Kerkermond Evolution 17

Kerkermond Evolution 17

Trashig-slashige Fanfiction mit einem miesen Cliff am Ende dieses Kapitels


Danke für die tollen Revs: Jenn, Lucy, Sunuxal, Nicole, Glupit, Elementargeist. Merlin, sechs Reviews, eine beinahe magische Zahl! Danke sehr!

Elementargeist: Bei dir habe ich noch Review-Antwort-Schulden, die umgehend beglichen werden.

Nicole: Du bist Slytherenes Nicole, ich ihre virtuelle Tochter. Du hast als Tochter von jemand angefangen, ich bin es noch. Ich würde mal sagen, du hast eine steile Karriere gemacht ;-). Was Kensington angeht, so ist Kings ja "Head of Auror Department", also so 'ne Art Polizeipräsident. Da klappt das schon mit dem Nobelstadtteil. Ah, endlich eine, die den Namen genauer auf die Finger guckt: Natürlich ist der Name Programm bei Gawain. Und er trägt zwar nicht den Gral mit sich, aber was Remus betrifft, eine Fähigkeit, die noch wichtig werden wird. Eine Art sehr modernen Kelch (war bei 'nem Ami ja nicht anders zu erwarten...). Über Mini-Maus und Mary-Remus habe ich sehr schmunzeln müssen. Aber "Tante Nervi" als Kurzform für Minerva erscheint mir keine akzeptable Alternative. So, so, du freust dich drauf, dass Severus eins auf die Mütze kriegt? Na, dann dürfte das folgende Kapitel für dich ja ein Anfang sein. Herzlich willkommen zum fröhlichen Tränkemeister-Quälen.

Beta: Slytherene ;-)

So, alle die es endlich wieder düsterer haben wollten, kommen jetzt so langsam auf ihre Kosten. Und wer wäre besser geeignet, euch nach Askaban, in die ‚Katakomben der Hoffnungslosigkeit' zu bringen, als Severus Snape?


Severus: Askaban

Eine paar Tage nach Kingsleys Befreiungsfeier war im Grimmauldplatz wieder graue Routine eingekehrt. Remus hatte noch immer keine Idee, wie er mit Lucius in Verbindung treten konnte, ohne das Ministerium misstrauisch werden zu lassen.

Gawain arbeitete irgendetwas für Dumbledore, und Tonks hatte Nachtschicht, so dass Remus auch sie nicht zu Gesicht bekam.

Remus vergrub sich in der Bibliothek und versuchte, seine Angst um Lucius und seine unerfüllte Sehnsucht mit Arbeit zu betäuben.

Er bemerkte den seltenen Besucher erst, als die Tür der Bibliothek aufschwang.

„Severus?"

Remus blickte erstaunt von den Saltovortragslisten auf. Der Tränkemeister war der Letzte, den er an diesem Mittag erwartet hätte.

„Sieh dir das hier an", sagte Snape und hielt Remus eine Pergamentrolle hin.

„Was ist das?", fragte Remus, als er das Siegel des Ministeriums erkannte.

„Das ist ein Passierschein für Askaban. Er lag einem Schreiben von Lucius' Anwalt bei, in dem dieser mich bittet, seinen Mandanten im Gefängnis aufzusuchen."

„Aber du bist weder mit ihm verwandt noch Advokat", stellte Remus perplex fest und konnte die Finger gar nicht von dem wertvollen Papierstück lösen.

„Das ist richtig. Aber Miss Tonks hat eine Kleinigkeit vergessen bei ihrer Recherche, vermutlich erschien es ihr zu unzutreffend, um es zu erwähnen, oder sie hat es schlicht übersehen. Die Besuchsregelung gilt ebenfalls für Paten minderjähriger Kinder. Draco ist sechzehn, und man kann mit Fug und Recht behaupten, dass er sich in schlechter Gesellschaft herumtreibt. Und ich bin nun einmal sein Pate."

Snape musterte Remus, beinahe wie ein Raubvogel eine kleine, pelzige Beute taxiert.

