Enjoy.
---
Sie hatte bereits den gesamten Inhalt ihrer Kommode, überwiegend Kleidung, in einem Koffer verstaut und begann nun damit, die Kleinigkeiten aus ihrer Nachttischschublade auf den Kofferinhalt zu werfen, als sie plötzlich innehielt. Sie hatte vor sehr langer Zeit eine Phiole am Ende der Schublade versteckt. Aber um diese zu entnehmen, musste man die Schublade komplett herausziehen und hinten eine angebrachte Holzplatte abreißen. Es war eine Art doppelte Wand. Jess räumte so ruhig wie möglich den Rest aus der Schublade in den Koffer, während Snape sie noch misstrauischer als zuvor beobachtete.
Ihr wurde klar, dass sie sich bereits verraten hatte. Also entschied sie sich für Ehrlichkeit, diese eine Phiole würde ihr ja doch nichts nützen.
Als die Schublade schließlich leer war, zog Jess sie komplett heraus und legt das Ende mit dem Griff aufs Bett, während sie das andere zu sich hob und kräftig am hinteren Teil zog, bis das dünne Holz schließlich nachgab. Nun hatte sie einen Teil der Rückwand in der Hand, während der andere noch immer fest in der Schublade verankert war, versehen mit einem leichten Überstand, dass man nicht einfach sehen konnte, was sich dort verbarg. Jess griff unter den Überstand und riss die mit Klebeband befestigte Phiole ab.
Als sie sich Snape zuwandte und ihm ihre Hand hinstreckte, in der der kleine Glasbehälter lag, fand sie in seinem Blick nichts als Verachtung. Er nahm ihr das Gefäß ab und ließ es in den Tiefen seiner Robe verschwinden. Sie konnte ihre Augen nicht von seinen abwenden, dieser Schmerz, der ihr durch seinen Blick zuteil wurde, war ein überwältigendes Lebenszeichen. Und trotzdem war es noch immer Schmerz. Sie blinzelte kurz und wandte sich wieder ab.
Gefolgt von Snape ging sie nun in das kleine Badezimmer und investierte dort etwas mehr als fünf Minuten, um auch den restlichen Besitz zu verpacken. Anschließend wandte sie sich dem Meister der Zaubertränke zu. „Ich bin fertig." Ihre Stimme klang angespannt, sie war nicht sonderlich erpicht darauf, bei Snape zu leben und seine Laune(n) zu ertragen. Er stand vor ihr, die Arme vor der Brust verschränkt und an den Türrahmen gelehnt, ohne ein Wort zu sagen. Er sah ihr einen Moment lang mit herablassendem Blick in die Augen, dann stieß er sich leicht vom Rahmen ab und ging zurück in ihr Schlafzimmer.
Die gemurmelten Worte „Vingardium Leviosa" bewirkten, dass Jess' Gepäck aus ihrem Schlafzimmer augenblicklich neben dem Professor schwebte. Sie war überrascht, dass er sich dieser Sache annahm, aber sie sagte nichts dazu. Offenbar hatte er es eilig, denn Jess blieb nicht einmal genügend Zeit, sich noch einmal umzusehen, wenn sie ihm folgen wollte.
Schnellen Schrittes näherten sich die beiden den Kerkerräumen und als sie vor der Tür zu seinen Privaträumen standen, konnten sich zwei Fünftklässler aus Gryffindor neugierige Blicke nicht verkneifen. „Für Ihr impertinentes Gestarre verliert Gryffindor 20 Punkte!", blaffte Snape und die beiden legten auf der Stelle mit verängstigten Minen einige Schritte zu.
Nachdem Snape die Tür geöffnet hatte, bot sich Jess die Gelegenheit, Snapes Wohnzimmer eingehender zu betrachten, als bei ihrem letzten, ebenfalls unfreiwilligen Besuch: Auch hier war der Boden mit schwarzen Fliesen ausgelegt, allerdings hatte man Wände und Decke so belassen, wie sie gebaut worden waren: Dunkler, rauer Stein. Es gab überall Kerzen, einen Kamin, von dem ein Sofa sowie ein Sessel standen. Jess fragte sich, wieso um alles in der Welt dieser Raum so unpassend einladend wirkte. Der Teppich vor dem Kamin schrie geradezu danach, barfuß überquert zu werden. Sie schaute sich unverfroren um. Die Wände waren zum größten Teil mit Bücherregalen vollgestellt, alle aus dunklem Holz und alle hoffnungslos voll. Hier und da lagen Bücher herum. Es sah fantastisch aus. So schrecklich fantastisch.
