Kerkermond Evolution


Willkommen, bienvenues, welcome! Es geht weiter, und ich empfehle empfindsamen Geschöpfen schon mal ein Päckchen Papiertaschentüchlein (ein's reicht) und ein Stückchen Schokolade bereit zu legen. Anspielungen im Kapiteltitel auf andere Kapiteltitel sind durchaus beabsichtigt.

Danke, Ihr Lieben, die Ihr mir ein Review dagelassen habt: Glupit, Cara und Elementargeist


6. Lucius: A servants tale

Es war bereits Mittag, als Lucius aus seinem beinahe komatösen Schlaf erwachte. Wie er prophezeit hatte, waren die Dementoren nicht wieder aufgetaucht. Draußen schien eine fahle Wintersonne und malte helle Quadrate auf den Steinboden.

Remus war so müde, dass er sich durch Arbeit ablenken musste, um nicht im Stehen einzuschlafen. Er hatte die Kinder und sich selbst mit Reinigungszaubern versehen, die Zelle sowie sein ehemaligen Gefängnis nebenan so gut wie möglich gesäubert, die Kleider mit Reparaturzaubern versehen und aus der Küche noch ein paar Nahrungsmittel beschworen. Gemeinsam mit den Kindern, die die grausige Nacht erstaunlich gut weg gesteckt hatten, hatte er überlegt, welche essbaren Dinge wohl in der Küche vorhanden sein könnten. Ein Volltreffer waren die Kartoffeln gewesen. die nun in einem Haufen Asche auf dem Gang vor sich hinschmorten. Es würde Ketchup dazu geben, und es erschien Remus beinahe, als wäre es die Aussicht auf ein Festmahl, und nicht der pure Hunger, der ihm den Mund wässrig machte.

Mit Mörtel hatten die Kinder auf den Boden des Gangs direkt vor der Tür ein neues Hüpffeld mit sieben Kästchen gemalt. Das alte, fünfzehn Meter den Gang hinunter, war zu weit entfernt, hatte Remus entschieden. Man konnte nie wissen, die Dementoren befanden sich vermutlich ganz in der Nähe. Auch wenn sie Tageslicht verabscheuten, so setzte es sie dennoch nicht außer Gefecht.

„Lucius!"

Die Kinder begrüßten den Slytherin mit Begeisterung, als er in der Tür auftauchte. Remus entging nicht, wie schlecht der andere Zauberer aussah. Dennoch machte er gute Miene zum bösen Spiel, auch wenn er sich mit Hinweis auf sein verletztes Bein weigerte, am Kästchenhüpfen teilzunehmen.

„Haben wir eine Toilette?" erkundigte er sich.

„Wir haben einen Holzeimer, in dem zweiten Zimmer, Dhakira und ich können schon allein!" informierte ihn Johari.

„Und hinterher den ‚Ratzeputz' nich' vergessen!" krähte Babu.

„Ich sehe, unser Organisationsgrad steigt", stellte Malfoy trocken fest und ließ sich von Remus den Stab aushändigen.

Als er ein paar Minuten später zurückkehrte, sah er schon weit weniger derangiert aus. Die Maßnahme, mit Reinigungs- und Reparaturzaubern sich und seiner Kleidung zu Leibe zu rücken, hatte er offenbar übernommen.

„Soll ich mal nach Ihrem Bein sehen?", bot Remus an.

„Sind Ihre Heilzauber besser als Ihr Patronus?", gab Malfoy kühl zurück, ließ Remus stehen und verschwand in der Zelle.

Remus ging ihm nach.

„Ich weiß, dass ich letzte Nacht versagt habe. Es wird nicht besser, wenn Sie mir Vorwürfe machen."

Malfoy sah ihn erstaunt an. Dann sagte er zu Remus' grenzenloser Verwunderung: „Das war gar nicht mal schlecht gestern Nacht, Werwolf. Du hast sie über Stunden in Schach gehalten. Auch ich hätte nicht die ganze Nacht durchgehalten, und ich musste tief in die Trickkiste greifen. Tiefer, als ich es mir leisten kann."

„Ich dachte mir schon, dass es letzte Nacht mehr als Stabmagie war", sagte Remus zögernd. „Heute Morgen lag überall Sand auf dem Boden. Das war ein Veelazauber."

Malfoy nickte. „Diese Magie ist bedauerlicherweise sehr endlich. Heute werden Sie allein zurecht kommen müssen, jedenfalls die meiste Zeit."

Er zog das Hosenbein der dunklen Hose, die er unter der Robe trug, nach oben. Ein tiefer, rot geränderter Riss zog sich über seine Wade, in dem sich bereits gelblicher Eiter am Wundrand gebildet hatte.

