Giftiger Schatz

„Na, Kleine! Kannst du nicht aufpassen, wo du hinrennst?", rief eine dicke Magd wütend, die gerade von einem jungen Mädchen mit dunklen lilafarbenen Haaren umgerannt wurde und somit im Schlamm der Gasse fiel. Die Lilahaarige drehte sich um und entschuldigte sich leise, wollte die Magd sogar aufhelfen. Doch die dicke Frau stand selber schnell auf, ein Wunder mit ihrem Übergewicht, und ging murrend weiter, ohne das Mädchen weiter zu beachten.

Kinana seufzte. In der Piratenstadt Tortuga war Respekt nicht mal mehr ein Fremdwort, sondern ein Mythos. Nach drei Jahren in diesem Ort hatte sie sich eigentlich daran gewöhnen sollen, aber Pustekuchen. Kinana brauchte schon zu viel Energie um hier überhaupt zu überleben und vor allem nicht als Hure zu enden. Ihre Unschuld war das Einzige, was ihr noch übrig geblieben ist, seit sie in Tortuga lebte. Warum war sie schon wieder freiwillig hierher gekommen?

Sie stellte sich diese Frage mehrmals pro Tag und genauso oft gab sie sich selber immer die gleiche Antwort. Um IHN wiederzusehen. Kinana lehnte sich gegen die schmutzige Wand eines Hauses, das diese Bezeichnung überhaupt nicht mehr verdient hätte.

Warum pochte ihr Herz so stark, sobald sie an diesem Pirat von der Mannschaft Oracion Seis dachte? Sie hatte doch seit der Kindheit nicht mehr gesehen! Nur ein paar Mal hier in Tortuga, aber dann auch nur aus der Ferne. Wahrscheinlich erinnerte sich Erik nicht mehr an sie. Das kleine Mädchen aus dem Fischerdorf, das er immer verteidigen musste und die er immer mit sich mitnahm. Sie waren beide Waise gewesen, doch glücklich, sie hatten miteinander gelebt.

Dann kam der Piratenangriff auf das kleine Fischerdorf. Kinana erinnerte sich nicht, um welche Mannschaft es sich damals gehandelt hatte. Sie wusste nur noch, dass Erik sie irgendwo versteckt hatte, bevor er selber von Piraten gefangen genommen wurde.

Einige Zeit lang hatte sie alleine ums Überleben kämpfen müssen und war immer den Küsten entlang gewandert. Damals dachte sie, Erik wäre im Meer ertrunken und an den Stränden hatte sie das Gefühl ihm am nächsten zu sein.

Einige Jahre später hatte sie in einer kleinen Hafenstadt von den Piraten der Oracion Seis gehört, einer nur sechsköpfigen Mannschaft, die jedoch zu den gefürchtesten Seeräubern gehörte. Mehrere Schiffe und Städte waren ihnen zu Opfer gefallen.

Einer von ihnen nannte sich Cobra... Kinana musste dabei sofort an ihren Erik denken. Schon als kleiner Junge hatte er sich gerne Cobra genannt. Plötzlich war die Hoffnung in ihr aufgeblüht, ihr Freund aus Kindertagen wäre noch am Leben. Wenn er wirklich Pirat geworden war, kam seine Mannschaft sicher immer wieder nach Tortuga, der ungekrönten Hauptstadt der Piraten. Also hatte sie beschlossen dorthin zu gehen, um sich zu überzeugen, dass Cobra Erik war oder nicht.

Zwar hatte Kinana schon die Möglichkeit akzeptiert, dass Cobra von den Oracion Seis nicht unbedingt ihr Erik sein konnte, doch die Hoffnung ihn wiederzusehen war grösser gewesen. Es hatte lange gedauert, bis sie den Weg nach Tortuga gefunden hatte. Und ein noch weiteres Jahr, bis die Oracion Seis an diesem Hafen vor Anker ging.

Wie jeden Tag hatte Kinana meistens in der Nähe des Hafens verbracht, um keine Ankunft von Schiffen je zu verpassen. Sie erinnerte sich noch zu gut, wie aufgeregt sie gewesen war, als das Schiff der Oracion Seis gesehen hatte.