„Ich nehme nicht an, dass du mir offerierst, an deiner Stelle zu gehen?", fragte Remus.

Severus kräuselte die schmalen Lippen.

„Der Brief des Anwalts enthält einen Hinweis, dass Askaban neue Polyjuicedetektoren eingeführt hat. Lucius hat deine Wünsche offenbar vorausgesehen und diese Warnung veranlasst. Er ist wie üblich gut informiert."

Remus nickte und seufzte. Die eben aufgekeimte Hoffnung, Lucius sehen zu können, war so schnell gestorben wie sie entstanden war.

„Ich bin ausnahmsweise bereit, eine Botschaft von dir zu bestellen, sofern sie weder anzüglich noch ...romantischen Charakters ist", meinte Severus kühl.

„Wann fährst du hin?" erkundigte sich Remus, mühsam die äußere Ruhe wahrend. „Kann ich dir einen Brief mitgeben?"

„Ich werde mich bereits heute Nachmittag auf den Weg machen, und nein, ein Brief wäre nicht empfehlenswert, es sei denn, du willst, dass das Ministerium von der...'Natur' eurer ... ‚Bindung' erfährt."

Snape musterte Remus verächtlich. „Du musst schon jetzt entscheiden, was ich ihm bestelle."

„Sag ihm bitte..." Remus fuhr sich durch die langen Haare. Es fiel ihm schwer, ausgerechnet vor Severus über seine Gefühle zu sprechen. Doch wie anders sollte er Lucius erreichen?

„Sag ihm, ich bin fast wahnsinnig vor Sorge. Er fehlt mir. Ich...ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Frag ihn, ob er etwas braucht, ob ich ihm irgendwie helfen kann."

Snape verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse.

„Keine Romantik, habe ich gesagt. Man wird jedes Wort abhören. Und ich bin nicht dein Postillion d'amour. Außerdem bist du einer der letzten, die ihm jetzt irgendwie helfen können. Plane lieber deine Aussage für den Prozess. Man wird dich mit Sicherheit unter Veritaserum setzen. Du solltest dich wappnen."

Severus starrte Remus mit undurchdringlich schwarzem Blick an. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wirkte ausgesprochen abweisend.

„Sollte Lucius mich davon überzeugen können, dass er den Tod seiner Frau und Nora Shacklebolts nicht zu verantworten hat, werde ich einen Code für deine Botschaft finden", meinte er schließlich.

Damit drehte er auf dem Absatz um und rauschte mit wehendem Umhang hinaus.

Remus blieb zurück in Stille der Bibliothek, mit den aufgeschlagenen Unterlagen vor sich auf dem Schreibtisch.

Eine seltsame Leere machte sich in seinem Inneren breit. Es würde keine Möglichkeit geben, Lucius vor seinem Prozess zu sehen, und Merlin allein wusste, wann das Ministerium alle belastenden Fakten und Zeugenaussagen zusammen getragen haben würde. Aber auch während des Gamotgeschehens würde es schwer, wenn nicht gar unmöglich sein, näher als auf mehrere Meter an ihn heran zu kommen.

Und danach?

Das war es, was ihn wirklich bedrückte. So sehr er sich jetzt auch danach sehnte, jetzt mit Lucius wenigstens sprechen zu können – andere Gedanken und Wünsche hatte er ohnehin weit weggeschoben, sie waren zu unrealistisch, zu unerreichbar – so stoisch hätte er die Wartezeit ertragen, wenn es nur den Hauch einer Hoffnung auf eine Zukunft geben würde. Doch wenn er sich zwang, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, lagen nur endlose leere Tage und Einsamkeit vor ihm. Das Ministerium würde an Lucius ein Exempel statuieren, daran bestand kein Zweifel.

Remus ließ die Stirn auf seine Unterarme sinken und wünschte sich dunkles Vergessen herbei. Wenn es nicht auf jeden einzelnen von ihnen in diesem Kampf ankäme, wenn er nicht so verdammt pflichtbewusst wäre – es gab Möglichkeiten, dieser Tortur, die sein Leben war, zu entkommen. Ein kleines rundes Stück Edelmetall, abgeschossen mit einer schlichten Muggelpistole, und der Kampf hätte ein Ende.

