Motivation
Sting und Minerva hatten schon einige Talente. Die Schwarzhaarige war zum Beispiel eine exzellente Köchin und der Lichtdragonslayer... wenn Partys mit viel Alkohol zu schmeissen als Talent galt, dann war darin eindeutig der König.
Aber das Talent zu erkennen, wer in wen verliebt war, da waren Sting und Minerva eindeutig grottenschlecht. Sting war sich vollkommen sicher, dass Rogue in Minerva verliebt und diese glaubte festgestellt zu haben, dass Yukino und der Lichtdragonslayer etwas füreinander empfanden. Was in Wahrheit überhaupt nicht stimmte. Für Rogue war Minerva eine sehr gute Freundin sowie Kameradin und Yukino mochte Sting nur als guter Freund und Master.
Leider waren Sting und Minerva auch wirklich stur. Wenn sie erst einmal sich etwas im Kopf gesetzt hatten, liessen sie sich nur schlecht davon abhalten. Vor allem wenn es um das Glück ihrer Freunde ging, zumindest in ihren Augen.
Minerva hatte die Ausflüge der vier Freunde immer so organisiert, dass Sting und Yukino in einem Hotel im selben Zimmer übernachten mussten oder zumindest Nachbarnzimmer bekamen. Der Lichtdragonslayer hingegen schickte Rogue sehr oft alleine mit Minerva auf einer Mission oder liess sie zusammen einen Gildenanlass organisieren.
Rogue seufzte schwer. Natürlich hatte er die Spielchen der beiden durchschaut. Manchmal fragte er sich, ob Sting und Minerva die Beziehungen ihrer beiden "Paaren" wirklich genau betrachtet haben. Yukino errötete zwar noch ein bisschen, wenn Sting sie direkt ansprach, aber das tat sie ebenfalls bei jedem Mitglied von Sabertooth.
Was den Schattendragonslayer selber anging... Rogue verstand wirklich nicht wie Sting auf die verrückte Idee kam, er könnte etwas für Minerva empfinden. Gut, sein bester Freund kannte ihn zwar besser als sonst jemand, mit Ausnahme von Frosch. Aber selbst Sting konnte Rogue nicht immer ganz durchschauen. Sonst hätte der Blonde sicher seit langer Zeit bemerkt, dass der Schwarzhaarige nicht in Minerva verliebt war, sondern in Yukino.
Rogue wusste nicht genau, wann er sich in die schöne Stellarmagierin verliebt hatte. Es war irgendwie eine kleine Zuneigung gewesen, die mit der Zeit immer grösser geworden war. Bis Rogue sich schliesslich bewusst wurde, was er für Yukino empfand.
Er wusste nicht, ob sie seine Gefühle erwiderte. Zudem getraute er sich nicht ihr zu sagen, dass er sie liebte, schliesslich wollte er die Freundschaft mit ihr nicht wegen einer einseitigen Liebe verlieren. Vielleicht war sie in jemanden anderem verliebt, aber lieber wollte er dies nicht wissen.
Er kannte sie sehr gut, doch er respektierte sie zu sehr um in ihre Privatsphäre einzudringen. Rogue wusste allerdings, dass Yukino wirklich nicht in Sting verliebt war. Sie hatte ihm selber anvertraut, dass sie es wirklich unangenehm fand, wenn der Master von Sabertooth etwas dreckig mit ihr flirtete oder ziemlich eindeutige Einladungen machte, nur um sie ein wenig zu ärgern. Dazu kam noch, dass sie Stings schreckliches Schnarchen nicht aushalten konnte. Sobald Minerva sie beide im gleichen Hotelzimmer steckte, konnte sie die ganze Nacht kein Auge zumachen.
Rogue liess seinen Blick zu Sting und Minerva schweifen. Beide standen in einer diskreten Ecke der Gildenhalle und diskutierten etwas heftig miteinander. Rogue konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Natürlich hatten die beiden bemerkt, dass der Eine jeweils versuchte den anderen zu verkuppeln. Rogue lauschte zwar nicht gerne, doch da es auch um ihn, Yukino und ihrer Herzensangelegenheiten ging, spitzte er die Ohren. Sollte es zu persönlich werden, würde er jedoch sofort aufhören.
„Wie oft soll ich es dir noch sagen, Sting? Ich bin NICHT in Rogue verliebt. Er ist zwar ein wirklich guter Freund, doch er ist mir eindeutig zu kalt", sagte gerade Minerva mit ruhiger Stimme, doch innerlich brodelte es sicher schon.
