Gefängnis
„Du hast Besuch."
Die krächzende, alte Stimme des Gefängniswächters war einer der unangenehmsten Geräusche, die Cobra jemals gehört hatte. Doch diese drei Worte waren immer wundervoll zu hören, auch wenn er seine Freude nie zeigte. Es gab nur eine Person, die ihn immer besuchen kam. Eine Person, die ihm mehr bedeute als die Freiheit, die ihm sowieso nicht zustand...
Der alte Gefängniswächter schob die lilahaarige junge Frau in die Zelle und schloss die Tür hinter ihr. Wieder einmal waren sie abgeschirmt vom Rest der Welt.
Cobra sah sie schweigend an. Kinanas wunderschöne smaragdgrüne Augen waren voller Sorge seinetwegen, dass es schmerzte. Sie machte sich tatsächlich Sorgen um ihn. Ein dunkler Magier, Verbrecher. Ein Oracion Seis. Der zudem zweimal gegen Fairy Tail gekämpft hatte, ihrer eigenen Gilde. Und trotzdem machte sie sich Sorgen um ihn statt ihn zu hassen.
Klar, sie war Cubellios gewesen, seine Schlange und einziger Freund. Aber nachdem sich ihre Wege sich getrennt haben und Kinana endlich ein sicheres Zuhause hatte sowie Freunde, war es doch zu erwarten gewesen, dass sie sich nie mehr treffen würden.
Und doch hatten sie es. Im Krater, nach seinem Kampf gegen Titania. Cobra wusste noch, wie sie geredet hatten bevor diese beiden Bastarde vom Rat reingeplatzt sind. Sie hätten Kinana auch verhaftet, als Komplizin der Oracion Seis. Doch dieser Gedanke war für den Giftdragonslayer unerträglich gewesen. Er hatte verneint sie zu kennen um sie zu retten. Und sich mit dem Gedanken abgefunden die junge Frau, die einst seine Schlange gewesen war, nie wieder zu sehen.
Doch Kinana hatte es anders gesehen. Eines Tages hatte man ihm mitgeteilt, er hätte Besuch und einen Augenblick später war sie in seiner Zelle gestanden. Er wusste nicht wie lange sie gekämpft hatte um eine Besuchserlaubnis zu bekommen, doch die Lilahaarige hatte es geschafft. Und seither kam sie jede Woche hierher.
Cobra ahnte, dass Kinana ihrer Gilde nichts von den Besuchen im Gefängnis erzählte. Was hätten Natsu, Titania und all die anderen Feen gesagt, wenn sie erfahren hätten, dass ihre Freundin einer ihrer schlimmsten Feinde besuchte? Sicher hätten sie ihr verbieten ihn weiterhin zu sehen. Einerseits dachte Cobra, dass es für die Lilahaarige das Beste wäre. Kinana war liebevoll, selbstlos, voller Güte... jemand wie sie verdiente etwas Besseres als ein dunkler Magier.
Doch andererseits wollte der Dragonslayer sie immer wieder sehen. Er war ein Egoist, das wusste Cobra. Er verdiente Kinana nicht, doch er sehnte sich jeden Tag nach ihr. Ihre Besuche waren sein einziges Highlight in der Woche und ihre Nähe gab ihm ein Gefühl von Vertrautheit und Liebe. Gefühle, die jemandem wie er nicht zustanden. Doch nach all den Besuchen war es ihm einfach unmöglich geworden Kinana aufzugeben. Sie war bestimmt das einzig Gute, was ihm jemals passiert war.
„Du hättest nicht kommen dürfen", sagte er schliesslich wie jedesmal, doch seine Stimme verriet seine Erleichterung sie wieder zu sehen.
„Ich weiss", antwortete sie wie jedesmal. Natürlich war es auch ihr klar, wie unterschiedlich ihre Welten sind, wie unmöglich es für sie beiden ist eine normale Beziehung zu führen. Doch Kinana war eine starke und eigenwillige Frau. Sie stand dazu sich in einem Feind ihrer Gilde verliebt zu haben. Doch für sie war der Dragonslayer kein Feind, Cobra sah es in ihren Augen.
Sie waren sieben Jahre lang getrennt gewesen und jetzt brauchte er einen Freund, sagte sie. Jemanden, der ihn stützen und helfen konnte besser zu werden.
Doch zwischen ihnen war nun viel mehr als Freundschaft. Was das Ganze noch schmerzhafter machte. Doch Kinana hatte ihn nie aufgeben wollen und Cobra wusste, dass er nicht mehr im Stande war sie von ihm gehen zu lassen. Sie konnte es ja selber nicht mehr.
Beide sahen sich noch kurz an bevor sie abermals in die Armen des anderen fielen. Kinana liess, fest gegen seine Brust gepresst, ihren Tränen freien Lauf und jede davon fühlte sich für Cobra an wie einen Messerstich ins Herz. Er hasste sie weinen zu sehen, vor allem seinetwegen.
Der Giftdragonslayer nahm ihr Gesicht zwischen seinen Händen und küsste ihre Tränen weg, bevor er seine Lippen mit ihren weichen versiegelte. Eine Woche lang hatte er diese Lippen nicht mehr gespürt, seit hundert Jahren. Kinana erwiderte den Kuss nur zu gern und klammerte sich an Cobra wie eine Ertrinkende. Er setzte sich auf seine Pritsche und zog sie auf seinem Schoss um den Kuss zu vertiefen.
Diese Situation war wie ein Gefängnis, doch trotzdem hatte Cobra das Gefühl die wahre Freiheit zu erleben, sobald Kinana in seinen Armen lag. Und trotz all dem Schmerz wollte er dies auf gar keinem Fall verlieren.