Doch es gab neben allem anderen noch die Stimme in seinem Kopf, die hartnäckig zischte: ‚Was wird Lucius wohl denken, wenn er dem Wizzen Gamot gegenüber steht, und im Publikum nicht dein Gesicht findet? Wird er nicht glauben, du hättest ihn im Stich gelassen? Wann hast du jemals gekniffen, wenn es schwierig wurde, Remus Lupin?'

Es stimmte. Er hatte noch niemals wirklich aufgegeben, sich nie einer Aufgabe entzogen. Er würde auch diesmal den Weg bis zum Ende gehen.

oxoxoxoxoxoxoxoxoxo

Eine Weile später näherten sich Schritte, trabten die Treppe hoch, dynamisch und leicht. Schwungvoll wurde die Tür der Bibliothek aufgestoßen.

„Hi Remus. Alles okay?"

Gawain musterte ihn mit dem freundlichen Interesse, das er der Mehrheit der Menschen entgegen zu bringen schien.

„Was machst du gerade?"

„Finanzen regeln", antworte Remus.

„Wie öde. Draußen scheint die Sonne. Lass den Papierkram mal liegen und komm mit in den Park. Ich habe ein ziemlich cooles Muggelfrisbee erstanden."

„Ich dachte nicht, dass dein Praktikum in England im Wesentlichen aus American Sports besteht", erwiderte Remus.

Gawain lachte. „Ich arbeite gerade eben für den Orden. Al meinte, ich müsste dich mal aufheitern und aus dem Haus scheuchen."

Remus hob die Augenbrauen. Es irritierte ihn immer noch zutiefst, dass Dumbledore sich von Gawain mit „Al" anreden ließ.

„Na komm schon. Wir sind Wölfe, wir brauchen Auslauf."

„Ich brauche niemanden, der mit mir ‚Gassi' geht", knurrte Remus.

Doch dann dachte er daran, wie Sirius ihn ein ums andere Mal angefleht hatte, mit ihm hinaus zu gehen. Wenigstens in seiner Animagusgestalt hatte er sich frei bewegen können, solange sie sich in Muggellondon aufhielten.

Seufzend stand Remus auf und folgte Gawain ins untere Stockwerk. Der jüngere hatte nicht nur ein Frisbee dabei, sondern auch einen der großen orangefarbenen Bälle, die ihn oft begleiteten, und einen Picknickkorb.

„Eigentlich habe ich keine Zeit dazu", sagte Remus.

„Stell dich nicht an und komm. Es ist warm draußen, man braucht nicht mal eine Jacke."

Eine Stunde später saßen sie schwitzend und ausgepumpt – zumindest was Remus betraf - im Park und stöberten in dem Picknickkorb.

Remus nahm ein Eier-Cheddar-Sandwich und blinzelte in die Sonne.

„Warum bist du so unglücklich?", fragte Gawain unvermittelt. „Ich weiß, es hat mit diesem Todesser zu tun, Malfoy, aber ich verstehe es nicht."

„Hast du Tonks nicht gefragt?", sagte Remus.

„Klar hab ich. Aber sie ist ein loyales Mädchen, sie sagt nichts." Er grinste. „Sie ist auch ein unglaubliche cooles Mädchen, und hübsch dazu. Ich meine, wenn sie mal nicht wie jemand anders aussieht."

„Was soll mit euch passieren, wenn du nach Amerika zurück gehst?", erkundigte sich Remus, dankbar, das Thema wechseln zu können.

Gawain zuckte die Schultern. „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Es ist gut, wie es jetzt ist."

Remus nickte und beneidete den Jungen im Stillen. Er selbst hatte niemals die innere Distanz gefunden, eine Beziehung auf diese Weise anzugehen. Die Frage nach der gesellschaftlichen Ausgrenzung, die eine Verbindung mit einem Werwolf für eine Frau bedeutete, lastete stets wie ein großer, grauer Felsbrocken auf jeder Leichtigkeit.