Sie hatte Erik sofort erkannt. Er war zu einem jungen Mann heran gewachsen, seine Haare waren noch verstrubbelter als in der Kindheit und muskulös war er auch geworden. Von weitem hatte sie beobachten können, dass er immer zynisch und mutig war, doch gleichzeitig war er irgendwie auch blutrünstig geworden. Deswegen hatte sie sich nicht getraut ihn anzusprechen. Er war nun ein Verbrecher geworden und ein beinah unsichtbares Mädchen wie sie hatte sicher nichts in seiner Welt verloren.

Trotzdem hatte sie sich immer über die Oracion Seis informiert gehalten, vor allem über Eriks Taten. Trotz der schrecklichen Verbrechen hatte sie auch erfahren, wie er Kinder und schwache Frauen verschonte. Auch wenn sie ihn hier in Tortuga aus der Ferne wieder gesehen hatte, hatte sie beobachten können, wie er Strassenkinder oder Bettler verteidigte. Natürlich nur, wenn seine Mannschaft gerade nicht da war. Vor ihnen blieb er immer ein blutrünstiger und herzloser Pirat.

Seit Jahren lebte Kinana nun in Tortuga, in der Hoffnung Erik wieder einmal aus der Ferne zu sehen. Sie machte sich langsam Sorgen, seit ein paar Monaten wurden die Informationen über Oracion Seis immer geringer. Die Lilahaarige hoffte wirklich, dass Erik nichts Schlimmes zugestossen ist, doch ihr Verstand tendierte natürlich das Gegenteil zu glauben.

Sie wusste doch, wie es in Tortuga funktionierte. Sobald ein Pirat oder gleich eine ganze Mannschaft von der Regierung gefangen wurde, bekam man auch weniger Neuigkeiten darüber. Kinana zwang sich nicht zu starke Hoffnungen zu haben, zu gross war das Risiko enttäuscht zu werden. Hoffnung war in Tortuga genauso ein Mythos wie Respekt.

Jemand aus dem heruntergekommenen Haus warf der wöchentliche Müll in die Gasse und Kinana wäre um ein Haar getroffen worden. Lieber sollte sie verschwinden, bevor fremder Dreck sie noch mehr beschmutzte, als sie ohnehin schon war.

Wie gewohnt begab sie sich zum Hafen, um die ankommenden Schiffe zu beobachten. Das Warten auf den Dreimaster der Oracion Seis hatte wenigstens den Vorteil gehabt, dass nichts von der Seemannsprache und den speziellen Schiffswörtern ihr unbekannt waren. Sie machte sich eigentlich keine Hoffnungen mehr, die Oracion Seis wieder zu sehen, ihre Spaziergänge am Hafen von Tortuga waren einfach zu einer automatischen Gewohnheit geworden.

Xxx

Der Zweimaster der Mannschaft von Crime Sorciere ging am Hafen von Tortuga vor Anker und Cobra konnte es kaum erwarten, endlich vom Bord zu kommen. Nicht, dass es ihm auf der Ultear nicht gefiel, es war bei weitem angenehmer als auf der Klodoa.

Doch er hatte einiges hier zu erledigen, Geduld war noch nicht seine Stärke gewesen. Vor allem eine Sache nagte an ihm und er konnte es nicht mehr verdrängen. Nun war er ein Korsar, der arrogante Verbrecherstolz aus der Zeit der Oracion Seis war nicht mehr.

Es war vor Monaten passiert. Zuerst hatte er gedacht, er hätte Glück gehabt, als Brain ihn von den Zerefpiraten abkaufte und ihn mit vier anderen Kindern zu einem Piraten gemacht hatte. Heute schämte er sich, dass ihn diese Verbrechen damals so viel Spass gemacht hatten. Doch in Erinnerung an Kinana, seiner Kindheitsfreundin, hatte er sich manchmal nicht so herzlos benommen wie üblich, sobald weder Brain noch seine Kameraden in der Nähe waren.

