Zu ihrer eigenen Überraschung sah Jess Snape ununterbrochen in die Augen, während er ihrem Gesicht immer näher kam und sie betrachtete. Dass er ihre Verletzung begutachtete störte Jess nicht weiter, doch als er nicht wieder wich, sondern sich in Gedanken zu verlieren schien, war sie doch etwas irritiert. Den zornigen und gehässigen Ausdruck, den seine Augen annahmen, ließen in ihr unheilvolle Erinnerungen wach werden und das erste Mal war sie froh, dass Hawkins zumindest vor der Tür stand. Dann jedoch, ganz langsam, nahm die Zornesfalte zwischen Snapes Augen ab, seine Gesichtszüge entspannten sich. Er hatte lange Zeit geradeaus gestarrt, jetzt jedoch wandte er sich wieder seiner Schülerin zu und musterte sie ganz ohne jeden Ausdruck. Jess wagte es nicht, diesen Moment mit Worten zu unterbrechen, sie ergriff stattdessen die Gelegenheit, ihren Professor für Zaubertränke etwas genauer zu mustern. Sie wollte sich gerade einprägen, wie Snapes Gesicht in fast entspanntem Zustand aussah, als die Tür geöffnet wurde.

Hawkins trat ein, sodass selbst Snape wieder in die Realität gerissen wurde. Er und Jess drehten ihre Köpfe zeitgleich in die Richtung des Eindringlings, jedoch entfernte Snape sich keinen Zentimeter von Jess, was Hawkins wiederum ein kurzes Wimperzucken entlockte.

Snape verließ ohne einen weiteren Kommentar den Raum. „Was gibt's?!" Jess' Stimme war tonlos. „Dich rund um die Uhr zu beaufsichtigen, während ich vor der Tür stehe, gestaltet sich schwer." Der Klang seiner Stimme war bestimmt. „Steh auf. Ein längerer Aufenthalt auf der Krankenstation ist nicht notwendig, denke ich." Er stellte sich vor sie und reichte ihr seine Hand. Diese starrte Jess nur kalt an, schlug dann die Decke beiseite und stützte sich auf dem Bett ab, um ohne seine Hilfe auf den Boden zu gleiten. Doch plötzlich packte sie ein unnatürlich heftiger Schwindel, der ihr auch noch jedes Gefühl in den Beinen nahm. Wäre Hawkins nicht da gewesen, hätte sie sich jetzt weitestgehend hilflos auf dem Boden wiedergefunden. Sie hielt sich krampfhaft an seinen Schultern fest, während seine Hände sie sicher an den Hüften hielten. Wie unwohl ihr gerade zumute war, hätte sich mit keinen Worten der Welt ausdrücken lassen können.

Der Schmerz kam plötzlich und heftiger denn je zurück, was dazu führte, dass Jess Hawkins völlig erschrocken wegstieß, einige Schritte zurück taumelte und entsetzt aufkeuchte. In allererster Linie nahm sie wahr, dass ihr Kopf zu explodieren schien und sie sich gleichzeitig hätte übergeben können. Jess stieß gegen den kleinen Tisch hinter ihr, was das Wasserglas darauf zu Boden fallen und zerbersten ließ. Alarmiert von dem Lärm kam Mme. Pomfrey angerauscht und stieß wiederum Hawkins zur Seite, der Jess an beiden Armen gepackt hatte, damit diese nicht wieder den Gang zum Boden antrat. Sie legte einen Zauber über die Schülerin, der sie sanft das Bewusstsein verlieren und schweben ließ.

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Der Meister der Zaubertränke der Schule Hogwarts, Professor Severus Snape, eilte schnellen Schrittes durch das Schloss, sein wehender Umhang ließ ihn noch bedrohlicher erscheinen als sonst und die Schüler, die seinen Weg kreuzten, zogen erschrocken die Köpfe ein. Der Professor selbst ignorierte jeden weiteren anwesenden Menschen auf seinem Weg hinunter in die Kerkerräume. Dort angekommen öffnete er die Tür zu seinen Privaträumen und ließ diese, nachdem er eingetreten war, laut zufallen. Sehr viel gemäßigter ging er danach auf einen der Sessel zu, die vor dem Kamin standen und ließ sich dort hineinfallen.