Erst jetzt bemerkte Jess, dass Snape neben ihr stand und ihr dabei zusah, wie sie sein Wohnzimmer betrachtete. Er hatte ihr Zeit dazu gelassen. Noch bevor sie sich großartig darüber wundern konnte, schritt er auch schon wieder von dannen, in Richtung Schlafzimmer. Dieses hatte sich nicht großartig verändert, nur ein wenig größer schien es und es beherbergte ein Bett mehr, Jess' zukünftiger Schlafplatz.
Snape stellte ihr magisch bewegtes Gepäck vor ihrem Bett ab und sah sie dann grimmig an. „Ich werde Ihnen jetzt die restlichen Räume zeigen." Es war so surreal, was hier vor sich ging. Und trotzdem schlug Snape den direkten Weg zu einer Tür ein, die nicht ins Wohnzimmer, sondern ins Badezimmer führte. Wen wunderten die dunklen Fliesen und vielen Kerzen schon noch? Auch wenn sie es nie zugegeben hätte, so war Jess doch beeindruckt von der großen Eckbadewanne, der geräumigen Dusche und dem sehr großen Waschbecken. Sie sah sich bereits in der Wanne liegen, zahlreiche Kerzen um sie herum entflammt, Snape kam herei– Moment! Was war das denn?! Jess schreckte entsetzt zurück und prallte gegen ihren Hauslehrer, der hinter ihr stand. Mit weit aufgerissenen Augen schaute sie zu ihm hoch, er entgegnete einen verärgerten, aber auch verwunderten Blick. Sie rechnete bereits damit, dass er jeden Moment in ihren Geist eindringen würde, um zu erfahren, was sie so erschrocken hatte, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen grummelte er nur genervt und ging durch die andere Tür des Badezimmers ins Wohnzimmer. Er wartete nicht auf Jess, die noch immer nicht reagieren konnte. Sie schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf, als würde dies die bereits gedachten Gedanken vertreiben können. Dann ging sie Snape hinterher.
Die kleine Küche war größtenteils dunkel gehalten, durch die weiße Arbeitsplatte ergab sich deswegen ein allzu hässlicher Kontrast. ‚Schön ist, was gefällt', dachte sich Jess und folgte stumm dem Zaubertränkelehrer, welcher sich nun mit ihr auf den Weg in sein Büro machte. Der Schreibtisch war wie erwartet aufgeräumt, davor standen zwei schwarze Ledersessel. Wer sich hierher verirrte, würde so schnell sicher nicht wiederkommen wollen. Die Wände waren genauso von Büchern verdeckt, wie auch die im Wohnzimmer.
Neugierig machte Jess eine Tür, durch die Snape offensichtlich nicht gewillt war, mit ihr zu gehen. Sie sagte nichts und wettete doch, dass sich dahinter sein Labor befand, dass er noch nicht zur Genüge von diversen Substanzen befreit hatte, an denen Jess sich hätte vergreifen können.
„Wie Sie sehen, habe ich von meinem Büro aus freien Blick auf den Kamin, ich werde jetzt meinen Verpflichtungen nachkommen, wenn Sie also so freundlich wären, sich vor dem Feuer zu beschäftigen?" Es war keine Bitte. Jess überlegte, wie sie sich die Zeit vertreiben konnte. Muggel-Fernsehen gab es hier unten selbstverständlich nicht. Sie zögerte. „Worauf warten Sie noch?" Es würden sechs wundervolle Wochen werden, ganz sicher. Ihre Mine verfinsterte sich. „Auf Ihre Gastfreundschaft.", lautete ihre trotzige Antwort. Am liebsten hätte sie mit einer „Wie konnte ich nur so blöd sein, das zu sagen"-Mine die Augen geschlossen und tief Luft geholt, doch stattdessen funkelte sie ihn, so zornig sie nur konnte, an.