„Du hast vom Thema abgelenkt", stellte Gawain fest. „Ich bin zwar Amerikaner, aber das ist nicht gleichbedeutend mit doof sein."

„Nicht bei dir", gab Remus zu und musste schmunzeln.

Gawain hatte sich in ihren Gesprächen tatsächlich als kluger, hochintelligenter Kopf erwiesen. Deswegen beeindruckte Remus seine Sorglosigkeit umso mehr.

Er stützte den Kopf auf seine verschränkten Hände und betrachtete den jungen Zauberer. Konnte er ihm vertrauen?

Die Frage war wohl eher, wollte er das?

„Was weißt du über das Ritual von Glenkill?", fragte er schließlich.

„Was gibt es da zu wissen?", gab Gawain zurück. „Man hat damit die Familie geschützt, bevor es Wolfsbanntrank gab. Klappt aber nur, wenn du echt weit ab vom Schuss wohnst."

„Es war die einzige Möglichkeit, Lucius Malfoy ausreichend Macht über mich auch im verwandelten Zustand zu geben, dass er die Kinder schützen konnte", erklärte Remus.

Gawain sah von seinem Teller auf.

Du hast das Ritual mit ihm vollzogen? Merlin, es bindet deine Seele an ihn. Du wirst dich niemals von ihm lösen können, ist dir das klar?"

Als er Remus' mitleidigen Blick bemerkte, lächelte er.

„Ja, sorry, natürlich weißt du das. Oh Mann, da hast du euch beiden ja eine schöne Scheiße eingebrockt. Vermutlich dreht er ab da in Askaban. Und nach allem, was in den Zeitungen steht, werden die ihn bis ans Ende seiner Tage verknacken, Einzelhaft mit Kontaktsperre. Ehrlich, da ist unsere gute alte Todesstrafe in den USA humaner. Ein sauberer ‚Avada kedravra', und es ist vorbei. Der Tod löst auch die Glenkill-Bindung, übrigens."

„Es würde mich umbringen, Lucius sterben zu sehen", sagte Remus schlicht.

„Aber falls sie ihm den Dementorenkuss verpassen, oder ihn die nächsten vierzig Jahre in Askaban verrotten lassen, damit kommst du klar?"

Gawain musterte Remus. Dieser schlug die Hände vors Gesicht.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll", flüsterte er und kämpfte mit den Tränen. Er war mittlerweile völlig am Ende, und in diesem Moment war es ihm auch egal, was der junge Werwolf über ihn dachte.

„Seit Wochen zermartere ich mir das Hirn, wie ich ihn wenigstens sehen kann. Aber ich finde und finde keine Lösung. Polyjuice scheidet aus, Gewalt kommt nicht in Frage, und eine legale Möglichkeit, ihn zu sehen, gibt es nicht."

„Shit", sagte Gawain und malträtierte seinen Kaugummi.

Remus erzählte ihm von Snapes Besuch.

„Wann war das?", fragte der Amerikaner und warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

„Heute Mittag", antwortete Remus.

Gawain sprang auf und stopfte sich ein viel zu großes Stück Apfel in den Mund. „Lass uns gehen", nuschelte er mit vollem Mund.

„Wohin?", fragte Remus.

„Nach Hogwarts!" Gawain schluckte. „Wenn die Fledermaus zurückkommt, ist sie dir eine Erklärung schuldig. Wir werden etwas vorbereiten müssen. Und wir müssen Al bequatschen. Nun komm schon", drängelte Gawain.

xoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxox

Zwei Stunden später saßen sie gemeinsam mit ‚Al' in dessen Büro, tranken Tee und knabberten Schokoladenkekse. Genau genommen waren es Gawain und Dumbledore, die sich die Kekse schmecken ließen, Remus hingegen war viel zu nervös, um auch nur einen Bissen herunter zu bringen. Gawains Idee war ebenso simpel wie genial – sie hatte nur einen Unsicherheitsfaktor: Severus Snape.

Als eines der silbernen Instrumente auf Dumbledores Schreibtisch begann, leise zu klingeln, nickte er Remus zu.