Nachdem er eine Weile die Augen geschlossen hatte, entfachte er das Feuer und starrte nachdenklich in die Flammen. So etwas wie grade durfte unter keinen Umständen noch einmal passieren. Er hatte sie schön gefunden. Trotz der Blässe und den Schatten unter den Augen, trotz der sichtlichen Erschöpfung – für einen einzigen, kurzen Moment hatte er erkannt, dass seine Schülerin einfach schön war. Ihre eisblauen Augen, die etwas blassen aber wohlgeformten Lippen. Das schmale, aber nicht dünne Gesicht. Umrahmt von schwarzem, schimmerndem Haar. So sehr diese Eindrücke auch im Gegensatz zu seinen Gefühlen standen, er hatte sie doch genau so gesehen.

Nein, das durfte definitiv nicht noch einmal vorkommen.

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Als Jess wieder zu sich kam, befand sie sich auf ihrem Zimmer, sie lag im Bett. Hawkins saß neben ihr und machte sich Notizen, wie es schien. Jess stand, begleitet von einem unterdrückten Stöhnen, auf und sah sich um, sie suchte nach ihrer Uhr. Ihr Schädel dröhnte noch immer und schmerzte höllisch, aber zumindest war der Schwindel kaum noch vorhanden. Ein Blick aus dem Fenster zeigte ihr, dass die Sonne noch nicht untergegangen war. ‚Verdammt!'. Sie grummelte. „Es ist viertel nach sechs. Mach dich fertig, Professor Snape erwartet dich." Jetzt war sie erst recht verärgert. Snape auf sie loszulassen, in solch einem Zustand, das war wirklich unverschämt. Aber ihre allgegenwärtigen Schmerzen waren zu groß, als dass sie sich jetzt noch einer Diskussion hingeben wollte. So begab sie sich, gefolgt von Hawkins, ins Bad, um die Prozedur des Morgens zu wiederholen.

Als sie fertig und angekleidet war, zeigten die Zeiger auf fünf vor sieben. Jess holte tief Luft und begab sich ins unterste Geschoss, zu den Kellerräumen. Die düstere Umgebung passte perfekt zu Snape. Jess hoffte, dass Hawkins, der neben ihr herging, bei Jess' Strafarbeit anwesend sein würde.

Sie sollte enttäuscht werden. Denn als sie um punkt sieben Uhr an die schwere Holztür klopfte, öffnete Snape und er und Hawkins nickten sich zu, worauf letzterer den Rückweg antrat. ‚Snape einen Blankoscheck über das Vertrauen auszustellen ist wirklich eine scheiß Idee, Leute' dachte Jess sich, die sehr unruhig wurde, als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel. Snape stand hinter ihr, es machte sie fast wahnsinnig, doch sie zwang sich zur Ruhe. Sie umklammerte ihren Zauberstab unter ihrem Unhang unbewusst so sehr, dass Snape das Zucken ihrer Muskeln nicht entgangen war. „Den werden Sie nicht brauchen, Miss Bodes." Seine Stimme war so kalt, dass sie es klirren hörte. Er ging an ihr vorbei auf das Pult zu, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Auf dem Steinpult befand sich zentral ein Kessel, der bereits eine köchelnde Flüssigkeit enthielt. Darum verteilt lagen Bücher, Werkzeuge und andere Materialien. Jess verbrachte die nächsten zwei Stunden damit, Snape Zutaten aus den Regalen zu reichen, die er ihr zubellte. Wenn sie Bezeichnungen nicht zuordnen konnte, herrschte er sie forsch an oder führte ihr ihre Unfähigkeit vor Augen. Es war mehr als niederschmetternd.

Snape befahl Jess, ihm drei lebende Spinnen aus einem großen Glasbehälter zu reichen. Das Problem dabei war, dass Jess panische Angst vor krabbelnden Tieren mit mehr als vier Beinen hatte. Sie nahm zitternd das Glas in die Hand und hielt es sich möglichst weit vom Körper weg, als sie es zum Pult trug und dort abstellte. Danach ging sie zwei Schritte zurück und betrachtete den Glasbehälter mit deutlicher Anspannung. Snape hatte sie aus den Augenwinkeln beobachtet und stellte jetzt die Flamme unter dem Kessel kleiner, danach drehte er sich Jess zu, die nach wie vor die Spinnen hinter dem Glas anstarrte. Ein halb gehässiges, aber auch halb amüsiertes Grinsen umspielte Snapes Mundwinkel, als er sie ansprach: „Sie fürchten sich vor Spinnen, Miss Bodes?" Jess blickte ihm nur für den Bruchteil einer Sekunde in die Augen, dann betrachtete sie wieder die Tiere in dem Behälter. Jess liefen pausenlos kalte Schauer über den Rücken, aber sie konnte es nicht lassen, diese dürren, drahtigen Beine zu betrachten, die mit Bedachte den runden, schwarzen, kaum behaarten Körper über das Glas und die Glaswände hinauf trugen.

