch durch kochendes Wasser nicht ändern, also trink einfach etwas hiervon. Und danach wirst du essen." Jess sah ihn ärgerlich an und wollte gerade zum Sprechen ansetzen, doch: „Ob du willst oder nicht." Also fügte Jess sich und trank, danach aß sie von dem Toastbrot, dass Hawkins ihr hatte bringen lassen. Sie hätte es niemals zugegeben, aber zumindest hatte diese Prozedur ihr Unwohlsein nicht im geringsten verstärkt. Außer, dass sie sich etwas hatte „befehlen" lassen. Und das hatte ihr noch nie in den Kram gepasst.
Nachdem Jess gegessen hatte, wich sie Hawkins Blicken aus, indem sie ein paar Minuten lang vollkommen regungslos und mit leerem Blick die Decke anstarrte. Dann, ganz plötzlich, krallten sich ihre Finger in den Stoff der Bettdecke, sie kniff die Augen zusammen und unterdrückte ein schmerzhaftes Stöhnen. Auch wenn sie nicht mit Sicherheit sagen konnte, woher der Schmerz kam, so konnte sie es sich doch sehr gut denken. Der Schmerz hatte sich wie ein Lauffeuer von ihrem Magen aus in alle Richtungen des Körpers ausgebreitet und wandelte sich jetzt, nach qualvollen Momenten, in einen grausigen Eissturm um. Das Zittern verstärkte sich und Jess' Eingeweide zogen sich qualvoll zusammen. Sie hielt die Augen geschlossen und biss sich heftigst auf die Unterlippe, um diesem höllischen Vorgang in sich nicht lauthals Luft zu machen. Hawkins sagte nichts und er tat auch nichts, er sah sie einfach regungslos und wissend an, genau wie Snape, der die Szene unbemerkt von der Tür aus beobachtet hatte. Jetzt räusperte er sich und kam auf Jess und Hawkins zu. Auch ohne die Augen zu öffnen, wusste Jess, dass Snape sich ihr näherte. Sie erkannte seine Schrittfolge, sie erkannte seine regelmäßigen Atemzüge, als er neben ihrem Bett stand. Sie erkannte ihn einfach. Snape machte eine ausladende Kopfbewegung in Richtung Hawkins und wartete anschließend so lange, bis dieser den Raum verlassen hatte und er mit Jess allein war. Dann nahm er sich einen Stuhl zur Hand und setzte sich.
Jess, auf deren Stirn sich mittlerweile Schweißperlen gebildet hatten, blinzelte ihn nur an und gab ein „mh" von sich, was für Snape die Aufforderung darstellte, sein unerwartetes Auftauchen zu begründen. „Wir konnten es zwar nicht genau feststellen, aber ich gehe davon aus, dass es Malfoy war." Jess, die vom Schmerz begleitet auflachen musste, gab nur ein gemurmeltes „dieser Bastard" von sich. Snape stand auf und ging um das Bett herum, stützte sich mit den Händen leicht auf das freie Stück Bett neben Jess und betrachtete ihre Platzwunde so eingehend, dass Jess fast angenommen hätte, er wolle sie berühren – wäre es nicht Snape gewesen.
Sie sah ungemein schlecht aus. Man konnte ihr ihre körperliche und geistige Verfassung regelrecht ansehen. Dunkle Augenringe, Blässe, sie zitterte und jetzt noch die bläulich verfärbte Schwellung um die Platzwunde herum. Er ärgerte sich ungemein über diesen Idioten von Malfoy. Er trug die Schuld daran, dass Jess nun eine Ausrede hatte, um sich heute Abend nicht in seine Kellerräume begeben zu müssen.
Aber Severus Snape würde sicherlich noch Mittel und Wege finden…