Kerkermond Evolution

Slashig-trashige...na, Ihr wisst schon.


Author's Note:

Es scheint, egal was ich schreibe, über die Anzahl von drei bis vier Reviews pro Kapitel komme ich nicht hinaus. Vermutlich liegt es am Disclaimer: Das Publikum hat kein Interesse, zwei alternden Zauberern (für die meist jugendlichen Leserinnen ist 35 ziemlich alt, das weiß ich) dabei zuzusehen, wie sie einander aus der Ferne besabbern. Genau deswegen gibt es ja Gawain, die lykantrophe One-Man-Boygroup ;-)

Aber Mädels, lasst euch sagen: Ein Mann mit 35 kann durchaus noch ziemlich sexy sein. Und Remus ist es sowieso (über Lucius muss man da gar nicht erst reden, ich habe gerade gelernt, er ist eine echte Diva!). Also schreibe ich weiter konsequent am Publikumsgeschmack vorbei, vor allem, weil ich tierisch Spaß daran habe. Ich hoffe, ein paar von euch teilen dies Vergnügen :-)

Danke an meine treuen vier Reviewer: Elementargeist, Lucy, Jenn und Glupit


15. Remus: Zeit wie Blei

„Remus!"

Erst Tonks Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Das Pergament vor ihm war weiß und unberührt. Hatte er sich nicht eben vorgenommen, eine Aufstellung der nächsten unabdingbaren Aufgaben des Ordens zu machen?

Die Tür öffnete sich und Tonks stapfte in die Bibliothek.

„Hallo. Ich habe den Rotwein. Bordeaux. Hast du an unsere Spaghetti gedacht?"

Sie musterte ihn.

„Ich...tut mir Leid, Dora. Ich habe es völlig vergessen", entschuldigte er sich.

„Was machst du denn da?", fragte sie mit teilnahmsvollem Blick.

„Arbeiten", erwiderte er. „Oder auch nicht."

Er seufzte und sah zum Stundenglas hinauf.

„Tut mir wirklich Leid. Du musst völlig ausgehungert sein."

„Ich hatte heute Mittag in der Kantine ein Sandwich mit Salat. Aber du hast vermutlich noch gar nichts gegessen. Du bist blass, Remus. Du hast drei Wochen in Voldemorts Kerker hinter dir, du musst etwas essen. Los, komm."

Er ließ sich von ihr aus der Bibliothek die Treppe hinunter und in die Küche lotsen. Im Kamin flackerte knisternd das Feuer, auf dem Tisch standen bereits Kerzen und Teller, und auf dem Herd dampften goldgelbe Nudeln unter einem Wärmezauber.

„Ach Dora", sagte Remus leise und zog sie in eine freundschaftliche Umarmung. „Was würde ich nur ohne dich tun?"

„Dafür sind Freunde doch da", gluckste sie verschämt. „Lass uns essen, hm?"

Nachdem Tonks sich endlich mit dem, was Remus sich hinab gezwungen hatte, zufrieden gab, saßen sie eine halbe Stunde später beim Rotwein zusammen.

Tonks berichtete den neuesten Klatsch und Tratsch aus dem Ministerium, und Remus gab sich Mühe, zuzuhören. Er wusste, sie wollte ihn ablenken, und er war dankbar dafür.

„Rate mal, wenn ich heute Mittag im Ministerium getroffen habe?", sagte sie plötzlich.

Remus lächelte müde.

„Du wirst es mir sicher gleich verraten."

„Diesen Gawain, der heute morgen hier herein geschneit ist. Er war bei Officer MacGonagall. Sie sah nicht eben begeistert aus, und das ist noch untertrieben. Ich habe ihren Mund noch nie so schmal werden sehen."

„Seltsam", erwiderte Remus. „Sollte sie sich nicht über den Besuch ihres Neffen freuen?"

„Das hätte ich auch erwartet", erklärte Tonks. „Er hat sie gebeten, mit ihm essen zu gehen. Das haben sie dann auch gemacht, aber weißt du, was komisch daran war?"

Remus hob fragend eine Augenbraue.

Tonks sprudelte weiter. „MacGonagall macht nie länger als eine halbe Stunde Mittagspause. Nie! In der Zeit isst sie in der Kantine einen Salat, trinkt einen Kräutertee und verschwindet dann wieder in ihrem Büro. Anstatt nun mit Gawain ebenfalls dorthin zu gehen, ist sie für zwei Stunden mit ihm in der Stadt verschwunden. Und Drake hat mir beim Fünf-Uhr-Tee ganz verblüfft erzählt, dass er sie mit einem blonden jungen Mann in einem Muggelrestaurant gesehen hat."

