Old Comrades

Kinana hatte unglaubliche Kopfschmerzen, als sie aufwachte. Ausserdem hatte sie Schwierigkeiten ihre Augen zu öffnen. Was war bloss passiert? War der Krieg gegen Alvarez immer noch im Gange? Falls nicht, wer hatte gewonnen?

Die Lilahaarige hatte Mühe sich zu erinnern, alles war durcheinander in ihrem Kopf und eigentlich wollte sie auch nicht an diesem Krieg denken. Allerdings machte sie sich grosse Sorgen um ihre Kameraden in Fairy Tail... und um Erik. Sie erinnerte sich noch vage ihn gesehen zu haben während dem Kampf, womöglich hatten sie auch Seite an Seite gekämpft. Doch die Erinnerung war unklar, nur ihre Sorge um diesen Mann, den sie kannte ohne zu wissen warum, war stark.

Langsam begann sie zu spüren, dass sie auf etwas Weiches lag. Es fühlte sich an wie eine Matratze. Zudem schien es so, als ob ein Kopfkissen unter ihrem Kopf lag und eine warme Decke auf sie ausgebreitet wurde. Mit grosser Mühe schaffte Kinana es schlussendlich die Augen aufzuschlagen. Das erste was sie sah war etwas, was wie ein Zeltdach aussah. Tatsächlich lag die Lilahaarige auf einer Matratze und als sie den Kopf zur Seite wand bemerkte sie nicht nur, dass diese direkt auf dem Boden lag. In diesem Zelt waren noch andere Matratzen zu sehen. Die meisten waren leer und ungemacht, was wohl hiess, dass jene Personen, die darin gelegen hatten, wieder auf den Füssen waren.

Nur zwei waren besetzt. Auf einer Matratze, die ziemlich weit entfernt von ihrer lag, erkannte Kinana blaues Haar. Wendy? Juvia? Oder jemand anderes? Auf dieser Entfernung konnte sie nicht erkennen, um wen es sich handelte.

Die andere besetzte Matratze lag direkt neben ihre und die Person sass sogar im Schneidersitz darauf. Da ihre Sehkraft langsam wieder stärker wurde, erkannte Kinana eine recht gebräunte Haut, rotbraunes verwuscheltes Haar, eine Narbe über einem Auge...

„Erik...", konnte sie nur ungläubig flüstern. Doch er war es tatsächlich. Er trug bloss eine schwarze Hose, sonst war er barfuss. Sein Oberkörper war nackt, doch gut zu zwei Drittel verbunden. Sein linker Oberarm wies ebenfalls einen Verband auf, sowie seine Stirn. Kinana erschrak, als sie eine kaum verheilte Wunde knapp über seinem linken Auge entdeckte. Zudem hatte er zahlreiche Prellungen, Schürfungen und Verbrennungen auf seiner Haut, die sich um den besten Platz stritten. Himmel, was war mit ihm passiert? Ihre Sorge von vorhin wurde gleich noch grösser.

Cobra blickte sie an, als sie seinen Namen flüsterte. Sofort lächelte er voller Erleichterung, was ihm selten passierte. Er nahm Kinanas Hand und drückte sie fest, als ob er sie beruhigen wollte. Kinana bemerkte, dass ihre Hand verbunden war, bis zum Ellebogen. Zudem spürte sie einen weiteren Verband, um ihr rechtes Bein. Kurz glaubte sie sich daran zu erinnern, wie plötzlich Blut aus ihrem Bein gespritzt war. Doch ihr wollte einfach nicht einfallen wann, wo und wie das passiert war.

„Schön dich wieder unter den Lebenden zu sehen, Cubellios", lächelte Cobra, der immer noch ihre verbundene Hand hielt. Kinana blickte ihn zuerst überrascht an. Mit wem redete er? Schliesslich kam ihr der Gedanke, dass er sie wohl unter diesem Namen kannte. Von früher, von ihrer gemeinsamen Zeit, an der sie sich nicht erinnerte. Cubellios... das hörte sich nicht gerade weiblich an, aber auch als männlicher Name erschien er irgendwie komisch. Aber es passte zu einer Schlange, was sie ja gewesen war, wie sie seit kurzem wusste. Zaghaft lächelte sie den Dragonslayer an und flüsterte: „Jetzt heisse ich Kinana."

„Kinana", erwiderte er überrascht. Zwei oder dreimal noch hauchte er ihren Namen. Als ob es eine Süssigkeit wäre, bei der er nicht wusste ob der Geschmack ihm gefiel. Schliesslich zuckte er die Schultern und lächelte wieder.