„Holla, das sieht aber verflixt übel aus", stellte Remus fest und kniete sich hin, um die Verletzung besser untersuchen zu können. „War das ein ‚Sectrum sempra'?"

„Nein, das waren die verdreckten Sporen an Crabbes Stiefeln. Dieser Kretin! Als wären wir im Wilden Westen, unglaublich", fluchte Malfoy. „Leider kann man Heilzauber nicht bei sich selbst anwenden, sonst wäre das hier längst nur noch eine schmale Narbe."

„Ich mach das", sagte Remus. Er zielte mit dem Stab, den er sorgfältig mit dem Vlies aus Malfoys Haaren umwickelt hielt, auf die Wunde.

„Wird ein bisschen brennen. Peroxido!"

Malfoy biss die Zähne aufeinander, als der Wundreinigungszauber zu wirken begann. Weißer Schaum quoll aus der Wunde, es roch nach Desinfektionsmittel und Wasserstoffsuperoxid.

Evanesca."

Auf Remus' Wink mit dem Stab hin verschwand der Schaum. Er besah sich die Wunde. Besser. Viel besser. Er hob erneut den Stab.

Sanitas!"

Die offenen Muskelstränge legten sich aneinander, die Wundränder schoben sich aufeinander zu, und er konnte zusehen, wie sich neues Gewebe und schließlich eine feine rosa Hautschicht über dem Riss bildete.

Kritisch beäugte Malfoy Remus' Werk. Er erhob sich und ging ein paar Schritte. Remus entging nicht, dass er jetzt das Bein kaum noch nachzog.

Malfoy kommentierte die Heilung nicht, aber er setzte sich wieder auf die Pritsche.

„Ich habe ein paar gebrochene Rippen. Kriegen Sie das auch hin?"

Remus nickte.

Malfoy entkleidete seinen Oberkörper, und Remus war erstaunt, dass der Slytherin sich überhaupt in den letzten Tagen bewegt hatte. Seine Haut war übersät von blauen und schwarzen Blutergüssen, die so tief in die Muskulatur zogen, dass sie zum Teil erst nach zweimaligem Ansetzen des Heilzaubers langsam eine Verfärbung ins grünlila Farbspektrum aufwiesen.

„Was immer Sie getan haben, Malfoy, es hat ihre Freunde richtig sauer gemacht", sagte Remus.

Der Slytherin schwieg.

„Was ist mit Ihrer gebrochenen Nase?", fragte Remus. „Wenn wir die nicht richten, bleibt sie so."

Malfoy lachte leise. „Du glaubst tatsächlich, dass wir hier wieder lebend rauskommen, Werwolf."

„Voldemort", sagte Remus kühl. „Wir hatten eine Vereinbarung, Malfoy."

Wie schon zuvor zuckte der andere Zauberer bei der Nennung von Voldemorts Namen sichtlich zusammen.

„Lassen Sie das, Lupin!", zischte er. „Ich werde mich bemühen, Ihren Namen zu behalten."

„Ich will, dass Sie ihn benutzen", erwiderte Remus hart. „Also, was ist mit Ihrem Nasenbeinbruch?"

Malfoy knurrte etwas Unverständliches, und Remus interpretierte es als Zustimmung. Er streckte die Hand aus, um die Nase vorsichtig zu untersuchen, doch Malfoy zuckte blitzschnell zurück.

„Fass mich nicht an, Wer…Lupin!"

Remus starrte ihn an. Gut, sie waren also wieder dort, wo sie gestern Morgen gestartet waren. Wie hatte er auch annehmen können, dass eine Nacht gemeinsam überwundener Gefahr das ändern würde, was jemand wie Malfoy wirklich über ihn dachte. Er hielt ihn für eine Art Tier, eine minderwertige Kreatur, von der er sich nicht einmal berühren lassen wollte.

Remus drehte sich um und ließ den Kerker hinter sich. Die Kinder, deren Lachen und Hüpfen ihm all die Zeit gesagt hatte, dass ihnen keine Gefahr drohte, sahen ihn erwartungsvoll an.

„Wann gibt es die Kartoffeln, Remus?"

Tatsächlich konnte man die goldgelben Erdäpfel bereits riechen.

„Jetzt gleich", sagte er und rang sich ein Lächeln ab. „Dhakira, würdest du Lucius bescheid sagen?"

Hüpfend verschwand sie in der Zelle.