Doch in letzter Zeit war ihm sowie Hoteye, Racer, Angel und Midnight langsam klar geworden, dass Brain sie nur ausnutzte, um irgendwie an die Macht zu gelangen. Die genauen Details hatte Cobra nicht verstanden, doch als die Regierung von Fiore ihnen dicht auf die Fersen gekommen war, hatte er Brain dabei erwischt, wie er in aller Seelenruhe fliehen wollte. Der Rothaarige hatte nicht lange gezögert seinen Kapitän umzubringen. Danach hatte er sich seine Kameraden geschnappt und alle fünf waren geflohen.

In einer versteckten Bucht trafen sie überraschenderweise auf die Korsarenmannschaft von Crime Sorciere, die damals ein Mitglied verloren hatten und nur noch zwei waren. Im Gegensatz zu Piraten dienten Korsaren dem Königreich, doch hatten sie mehr oder weniger die gleiche Freiheit wie Piraten. Crime Sorciere war sogar ein spezieller Fall. Diese Mannschaft bestand aus ehemaligen Piraten, die nun für ihre Sünden büssen, in dem sie das Land vor Piraten schützen.

Die ehemalige Mannschaft der Oracion Seis waren nicht gerade begeistert gewesen sich Jellal und Meldy anzuschliessen, doch gleichzeitig wollten sie nicht zu den Monstern werden, die von Brain erschaffen geworden waren. Zudem hatte Midnight erstaunlich wenig gezögert, doch es war klar gewesen, dass er Gefallen an Meldy gefunden hatte. Also hatten sie akzeptiert sich Crime Sorciere anzuschliessen.

Nun waren sie wieder in Tortuga. Jellal hatte hier einiges zu erledigen und Cobra war froh endlich das zu tun, was er schon seit langer Zeit hatte tun sollen. Jedes Mal wenn Oracion Seis hier vor Anker ging, hatte er sie gesehen. Kinana. Immer wieder hatte er sie aus der Ferne gesehen. Wäre die typische Arroganz der Oracion Seis nicht gewesen, hätte er sie längst mit sich genommen.

Cobra machte sich Sorgen um Kinana. Sie war schon immer ein sensibles Mädchen gewesen und solche Menschen überlebten meistens nicht lange in Tortuga, wenn sie nicht wussten sich unsichtbar zu machen. Was war wohl aus ihr geworden und was ist in ihrem Leben passiert, sodass sie ausgerechnet hier gelandet ist? Er getraute es sich nicht vorzustellen.

Doch dieses Mal würde er sie nicht verdrängen. Er würde sie endlich da raus holen und mit sich nehmen. Das hatte er eigentlich schon vor Jahren tun sollen.

Sobald das Schiff am Hafen war, sprang er von Bord. Jellal wusste sowieso schon, dass Cobra an Land gehen würde, wie sowieso alle. Eine Genehmigung brauchte er nicht, zudem hätte er sowieso nicht gefragt. Der junge Korsar zwang sich durch die Menschenmasse, auf der Suche nach dem dunklen lilafarbigen Haarschopf, den er so vermisst hatte. Kinana war nun eine Frau, doch er war sich irgendwie sicher, dass die Freundschaft wieder auferstehen würde. Eine andere Alternative war für ihn einfach unmöglich.

Plötzlich sah er dunkles Haar in Lila, am Rande des Hafens in einer Seitengasse. Schnell rannte er auf die Person zu, ohne auf den Gestank des Hafens und der Alkoholiker zu achten, ohne die Huren, Bettler, Piraten und die Schwarzhändler zu sehen. Das alles war für ihn total unwichtig, er wollte einfach nur Kinana endlich wirklich wiedersehen.

Schliesslich gelangte er zu der lilahaarigen Person, die ihn jedoch nicht bemerkt hatte und den stolzen Zweimaster von Crime Sorciere bewunderte. Es tatsächlich Kinana. Endlich nahm sich Cobra die Zeit seine Freundin aus Kindertagen zu betrachten. Sie war schmutzig, sie trug ein Kleid, das mehr an ein verfaultes Tischtuch erinnerte und das kurze Haar war unregelmässig geschnitten.