„Du warst ganz schön lange weg, Cu- Kinana. Drei Tage am Stück hast du geschlafen. Glückwunsch, du hast sogar Midnight überholt."

„Drei Tage?", fragte Kinana erschöpft nach, dennoch erschrocken. In drei Tagen konnte besonders viel passieren, ganz besonders jetzt wo Krieg herrschte. Und wer war überhaupt dieser Midnight, von dem Erik da sprach?

„Midnight ist ein Freund... naja, ein Gildenkamerad von mir. Und der Krieg ist übrigens vorüber, wir haben gewonnen. Allerdings können wir im Moment nicht ans Feier denken. Der Sieg hat viele Verletzte gekostet... und einige Tote."

Kinana schluckte schwer. Ihr war zwar schon klar, dass ein Krieg zahlreiche Opfer brachte. Aber ihr war nie in den Sinn gekommen, dass im Kampf gegen Alvarez tatsächlich welche sterben würden. Sie wusste ja schon, dass Master Makarov zu den Verstorbenen gehörten. Diese Erinnerung war noch klar. Doch wer alles hatte den Kampf nicht überlebt?

Cobra verkrampfte sich kurz, schien zu zögern ihr etwas zu sagen. Doch als er sie wieder ansah, seufzte er nur und sagte: „Alvarez hat mehr Verluste als wir und die Überlebende sind wahrscheinlich alle schon hinter Gitter. Allerdings... Ausser deinem Master hat von Fairy Tail dieser Sandmagier nicht überlebt, sowie diese Brillenträgerin."

Kinanas Augen fühlten sich mit Tränen. Max, Laki... Sie hatten zu ihren liebsten Freunden in Fairy Tail gehört, vor allem während den sieben schwachen Jahren der Gilde. Sie wollte es nicht wahrhaben, sie wollte hoffen, dass einer von ihnen in das Zelt reinkommen würde um sich nach ihrer Gesundheit zu erkundigen. Doch sie konnte es nicht. Instinktiv wusste sie, dass Erik ihr die Wahrheit sagte und sie vertraute ihm. Warum sollte er sie nach einem Krieg anlügen? Aber es schmerzte trotzdem. Die Lilahaarige fühlte den mitfühlenden Händedruck des Dragonslayers und erwiderte ihn. Er sagte nichts, doch sein wortloser Trost tat ihr gut. Langsam wurde die Trauer schwächer.

„Was die weiteren Kriegsopfer angeht, Sabertooth hat seinen Master verloren. Sting fiel im Kampf gegen Acnologia, sein Opfer hat uns Dragonslayern allerdings zum Sieg gebracht", erzählte Cobra weiter, doch wieder schien er verkrampft. Kinana erinnerte sich vage daran, dass alle sieben Dragonslayern auch gegen Acnologia zu kämpfen hatten und dass einer von ihnen den Tod gefunden hatte war wirklich schlimm. Doch Kinana wollte nicht Fragen zum Krieg und zum Sieg stellen. Die Kriegsopfer zu erfahren war schon schlimm genug. Stings Verlust schien zudem Cobra sehr nahezugehen und Kinana wollte nicht eine schmerzhafte, frische Erinnerung wieder aufreissen.

„Bei Lamia Scale weiss man nicht ob diese Sherry überleben wird und auch die Blonde von Blue Pegasus liegt im Koma. Zudem hat auch dieser parfümierte Zwerg das Zeitliche gesegnet. Es gibt sicher noch andere, doch von denen wüsste ich nichts."

„Und von deiner Gilde... Crime Sorciere?", fragte Kinana besorgt. Cobra sah sie stumm an, bevor er auf die andere besetzte Matratze hinwies: „Jellal hat es schwer erwischt. Ich weiss nicht, ob er je wieder sein linkes Bein benutzten kann. Aber sonst hat er überlebt, zum Glück. Titania wollte zuerst gar nicht von seiner Seite weichen, bis dieser pinkhaarige Griesgram, der euch als Heilerin dient, sie grob weggezogen hat, um ihr gebrochenes Bein zu heilen. Was der Rest angeht... Meredy muss noch das Bett hüten wegen einer Gehirnerschütterung und der Rest ist mehr oder weniger wieder auf den Beinen."

Kaum hatte er das gesagt, erklang von aussen her eine Frauenstimme, die rief: „Ich habe es dir doch gesagt, Racer. Ich weiss zwar nicht, was ihm mit diesem Mädchen verbindet, doch sie muss schon sehr wichtig für ihn sein, damit er drei Tage am Stück nicht von ihrer Seite weicht, sodass Hoteye ihm das Essen hat bringen müssen, oder?"