„Kalte Typen passen doch zu dir, Minerva!", entgegnete Sting, der eindeutig nicht ruhig bleiben konnte, auch wenn er sich Mühe gab nicht laut zu reden. „Yukino ist nicht mein Typ. Sie ist zwar süss, aber eindeutig nicht jemand, mit der ich mich eine Beziehung vorstellen könnte."
„Du hattest bis jetzt doch nie eine wirkliche Beziehung, schliesslich magst du es vor allem körperlich. Doch Yukino ist wichtiger für dich als alle deine Ex-Freundinnen, gib es zu. Mit ihr hast du viel öfter geflirtet als je mit einem anderen Mädchen!"
„Natürlich ist sie mir wichtiger, aber auf dem gleichen Niveau wie du und die anderen Mädchen der Gilde. Mit einer Gildenkameradin würde ich nichts anfangen. Und wenn ich mit Yukino flirte, will ich sie eigentlich nur etwas ärgern, weil sie diesbezüglich zu prüde ist. Obwohl ich eigentlich nichts gegen eine Nacht mit ihr hätte, heiss ist sie ja schon..."
Rogue ballte die Fäuste. Ihm war klar, dass Sting nichts desgleichen mit Yukino anfangen würde, doch er hasste es, wenn er so von der Stellarmagierin redete. Das, was Minerva dann noch hinzufügte, beruhigte ihn auch nicht unbedingt: „Mir ist es eigentlich egal, ob du es mit ihr machst oder nicht. Vielleicht würdet ihr damit sogar endlich einen Schritt weiter kommen. Ich möchte einfach, dass dir klar wird, was du wirklich für sie empfindest und das du sie nicht benutzt."
„Zu deinen Gefühlen für Rogue könnte ich eigentlich dasselbe sagen, auch wenn du wirklich in ihn verliebt bist und ich nicht in Yukino. Aber ich mache dir einen Vorschlag, Minerva. Ich lade Yukino morgen Abend auf ein Date ein und du machst dasselbe mit Rogue. Wenn du am übernächsten Morgen mir den Beweis gibst, dass er nicht in dich verliebt ist, stehe ich dir eine Woche lang zur Verfügung für was immer du auch willst. Dasselbe gilt für mich und wenn ich gewinne, da stehst du mir eine Woche lang zur Verfügung. Aber mach dir keine falschen Hoffnungen, ich werde sowieso gewinnen."
„Das werden wir ja sehen, aber die Wette gilt", entgegnete Minerva. Rogue hatte genug gehört. Er musste etwas unternehmen. Diese zwei Dates waren zwar harmlos und Sting würde sich sicher Mühe geben Yukino in Ruhe zu lassen. Doch die Vorstellung, dass die Frau die er liebte mit einem anderen Mann... Rogue hasste das Gefühl der Eifersucht, ausserdem brauchte er es ja gar nicht zu fühlen.
Aber Stings und Minervas Verkupplungsspiele mussten endlich ein Ende finden. Egal, was Rogue und Yukino sagen würden, die beiden waren so stur, dass sie in jeder Verneinung einen Grund mehr sehen würden, dass ihre angeblichen Liebespaare in Spe tatsächlich existieren könnten.
Der Schattendragonslayer hatte sich entschlossen. Er würde Yukino für heute Abend auf ein Date einladen, bevor Sting es tun konnte. Bei dieser Gelegenheit würde er ihr endlich gestehen können, was er für sie empfand. Daran, dass sie vielleicht seine Gefühle nicht erwiderte, wollte er lieber noch nicht denken. Nach dem Gespräch zwischen Sting und Minerva hatte er einfach genug Motivation, endlich etwas zu unternehmen. Auch wenn er dieses Gefühl von Eifersucht hasste.
Zielstrebig ging Rogue auf Yukino zu. Sie sass alleine an einem Tisch in einer Ecke und nippte mit Genuss an ihrem Orangensaft. Die Weisshaarige schien in ihre eigene kleine Welt zu sein und bemerkte seine Anwesenheit erst einmal nicht. Als er schliesslich leit hüstelte, hob Yukino den Kopf.