„Severus ist eben zurückgekehrt. Ich werde ihn rufen."

„Ich geh' dann mal lieber", sagte Gawain. „Meine Anwesenheit trägt ganz sicher nicht dazu bei, die Bereitschaft, seine Gedanken mit dir zu teilen zu erhöhen."

„Was hat Severus eigentlich gegen dich?", fragte Dumbledore den jungen Mann. „Ihr geht einander aus dem Weg, das zumindest ist mir bereits aufgefallen."

„Ich weiß nicht", antwortete der Amerikaner. „Vermutlich fühlt er sich in seiner Machtposition als exklusiver Wolfsbanntranklieferant des Ordens gefährdet, weil ich nicht von ihm abhängig bin. Oder es ist simpler Neid: Ich bin jung, erfolgreich, gutaussehend und verfüge über eine animalische Anziehungskraft auf Frauen. Das kann man von ihm nicht sagen."

Dumbledore kicherte und räusperte sich dann. „Gawain Gray, lediglich dein Erfolg ist dein eigener Verdienst, die anderen Vorzüge hat dir die Natur einfach so mitgegeben. Etwas Bescheidenheit würde dir zur Abwechslung gut anstehen."

„Du klingst wie Tante Mini", winkte der Werwolf ab. „Viel Glück mit der alten Fledermaus", wünschte er Remus und verließ grinsend den Raum.

Dumbledore erhob sich seufzend und warf eine kleine Prise Floopulver in seinen Kamin. Die Flammen loderten grün auf.

„Severus, ich möchte dich sprechen."

Der Ton in Dumbledores Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass diesem Wunsch unter allen Umständen Folge zu leisten war.

Es dauerte allerdings eine Weile, bis die Tür des Schulleiterbüros aufschwang und der Tränkemeister mit schwarzem wallendem Umhang den Raum betrat.

„Direktor?"

Seine dunklen Augen flackerten auf, als er Remus bemerkte.

„Guten Abend, Severus. Hattest du eine angenehme Reise?" Dumbledores Miene war undurchdringlich.

„Sie wissen es", stellte Snape fest.

„Was hast du erwartet?", fragte Dumbledore. „Ich muss dir nicht sagen, dass ich erwartet hätte, dass du mich über deinen Besuch in Askaban in Kenntnis setzt."

„Die Angelegenheit ist privat", wehrte sich Severus und verschränkte die Arme vor der Brust.

Er sah – falls irgend möglich - noch fürchterlicher aus als bei seiner letzten Begegnung mit Remus in Hogwarts. Er wirkte innerlich in Aufruhr und in seinen Augen lag ein unruhiges, gehetztes Flackern.

„Was ist dort geschehen?", fragte Remus und fixierte den Tränkemeister. „Du siehst aus, als wärest du einer Leiche begegnet."

Snape stieß eine Mischung aus einem Schrei und einem gequältem Lachen aus.

„Was weißt du schon, Werwolf?"

„Severus, ich bitte dich", tadelte Albus seinen Tränkelehrer. „Ich muss dich bitten, mich über dein Gespräch mit Mr. Malfoy zu unterricht. Immerhin ist der junge Mister Malfoy unser Schüler."

„Ich kann nicht", erwiderte Severus, und seine Miene wirkte steinern und abweisend.

„Severus…", begann Dumbledore sanft, doch der Tränkemeister – sonst dem Direktor gegenüber stets die Form wahrend – fiel ihm grob ins Wort.

„Nein, verdammt! Was ich mit Lucius zu besprechen hatte, hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Orden zu tun! Es gibt keinen Grund, sich mehr Sorgen zu machen als zuvor, insofern werden die Herren mich jetzt freundlicherweise entschuldigen", spuckte Snape.

Seine Augen brannten, und auf seinen Wangen lag ein ungesunder, rötlicher Schein.

Geschlagen zuckte Albus die Schultern, als Severus auf dem Absatz herumwirbelte und aus dem Büro rauschte. Doch Remus war nicht bereit, so schnell aufzugeben. Snape hatte Lucius gesehen, ihn gesprochen, und Remus musste, musste einfach wissen, wie es um Lucius stand.