Doch in ihren smaragdgrünen Augen war immer noch derselbe Glanz voller Hoffnung und Sanftheit, wie vor der Trennung. Sie sah zwar mager aus, doch ihre Haltung wirkte trotz allem elegant. Unter dem ganzen Schmutz versteckte sich eine wunderschöne, liebevolle Person, da war Cobra sich sicher. Schliesslich gab er sich einen Ruck und legte zögernd seine Hand auf ihre Schulter.

Kinana zuckte erschrocken zusammen und hatte sogar die Faust gehoben. Doch als sie sah, wer sie angefasst hatte, liess sie ihre geballte Hand wieder fallen. Fassungslos starrte sie Cobra an, der ihr ebenfalls tief in die Augen blickte.

Er hatte sich kaum verändert seit seinen letzten Aufenthalt in Tortuga. Nur die Narbe über seinem rechten Auge war neu. Was war ihm bloss passiert, dass er gleich ein Auge verloren hatte? Zögerlich hob sie die Hand, um diese Narbe anzufassen, und liess einen kleinen überraschten Schrei aus, als Cobra ihre Hand faste. Seine eigene war hart und grob, doch gleichzeitig auch warm. Automatisch erwiderte Kinana den Druck. Einerseits fühlte es sich so familiär an, aber andererseits war diese Nähe auch wieder anders. Schliesslich waren sie keine Kinder mehr.

„Erinnerst du dich an mich?", fragte Kinana. Irgendwie fand sie diese Frage überflüssig, hatte sie doch in seinem gebliebenen Auge gesehen, dass er sie anscheinend nicht vergessen hatte. Doch ihr Verstand wollte dies einfach nicht wahrhaben. Noch nicht.

„Ich habe dich nie vergessen. Tut mir Leid, dass ich erst jetzt auf dich zugekommen bin. Als ich noch in Oracion Seis gewesen war, habe ich dies leider als Schwäche angesehen", murmelte Cobra sanft. Kurz hatte er das Gefühl, dass jemand anderes diese Worte ausgesprochen hatte, es klang einfach nicht nach ihm. Doch es war eindeutig seine Stimme, die gerade geredet hatte.

„Gewesen war? Du bist nicht mehr in Oracion Seis? Was ist passiert, hat die Regierung euch doch nicht gefangen genommen?", sprudelte es aus Kinana raus, bevor sie beschämt den Mund mit ihrer Hand verdeckte. Cobra hob überrascht eine Augenbraue in die Höhe. Sie hatte also gewusst, dass sie in Oracion Seis gewesen war? Zugegeben, er hatte seinen Spitzname aus Kindertagen behalten, doch es hätte genauso gut jemand anderes sein können.

Hatte sie ihn etwa... ebenfalls entdeckt, als er in Tortuga unterwegs gewesen war? War ihr klar, wer er gewesen war, hatte sie sich ebenfalls nicht getraut ihn anzusprechen?

„Oracion Seis ist Vergangenheit", antwortete er ihr. „Unser Kapitän wollte uns verraten und der Justiz von Fiore überlassen. Doch stattdessen... konnten wir fliehen." An dieser Stelle brach er kurz ab. Es war ihm unangenehm Kinana zu beichten, dass er seinen Kapitän ermordet hatte, auch wenn dieser Bastard von Brain es eindeutig verdient hatte.

„Was ist danach passiert?", fragte die Lilahaarige sanft. In ihren Augen sah er, dass ihr zwar klar war, welche Verbrechen er begangen hatte, doch sie war einfach nicht imstande ihn dafür zu hassen. Also erzählte er weiter: „Ich bin jetzt kein Pirat mehr, sondern ein Korsar. Meine Kameraden und ich haben uns Crime Sorciere angeschlossen. Wir sind eine Korsarenmannschaft, allesamt ehemalige Piraten, die nun für ihre Sünden büssen und dem Königreich dienen."

Kinana war erleichtert. Sie hatte sich immer schreckliche Sorgen um Cobra gemacht, während seiner Zeit in Oracion Seis. Doch als Korsar hatte er die Möglichkeit wieder ein guter Mensch zu werden und nicht mehr zu riskieren, ins Gefängnis zu landen. Oder noch schlimmer, erhängt zu werden.

