Am Montagmorgen reißt Neji der penetrante Piepton seines Weckers aus dem komaähnlichen, traumlosen Schlaf, in den er in den frühen Morgenstunden doch noch gefallen ist, nachdem er äußerst unruhige Phasen hinter sich gebracht hat. Gleich beim ersten irren Schrillen öffnet der Junge die Augen und sein Herz beginnt vor Aufregung sofort zu rasen, als hätte er einen Marathon hinter sich. Erkenntnis macht sich breit, als hätte er überhaupt keine Ruhe gehabt. Den Schlaf hätte er sich damit vielleicht sogar sparen können...

In ein paar Stunden ist es soweit.

Der Moment, auf den er seit drei Jahren ungeduldigst wartet, naht heran. Nein, es ist wahrhaftig nicht so, dass Neji befürchtet, er würde aufgrund unzureichender Vorbereitung oder mangelnden Fähigkeiten durch die Chu-Nin-Prüfung rasseln. Die Anforderungen erfüllt er schon so lange; eigentlich übertrifft er sie sogar. Das muss doch endlich anerkannt werden. Es heißt ja so schön, dass der Fleiß von den hart Arbeitenden belohnt wird.
Doch er traut seinem Onkel nicht, der im Ausschuss sitzt. Wird der erneut dazwischenfunken und die Hokage davon überzeugen, dass der Sohn seines verstorbenen Bruders es nicht verdient, einen Rang aufzusteigen?

Sollte der es wagen, dann, so hat Neji bereits unumstößlich entschieden, will er seinen Plan, vollausgebildeter Ninja zu werden, an den Nagel hängen. In dem Fall möchte er mit seiner Mutter in eine andere Gegend ziehen, wo sie keiner kennt, und nach abgeschlossener Schullaufbahn ein Studium beginnen, das ihn interessiert. Nein, keine zehn Pferde täten ihn hier halten, da alle wissen, dass er wie der letzte Idiot zwei Mal nicht bestanden hat. Das wäre ihm eine zu große Schmach.

Schwerfällig setzt sich der 17-Jährige auf und schlägt die Bettdecke beiseite. Die Beine schwingt er über den Rand seines Bettes und schlüpft in die Latschen, welche auf dem abgewetzten Läufer liegen. Natürlich ist er noch müde. Nach dem gestrigen exzessiven Training ist das nicht verwunderlich.
Lang streckt der Junge sich, sobald er steht und macht sich dann daran, sich anzuziehen. Um vor Ort Zeit zu sparen, wählt er gleich einen schwarzen Ninjaanzug aus dem Kleiderschrank. Den von gestern kann Neji nicht tragen, da er noch nicht vollständig vom Regen getrocknet ist. Als er sich den blauen Gurt umbindet, hofft er, dass es das letzte Mal ist und er nachher endlich im Besitz des braunen ist, welchen ihn als Chu-Nin auszeichnet.

Im Flur stößt Neji beinahe mit seiner Mutter zusammen. Lin zuckt erschrocken zurück, als ihr Sohn so plötzlich aus seinem Zimmer stürmt. Nein, sie hatte ihn dort drinnen überhaupt nicht gehört. Aber mittlerweile ist die Frau es gewöhnt, dass der 17-Jährige sich derart leise verhalten kann, dass man seine Anwesenheit nicht bemerkt. Ihr Mann Hizashi war dazu ebenfalls in der Lage und sie ist wirklich stolz, dass Neji ihm in seinen Fähigkeiten nacheifert.
So aus dem Gleichgewicht gebracht, rutscht ihr das Geschirrhandtuch vom Unterarm, das sie bei sich hat. Doch Nejis Hand schnellt blitzartig vor und bekommt es rechtzeitig zufassen, bevor es wirklich in Bodennähe gelangt. "Danke", murmelt seine Mutter beeindruckt und fügt dann lauter hinzu, "Ich hoffe, du hast einigermaßen geschlafen. Setz' dich in die Küche, ich mache dir Frühstück. Deine Tasche habe ich auch schon gepackt." Innerlich wundert sie sich, wie der Junge es geschafft hat, das Handtuch aufzufangen. Seine Bewegung hat sie kaum gesehen.

