16. Kapitel: Der tiefe Fall
Sie konnte gar nichts dagegen tun, dass ihr die Gesichtszüge entglitten. Eigentlich hätte sie mit einem derartig dummen Spruch rechnen müssen, aber angesichts der hinter ihr liegenden Nacht war sie etwas gedankenlos.
So guckte sie nun denkbar dumm aus der Wäsche, die Haare wirr im Gesicht hängend, zitternd und langsam (aber sicher) mächtig wütend werdend. Sie wollte etwas sagen, ihm etwas Schlagfertiges ins Gesicht schmettern, doch mit einem Mal wurde ihr speiübel und sie stürzte an ihm vorbei ins Badezimmer, wo sie es gerade noch bis zur Toilette schaffte, um sich zu erbrechen.
Während sie keuchend über der Kloschüssel hing und krampfhaft versuchte, den aufkommenden Schwindel zu unterdrücken, hatte Snape sich zu ihr gedreht und sie – Kaffee schlürfend – beobachtet.
Sie gab ein jämmerliches Bild ab, wie sie da hockte, der ganze Körper in sich bebend und sich schüttelnd. Hinter dem Haar tränten ihre Augen sicher wie verrückt.
Es ließ sich nicht vermeiden. Nicht, dass ihm an ihrem Wohlbefinden gelegen wäre. Aber er wusste, dass er es ihr nicht leichter machen konnte. Aus dem einfachen Grund, dass er es nicht wollte. Sie sollte ihre Lehre ziehen.
Er stellte sich hinter sie und beugte sich zu ihr hinunter. „Das kann drei Gründe haben. Der erste und unwahrscheinlichste ist, dass Sie sich in ‚anderen Umständen' befinden – was ich nicht für Sie hoffen möchte. Die zweite Möglichkeit wäre, dass Ihre Nacht, um es direkt zu sagen, zum Kotzen war. Und drittens könnte es damit zu tun haben, dass Sie ein kleines Drogenproblem haben."
Dann ging er weiter und stellte seine, inzwischen leere, Tasse in der Küche ab.
Erschöpft keuchend und sehr zittrig erhob sie sich und betätigte die Spülung. Dann putzte sie sich die Zähne und wusch sich das Gesicht.
Hätte sie mehr Kraft gehabt, sie hätte ihn angeschrieen. Was sie gesagt hätte, wusste sie nicht. Irgendetwas böses, etwas ehrliches. Aber so saß sie nur mit geschlossenen Augen auf dem Badewannenrand und fror entsetzlich. Jetzt eine heiße Dusche. Ja, genau das brauchte sie.
Nachdenklich wandte sie sich zur Türe und sah ins Wohnzimmer. Sie wusste, dass Snape in der Küche war. Das war ihre Gelegenheit.
Schnell zog sie sich aus und stieg in die Duschkabine. Die Glaswände hatte sie per Zauberei beschlagen lassen, bevor überhaupt der erste Wassertropfen den Duschkopf verlassen hatte.
Als Snape das Wasser rauschen hörte, trat er den Weg zurück ins Badezimmer an. Mit dem Tagespropheten bewaffnet setzte er sich auf den heruntergeklappten Klodeckel und versuchte zu lesen. Da er aber eher damit beschäftigt war, die Konturen seiner Schülerin durch das Glas zu erahnen, gelang ihm das nicht recht. Er schmunzelte kurz unmerklich und wandte schließlich einen Zauber an, der ihm ein wenig Einblick in die Duschkabine verschaffte. Immerhin soviel, dass er Jess' Kopf und die Schultern sehen konnte.
Sie hatte sich mit einer Hand an der Wand abgestützt und hielt den Kopf unter Wasser. Mit der anderen Hand fuhr sie sich über das Gesicht. Der Mund stand offen, sie atmete.
Dann öffnete sie die Augen unter dem Wasserstrahl, drehte den Kopf zur Seite und sah Snape mit zusammengekniffenen Augen an.
Sie hätte ihn innerlich mit Sicherheit einen Perversen geschimpft, wenn sie nicht mit anderen Dingen beschäftigt gewesen wäre. Sie konnte nichts dagegen tun, dass ihr immer wieder die Augen zufielen, ihre Beine schienen zu Wackelpudding zu mutieren. Sie hatte nur zwei Gedanken: „Scheiße" und „Bloß nicht nackt ohnmächtig werden!".