Kinana erhob sich mit Cobras Hilfe ein wenig, um die eintretenden Personen besser beachten zu können. Eine weisshaarige Frau in Bikini und einem Verband um den Bauch trat als Erste ein. Sie hatte gewisse Ähnlichkeit mit Yukino von Sabertooth, womöglich waren sie verwandt. Als sie an Yukino dachte, fühlte sie grosses Mitleid mit allen Magiern von Sabertooth. Sting war sicher ein guter Freund für sie alle gewesen. Wie lange würde es wohl dauern, bis sie über diesen Verlust hinweg kommen werden?

Nach der Bikini-Trägerin trat ein Mann mit Irokesenschnitt und schwarzem enganliegenden Anzug hinein, der sich mit einer Krücke vorwärtsbewegen musste. Danach trat ein eckiger, rothaariger Riese in das Zelt hinein, dicht gefolgt von einem schmalen jungen Schwarzhaarigen im Gothic-Look. Beide trugen einen Verband um der Stirn und der Schwarzhaarige humpelte leicht.

Kinana blickte sie mit grosser Neugierde an. Das mussten wohl Eriks Gildenkameraden sein, sicher die ehemaligen Oracion Seis. Nachdem sie den Dragonslayer vor einem Jahr wieder gefunden und verloren hatte, hatte Kinana Informationen über ihn gesammelt, um rauszufinden wer er war. Natürlich war sie somit auch auf Informationen von den anderen Mitgliedern von Oracion Seis gestossen. Doch sie fürchtete sich nicht vor ihnen, trotz all den Verbrechen, die alle fünf in der Vergangenheit getan hatten. Schliesslich gehörten sie nun zu Crime Sorciere und sie waren Eriks Freunde.

„Aber Cobra. Ich wusste gar nicht, dass du einen solchen Frauengeschmack hast. Sie ist ja wirklich süss", lachte die Weisshaarige auf, von der Kinana nun wusste, dass es sich um Angel handelte. Trotz ihrer guter Laune konnte die Lilahaarige erkennen, dass der Krieg ihr ebenfalls naheging und ihre gute Laune war wohl ihre Methode um damit umzukommen.

„Das ist nicht was du denkst, Angel", knurrte Cobra. Sein Gesicht wies keine Nervosität auf, nur seine Wangen bekamen einen leichten Rotton. Kinana selber bekam ein wenig glühende Wangen. Sie wusste nicht einmal warum. Sie war immer davon ausgegangen, zwischen Erik und ihr würde eine starke, tiefe Freundschaft bestehen. Doch konnte es sein, dass die Freundschaft für die Schlange sich für die Frau in...? Schnell schüttelte sie den Kopf. Sie fühlte sich wirklich egoistisch an so etwas zu denken, wo doch bis vor kurzem noch Krieg geherrscht hatte.

„Aber wichtig scheint sie für dich wirklich zu sein. Warum weichst du dann seit drei Tagen nicht von ihrer Seite?", fragte der Gothic. Midnight.

Cobra seufzte schwer auf. Irgendwie schien er mit seiner Antwort zu zögern. Schlussendlich jedoch gab er sich geschlagen und sagte resigniert: „Wenn ihr es unbedingt wissen wollt... Das ist Cubellios. In ihrer wahren Form. Zufrieden?"

Eine Weile lang herrschte Schweigen, das man fast als peinlich bezeichnen durfte, bis Angel schliesslich schrie: „WAAAAAAAAAAAAAS?"

„Vielen Dank für meinen Ohrenschmerz, das war wirklich sehr fürsorglich", brummte Cobra. Doch seine Kameraden achteten nicht auf ihn. Ihre erschrockenen Augen lagen nur auf Kinana, die sich am liebsten unter der Decke versteckt hätte, bis die vier Personen sie nicht mehr anglotzen würden.. Sie hasste es im Mittelpunkt zu sein und jetzt war es besonders unangenehm.

„Wie... Wie kommt es dazu, dass deine Schlange eigentlich eine Frau ist?", fragte Sawyer, immer noch fassungslos.

„Naja... eigentlich wurde ich als Kind in eine Schlange verwandelt, aber Master Makarov hat mich wieder zurück verwandelt. Allerdings konnte ich mich an gar nichts mehr erinnern, ausser dass jemand immer zu mir sagte, er wolle meine Stimme hören. Erik", erklärte Kinana. Der Gedanke an Master Makarov setzte sie kurz in Trauer. Sie würde ihn wirklich sehr vermissen, wo er sie doch so oft unterstützt hatte seit sie im Krankenzimmer von Fairy Tail aufgewacht war.