„Vielleicht wollten sie sich einfach ungestört unterhalten?", mutmaßte Remus.

„Das mag ja sein", erwiderte Tonks. „Aber findest du es nicht auch seltsam, dass sie ihn niemandem vorgestellt hat? Außer mir sind noch etliche andere Auroren auf dem Gang an ihnen vorbei gegangen, und sie hat so knapp gegrüßt und derart böse geschaut, dass wir alle in Deckung gegangen sind. Es sah beinahe so aus, als wolle sie nicht mit ihm gesehen werden."

„Das ist in der Tat ungewöhnlich. Entspricht so gar nicht den Grundsätzen der Höflichkeit. Ich kenne sie ja nicht, aber sie scheint eher eine der Hexen zu sein, die sich stets um korrekte Form bemühen", sagte Remus. „Zumindest hatte ich bei meinem Verhör diesen Eindruck. Wenn sie Minerva auch nur entfernt ähnlich ist…"

„Sie sind einander sehr ähnlich", bestätigte Tonks.

Remus schwieg. Er hatte eine Ahnung, warum Diane MacGonagall mit ihrem Neffen lieber nicht in der Öffentlichkeit gesehen werden wollte. Aber er sah zum jetzigen Zeitpunkt keine Notwendigkeit, den jungen Zauberer vor Dora bloß zu stellen, zumal er sich seiner Sache nicht ganz sicher war.

Remus schenkte ihnen beiden noch von dem Rotwein nach, und als Dora vorschlug, sich ein altes Muggelvideo anzusehen, stimmte er fast erleichtert zu. Ihm war nicht nach Konversation, und während der Film lief, hatte er Zeit, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen, die einzig darum kreisten, wie er Lucius beistehen konnte. Wenn er doch wenigstens eine Möglichkeit gesehen hätte, mit ihm Kontakt aufzunehmen!

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Die Tage im Grimmauldplatz vergingen grau und gleichförmig. Remus kümmerte sich um die vernachlässigte Finanzbuchhaltung des Ordens, versuchte sich mit dem Lesen dicker Arithmantikschwarten abzulenken und verbrachte viele Abende mit Tonks. Die junge Aurorin hatte sich in den Kopf gesetzt, ihn nicht zu viel alleine zu lassen.

„Du musst nicht auf mich aufpassen, weißt du", hatte er ihr gesagt. „Ich überlebe auch ohne die permanente Zufuhr italienischer Pasta und von Filmen mit Meg Ryan. Du bist eine junge Frau, Tonks. Warum gehst du nicht mit deinen Freunden aus und hast ein bisschen Spaß?"

Tage später bereute er diese Worte, denn Tonks hatte zwar aufgegeben, Remus allabendlich persönlich zu betreuen, aber sie hatte die Aufgabe delegiert. Und so kam es, dass abwechselnd die Weasley-Zwillinge, Molly, Minerva und auch Albus vorbei schauten, zufällig noch eine Tüte Hamburger, eine selbst gebackene Quiche oder einen Korb aus der Hogwarts-Küche dabei hatten, und außerdem viel Zeit, um Neuigkeiten aus der Londoner Zaubererszene (die Weasleys), Kochrezepte (Molly), die Theorie von Verwandlungen (Minerva) oder arithmantische Grundlagen (Albus) zu diskutieren.

Remus schätzte seine Freunde und ihre Bemühungen, aber nichts davon vermochte das Leiden zu lindern, das ihn im Inneren ohne Pause quälte: Die Sorge um Lucius, seine Sehnsucht nach dem Slytherin und den zunehmenden Zorn über sein Unvermögen, einen Weg zu finden, mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Und eine weitere Sorge gesellte sich hinzu. Wie Tonks eines Abends berichtete, hatte man Kingsleys Kinder – von ihm selbst fehlte weiterhin jede Spur – in ein Waisenhaus des Ministeriums gesteckt. Die drei hatten zwar eine Patin, doch das Ministerium war nicht gewillt, drei magiebegabte Kinder in ein Flugzeug zu setzen, um sie mit Nora Shacklebolts Muggelschwester nach Washington zu schicken. Zwar hatte man Larissa Laine-Jones vom Tod ihrer Schwester und Verschwinden ihres Schwagers verständigt. Die junge Frau war auch sogleich aus den USA eingereist, um die Beerdigung und sonstigen Formalitäten zu regeln. Doch als Konsequenz der Entscheidung des Ministeriums hatte man sie mit einem Vergessenszauber belegt und in einem Flugzeug zurück in die Staaten geschickt. Sie war nun der Meinung, ihre Schwester sei mit Mann und Kindern bei einem Segelunfall ertrunken.