Mit einer Geschwindigkeit, die Dumbledore erstaunt zurück zucken ließ, war er aus der Tür und hastete hinter dem Tränkemeister die Treppe hinunter.

„Severus!"

Er erreichte ihn auf halbem Weg hinunter und packte ihn grob an der Schulter.

„Du wagst es nicht, Werwolf!", zischte der Tränkemeister.

„Du wärest erstaunt", knurrte Remus zurück.

Er packte den Tränkemeister bei seinem gestärkten Kragen und drückte ihn mit brutaler Kraft gegen die Steinmauer. Snape zog blitzschnell seinen Zauberstab, aber Remus schlug ihm die Waffe aus der Hand.

„Es mir egal, was es mich kostet, und wenn ich dir den dürren Hals umdrehen muss, Severus, aber du wirst mir sagen, was mit Lucius los ist."

Remus erschrak fast selbst über die kalte Leidenschaft in seiner Stimme. Er hatte leise gesprochen, direkt an Snapes Ohr, und seine Finger gruben sich immer tiefer in die schmale Schulter des dunkelhaarigen Zauberers.

Der Tränkemeister gab ein gurgelndes Geräusch von sich.

„Wenn du mich erwürgst, wirst du gar nichts erfahren", presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Merlin, was ist mit deinen Augen?"

Zum ersten Mal seit über fünfzehn Jahren sah Remus Angst in Snapes Blick – er hatte diesen Ausdruck das letzte Mal nach jener Vollmondnacht gesehen, in der er Severus beinahe umgebracht hätte.

Er entschied, die Gunst des Augenblicks zu nutzen. Es war unfair, brutal und unmoralisch, aber es war ihm egal.

„Ich befinde mich in einer emotionalen Stresssituation. Meine menschliche Fassade bricht gleich, Severus, und dann werden wir beide ein unlösbares Problem haben. Ich bitte dich jetzt ein letztes Mal, mit mir über Lucius zu sprechen", knurrte er.

Snapes dunkler Blick bohrte sich in den Bernstein gemaserten des Werwolfs.

„Also schön, Lupin. Aber ich kann dir nicht versprechen, dass dir gefallen wird, was du siehst. Komm mit."

Remus ließ den Tränkemeister los, bückte sich jedoch so schnell nach dessen Zauberstab, dass der Slytherin das Nachsehen hatte.

„Konfisziert", sagte er mit hartem Lächeln. „Hintergehe mich, Severus, und wir treffen uns bei Mondschein wieder."

Ganz offensichtlich hatte Remus einen Nerv getroffen bei Snape, denn der Slytherin ging wortlos in Richtung Kerker voran. Als sie in seinem Quartier angekommen waren, streckte er die blasse Hand aus.

„Meinen Stab, Lupin."

„Träum weiter."

„Ich hatte nicht vor, dir Bericht zu erstatten. Genau genommen war ich der Ansicht, du wärest dankbar, nicht nur etwas über Lucius zu hören, sondern ihn auch sehen zu können." Lauernd starrte der Tränkemeister Remus an.

„Oben steht das Denkarium. Wir hätten dafür nicht hier herunter kommen müssen", erwiderte Remus misstrauisch.

„Ich werde den Direktor später noch in knapper Form unterrichten", kündigte Severus an. „Der Orden mag Anspruch auf ein paar generelle Fakten haben, aber nicht auf private Sachverhalte."

„Und warum willst du mir derartige Einblicke ermöglichen?", fragte Remus.

„Ich will es nicht. Aber zum einen bedrohst du mich, zum anderen schulde ich Lucius diesen Gefallen. Und ich begleiche meine Schuld." Er lächelte, und es gab seinem Gesicht einen bösartigen Ausdruck. „Die Zeit, Schuld bei Lucius Malfoy zu begleichen, wird sehr bald abgelaufen sein. Da beeile ich mich besser."

„Wie meinst du das?", fragte Remus entsetzt.