„Sie haben Angst?" Jess zuckte zusammen. Von Jess unbemerkt hatte Snape sich hinter sie gestellt und ihr die Frage beinahe ins Ohr geflüstert. Als sie nun erschauderte wusste sie nicht genau, ob es an den Spinnen oder ihrem Professor lag. Keine der beiden Alternativen erschien ihr reizvoll. Sie spürte, dass er ihre Hand ergriffen hatte, doch sie fühlte sich nicht im Stande, sich dagegen zu wehren.

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Snape behandelte Jess diesen Abend noch gemeiner als sonst schon im Unterricht. Er war sich dessen bewusst und er wusste auch, dass er wegen dem Vorfall im Krankenflügel noch immer verärgert war. Und genau das würde er sie spüren lassen.

Beinahe hätte er zu vermuten begonnen, dass sein herablassendes, fast schon beleidigendes Verhalten an seiner Schülerin abprallen würde, als er bemerkte, wie sie mit den Spinnen umging. Es fiel im schwer zu glauben, dass Jessica Bodes, die ewig Aufmüpfige, sich vor diesen Krabblern fürchtete. Aber genau so schien es zu sein.

Er hatte sich vorsichtig und unbemerkt hinter sie gestellte und ihre linke Hand ergriffen. ergriffen. Er spürte, wie sie sich verspannte, aber sie schien sich nicht zu wehren. Einen gemurmelten Zauberspruch später war der Deckel vom Glas gewichen und Snape ergriff nun auch die rechte Hand seiner Schülerin. Diese wirkte nun richtig angespannt, dennoch hielt er ihre Linke fest umgriffen und legte diese nun um das Glas. Er konnte sich vorstellen, wie ihr Gesicht langsam panische Züge annahm, was ihn jedoch nicht davon abhielt, ihre rechte Hand der runden Öffnung am oberen Ende des Glases zu nähern. Er kehrte ihre Handfläche nach oben und ließ sie das Glas ein wenig kippen, schon bahnten sich die ersten Tiere ihren Weg in Richtung Ausgang. Als die erste Spinne ihre Beine auf der schlanken Frauenhand niederließ, spürte Snape, wie seine Schülerin in sich zusammensackte und ihr Gewicht auf seinen Armen lastete.

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Sie kam sich vor wie im Film, als sie zum x-ten Mal aufwachte und zuerst nicht wusste, wo sie sich befand. Auch bei genauerem Hinsehen wusste sie es noch immer nicht. Die Decke war schwarz, die Wände ebenso, der Boden war fast schwarz gefliest. Das schwarze Himmelbett, in welchem sie lag, war mit weinrotem Samt verhangen. Sie zog einen Vorhang vorsichtig beiseite und sah sich um. Sie erblickte eine Tür und außerdem einige wenige Kerzen, die dem düsteren Raum sehr wenig Helligkeit verliehen. Jess begab sich zur anderen Seite des Bettes und zog auch dort den Samt beiseite. Was sie dort sah, trieb ihr wirklich die Angst ein.

Snape saß vor ihr. In einem schwarzen Ledersessel. Eine einzige Kerze beleuchtete eine Hälfte seines Gesichtes schwach. Er schaute so duster drein, wie noch nie zuvor. Jess sah sich schnell noch einmal um und verstand endlich: Das hier war sein Schlafzimmer.

Als Snape aufstand und sie mit einem Blick anfunkelte, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, wich sie reflexartig zurück. Aus irgendeinem Grund beunruhigte sie seine Kleidung zusätzlich: Er trug ein schwarzes Hemd, eine schwarze Hose und natürlich schwarze Schuhe. Nur die Schnalle seines schwarzen Ledergürtels glänzte leicht silbern.

Jess krallte ihre Finger in die seidene, schwarze Bettwäsche und wusste, dass sie vor Angst nicht einmal schreien könnte.

Snape kam auf sie zu. Wer würde ihre Schreie auch hören…?