„Wie bitte?!" Es wirkte schon ein wenig bedrohlich, wie er auf sie hinabstarrte. Jess erinnerte sich an den unverzeihlichen Fluch, für den sicherlich Dumbledore vor dem Minister hatte grade stehen müssen. Sie wurde noch wütender. „Sie haben mich schon verstanden, Professor." Das letzte Wort betonte sie, als sei es eine Schande. Snape ging auf sie zu und obwohl sie wütend war, wich sie zurück. Ihr Zorn wollte auch nicht weichen, als sie die Steinwand hinter sich spürte. Sie wusste, dass neben ihr der Kamin war, zu dem er sie ja ohnehin geschickt hatte. ‚Ist doch alles wunderbar', schoss es ihr durch den Kopf.
Snape seinerseits stützte seine Hände neben ihrem Kopf gegen die Wand und beherrschte sich, so gut es ging. „Miss Bodes…" Diese tiefe Stimme machte Jess fast wahnsinnig… „…Sie sind nicht mein Gast, sie sind eine Plage. Sie haben keinen Anspruch auf jedwede Forderungen. Das sollte Ihnen bewusst werden, wenn sie die nächsten Wochen hier einigermaßen überstehen wollen. Hüten Sie Ihr verdammtes Mundwerk oder ich werde dafür sorgen, dass Sie es tun." Jess wusste nicht, wieso, aber am liebsten hätte sie gegrinst. Stattdessen entfuhr ihr ein „Mit Ihren unverzeihlichen Flüchen freunde ich mich ja zur Zeit an, nicht wahr?" Die Herausforderung in ihren Augen und ihre Worte überstiegen jedes Maß an Frechheit und Dreistigkeit. Und dennoch hatte sie einen wunden Punkt getroffen.
„Lynch!", bellte er.
Nachdem der Hauself Jess Trinken und eine Kleinigkeit zu essen gebracht hatte, hatte sie sich ungefragt ein Buch aus Snapes übergroßer Sammlung genommen und in einem der Sessel vor dem Kamin begonnen zu lesen. Mittlerweile wurde es dunkel und das Feuer schien ihr zu gefallen.
Snape hingegen gefiel gar nichts. Missgelaunt versuchte er seit Stunden vergebens, sich auf Aufsätze zu konzentrieren, die seine Schüler vor den Ferien abgegeben hatten. ‚Dieses Biest!' Immer wieder starrte er zur ihr hinüber, wie sie dasaß und sich in seinem Fachbuch über Zaubertränke vertiefte, ab und an einen Schluck trank und ganz selten einen Keks nahm. Sie hatte ihren Umhang abgelegt und saß nun in schwarzer Hose und schwarzer Bluse da, das Haar fiel ihr strähnenweise ins blasse Gesicht. Ihre Augen funkelten im Feuerschein.
Er hätte ausrasten können. Aber es brächte ja doch nichts, es war sein unbedingter Wille gewesen, sie hier zu haben. Das alles hatte phänomenal schlecht begonnen. Er konnte nicht viel erwidern, wenn sie ihm seinen Cruciatus an den Kopf warf und abgesehen davon wollte er auch um nichts in der Welt darüber reden. Schon gar nicht mit ihr.
Er warf seine Feder sachte auf den Tisch und lehnte sich zurück. Mit grimmigem Blick dachte er an Dumbledore. Schon um seinetwillen musste er dieses Mädchen ausreichend gut behandeln. Der größte Magier seiner Zeit hatte Snape ohne viel Aufheben aus der Affäre gezogen, doch seine Sympathien hatte Snape sich bei seinem Vertrauten verspielt.
Während er sich noch über seine einmalige Unbeherrschtheit ärgerte, nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Sie hatte das Buch auf den kleinen Tisch neben sich gelegt und sich zurück gelehnt. Wie sie dasaß, mit geschlossenen Augen und so reglos, sah sie ungemein erschöpft aus.
Dann drehte sie ihren Kopf zu ihm und blickte ihm geradewegs in die Augen.
