Kerkermond Evolution 18
Kerkermond Evolution
Kompliziert-verschachteltes Bemühen um eine verständliche Darstellung mit Netz und doppeltem Boden
Das folgende Kapitel erwies sich als ausgesprochen heikel beim Schreiben. Zum einen erschien es mir kaum möglich, einen Punkt zu finden, an dem ich es sinnvoll unterbrechen konnte, zum anderen war es aber doch viel zu lang, um alles in einem Kapitel unterzubringen. Letztlich habe ich mich entschlossen, es doch zu teilen. Dies führt zu einem weiteren Cliff, der allerdings mit dem vorherigen nicht mithalten kann, keine Sorge ;-)
Eine weitere Schwierigkeit ergab sich dadurch, dass die Handlung sich jetzt verschachtelt: Remus sieht ja die Erinnerungen von Severus, diese sind jedoch sehr realistisch und natürlich nicht frei von Gefühlen. Da aber an einer Stelle sich auch Severus gegenüber Lucius des Legilimens-Zaubers bedient, steckt Remus schließlich mittels Snapes Erinnerung in Lucius' Kopf. Klingt verrückt? Ist es auch, da sich Remus' eigene Empfindungen und die des Tränkemeisters vermischen. Ich hoffe, es gelingt mir dennoch, so zu schreiben, dass ein aufmerksamer Leser die Übersicht behält…
Viel Vergnügen!
18. Severus: Schuld
Severus wurde von einem mürrisch dreinblickenden Wärter am Ausgang des Schachts erwartet.
„Professor Snape", sagte er förmlich. „Ihren Passierschein."
Zum dritten Mal kontrollierte nun ein Angestellter des Ministeriums das Papier. Eine bissige Bemerkung, wie der Wachzauberer denn glaube, dass er, Severus Snape, auf das Schiff gekommen sei, lag ihm auf der Zunge, doch er zwang sich zu schweigen.
Stattdessen glitt sein Blick aufmerksam über die graue Feste, auf deren höchstem Plateau sie sich nun befanden. Der Innenhof, auf dem sie standen, war seltsam felsig – als wäre er nicht von Menschenhand erschaffen, sondern aus dem Meer gewachsen, dessen Brandung er gegen die Klippen in einer Tiefe von mindestens dreihundert Fuß dröhnen hörte. Felsen ragten wie riesige Burgzinnen um sie herum auf. Sie hatten bizarre Formen, die an Trolle oder Drachenköpfe erinnerten. Ein Nebel, bestehend aus den immer noch vorhandenen Ausdünstungen von Dementoren und salziger, kalter Gischt waberte über das Plateau, das feucht im grauen Tageslicht schimmerte. Etwa ein Duzend bewaffnete Wächter waren an strategischen Stellen positioniert: An den düsteren Eingängen zu den tieferen Stockwerken, die wie die Augenhöhlen eines Totenschädels rechts und links unterhalb einer besondern bizarren Zinne, welche die Form eines schreienden Gesichts hatte, hinabführten.
„Folgen Sie mir", sagte der Wächter, und führte Severus in die linke Augenhöhle des Schädels, einen düsteren Gang entlang, der nur von wenigen Fackeln erhellt war.
Obwohl hier drinnen der eisige Wind der See nicht vordrang, wurde es noch kälter. Die Luft war abgestanden und ein fischiger Geruch drang an Severus' Nase. Er enthielt noch andere Komponenten, doch der Tränkemeister konnte sie nicht zuordnen.
‚Angst', dachte Remus flüchtig. Angstschweiß, Urin, verfaultes Essen. Er ließ sich wieder in Severus' Erinnerungen fallen.
Vor einer dunkel gemaserten Holztür kamen sie zum stehen.
„Sie haben eine Stunde, nicht eine Minute länger. Die Gespräche werden mitgeschnitten."