Sie aßen gemeinsam, und das Plappern der Kinder überdeckte das Schweigen der Männer. Lucius half Babu, das gelbe Fruchtfleisch aus der aschebehafteten Schale zu kratzen. Er hatte Löffel und Gabeln aus der Küche beschworen. Remus war froh, dass Voldemort offenbar sparsam genug war, Edelstahlbesteck anstatt alten Silbers für seine Mannschaften zu organisieren. Vermutlich war dies mit Rücksicht auf Greyback und dessen Rudel geschehen.

Nach dem Essen reichte Remus Malfoy den Zauberstab und zog sich in seine alte Zelle zurück, um ein paar Stunden zu schlafen. Er war völlig erledigt, und er wusste, was er in der kommenden Nacht vor sich hatte.

„Wann kommt Papa?" hörte er Dhakira fragen.

„Euer Vater hat vermutlich ein paar Probleme mit den Dienern des Dunklen Lords", sagte Malfoy vage. „Es wäre möglich, dass er es heute nicht hierher schafft."

Johari begann zu weinen.

„Papa soll aber kommen", jammerte sie, von Schluchzern unterbrochen.

„Na, wer wird denn weinen?" beruhigte Malfoy das Mädchen. „Ich bin sicher, dass alles gut wird. Außerdem bekommt man vom Weinen Falten, und das willst du nicht im zarten Alter von sechs Jahren, hm?"

„Wollen wir hüpfen?" fragte Dhakira ihre Schwester, offenbar um sie abzulenken, und vielleicht auch um selbst nicht darüber traurig sein zu müssen, dass ihr Vater heute nicht kam.

„Ich glaube, wir sollten alle eine Mittagspause einlegen", mahnte Malfoy. „Schaut mal, eurem Bruder fallen schon die Augen zu, und ich bin auch sehr müde."

Remus hörte, sie die vier sich in der Zelle nebenan zu schaffen machten und die Pritsche ächzte.

„Duuhuu, Lucius?" klang Joharis Stimme zu ihm herüber.

„Hm?"

„Warum bist du nicht mehr mit Du-weißt-schon-wem befreundet?"

Stille.

„Wie kommst du darauf, dass ich mit dem Dunklen Lord befreundet gewesen sein könnte?" fragte Malfoy perplex.

„Du hast den Totenkopf auf dem Arm", erklärte die Kleine. „Papa sagt, Leute die das haben, sind die Freunde von Du-weißt-schon-wem."

„Du-weißt-schon-wer hat keine Freunde", erwiderte Malfoy nach einer Weile.

„Keine Freunde?"
Man konnte die Verblüffung in Joharis Stimme hören, und sogar Mitleid, als sie jetzt sagte: „Der Arme. Vielleicht ist er deshalb so böse, weil keiner mit ihm befreundet sein möchte?"

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht", antwortete Malfoy schließlich zögernd. „Aber ich glaube, er will keine Freunde. Du kannst nicht mit ihm befreundet sein, Hari. Man kann sein Diener sein, aber nicht sein Freund. Er ist…vielleicht schon zu lange zu böse."

Merlin, dachte Remus, das wäre der Augenblick, an dem Dumbledore versuchen würde, Malfoy für die Sache des Phönixordens zu gewinnen. Dieser Lucius Malfoy, der sich völlig auf die Gedankenwelt der Kinder einließ, schien nicht derselbe Mann zu sein, die Harry im Ministerium bedroht hatte, der Crouch einen Imperius aufgehalst hatte, um dessen Sohn in die Lage zu versetzen, Harry zu töten. Nicht derselbe, der Riddles verhextes Tagebuch in Ginny Weasleys Kessel geworfen hatte, um Voldemort zurück zu holen.

„Warst du denn sein Diener?" fragte Dhakira neugierig.

Malfoy musste wohl genickt haben, denn sie fragte jetzt weiter: „Und warum nicht mehr?"

„Das ist eine Erwachsenensache", sagte Malfoy ausweichend.

„Dann erklär sie für Kinder. Das macht Mama auch immer."

Eines musste man Shacklebolts Töchtern lassen – sie waren nicht auf den Mund gefallen, und sie ließen nicht locker.

Nach einer Weile begann Malfoy tatsächlich zu erzählen:

„Ich habe…hatte eine Frau. Sie hieß Cissy. Sie war sehr schön."

„Meine Mama ist am Allerschönsten, sagt Papa", erklärte Johari.

„Ja, aber er sagt auch, dass unsere Kindergärtnerin Miss Robinson fast am allerschönsten ist, nach Mama", fügte Dhakira wichtig hinzu.