„Du glaubst nicht wirklich, dass das Ministerium ihm das Leben schenkt, wegen der Aussage eines räudigen Werwolfs?" Snape lachte leise. „Bilde dir nur nicht zuviel ein, Lupin. Rechtlich hast du bestenfalls die Stellung eines Hauselfs. Malfoy ist die große Chance des Ministeriums, der Zauberergesellschaft zu zeigen, wie bitter ernst es ihnen mit dem Kampf gegen den Dunklen Lord ist. Lucius wird sein Urteil keine vierundzwanzig Stunden überleben."

Remus hatte das Gefühl, dass sich ihm der Magen im Leib umdrehte. Dabei sprach Severus nur aus, was er selbst längst ahnte und fürchtete.

Er wehrte sich nicht, als der Tränkemeister seine Hand mit dem Zauberstab packte und sie mit seinen kühlen Fingern umschloss.

Severus zielte auf seine eigene Schläfe, murmelte „Legilimens", und Remus spürte die Magie durch seine Hand hindurch in den Stab sickern. Es erinnerte ihn fatal an den Moment, an dem Lucius das Olivenöl beschworen hatte, vor Wochen, in dieser einen Nacht in Voldemorts Kerker.

Der Boden unter Remus begann zu schaukeln. Er dauerte einen Augenblick, bis er realisierte, dass er sich auf einem Boot befand und in Severus' Erinnerung. Graue Wolken türmten sich über ihm zu einer abweisenden Wand und kalter Regen klatschte ihm ins Gesicht. Seinen Stab hatte er bereits vor Antritt der Fahrt abgeben müssen, und er ärgerte sich, keinen ‚Impervius' wirken zu können. Fröstelnd zog er den Reiseumhang enger um die schmalen Schultern.

Das kleine Schiff der Wächter Askabans, beladen mit Vorräten, Post und etlichen Kisten Feuerwhisky für die Wärter, näherte sich einer undurchdringlichen Nebelbank.

Außer Severus waren noch zwei in formelle graue Nadelstreifenroben gekleidete Zauberer mit an Bord, die ihre Stäbe ebenfalls hatten abgeben müssen, jedoch dicke Aktentaschen mit sich führten. Eindeutig Advokati.

„Wir sind gleich da", sagte der ältere von beiden zu ihm. „Sie sind Professor Snape, nicht wahr? Mein Sohn hat bei Ihnen gelernt, Randolph Lentwick. Er studiert jetzt Zaubertränke bei Madame Hoodia in London."

„Ich erinnere mich an Ihren Sohn", sagte Severus knapp. „Ravenclaw, begabt und strebsam. Es fehlte ihm gelegentlich an Inspiration. Nun, ich bin sicher, er wird seine Ziele erreichen."

Der Anwalt entgegnete noch etwas, aber Severus hörte gar nicht mehr hin. Vor ihnen teilten sich die Nebel, und nur wenige Meter vor dem Boot erhob sich Askaban als grauer Koloss aus Stein und schleimig-dunklen Algen aus der tosenden Gischt. Severus war bereits einmal an diesem trostlosen Ort gewesen, in der Nacht, in der sie mit dem Dunklen Lord die gefangenen Todesser befreit hatten. Doch dies hier war der Weg, den die Gefangenen nahmen, wenn man sie hierher brachte, und von der See aus wirkte der Gefängnisfelsen deutlich uneinnehmbarer und abweisender als aus der Luft. Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn, das Atmen schien schwerer zu fallen und seine kühl-rationale Beherrschung wurde von düsterer Schwermut bedrängt.

Die Wärter vertäuten das Boot mit armdicken Seilen aus einem speziellen, fest mit der Reling verbundenen Holzstabs, der die Dicke eines kräftigen Oberschenkels hatte.

„Es ist Lärche, gefüllt mit Riesentintenfischgallerte", erläuterte ein Wärter, der offensichtlich Severus' interessierten Blick bemerkt hatte. „Man kann nur diesen einen Zauber damit wirken, aber die Seile verbinden sich von selbst wie mit Saugnäpfen mit der rutschigen Wand. Früher hatten wir Eisenringe, aber die sind immer wieder weggerostet."