Der Wärter wies auf eine Flotte Schreibefeder, die auf einen Wink mit seinem Stab hin zu zittern begann und sich von dem kleinen, abgeschabten Stehpult erhob, auf dem sie gelegen hatte. Sie schwebte vor Severus her, der nun durch die Tür schritt. Hinter ihm fiel sie sofort knarrend wieder ins Schloss und er konnte hören, wie der Schlüssel herum gedreht wurde.
Remus stockte der Atem. An der rauen Felswand, Severus gegenüber, lehnte – Lucius. Er spürte den Schrecken, der dem Tränkemeister selbst bei der Erinnerung in die Glieder fuhr.
Dies war Lucius Malfoy, daran bestand kein Zweifel: Die inzwischen wieder schulterlangen, nun verfilzten blonden Haare, das ebenmäßige Gesicht mit dem etwas kantigen Kinn und den schön geschwungenen Lippen, und mehr als alles andere der eisgraue Blick, mit dem er Severus bedachte. Die Robe, in die er gekleidet war, konnte man guten Gewissens als Lumpen bezeichnen, aber Lucius trug sie mit einer Selbstverständlichkeit, und seine Haltung hatte etwas derart Unbeugsames, als wären es seine üblichen teuren Gewänder. Er hatte deutlich an Gewicht verloren, das war unübersehbar. Sein Gesicht war bleich wie Alabaster, und doch spielte ein feines, hochmütiges Lächeln um seine Lippen.
Remus verspürte das unstillbare Bedürfnis, nach vorne zu stürzen und den Slytherin in seine Arme zu ziehen, doch er wusste, Lucius schien nur in Snapes Erinnerung zum Greifen nah.
„Severus. Welch ein Freude", drang Lucius' Stimme seidig an sein Ohr, und er fühlte einen wohligen Schauer das Rückgrat hinab rieseln. Ein Gefühl, dass Severus teilte, allerdings ohne die entsprechende erotische Empfindung. Ihm lief es eiskalt den Rücken hinunter.
„Merlin. Lucius, was haben sie mit dir gemacht?", entfuhr es dem Tränkemeister.
Doch Malfoy schüttelte stumm den Kopf und blickte viel sagend zu der Flotten Schreibefeder, die inne gehalten hatte, das schwebende Pergament vor sich zu bekritzeln.
„Es geht mir den Umständen entsprechend gut", antwortete Lucius. „Askaban ist nicht eben eine Luxusherberge."
„Gut?", fragte der Tränkemeister zweifelnd. „Ich könnte schwören, dass du mindestens fünfzehn Pfund verloren hast, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe."
„Ich bin nicht berechtigt, mit dir über die Haftbedingungen zu sprechen, Severus. Du bist gekommen, um dich mit mir über Dracos Zukunft auszutauschen, und ich danke dir, dass du gekommen bist. Mir ist bewusst, dass dies nicht selbstverständlich ist."
„Täusche dich nicht, Lucius. Ich bin allerdings nicht deinetwegen hier. Ginge es nach mir, könntest du hier drinnen verrotten. Aber ich habe geschworen, eurem Sohn als sein Pate beizustehen, und ich werde meinen Eid nicht brechen." Er machte eine bedeutungsschwere Pause. „Ich begleiche meine Schuld – immer."
„Natürlich", sagte Lucius mit wegwerfender Handbewegung. „Als Leiter des Hauses Slytherin bist du dir deiner Pflichten bewusst. Wie formulierte es der Sprechende Hut damals so schön? ‚Listig, zielstrebig und einander in tiefer Freundschaft verbunden.' Deine Treue ehrt dich."
„Meine Freundschaft und Treue galten Narcissa."
Die Worte wirkten wie ein Donnerschlag. Lucius' Augenfarbe wechselte von klarem Eisgrau zu einem sturmgrauen düsteren Anthrazit.
„Dann scher' dich fort hier, denn Narcissa ist tot", zischte er.