„Wie ist es dir so ergangen?", fragte nun Cobra. Kinana sah ihn lange an, bevor sie ihr Gesicht in seine harte Brust vergrub. Cobra legte zögernd die Arme um ihren Körper. Anscheinend war er sich nicht mehr an solche Nähe gewohnt.

„Es ist eine lange Geschichte, Erik. Aber bevor ich sie dir erzähle... Wirst du mich von hier wegbringen? Ich will endlich wieder mit dir zusammen sein..."

„Ich bringe dich fort von Tortuga, das schwöre ich dir", erwiderte Cobra, bevor er sie sanft mit sich zog und sie in eine kleine Taverne brachte.

Während einer mehr oder weniger üppigen Mahlzeit erzählte Kinana ihm von ihrer Wanderung der Strände entlang, wie sie zum ersten Mal von Oracion gehört hatte, ihre Ankunft und ihr Leben in Tortuga... und vor allem erzählte sie ihm von ihrer Hoffnung ihn immer wiederzusehe sowie von ihrer Angst keinen Platz mehr in seinem Leben zu haben.

Cobra hatte ihr schweigend zugehört. Einerseits hatte er Mitleid mit ihr, da sie so lange Jahre alleine ums Überleben kämpfen musste. Hätte er sich bloss früher einen Ruck gegeben, dann wäre sie früher daraus gekommen!

Auf der anderen Seite war der junge Korsar allerdings auch stolz auf Kinana. Trotz ihrem beschmutzten Leben, hatte sie es geschafft nicht als Hure zu enden und ihre liebevolle Persönlichkeit zu behalten. Das war in seinen Augen eine grosse Heldentat.

Nun aber würde er sie daraus holen. Cobra schwor bei allen Meeresgottheiten Kinana nie mehr alleine zu lassen. Es war von Anfang an klar gewesen, dass er sie mit sich auf die See bringen würde. Die Lilahaarige würde sicher einen Platz in Crime Sorciere finden. Zwar war sie keine ehemalige Piratin und hatte auch keine Verbrechen begangen. Doch nach allem, was sie alleine hat durchmachen müssen, würde Jellal sie sicher in seine Mannschaft aufnehmen, da war Cobra sich sicher.

Xxx

Kinana erkannte sich kaum mehr, sobald sie sich im Spiegel sah. Dabei war sie erst seit ein paar Stunden Mitglied von Crime Sorciere und an Bord der Ultear.

Nachdem sie Cobra über ihr Leben erzählt hatte, hatten sie eine Weile noch miteinander geredet, bevor er sie schliesslich mit an Bord gebracht hatte. Zuerst hatte er mit Jellal über ihre Aufnahme diskutiert. Der Kapitän von Crime Sorciere war erst skeptisch geblieben, schliesslich war Kinana keine Kriegerin und ein Leben als Korsarin wäre gefährlich für die Lilahaarige. Doch andererseits hatte sie niemanden ausser Cobra und dieser hatte sich vorgenommen ihr das Kämpfen beizubringen.

Jellal hatte Kinana schliesslich auf dem Zweimaster Willkommen geheissen. Die restliche Mannschaft hatte sie schon mit offenen Armen empfangen. Vor allem die beiden anderen Mädchen, Angel und Meldy, die sich zur Aufgabe gemacht haben Kinana herauszuputzen.

Die Lilahaarige hatte sich seit Jahren endlich richtig waschen können und sie war immer noch überrascht, wie weich ihre Haut sein konnte, ohne den ganzen Dreck. Angel hatte sie sogar mit Rosenöl gerieben, um ihr etwas mehr Glanz zu geben. Es war selten, dass Angel ihre Schönheitsprodukte jemanden auslieh, hatte Kinana erfahren. Die Weisshaarige war vielleicht eine stolze, direkte und etwas sadistische Frau, hatte sie schliesslich ebenfalls zu den Oracion Seis gehört. Doch im Grunde war auch sie eine liebevolle Person und Kinana hatte sie schnell ins Herz geschlossen.