„Für die Kinder ist es fürchterlich", sagte Tonks. „Larissa ist eine nette Frau, und die Kinder kannten sie trotz der Entfernung aus den Ferien. Sie haben nun schon wieder die Bezugsperson verloren. Eine Freundin von mir, die im Amt für die Erziehung minderjähriger Zauberer arbeitet, hat mir erzählt, dass vor allem die Mädchen gar nicht zurecht kommen im Heim."

„Es ist schrecklich. Leider hat der Orden fast keine Möglichkeit, sich in dieser Angelegenheit einzumischen", seufzte Minerva, die heute Abend offenbar mit ‚Wolf-Sitting' dran war, wie Remus selbst es heimlich nicht ohne Sarkasmus nannte.

„Können wir nicht wenigstens jemanden in das Waisenhaus einschleusen, der nach ihnen sieht?", fragte Remus.

„Sie sind dort gut versorgt", sagte Tonks. „Die Erzieherinnen sind wirklich nett. Aber die Kinder sind natürlich völlig überfordert mit der Situation."

„Ich würde sie gerne besuchen", sagte Remus plötzlich.

„Und dann?" fragte Minerva. „Sicher freuen sie sich, dich zu sehen, Remus, aber du musst sie dann auch wieder dort lassen. Vielleicht ist es besser, wenn man sie sich erst einmal ganz in Ruhe eingewöhnen lässt."

„Minerva hat recht", pflichtete Dora bei. „Außerdem würde man dich ohnehin nicht zu ihnen lassen, Remus. Deine Lykantrophie, du weißt schon."

„Natürlich", sagte er leise mit bitterem Sarkasmus. „Das kann das Ministerium nicht riskieren. Ich würde natürlich meinen Besuch auf die Vollmondnacht terminieren, um maximalen Horror anzurichten unter ihren Schutzbefohlenen."

„Du kannst nicht ändern, was die Menschen in dir sehen", sagte Minerva bedauernd. „Das tut mir so leid. Ich bin sicher, die Kinder wären außer sich vor Freunde, wenn du sie besuchen würdest. Glaub mir, wenn ich Umbridge aus dem Ministerium entfernen könnte, mir wäre jedes Mittel recht." Sie seufzte. „Leider ist sie nicht die Einzige, die ihre Paranoia wie Gift verspritzt. Der Aberglauben sitzt so tief." Sie seufzte wieder.

„Was macht eigentlich dein Neffe?", fragte Remus plötzlich, und erntete einen bohrenden Blick von der Verwandlungslehrerin. „Ich habe ihn seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen."

Tatsächlich war der junge Amerikaner, der nach ihrer ersten Begegnung immer wieder im Haus aufgetaucht war, Remus und Tonks gelegentlich abends Gesellschaft geleistet hatte und dabei immer wieder bei der jungen Aurorin mit seinen Avancen abgeblitzt war, seit einiger Zeit wie vom Erdboden verschluckt.

„Gawain hat einen Auftrag für den Orden zu erledigen. Er ist in Schottland", sagte sie.

Remus warf ihr einen fragenden Blick zu. Minerva presste die Lippen aufeinander.

Er hatte sich bereits gefragt, warum Dumbledore ihn noch nicht auf das Projekt angesprochen hatte, an dem Remus eigentlich für den Orden arbeiten sollte – die Verhinderung des Überlaufens des zahlenmäßig bedeutsamen schottischen Werwolf-Rudels zu Voldemort. Doch Remus, Engländer und nur mühsam in der Lage, sich auf die rauen Sitten und Lebensgewohnheiten der anderen Werwölfe einzustellen, außerdem im Grunde seines Wesens kein Alpha, hatte stets einen schweren Stand in dieser Gruppierung gehabt.

Als Tonks den Raum verließ, um ins Bad zu gehen, beschloss Remus, dass es an der Zeit war, Minerva mit seinem Verdacht, der bereits fast zu einer Sicherheit geworden war, zu konfrontieren.

„Seid ihr, du und Albus, sicher, dass Gawain dem Rudel gewachsen ist?", fragte er sie.