„Draco aber lebt. Und dein Sohn braucht Hilfe und Führung", erwiderte der Tränkemeister eisig. „Ich will, dass du mich mit den entsprechenden Vollmachten ausstattest."
„Um was zu tun?"
„Der Junge treibt sich in schlechter Gesellschaft herum. Ich will, dass er Großbritannien verlässt", sagte Severus.
„Draco besucht Hogwarts. Du selbst bist dort Lehrer. Und wie man hört sind alle Kinder absolut sicher unter den Fittichen von Albus Dumbledore", erwiderte Lucius ironisch. „Wo könnte er sicherer sein?"
„Ich sage nicht, dass Hogwarts keine angemessene Umgebung wäre. Ich bin – als Dracos Pate – allerdings der Ansicht, dass eine….Luftveränderung ihm gut tun würde."
Remus konnte das Lächeln, aber auch die Kälte in Severus' Stimme hören.
Lucius allerdings schien zu zweifeln. „Es war Narcissas Wunsch, dass er nach Hogwarts geht."
„Und es war der deine, ihn nach Durmstrang zu schicken", erinnerte Snape.
„Durmstrang ist völlig außerhalb jeder Diskussion. Nur über meine Leiche!", entgegnete Lucius heftig. Sorge und Furcht waren in seinem Gesicht zu lesen.
„Genau das wollte ich wissen", erwiderte Snape sanft. Er ließ sich auf einen der wackligen Holzstühle sinken, die das einzige Mobiliar in dem schäbigen, kalten Raum waren.
„Es gibt Leute, die zweifeln an deiner Abkehr von Dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-soll. Du willst den Jungen fern ab der Reichweite seines Arms wissen. Lass mich ihn fortbringen, Lucius. Entscheide es bald. Lass nicht zu, dass er deinen Prozess in allen widerwärtigen Einzelheiten mitbekommt."
Lucius lehnte sich gegen die Wand und schloss für einen Moment die Augen. Er wirkte krank und erschöpft, ja fast transparent in diesem Augenblick. Remus spürte seinen Schmerz beinahe körperlich. Ganz offensichtlich war seine Familie ein Schwachpunkt in der sonst so undurchdringlichen Maske aus Arroganz und Überheblichkeit.
„Draco ist sechzehn. Er wird Fragen stellen", sagte er schließlich.
„Ich werde jede dieser Fragen wahrheitsgemäß beantworten. Ich schwöre es dir. Allerdings…erwarte ich von dir auch ein paar Antworten, Lucius."
„Wir sind hier nicht allein", warnte Malfoy.
„Das ist mir wohl bewusst", erwiderte der Tränkemeister. „Jedes einzelne Wort wird mitgeschrieben. Ich habe hier ein Pergament vorbereitet, dass – sobald du es unterzeichnet hast – mir das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Draco gibt, bis er siebzehn wird. Nach deinem Tod würde mir dies ohnehin zufallen."
„Den letzten Hinweis konntest du dir nicht verkneifen, n'est-ce pas?", sagte Lucius düster. „Ich verstehe deinen Zorn, aber ich bin nicht die Ursache des Leids, das dir ins Gesicht geschrieben steht, Severus."
Also hat Lucius auch bemerkt, wie sehr sich Severus verändert hat! durchfuhr es Remus.
„Ich werde das Pergament unterschreiben", sagte Lucius ruhig.
Severus langte in seine Robe und holte raschelnd eine Pergamentrolle hervor. Unauffällig entnahm er jedoch auch ein winziges Flakon, das eine klare, schimmernde Flüssigkeit enthielt. Remus konnte sehen, wie es mit einem Krähenkiel und einem Fässchen dunkelgrüner Tinte von Severus' Hand in die des blonden Zauberers wechselte. Er sah Lucius' verstehendes Nicken. Auch Remus erkannte, worum es sich handeln musste: Veritaserum.