Meldy hatte währenddessen die Fingernägel der Lilahaarigen gestutzt und die Haare ordentlich geschnitten und gekämmt. Sie war eine offene, optimistische Person mit einem strahlenden Lächeln und Kinana konnte es kaum glauben, dass die Pinkhaarige einmal eine kaltherzige Piratin gewesen war.

Da die Ultear nur sieben Kabinen hatte, wurde sie vorübergehend in jene von Cobra untergebracht, bis vielleicht eine neue Kammer gebaut werden würde. Nun stand Kinana vor dem Spiegel und versuchte sich an ihr neues Aussehen zu gewöhnen. Es war schwer sich selber zu erkennen.

Ihr kurzes Haar war nun gewaschen und Meldy hatte sie regelmässig geschnitten. Sie kitzelten nun leicht ihren Nacken. Ihre helle Haut wirkte nicht mehr krank, sondern stattdessen strahlend. Sogar rosige Wangen hatte sie bekommen.

Doch am Liebsten gefiel Kinana ihr neues Kleid. Es war ein einfaches dunkelgrünes Kleid, ärmellos mit schmalen Trägern. Angel hatte ihr sogar eines ihrer Korsette geschenkt, eines von diesen die nur als Zierde dienten. Es war hellgrün und passte nicht so zu den weissen und hellblauen Vorlieben der weisshaarigen Korsarin. Das Korsett passte wie angegossen um ihre Taille und Kinana hatte beinahe das Gefühl eine richtige Prinzessin zu sein.

Es war zwar noch ungewöhnlich, doch ihr gefiel ihr neues Aussehen. Würde es Cobra ebenfalls gefallen? Sie hatte ihn nicht mehr gesehen, seit Meldy und Angel sie herausgeputzt haben. Doch er war nicht vor ihrem schmutzigen Aussehen als Bettlerin zurückgeschreckt, er mochte sie sicher sowieso wie sie war, egal wie sie aussah.

Mögen... Kinana wusste irgendwie, dass die Freundschaft nicht mehr dasselbe sein würde. Nicht nach der Trennung, nicht nachdem sie beide erwachsen geworden waren. War es immer noch Freundschaft... oder mehr als das?

Klar, sie mochte Cobra immer noch, das hatte nie aufgehört. Doch sie spürte, dass es wohl nicht mehr dasselbe "Mögen" war wie in der Kindheit. Sie wusste zwar, wie dieses Gefühl hiess, das der Freundschaft so ähnlich war und doch wieder anders. Doch sie getraute sich nicht es zu benennen. In den Jahren in Tortuga hatte sie gelernt nicht zu viel zu hoffen, um nicht so sehr enttäuscht zu werden.

„Du siehst zwar eindeutig besser aus, doch eigentlich wirst du immer dieselbe liebevolle, unschuldige Person bleiben."

Kinana drehte sich erschrocken um und lächelte, als sie die Person erkannte: „Erik... Ich habe dich nicht reinkommen hören."

„Tut mir Leid, wenn ich dich erschreckt habe. Dreh dich mal", grinste Cobra und Kinana tat wie ihr gebeten wurde. Sie konnte seinen bewundernden Blick förmlich spüren und dieses prickelnde Gefühl liess sie gleich erröten.

Cobra hingegen war irgendwie sprachlos. Kinana sah einfach wunderschön aus. Das dunkle Grün ihres Kleides brachte ihre Augen mehr zur Geltung und liess irgendwie ihre blasse Haut strahlen. Das schlichte Korsett unterstrich perfekt ihre schlanke Taille.

Der junge Korsar hatte während seiner Zeit in Crime Sorciere einige Frauen gekannt, wenn auch nur für eine Nacht. An diese Zeiten erinnerte er sich nun nicht mehr gerne und seit Kinana wieder in sein Leben getreten war, schämte er sich auch dafür. Doch keine dieser Frauen hatte bei weitem so hübsch ausgesehen wie die Lilahaarige. Die anderen waren immer zu stark geschminkt gewesen und hatten immer unnötigen Firlefanz an den Kleidern. Doch Kinana war viel schöner als alle anderen Frauen zusammen mit ihrem ungeschminkten Gesicht und dem schlichten Kleid.