„Rogue-Sama, was gibt es?", fragte sie mit einem Lächelnd. Er liebte es zu hören, wie Yukino seinen Namen sagte, doch dieses Sama störte ihn noch ein wenig. Aber sie war einfach eine höfliche Person und das war eine der Eigenschaften, die er an ihr bewunderte.
„Ich hätte eine Bitte an dich", begann er zögerlich. Rogue hatte einfach keine Ahnung, wie man ein Mädchen auf ein Date einlud und Sting hätte er sowieso nicht fragen können. Erstens weil dieser ein wirklicher Frauenheld war und zweitens weil sein bester Freund wegen der Wette ein Date mit der Stellarmagierin brauchte. Aber so schwer konnte es doch nicht sein, oder? Rogue holte tief Luft, bevor er so ruhig wie möglich fragte: „Yukino, möchtest du mit mir heute Abend ausgehen?"
Einen Augenblick lang blieb Yukino wie erstarrt sitzen. Ihre Wangen waren leicht rot geworden und sie starrte Rogue so intensiv an, dass dieser beschämt den Blick abwandte. Es musste wohl das erste Mal sein, dass ein Mann sie einlud.
Dem Schattendragonslayer erstaunte dies ein wenig. Ein so schönes und intelligentes Mädchen wie Yukino hätte doch leicht ein paar Verehrer haben können. Aber anscheinend war dies nicht der Fall. Rogue musste zugeben, dass diese Tatsache ihn erleichterte, aber dafür schämte er sich etwas. Verfluchte unnötige Eifersucht und besitzergreifende Dracheninstinkte.
„Liebend gern, Rogue-Sama", antwortete Yukino schliesslich strahlend nach ein paar Sekunden, die allerdings dem Dragonslayer wie eine Ewigkeit vorgekommen waren. Als er ihre Antwort hörte fiel ihm ein Stein von Herzen. Vielleicht hatte er doch eine Chance mit ihr, aber er wollte sich lieber nicht zu viele Hoffnungen machen.
„Ist gut, ich hole dich heute Abend bei dir ab", lächelte Rogue, bevor er sich abwandte. Er konnte es plötzlich kaum erwarten, bis es endlich Abend wurde. Zwar fiel ihm ein, dass er eigentlich noch nichts geplant hatte, doch das machte ihm nichts aus. Ihm würde sicher etwas einfallen, das zu Yukino passen würde.
Xxx
Später an diesem Abend spazierten Rogue und Yukino durch den Rosenpark der Stadt Salvia, in der auch die Gilde Sabertooth ihren Sitz hatte. Jetzt im August waren die Rosen des Parks endgültig in ihrer vollen Pracht erblüht und Yukino konnte nicht aufhören sich von den farbigen Blüten satt zu sehen. Rosen waren schon immer ihre Lieblingsblumen gewesen und in Salvia war die Königin der Blumen vielleicht noch verbreiteter als in Crocus.
Heute Abend war sie sogar noch glücklicher als sonst, denn heute war sie endlich mit ihrem geheimen Schwarm ausgegangen. Yukino hatte seit ihrem ersten Tag in Sabertooth ihr Herz an Rogue verloren. Trotz Gemnas Herrschaft und trotz ihrer Verbannung hatte sie nie aufgehört ihn zu lieben. Seine ruhige Art, seine Intelligenz und noch mehr hatten es ihr angetan. Da wo die meisten Mädchen nur von Sting schwärmten, hatte Yukino nur Augen für Rogue.
Allerdings war sich die Stellarmagierin immer sicher gewesen, dass Rogue nicht dasselbe für sie empfand. Dass er überhaupt in jemanden verliebt war. Meistens blieb er emotionslos und beinahe kalt, auch wenn Yukino ihn ein paarmal lächeln gesehen hatte. Seit dem Neubeginn von Sabertooth unter Stings Führung war Rogue sogar etwas offener geworden, doch seine neutrale Haltung hatte er sich nicht abnehmen können. Yukino hatte sich nicht vorstellen können, dass er sich verlieben könnte.
Doch seit er sie eingeladen hatte mit ihm auszugehen, war Yukino sich dessen nicht mehr so sicher. Wenn man jemanden um ein Date bat, musste dies doch bedeuten, dass man für diese Person etwas empfand, oder? Yukino hatte keine grosse Ahnung von Liebe und Beziehung im realen Leben, aber sie doch musste für Rogue etwas bedeuten, wenn er schon mit ihr ausgehen wollte. Vielleicht als gute Freundin, aber Yukino hatte das dumpfe Gefühl, dass dieses Date mehr als freundschaftlich gemeint war.