Minerva sah ihn durch ihre quadratischen Brillengläser bohrend an.

„Seit wann weißt du es, Remus?"

„Ich weiß es nicht. Aber ich habe es vom ersten Tag an vermutet. Gawain ist also ein Werwolf? Ist er deswegen hier in London?"

Sie nickte. „Meine Nichte Phoebe ist vor dreißig Jahren in die USA ausgewandert. Sie hat dort ihren späteren Mann Ted kennen gelernt, und er war lykantroph. Eines Nachts - Vollmond natürlich - hat er die Kellertür aufgebrochen. Er hat sie und Gawain, der noch Baby war, angegriffen. Phoebe starb, aber der Junge hat überlebt. Sein Vater nahm ihn mit in die Nähe der kanadischen Grenze. Dort gibt es einen Ort, der ausschließlich von Lykantrophen bewohnt wird – eine Art Reservat."

„Merlin, ich dachte immer, ‚Wolftown' sei ein Ammenmärchen!" rief Remus aus.

„Es ist Realität. Nun, es stellte sich heraus, dass Gawain nicht leicht zu lenken war. Er war der Anführer einer Bande Jugendlicher, die kaum noch zu handhaben war für die örtliche Polizei. Irgendwann hat er den Bogen überspannt, als er eine Methode entwickelte, sich auch außerhalb des Vollmonds zu verwandeln."

„Der Polyjuice?" vermutete Remus.

Sie nickte. „Anders als andere ist Gawain jedoch in der Lage, die Verwandlung zu kontrollieren. Jedenfalls hat man ihn vor die Wahl gestellt, sich anzupassen oder Wolftown zu verlassen. Er ist als Sechzehnjähriger allein nach Kalifornien gegangen, hat dort sein Recht, Verteidigung zu studieren und einen Aurorenausbildung zu machen, eingeklagt und den Prozess gewonnen. Er hat jede Auszeichnung erhalten, die die magische Militär-Akademie zu vergeben hatte. Remus, er mag sich anhören und benehmen wie ein amerikanischer Kulturbanause, aber Gawain hat ganz besondere Fähigkeiten. Ich kenne niemanden, der so schnell war oder ist mit dem Zauberstab, und ich schließe selbst James Potter mit ein."

„Gawain ist schneller als der legendäre James Potter?" sagte Tonks, die eben herein kam.

„Mit dem Mundwerk auf jeden Fall", sagte Minerva.

„Oh, er hat Severus entwaffnet, gleich am ersten Morgen, als er hier aufschlug", setzte Remus lächelnd hinzu. Ganz sicher würde Snape dieses Detail nicht weiter getragen haben.

„Wow", sagte Tonks. „Er muss ziemlich gut sein. Snape ist eine große Nummer."

„Severus ist sicherlich ein passabler Zauberer", sagte Minerva schmallippig. „Aber seine Fähigkeiten liegen wohl eher bei den Kesseln als im Duell. Du solltest meinen Neffen also nicht zu sehr bewundern, Tonks."

Remus sagte nichts. Severus war ein mehr als geübter Duellant, wie er wohl wusste. Niemand im Orden – er selbst eingeschlossen und von Dumbledore abgesehen – konnte dem Slytherin das Wasser reichen. Minerva wusste das. Warum also machte sie den jungen Zauberer vor Dora schlechter als er war?

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Gawain tauchte zwei Tage nach dem nächsten Vollmond wieder im Grimmauldplatz auf. Nichts an ihm verriet, dass er einen harten Monat und den Mond hinter sich hatte. Remus war nach jeder seiner Missionen in Schottland erschöpft und zerbissen zurück gekehrt. Gawain wirkte so entspannt, als käme er aus einem zweiwöchigen Urlaub.

Am nächsten Morgen, Remus kam gerade aus dem Keller, wo er sich um die Wäsche gekümmert hatte (Kreacher hatte sich nach Sirius' Tod als völlig ungeeignet erwiesen), als der Kamin grell aufflackerte.

Dora stolperte hinaus, das Gesicht vor Aufregung gerötet. Sie trug noch ihre Uniform, musste also direkt aus dem Ministerium gekommen sein.

„Tonks!" Remus fing sie auf, bevor sie über den trollfüßigen Schirmständer fallen konnte.

„Remus, gute, gute Nachrichten!" rief sie aus.

„Was ist los?" Gawain sprang die Treppe hinunter, in der Hand eines seiner amerikanischen Muggelsportmagazine.