Lucius lachte. „Ich bin sicher, dass eure Mama sehr hübsch ist und Miss Robinson auch. Meine Frau, Cissy, hatte auch ein gutes Herz, und das machte sie zu etwas Besonderem."

In der Schar der Todesser war das ganz sicher etwas Besonderes, dachte Remus. Er war sich zwar sicher, dass Narcissa Malfoys ‚gutes Herz' sich nicht auf ihren Umgang mit Hauselfen erstreckte. Doch er hatte sich schon in Malfoy sehr getäuscht, was dessen Fähigkeit, mit Kindern umzugehen, anging. Vielleicht pflegte Narcissa Malfoy denselben liebevollen Tonfall innerhalb ihrer Familie.

„Eines Tages hat Cissy etwas getan, das dem Dunklen Lord nicht gefiel. Ich kann euch nicht sagen, was, aber es war nichts … Böses. Du-weißt-schon-wer allerdings ist sehr, sehr wütend geworden. Er…" Malfoy holte hörbar Atem. „Er hat Cissy getötet."

Für einen Augenblick hielt Remus den Atem an. Das also war der Grund für Malfoys Zerwürfnis mit Voldemort. Hatte Lucius offen Widerstand geleistet?

Die Kinder schwiegen erschrocken.

Schließlich fand Johari zuerst ihre Sprache wieder. „Du musst sehr traurig sein. Als meine Katze gestorben ist, war ich auch ganz traurig. Soll ich dich drücken?"

„Hari! Das ist viel schlimmer, wenn eine Frau stirbt!" sagte Dhakira entrüstet. „Ich hasse Du-weißt-schon-wen!"

„Da sind wir schon zwei", sagte Malfoy trocken.

„Willst du Du-weißt-schon-wen jetzt auch töten?" fragte Dhakira.

Malfoy stieß ein kehliges, abgehacktes Lachen aus.

„Kleine Kira, du musst noch viel lernen. Man kann den Dunklen Lord nicht so einfach töten. Ich zumindest besitze nicht die Macht dazu. Er ist ein sehr, sehr gefährlicher Zauberer."

„Mein Papa sagt, dass Professor Dumbledore ihn töten könnte", erwiderte das Mädchen ernsthaft.

„Oder Harry Potter!" krähte Babu. „Harry Potter ist der allerstärkste Zauberer!"

Malfoy holte hörbar tief Luft. „Dumbledore ist früher einmal ein sehr mächtiger Zauberer gewesen. Wenn er vor zehn Jahren gegen den Dunklen Lord gekämpft hätte…aber er hat es nicht getan. Das ist auch wirklich kein Gesprächsstoff für euch Kinder. Erzählt mir lieber, was ihr in den letzten Ferien mit euren Eltern unternommen habt."

Emsig begann Johari, von dem Ponyhof in Irland zu erzählen, auf dem sie im letzten Sommer zwei Wochen verbracht hatten. „Nur mit Mama, Papa musste arbeiten. Immer arbeitet er ganz viel", schmollte sie.

Dhakira gähnte vernehmlich.

„Ich denke, ihr müsst jetzt wirklich schlafen", hörte Remus Malfoys Stimme ruhig sagen.

„Passt du auf uns auf?" fragte Dhakira. „Remus schläft ja, und falls die Dementoren wieder kommen…"

„Mach dir keine Sorgen, großes Mädchen. Ich werde Acht geben, dass euch nichts passiert."

Remus konnte die Kinder mit den Decken rascheln hören. Es wurde still – aber nicht für lange.

„Lucius?" flüsterte Johari, und Remus spitzte die Ohren.

„Hm?"

„Glaubst du, dass Harry Potter irgendwann Du-weißt-schon-wen besiegt?"

„Ich kenne Harry Potter kaum", erwiderte Malfoy ausweichend. „Ich weiß es wirklich nicht."

„Ich hoffe es", sagte die Kleine leise.

Im Nebenraum wurde es still. Remus fragte sich für einen Moment, ob er es wirklich wagen sollte, seinem Bedürfnis nach Schlaf nachzugeben. Er war sich nicht sicher, ob Malfoy wirklich in der Verfassung war, zu wachen. Andererseits – dem Slytherin konnte nicht daran gelegen sein, sie alle einem unkalkulierbaren Risiko auszusetzen, und er musste davon ausgehen, dass Remus längst fest schlief.
Remus entschied, dass er die wenigen Stunden Schlaf bis zum Einbruch der Dunkelheit zu dringend brauchte, um sich Malfoys Kopf zu zerbrechen. Trotz seiner Müdigkeit und Erschöpfung hingen ihm dessen Worte jedoch noch lange nach.


Fortsetzung folgt