Eh sie sich versah machte sich die Erdanziehungskraft bemerkbar und beförderte sie unsanft auf den Boden der Duschkabine. Sie stöhnte auf, spürte den Schmerz des Aufpralls aber nicht. Irgendwo weit weg hörte sie Papier rascheln und Wasser rauschen. Es wurde immer dunkler um sie herum und scheinbar versuchte irgendjemand, mit ihr zu sprechen.
Erfolglos.
Sie gab sich der Schwärze hin.
Snape war sofort aufgesprungen und hatte die Tür der Duschkabine unwirsch aufgerissen. Den nassen, inzwischen leblosen Körper konnte er zuerst nicht richtig packen, doch nun lag Jessica, schlafend, in ihrem Bett. Wie Gott sie geschaffen hatte. Nun gut, zumindest zugedeckt. Snape hatte sich mit einem Tee und ein paar Aufsätzen in sein eigenes Bett begeben und schaute dann und wann ungeduldig zu seiner Schülerin.
Schlaf- und Schmerzmittel, die er ihr gegeben hatte, schonten nun auch endlich seine Nerven. Er hatte nur auf so einen Zusammenbruch gewartet, allerdings war der Zeitpunkt unschlagbar ungünstig.
Ihre Nacktheit hatte ihn nicht erschrocken und er hätte deswegen auch keine Sekunde gezögert. Sie war weiß Gott nicht die erste nackte Frau, die er gesehen hatte.
Aber erst jetzt war ihm ihre schlechte körperliche Verfassung wirklich bewusst geworden. Sie war viel zu dürr, regelrecht abgemagert. Da wunderte er sich fast, woher sie noch die Energie nahm, frech zu sein.
Bevor er sich weiter Gedanken machen konnte, hörte er ein leises Stöhnen.
Als erstes stellte sie fest, dass sie schreckliche Kopfschmerzen hatte. Dann bemerkte sie die Gliederschmerzen.
Das war allerdings nichts gegen den Schock, der sich danach einstellte: Sie war nackt! Oh Gott! Erschrocken fuhr sie hoch (nicht ohne die Decke über ihrer Brust festzuhalten) und starrte ihrem Hauslehrer geradewegs in die Augen. Schritt für Schritt kam ihr die Erinnerung in den Sinn und je mehr sie sich entsann, desto größer wurden ihre Augen.
Er konnte förmlich mitzählen, wie ihr Schritt für Schritt wieder einfiel, was passiert sein musste. Dann ließ sie sich erschöpft – und erneut entnervt stöhnend – zurück ins Kissen fallen. Bis ihr scheinbar einfiel, dass sie sich doch gerne anziehen würde. Also lehnte sie sich über den Rand ihres Bettes hinaus und fischte mit den Armen in ihrem Koffer herum. Scheinbar hatte sie vergessen, dass es dafür Zauberei gab. Andererseits war es ihr vielleicht zuwider, nur mit einer Bettdecke bekleidet nach eben diesem zu suchen.
Jedenfalls fiel Snape erneut auf, dass dieses Mädchen zu wenig wog. Für seinen Geschmack zeichneten sich ihre Schulterblätter zu deutlich ab. Er überlegte, ob sie an einer Essstörung litt oder ob ihr geringes Gewicht eher auf ihrem Drogenproblem basierte. Beides war möglich.
Sie war nun weder doof noch blind. Offensichtlich aber war ihr Hauslehrer nicht ganz bei der Sache, denn er starrte mit leerem Blick auf ihren Rücken, ohne zu merken, dass sie davon sehr wohl Notiz genommen hatte.
Sie fühlte sich unwohl dabei, trotzdem wartete sie darauf, wie er reagieren würde, wenn er bemerkte, dass sie ihn beobachtete. Er schien intensiv nachzudenken und es würde seine Faltenbildung definitiv vorantreiben, wenn er die Stirn noch ein paar weitere Minuten so leicht runzelte.
Jess nutzte den Moment und musterte sein Gesicht. Er war wahrlich keine Schönheit. Und doch war er unheimlich interessant. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob er eher unheimlich oder eher interessant war. Sicher war jedenfalls, dass seine schwarzen Augen eine unerwünscht starke Anziehung auf Jess ausübten.