„Kingsley ist frei! Und Hagrid ist auch wieder da!"

Sie strahlte über das ganze Gesicht.

„Wir müssen Dumbledore eine Eule schicken! Ich habe es eben mitbekommen. Es soll streng geheim gehalten werden, weil die Umstände ihrer Befreiung mehr als ungewöhnlich waren. Sie sind noch im St. Mungos, aber es geht ihnen soweit gut."

„Was für Umstände?" erkundigte sich Remus.

„Halt dich fest", forderte sie ihn enthusiastisch auf. „Vor zwei Nächten hat ein ganzes Rudel Werwölfe ein altes Schloss in Schottland angegriffen. Dort hatte Du-weißt-schon-wer die beiden festgehalten. Sie wurden befreit und konnten sich bis zu einem Muggeldorf durchschlagen. Dort haben sie über Telefon das Ministerium in Edinburgh angerufen, und so konnte eine Gruppe Auroren sie abholen. Du kannst dir vorstellen, dass Umbridge, seit sie es weiß, völlig durchdreht. Sie versucht alles, um zu vertuschen, dass es ausgerechnet Werwölfe waren, die die beiden rausgeholt haben."

„Ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen", sagte Remus trocken.

„Deine ganze Arbeit dort oben in Schottland – Remus, es hat sich gelohnt! Diese Männer folgen nicht Voldemorts Ruf, sondern sie halten zu uns!"

Tonks glühte beinahe vor Begeisterung.

„Denkt euch nur, Kingsley wird die Kinder schon morgen abholen können. Das weiß ich von meiner Freundin aus dem Amt für magische Erziehungsangelegenheiten. Oh Merlin, das ist einfach alles nur so wundervoll!"

Sie umamte Remus und ließ ihn gar nicht mehr los.

Er jedoch blickte über ihre Schulter zu Gawain hinüber, um dessen Mund ein feines Lächeln spielte.

„Danke, Remus", murmelte Tonks an seinem Ohr. „Du kannst sehr, sehr stolz auf dich sein."

„Oh nein, Dora." Er schob sie von sich weg. „Ich bin dankbar, dass ich dazu beitragen konnte, dass Kingsleys Kinder Voldemorts Kerker überlebt haben. Aber mit dem Sinneswandel der schottischen Werwölfe habe ich nichts zu tun."

„Aber Remus – wer sonst könnte sie dazu gebracht haben, Voldemort nicht nur die Gefolgschaft zu versagen, sondern auch noch offen gegen ihn vorzugehen?"

Tonks sah ihn fragend an.

Er warf einen Blick zu Gawain, doch dieser schüttelte heftig den Kopf und legte einen Finger auf die Lippen. Remus, der genau wusste, wie es sich anfühlte, wenn jemand gegen seinen Willen das dunkle Geheimnis der Lykantrophie preisgab, suchte nach einem Ausweg, ohne Tonks anlügen zu müssen.

„Da musst du schon Dumbledore fragen – oder Minerva", wand sich Remus aus seiner verzwickten Lage. „Mich beschäftigt derzeit ein ganz anderes Problem, wie du wohl weißt."

Sie seufzte. „Lucius. Auch da gibt es Neuigkeiten, allerdings keine guten. Der Ankläger in seinem Prozess wird Grant Berkins sein."

„Berkins?", wiederholte Remus perplex. „Das ist doch der Auror, dessen ganze Familie vor fünfzehn Jahren von Voldemorts Todessern ausgelöscht wurde. Die Gruppe soll von Malfoys Vater angeführt worden sein. Dora, niemand wäre weniger befangen als Berkins."

„Das hat Lucius' neuer Anwalt auch gesagt. Das Widerspruchsverfahren läuft noch, aber Officer MacGonagall meinte heute, dass der Zaubereiminister den Widerspruch wohl ablehnen wird. Er steht in Berkins Schuld, außerdem haben die beiden vor vielen Jahren zusammen ihre Aurorenprüfung abgelegt. Übrigens sagte sie, dass der Prozess vermutlich innerhalb des nächsten Monats beginnen wird. Die Anklageschrift ist natürlich noch nicht fertig, aber länger können sie Lucius ohne Anklageerhebung nicht festhalten. Klar, dass sie sich nicht die Blöße geben werden, ihn aus formalen Gründen auf freien Fuß setzen zu müssen."

„Da braucht man einmal die Bürokratie", sagte Gawain lächelnd.