"Das brauchst du doch nicht, Mama", beschwert sich Neji und ist gleichzeitig froh, dass sie für ihn gepackt hat, denn er hätte durch seine Nervosität bestimmt die Hälfte vergessen.

Verständnisvoll lächelt Lin. "Möchtest du ein Ei?", erkundigt sie sich, ohne auf seinen Einwurf einzugehen. Fast möchte ihr Sohn ablehnen, weil er keine Ahnung hat, wie er jetzt etwas schaffen soll. Zu sehr konzentriert er sich innerlich auf die Prüfung, dass sein Magen nichts zu melden hat. Doch Lin guckt derart motiviert, dass Neji eine Ablehnung nicht übers Herz bringt.

Gemeinsam gehen sie in die Küche und die Mutter holt den Eierkarton aus dem Kühlschrank. Das Geschirrhandtuch hängt sie an einen Haken hinter der Tür. Eine abgewaschene Pfanne nimmt sie sich von der Ablage neben der Spüle, gießt etwas Fett hinein und dreht die Herdplatte auf. Sobald es sich ein wenig erwärmt hat, schlägt sie drei Eier hinein. Mit dem Pfannenwender in der Hand, lehnt sie sich abwartend gegen den Herd. Die ganze Zeit beobachtet ihr Sohn sie beim Hantieren.

"Ich wollte doch heute wieder kochen", meint der vorwurfsvoll und rührt in seiner dampfenden Tasse Tee, die vor ihm auf dem Tisch steht.
Lin hatte sie gemacht, bevor sie feststellte, dass ein sauberes Geschirrhandtuch fehlt, welches sie anschließend aus einer Kommode im Flur holen ging. Dann kam es fast zum Zusammenstoß mit Neji.
Vorsichtig nimmt er mit gespitzten Lippen einen Schluck.

"Du bestehst erst mal deine Prüfung. Hinterher gehen wir ins Restaurant und essen gebackene Ente", erwidert Lin mit gespielter Strenge, "Kochen kannst du auch noch morgen." Mit dem Pfannenwender fuchtelt sie in der Luft herum, um die Wichtigkeit ihrer Worte zu unterstreichen. Sobald das durchsichtige Eiweiß Farbe annimmt, hebt sie es ein wenig an, damit es nicht festklebt.

"Hoffentlich bestehe ich auch wirklich...", murmelt Neji düster und stellt seine Tasse ab, denn er traut es Hiashi durchaus zu, dass der irgendwas geplant hat, um es zu verhindern.

Sekundenlang starrt Lin ihren Sohn beunruhigt an. Diese Befürchtung hat sie insgeheim ja auch, doch vor dem 17-Jährigen will sie zuversichtlich sein. "Natürlich!", wischt sie seinen Einwurf daher beiseite, "An sowas darfst du gar nicht denken... Falls du es doch nicht schaffst, kannst du ja immer noch der Akatsuki beitreiten. Die machen auch einen Ninja aus dir." Scherzhaft zuckt sie die Schultern.

Amüsiert lacht der Junge, bevor seine blassen Gesichtszüge wieder glatt werden. Er zupft sich ein Zopfgummi vom Handgelenk und bindet seine schwarzen Haare im Nacken zusammen. "Dort können die Mitglieder Techniken, von denen wir normalerweise nie etwas erfahren... Allerdings würden die ihr Wissen niemals teilen. Selbst untereinander wohl nicht. Aber es ist doch unwahrscheinlich, dass die mich aufnehmen. Einen 17-Jährigen, der noch nicht mal Chu-Nin ist...", entgegnet er. Gleichzeitig ist er froh, dass seine Mutter ihn mit ihrem Witz aus seiner trüben Gedankenwelt gerissen hat.