Während Severus laut über die Bedeutung einer adäquaten Erziehung junger Zauberer dozierte und somit die Flotte Schreibefeder beschäftigt hielt, drehte sich Lucius zur Seite, um in Severus' Körperschatten unauffällig den Inhalt des Fläschchens einzunehmen. Genauso unauffällig und schnell reichte er dem Tränkemeister das leere Flakon zurück. Remus hätte die fließenden Bewegungen der beiden kaum gesehen, wenn er nicht das kühle Glas in Severus' Hand hätte spüren können.
Ganz plötzlich trat Severus einen Schritt vor, packte Lucius und dann spürte Remus die Erinnerung des Tränkemeisters körperlich: Lucius' Lippen brennend auf den seinen. Ein leicht bitterer Geschmack füllte seinen Mund. So plötzlich, wie er ihn gepackt hatte, ließ Severus den blonden Zauberer wieder los.
„Ich musste nur sicher gehen", sagte er glatt.
„Hast du geglaubt, ich hintergehe dich, in dieser Situation?", fragte Lucius spöttisch.
„Ist es dir gestattet, über deine Verbrechen zu reden?", fragte Severus, und ein harter Ton klang in seiner samtigen Stimme mit.
„Ich darf hier jede Art von Geständnis ablegen, jederzeit", lachte Lucius sarkastisch.
„Hast du Narcissa ermordet?"
Die Frage hatte denselben Effekt, als hätte Severus Malfoy ins Gesicht geschlagen. Mit einem Mal schienen die feinen Fältchen um Mund und Augen des blonden Mannes sich tiefer in seine ansonsten makellose Haut zu graben. Remus erinnerte sich, dass es derselbe Ausdruck von Schmerz war, den er auf Lucius' Gesicht gesehen hatte, als er in der Stunde vor dem Vollmond in ihn eingedrungen war. Und es bestätigte seine Vermutung, dass Lucius' Trauer um seine Frau echt war.
„Nein. Du musst doch wissen, dass ich sie niemals hätte verletzen können. Es war das Werk des Dunklen Lords." Seine Stimme brach.
„Wie ist sie gestorben?", bohrte Severus nach.
„Ein ‚Inflammaris'. Er hat gesagt….es sei ein gebührender Tod für eine Hexe – für eine Verräterin."
Lucius' Stimme war heiser und er sprach stockend. „Es dauerte…lange. Immer wieder hat er aufgehört, ihre Wunden geheilt, sie mit einem Kältefluch belegt, bis ihre Zähne aufeinander schlugen, sie befragt, und sie von neuem verbrannt, wenn sie sich weigerte, zu sprechen."
„Warum hast du ihr nicht geholfen?", fragte Snape leise. Seine Stimme zitterte. „Warum hast du zugesehen?"
„Weil ich zu diesem Zeitpunkt schon keinen Zauberstab mehr hatte und gefesselt ein paar Meter entfernt auf dem Boden lag", rief Lucius, und seine Augen blitzten wütend auf. „Ich habe ihn angefleht, sie zu verschonen und mich an ihrer Stelle zu nehmen, aber es war so sinnlos. Du weißt ja selbst, wozu unser Lord fähig ist."
„Aber warum in Merlins Namen hat der Dunkle Lord ihr das angetan?", hörte Remus Snapes Stimme, heiser, krächzend.
Lucius trat einen Schritt auf Severus zu.
„Wir hatten einen Verräter in unseren Reihen. Der Dunkle Lord hatte einen Verdacht, und er begann, Informationen gezielt zu streuen. Es gab Details, kleine Geheimnisse, die er nur jeweils einem Mitglied des Inneren Kreises anvertraute. Nur er allein wusste, wer welches Wissen weitergeben konnte. Narcissa war über Pettigrew auf Geheiß des Dunklen Lords darüber informiert worden, dass ein Anschlag auf den Kindergarten in der Winkelgasse vorbereitet wurde. Viele der Kinder sind Nachkommen von Schlammblütern."