Remus seufzte. Er war froh, dass Kingsley und Hagrid frei und den Umständen entsprechend wohl auch gesund waren, aber seine Angst um Lucius wurde durch die neuen Nachrichten nicht geringer.

„Ich gehe in die Bibliothek und schreibe an Albus", sagte er. „Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass er über die erfolgreiche Befreiung bereits in Kenntnis gesetzt wurde."

Er musterte Gawain scharf.

„Bei Al's guten Verbindungen ist das nicht ausgeschlossen", bestätigte dieser vage.

Remus hörte, wie der Amerikaner auf Tonks zuschlenderte.

„Das sind wirklich erfreuliche Nachrichten, was Ihren Kollegen und seinen Begleiter Hagrid betrifft. Solche Ereignisse sollte man feiern. Was halten Sie von einer Party, Supertonks?"

Remus hörte Dora lachen. „Haben Sie geprüft, ob Sie nicht doch mit Lucius Malfoy verwandt sind? Sie müssen mich schon mit mehr als einem filmreifen Lächeln beeindrucken, wenn ich mit Ihnen ausgehen soll, Mr. Gray."

„Gawain", korrigierte der junge Zauberer zum wiederholten Mal. „Ich hatte an ein Fest hier im Haus mit vielen Gästen gedacht", hörte Remus noch Gawains Stimme. „Wenn ich geahnt hätte, dass Sie es überhaupt in Erwägung ziehen, mit mir allein auszugehen, wäre dies natürlich meine erste Wahl, Tonks."

„Wie ich bereits sagte, da ich für Ihre Tante arbeite, ist ein Date keine Option, Gawain. Aber die Idee mit dem Fest ist schön. Wir könnten alle gemeinsam ausgehen. Downtown gibt es einen neuen Japaner, der schwebendes Sushi im Angebot hat."

Remus schloss die Tür der Bibliothek hinter sich. Bei aller Freude über Kingsleys und Hagrids Befreiung, das letzte, was er jetzt brauchte, war ein Fest mit strahlenden Gesichtern.

Er schrieb eine Zusammenfassung von Tonks' Nachrichten auf ein Pergament, rollte es zusammen und pfiff nach dem grauen Habichtskauz, den Hagrid noch kurz vor ihrer Gefangennahme besorgt hatte. Als der Vogel mit dem Brief im grauen Morgendunst verschwunden war, starrte Remus noch lange in den tristen Londoner Himmel.

„Lucius", flüsterte er. „Wie sehr ich wünschte, du könntest mich hören. Ich würde dir so gerne sagen, dass ich dich unendlich vermisse." Der Wind riss ihm die geflüsterten Worte von den Lippen. Wenn ich nur ein bisschen kindliche Fantasie bewahrt hätte, dachte Remus, könnte ich in dem Gedanken Trost finden, dass der eisige Ostwind meine Worte bis nach Askaban übers Meer trägt. Doch Remus wusste, dass seine Kindheit bereits vor langer Zeit viel zu früh für immer geendet hatte: in der Nacht, in der Fenrir Greyback ihn auf ewig zu einem Außenseiter bestimmt hatte.

Er war auf mancherlei Art nicht weniger gefangen als Lucius, der in der Hölle Askabans auf seinen Prozess warten musste.


Fortsetzung folgt

Einige von euch vermissen Lucius – nun, dem armen Remus geht es genau so! Ich habe überlegt, ob ich ein Kapitel aus Lucius' Sicht einfügen soll, mich aber dann doch entschlossen, bei Remus' View als Erzähler zu bleiben. Ihr könnt euch aber bestimmt vorstellen, dass es ihm in Askaban nicht eben gut geht, und er zudem vielleicht noch mehr leidet als Remus. Für ihn muss es hart sein, Gefühle für einen Werwolf, den er eigentlich verachtete, zu hegen und zu wissen, dass diese zwar magischer Genese sind, dafür aber nicht weniger echt. Außerdem hat er einen mehr als unerfreulichen Prozess vor sich und muss zudem immer noch den Tod seiner Frau verdauen.

Keine Angst, die Kapitel, in denen Lucius eine der Hauptrollen spielt, kommen bald.

Wer schon mal einen Vorgeschmack auf die düstere Atmosphäre des Prozesses haben möchte, dem empfehle ich „Blutige Nächte". In dieser Geschichte steht Remus vor dem Wizzen Gamot, weil er angeblich Angelina Johnsons Großvater ermordet hat. Spannend zu lesen und heftigst düster.