„Eine beeindruckende Fortentwicklung", sagte der jüngere der zwei Advokaten.

Endlich ließen die Matrosen eine Art Steg hinab und sie konnten von Bord gehen. Man führte sie zu einer kleinen Pforte aus dicken Holzbohlen, die genau so mit den schleimig-grauen Algen überwuchert war wie der Rest des Felsens.

Der Wärter sandte seinen Patronus, einen ziemlich mickrigen Teckel, hinauf zu seinen Kollegen, und von innen wurde die Tür schließlich wie von Geisterhand geöffnet. Mit einem dumpfen Schlag fiel sie hinter Severus und den anderen fünf Männern wieder ins Schloss, und man konnte den Schließmechanismus hören.

„Koboldarbeit", erläuterte der Wächter, der bereits die Natur der Krakenseilkanone erklärt hatte.

Hinter der Tür, nachdem sie eine kurze glitschige Rampe erklommen hatten und um eine Ecke getreten waren, endete der Zugriff der See.

Sie standen vor einem dunklen Schacht, in dem schwere Seile langsam um die eigene Achse rotierten. Zuerst war nur ein schwaches Sirren zu hören, das jedoch bald von einem Rattern abgelöst wurde, und dann erschien das Innere einer Art Holzkiste vor ihnen, zuerst der Boden, dann Wände und Decke.

„Der Aufzug ist über vierhundert Jahre alt, aber er funktioniert immer noch einwandfrei. Wie Sie sehen, kann er nur von jeweils einer Person auf einmal benutzt werden. Mr. Snape, da Sie kein Anwalt sind, ist Ihre Besuchszeit begrenzt. Daher schlage ich vor, dass Sie zuerst hinauf fahren. Mein Kollege wird sie oben in Empfang nehmen."

Misstrauisch trat Severus in den knarrenden Paternoster. Ihm war nicht ganz wohl dabei, und Remus spürte dies Gefühl ebenfalls, als ihn nun etwas in die Realität von Snapes kaltem Arbeitszimmer zurück drängte.

Finite incatatem."

„Du kannst jetzt nicht aufhören", sagte Remus entschieden und umklammerte das Handgelenk des Slytherins mit eisernem Griff.

„Ich brauche eine Pause und einen Dolorcalmus", informierte ihn der Tränkemeister. „Deine Ungeduld stört meine Konzentration."

Snape entnahm einem Wandschränkchen eine zierliche Phiole, entkorkte sie und stürzte den Inhalt hinunter. Remus entging nicht, dass der Trank nicht violett, sondern irisierend grün war. Doch es war ihm völlig egal, ob Severus Kopfschmerz- oder Beruhigungsmittel schluckte, so lange er nur ihre legilimantische Sitzung fortsetzte.

Nach zehn Minuten, in denen beiden Männer schweigend verharrten, Remus untätig am Kaminfeuer, Snape über ein paar Pergamente gebeugt, offensichtlich Tränkeaufsätze von Schülern, räusperte sich der Slytherin.

„Bringen wir es hinter uns. Ich warne dich jedoch, Lupin. Sollte irgendetwas von dem, was du sehen wirst, diesen Raum verlassen, wird es dir auf ewig Leid tun", drohte er finster.

„Du kennst mich, Severus. Ich bin nicht derjenige, dessen Indiskretionen anderen das Leben erschweren", erwiderte Remus kühl.

Ein feines Lächeln spielte um Snapes dünne Lippen. „Ich habe dich gewarnt. Wie ich schon sagte, dir wird nicht gefallen, was du siehst."

Wieder schloss sich seine Hand um die von Remus und den Zauberstab, wieder spürte Remus das seltsame Kribbeln, als die Magie des Slytherins seine Finger durchdrang.

Legilimens!"

Fortsetzung folgt


Madame Hoodia dürfte einigen schon bekannt sein. Sie ist die legendäre Tränkemeisterin des Zaubereiministeriums. Vgl. Blutige Nächte, 10. Der Prozess (Slytherene)