Minuten später klatscht Lin ihrem Sohn zwei Spiegeleier auf einen Teller und für sich das dritte. Sie sitzen sich stumm gegenüber, während die Frau ihr Frühstück verspeist, Neji jedoch hauptsächlich lustlos darin herumstochert. Dafür trinkt er wenigstens seinen Tee vollständig aus.
Es endet damit, dass Lin seinen Rest noch frustriert aufisst, obwohl sich ihre Nervosität ebenso steigert, als wäre sie selbst von der Prüfung betroffen. Anschließend stellt sie das benutzte Geschirr in die Spüle. Der Abwasch muss warten, bis sie zurückkehrt.

Zusammen verlassen Mutter und Sohn den schäbigen Sozialbau; er mit seiner schwarzen Tasche über der Schulter.
Lin hat sich für heute extra Urlaub genommen, um Neji bei diesem wichtigen Ereignis in seinem jungen Leben nicht allein zu lassen. Als sie aus ihrem Wohnhaus treten, schlägt ihnen der kühle, morgendliche Herbstwind kraftvoll in die Gesichter. Ihnen fliegen sogar bunte Blätter um die Ohren. Aber Regen fällt derzeit wenigstens nicht, auch wenn die fetten grauen Wolken ihn für die kommenden Stunden unmissverständlich ankündigen.

Im Schnellschritt bahnen sie sich ihren Weg durch Konohas Straßen, obwohl sie wirklich gut in der Zeit liegen. Die leise Hoffnung, so alles vielleicht früher hinter sich zu bringen, treibt die Hyuugas der Nebenlinie an.

Neji hält seiner Mutter die Tür des Dojos auf und die kleine, schlanke Frau betritt es als Erste - einen riesigen Bungalow mit vielen Fenstern. Weil er ja schon fertig angezogen ist, muss der 17-Jährige nicht noch in die Kabine. Lediglich seine Outdoor-Tabis tauscht er gegen welche für drinnen. Lin streift ihre Schuhe ebenfalls ab, um keinen Dreck hineinzutragen.
In der Tür zur eigentlichen Trainingshalle steht Hiashi auf Socken und mustert den Teil seiner - aufgezwungenen - Familie geringschätzig. Seinen Blick lässt er demonstrativ über Nejis schlanke, sehnige Gestalt schweifen, so dass der Junge nicht anders kann, als sich unwohl zu fühlen.
Dafür lässt Neji es sich in einem Anflug des für ihn so typischen Trotzes nicht nehmen, den Bruder seines Vaters ebenfalls so arrogant wie möglich mit seinen stechenden grauen Augen zu durchbohren.
Der Onkel ist einen halben Kopf größer als er - noch - und wesentlich kräftiger gebaut. Sein Umfang stammt nicht allein von Muskeln, es ist auch eine gehörige Portion Fett dabei, denn Hiashi Hyuuga ist ein leidenschaftlicher Esser von Fleisch aller Sorten. Gekleidet ist er heute in eine schwarze Stoffhose und ein flatteriges weißes Hemd, um seine Rundungen am Oberkörper zu kaschieren. Über dem Hemd trägt der Mann eine khakifarbene Wolljacke. Seinen Mund hat er zu einer schmalen Linie gekniffen, um die dunkelbraunen Augen spielen Falten. Alles in allem kann man seinen Ausdruck durchaus als verhärtet bezeichnen. Wut ist ebenfalls erkennbar.

Sie grüßen sich nicht, die beiden Zweige der Hyuugas. Wie immer nicht.

Es gipfelt darin, dass Neji sich einfach an dem Onkel vorbeidrängelt, was der wortlos hinnimmt, und Lin ihm nachschlüpft, ohne den Schwager zu berühren. Erst im Dojo verbeugt er sich in Richtung seines Trainers und der Hokage, die am Fenster stehen und leise miteinander sprechen.
An der Wand gegenüber der Fensterfront warten seine drei Teamkollegen, die ebenfalls Prüfung machen sollen: der Junge Lee, das Mädchen Tenten und seine Cousine Hinata - Hiashis Tochter. Alle Drei sind 14 Jahre alt. Wäre Neji diesen Umstand nicht längst gewöhnt, würde er sich mal wieder in Grund und Boden schämen.

In seinem Alter sollte man sich eigentlich längst auf die Prüfung zum Jo-Nin vorbereiten!