Jedenfalls konnte die Stellarmagierin dadurch von Minervas Verkupplungsversuchen entfliehen. Yukino seufzte. Minerva hatte zwar wirklich grosse Talente, doch für Verkupplungen war sie eindeutig keine Mirajane. Wie war die Schwarzhaarige auf die Idee gekommen, dass Yukino in Sting verliebt wäre? Er war nur ein guter Freund für die Weisshaarige, auch wenn ihr seine Flirtversuche und Andeutungen wirklich sehr nervten. Sting tat dies ja nur, um sich über ihre Schüchternheit lustig zu machen.
Doch Yukino wollte weder an Sting noch an Minerva denken. Sie wollte einfach Rogues Anwesenheit geniessen. Sie hatten während ihrem Spaziergang durch den Park nicht viel miteinander geredet, doch Yukino hatte die Stille als sehr angenehm empfunden. Das war eine andere Eigenschaft, die sie an Rogue bewunderte. Er wusste irgendwie immer, wann sie reden oder wann nicht und respektierte das.
Aber Yukino wusste, dass sie ihm sicher bald ihre Gefühle beichten musste. Zulange hatte sie diese stille Liebe ungeteilt in sich rumgetragen und nie hatte sie den Mut gefunden es ihm zu sagen. Doch jetzt, wo sie beide ein Date hatten, fühlte sie sich immer mehr motivierter endlich ihr Herz auszuschütten. Yukino hoffte, dass sie es noch heute schaffen würde. Wer konnte schon wissen, ob sie so eine Motivation und Gelegenheit noch einmal bekommen konnte?
„Rogue-Sama?"
„Yukino?"
Beide lächelten schüchtern, als sie gleichzeitig gesprochen hatten. Doch der Schattendragonslayer nickte der Stellarmagierin freundlich zu und forderte sie somit auf als erste zu sprechen. Yukino schluckte kurz. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn Rogue zuerst geredet hätte, doch seine Augen baten gerade darum, dass sie etwas von sich gab. Also holte Yukino tief Luft und fing zögernd an: „Rogue-Sama... Rogue... es gibt da etwas, was ich dir schon lange habe sagen wollen."
Den Ausdruck in seinen roten Augen konnte Yukino wie üblich nicht definieren, aber es sah fast aus eine Erwartung. Erwartung auf was? Sie wusste es nicht, doch es motivierte sie weiter zu reden: „Ich weiss zwar nicht, wie es für dich aussieht, doch... seit meinem ersten Tag in Sabertooth, noch zu Gemnas Zeiten, habe ich mich in dich... verliebt. Deine ruhige Art, deine Zuneigung für Menschen die du liebst wie Sting-Sama und Frosch... alles an dir hat mir gefallen. Doch ich habe mich nicht getraut dir meine Gefühle zu gestehen weil... Ich weiss es selber nicht wirklich, irgendwie dachte ich, dass dich Liebe nicht interessiert und den Mut habe ich sowieso nicht gefunden. Aber jetzt wo du mich auf ein Date eingeladen hast... Ich habe doch noch Hoffnung, dass du..."
Yukino unterbrach um Luft zu holen. Sie hätte sowieso nicht gewusst, was sie hätte noch hinzufügen können. Aber endlich hatte sie es gesagt. Es war irgendwie befreiend, aber stattdessen breitete sich eine andere Sorte von Unsicherheit in ihr aus. Wie würde Rogue reagieren? Sie wollte sich lieber gar nicht vorstellen, was er sagen würde, sollte er ihre Gefühle nicht erwidern.
Die Stellarmagierin hatte die Augen geschlossen. Einige Sekunden lang passierte nichts, aber plötzlich spürte Yukino, wie ihr Kinn gehoben wurde und kalte Lippen sich auf ihre legte. Zuerst blieb sie wie erstarrt stehen, bevor sie Rogues Kuss erwiderte. Dieser genügte um ihr zu beweisen, dass der Dragonslayer ihre Gefühle erwiderte.
Rogue hingegen konnte sich ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen. Sting und Minerva wussten es noch nicht, aber sie hatten beide ihre Wette verloren. Deren Gesichtausdrücke konnte er irgendwie kaum erwarten. Doch darüber würde er später denken, jetzt wollte er einfach Yukinos Kuss geniessen.