Allerdings wurde sie abrupt aus ihren nostalgischen Erinnerungen gerissen, als Angel aufquiekte: „Und deinen wahren Namen kennt sie auch noch!"

„Ich... ich habe sie nach dem Kampf des Infinity Castle kurz getroffen", murmelte Cobra und zeigte deutlich, dass er nicht mehr darauf eingehen würde. Hoteye sah aber aus, als ob er mehr von diesem Treffen wissen wollte. Kinana wusste es zwar nicht, aber wenn der Erdmagier etwas wie Liebe witterte, fing er noch schlimmer an zu schwärmen als Mirajane.

Aus Angels Gesicht war der Schreck der Neuigkeit verschwunden, stattdessen setzte sie sich mit Neugierde und irgendwie auch Freude auf Kinanas Matratze. Lächelnd nahm sie die Hände der Lilahaarigen und sagte: „Na dann, auch wenn du dich anscheinend nicht mehr an mich erinnerst, es freut mich wirklich sehr dich wieder zu sehen, Cubellios."

„Mich auch, Angel. Übrigens lautet mein wahrer Name Kinana", lächelte die Lilahaarige zurück. Die Freundlichkeit der Engelsmagierin tat ihr wirklich gut, vor allem in dieser noch düsteren Zeit. Angel lachte leicht, als sie erwiderte: „Kinana, hm? Passt ja wirklich besser als Cubellios, wenn du mich fragst. Tja, dann nenn mich bitte Sorano."

„Wenn wir schon unsere wahren Namen verraten. Kinana, für dich bin ich Richard und die beiden sind Sawyer und Macbeth", erwiderte der rote Riese mit einem strahlenden Lächeln, während er sich ebenfalls näherte. Sawyer lächelte Kinana leicht an und Macbeth sagte mit leicht roten Wangen: „Lass es lieber bei Midnight, ich mag meinen wahren Namen nicht besonders."

Es war ein herrlicher Abend geworden. Kinana liebte es mit Sorano und den anderen zu reden, die Erinnerungen zu teilen, an denen sie sich nicht erinnern konnte. Sie fühlte sich in ihrer Gruppe akzeptiert, auch wenn sie keine Schlange mehr war. Sie hatte sogar irgendwie das Gefühl, dass es besonders Sorano lieber hatte, Kinana als Mensch zu wissen.

Als die Nacht hereinbrach verabschiedeten sich die ehemaligen Oracion Seis von ihr, mit dem Versprechen sie morgen wieder besuchen zu kommen. Sorano blieb sogar einige Minuten länger, klopfte das Kissen zurecht und kontrollierte ob Kinana nichts fehlte. Schliesslich verabschiedete sie sich ebenfalls von ihrer neuen Freundin, aber nicht ohne Cobra einzuschärfen, dass er etwas erleben würde sollte er Kinana auf irgendeiner Weise wehtun.

„Die können echt nervtötend sein", murrte Cobra, als er wieder mit der Lilahaarigen alleine war. Er hatte sich nicht viel am Gespräch beteiligt, doch durch kleine Seitenblicke hatte Kinana erkannt, dass er immer gelächelt hatte, während er die aufblühende Freundschaft zwischen ihr und seinen alten Gildenkameraden beobachtet hatte.

„Vielleicht, aber ich würde gerne mehr Zeit mit ihnen verbringen... und mit dir", gähnte Kinana. Schwach war sie ja noch und obwohl ihr das Gespräch gut getan hatte, es war auch ziemlich ermüdend gewesen. Cobra sah sie an und seufzte: „Es ist besser, dass du schläfst und wieder zu Kräfte kommst. Wenn du das nicht tust, wird Angel mich umbringen."

„Gute Nacht, Erik", sagte Kinana mit einem müden Lächeln. Cobra sah sie kurz, bevor er sich zögernd hinunter beugte und einen Kuss auf ihrer Stirn hinterliess. Er liess seine Lippen sogar ein wenig auf ihrer Haut verweilen, als ob er die Berührung genoss.

Mit roten Wangen schlief Kinana schliesslich ein. Cobra betrachtete sie eine Weile, nahm sanft ihre Hand, bevor auch er auf seiner Matratze einschlief. Die ganze Nacht lang hielt er ihre Hand.