Trotzdem geht er mit einem bemüht freundlichen Lächeln auf die Drei zu, während Lin sich erwartungsvoll zu den Angehörigen der anderen Prüflinge an den Rand unter der Fensterfront setzt.
"Lauft euch schon mal warm und dehnt euch! Wir fangen in Kürze an", ruft Gai - ihr Trainer - zu ihnen herüber, ehe er sich wieder seiner Unterhaltung mit der blonden Hokage widmet.
Sofort lassen die Schüler alles stehen und liegen und setzen sich in Bewegung. Neji knallt seine Tasche in die die Ecke und joggt dem Rest hinterher, wie sie im Kreis durch das Dojo laufen.

Nach etwa fünf Minuten Joggen, die den 17-Jährigen noch längst nicht außer Atem gebracht haben, bleibt er stehen und spreizt die Beine so weit er kann, bückt sich und umgreift mit den Händen zuerst den linken, dann den rechten Fuß.
Dieser lässt er noch einige Dehnübungen mehr folgen.

Dann nähern sich auch schon die drei Prüfer. "Wir beginnen mit der Kata", verkündet Gai und verlangt, dass die Schüler Aufstellung nehmen. Ganz rechts Hinata, dann Lee und Tenten, links außen hat Neji seinen Platz. Das war schon immer so.

Auf das Signal ihres Trainers beginnen die Schüler, die über Jahre hinweg geübte Kata zu performen. Zu Anfang sind die noch weitgehend synchron in den Bewegungen, doch dann findet jeder in sein eigenes Tempo. Sie alle konzentrieren sich bloß auf sich selbst, niemand achtet auf die anderen. Ihnen ist klar, dass es keine Mindestzeit gibt, in der sie fertig sein müssen und sie sind zu professionell, um sich am Nebenmann zu orientieren. Schließlich stammen alle Schüler aus Ninja-Clans und trainieren seit ihrer frühen Kindheit.
In den ersten Formen ist Neji ganz klar am langsamsten, doch gleichzeitig liegt in seinen Bewegungen die meiste Kraft. Man kann die Energie regelrecht fühlen, die von ihm ausströmt. Schnell holt der Junge die anderen ein, als er nach einem Drittel seine Geschwindigkeit erhöht und sie je nach Form variiert.
Etwas, womit er vor allem bei der blonden Hokage Eindruck schindet. Tsunade ertappt sich dabei, dass sie die meiste Zeit nur auf den 17-Jährigen achtet und sich innerlich fragt, ob sie nicht wertvolles Potential verschwendet hat, als sie Hiashi damals zustimmte, dass Neji den Rang eines Chu-Nin nicht verdiente. Er könnte viel weiter sein und dem Dorf nützlich, wenn er seines Alters entsprechend im nächsten Jahr die Jo-Nin-Prüfung ablegen würde.
Warum noch mal hielt sie ihn seinerzeit für unfähig?
Nein, das war nicht der Grund! Niemals war Neji zu schlecht. Die Hokage hatte sich lediglich von Hiashi Hyuuga beeinflussen lassen, weil der in dieser Region über sehr viel Macht verfügt und sie seinen Rückhalt nicht verlieren will, um ihren Posten nicht zu sichern. Tsunade ist selbst klar, dass der Mann seinen Neffen einfach nicht leiden kann.
Jetzt zu sehen, was Neji tatsächlich vollbringen kann, lässt sie ihr Handeln bedauern.

Lin auf ihrem Platz an der Seite zwischen den anderen Eltern, Geschwistern und Freunden wagt es kaum zu atmen. Zwar ist sie keine Expertin, doch selbst sie weiß, dass ihr Sohn gerade die beste Kata hinlegt. Heute kann Neji nur bestehen.
Ein kleines, stolzes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Sogar Genugtuung spielt mit hinein, denn die, die stets auf sie herabsehen, weil sie nur einen schlecht bezahlten Job und keine vorteilhaften Verbindungen hat, werden nach heute voraussichtlich für eine Weile das Tuscheln unterlassen.