Diese Schlichtheit passte irgendwie zu Kinanas Persönlichkeit. Cobra konnte nicht verhindern, dass sein Herz schneller anfing zu pochen, was ihm noch nie passiert war. Ihm war klar, dass die Freundschaft sich über die Jahre sicher verändert hatte, doch bis wohin genau?

Es war klar, dass er für Kinana nicht dasselbe empfinden würde wie für Angel und Meldy, die für ihn wahre Freundinnen waren. Doch die Lilahaarige... Für die Frau empfand er einfach nicht dasselbe wie für das kleine Mädchen, obwohl es sich um derselben Person handelte.

„Falls du müde bist, mein Bett steht dir zur Verfügung", sagte Cobra schliesslich wies auf seine Koje. Kinana betrachtete sie. Das Bett wirkte gemütlich und die Matratze schien angenehm hart zu sein. Doch vielleicht war es nicht breit genug für zwei Personen, denn es war besonders eng. Besorgt fragte sie dem jungen Korsar: „Und wo wirst du denn schlafen?"

„Womöglich auf dem Stuhl oder auf dem Boden. Das Bett ist fast knapp für zwei Personen und nach deinem Leben in den Strassen von Tortuga brauchst du endlich mal einen richtigen Schlafplatz", erwiderte Cobra, ihre Sorge war irgendwie niedlich.

„Ist es nicht zu unangenehm für dich auf dem Stuhl oder direkt auf dem Boden zu schlafen?", hakte Kinana nach, doch der Korsar liess sie nicht weiter reden: „Kinana, während meiner Zeit als Pirat habe ich schlimmeres erlebt als auf dem Boden schlafen zu müssen. Ausserdem bin ich nicht aus Porzellan, es wird mich sicher nicht kaputt machen."

Die Lilahaarige senkte beschämt den Kopf. Natürlich war er ein harter Kerl, ein paar Nächte auf dem Boden machten ihn sicher nichts aus. Trotzdem gefiel ihr der Gedanke nicht, dass er ihretwegen auf sein Bett verzichtete.

„Aber... naja, es macht mich nichts aus mit dir zu schlafen. Ich meine... also, nicht auf diese Art. Aber... selbst wenn es eng sein sollte... mit dir stört es mir nicht..."

„Bist du dir dabei auch wirklich sicher?", fragte Cobra nach. Ihm würde es nicht stören neben ihr auf diesem engen Bett zu schlafen, doch er fürchtete, dass es für Kinana unangenehm sein würde. Andererseits hatte sie in Tortuga weitaus schlimmere Sachen erlebt und fast problemlos überstanden. Sie war bei weitem nicht so zerbrechlich wie sie auf dem ersten Blick wirkte.

Kinana nickte schüchtern. Wie süss sie dabei aussah. Grinsend beugte er sich vor und legte seine Lippen auf ihre. Er wusste nicht woher es kam, doch er spürte das Bedürfnis sie zu küssen. Ihre Lippen waren weich und süss, so anders als alles, was er bisher gekannt hatte. Er spürte wie Kinana zuerst erstarrte, bevor sie den Kuss zögernd aber glücklich erwiderte.

Nach einer Weile lösten sie sich voneinander. Die Lilahaarige getraute sich nicht ihn anzusehen, doch sie presste sich gegen seine Brust. Cobra streichelte ihr währenddessen über das weiche Haar und grinste: „An so etwas gewöhne ich mich noch gerne."

„Kommen nicht mehr Sachen dazu, wenn wir nun... ein Paar... sind?", fragte Kinana zögernd. Dieses neue Gefühl war noch zu ungewohnt für sie, doch gleichzeitig vergass sie ihre Unsicherheit sobald sie in Cobras Arme lag.

Der junge Korsar antwortete nicht. Andere Sachen werden sicher noch dazu kommen, doch er war nicht pressiert. Er wollte die Zeit mit Kinana in vollen Zügen geniessen, auch wenn jetzt mehr als Freundschaft zwischen ihnen war.