Remus zuckte innerlich, als er dieses Wort aus Lucius' Mund hörte.
„Dann wussten Pettigrew und Narcissa von dem geplanten Attentat. Jeder von ihnen hätte es verraten können", sagte Severus atemlos.
Leise fuhr Malfoy fort: „Ja. Aber nur Cissy kannte den genauen Zeitpunkt. Als der Dunkle Lord ein paar niedere Anhänger – alles Männer aus Greybacks Dunstkreis – zusammen rief und dorthin sandte, wurden sie bereits von den Auroren erwartet."
„Oh Merlin", sagte Severus nur.
„Unser Lord rief mich am Morgen nach dem gescheiterten Coup. Ich hatte erst Stunden zuvor von einem Todesser, der entkommen konnte, davon erfahren. Ich ahnte natürlich nicht, was es bedeutete, als das Dunkle Mal auf meinem Arm zu brennen begann."
Lucius strich sich eine wirre Strähne aus der Stirn. Die Erinnerung setzte ihm zu, Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn und die Stimme versagte ihm beinahe.
„Als ich im Hauptquartier ankam, war Cissy bereits in einer fürchterlichen Verfassung. Unser Lord erläuterte mir den Grund ihrer Bestrafung. Er drang in meinen Geist ein, um herauszufinden, ob ich wusste, dass sie uns hinterging. Als er schließlich von meiner Unschuld überzeugt war, befahl er mir, sie zu foltern. Merlin, er hätte wissen müssen, dass er Unmögliches von mir verlangte. Ich zog meinen Stab und versuchte, mit ihr zu fliehen. Was sollte ich auch sonst tun? Ich konnte sie doch nicht seinem Zorn überlassen!"
Lucius sah so unendlich verzweifelt aus, dass es Remus förmlich ins Herz schnitt. Auch Severus keuchte bei dem Gedanken an das, was zu erzählen noch ausstand.
„Lass mich dir die Worte ersparen", sagte er, trat an Lucius heran, und hatte sehr plötzlich einen handspannenlangen, dünnen Stab in der Hand.
„Legilimens", flüsterte er, und Remus war sicher, dass er es nicht hörte, sondern die Formel nur wahrnahm, weil er in Snapes Gedanken mit einbezogen war.
Ein doppelter Legilimens, es fühlte sich an, als blicke Remus durch ein Fenster hindurch in ein weiteres dahinter. Und doch war er gleichzeitig - er fühlte sofort die starke, unverwechselbare Präsenz der mit ihm magisch verbundenen Seele – in Malfoys Gedanken.
Lucius nimmt noch einen Schluck Kaffee. Obwohl Engländer durch und durch, schätzt er Tee eher am Nachmittag. Morgens bevorzugt er seit seinem Studium in Frankreich Café au lait. Als er die Zeitung aufschlägt, springt ihm die Schlagzeile entgegen:
„Anschlag auf Kindergarten vereitelt!"
Er weiß schon Bescheid. Der Dunkle Lord hat Fenrirs Männer in einer Nacht und Nebel-Aktion zusammen gerufen und am frühen Morgen in die vermeintlich voll mit Schlammblut-Kindern besetzte Kita gesandt.
„Warum hat er das nicht mit uns besprochen?", murmelt Lucius leise und will nach dem Obstsalat greifen, als sein Unterarm höllisch zu schmerzen beginnt.
„Merlin, das ist aber dringend", knurrt er mürrisch, erhebt sich jedoch sofort. Man lässt seine Lordschaft besser nicht zu lange warten.
„Missy!" ruft er nach der kleinen, alten Hauselfe. Er wird sich etwas überlegen müssen, denn sie ist langsam geworden und schafft die Arbeit nicht mehr, aber weder er noch Narcissa wollen sie köpfen, wie es Tradition ist. Doch Missy ist dem Dunklen Lord bei seinem letzten Besuch auf Malfoy Manor aufgefallen. Er hat eine kritische Bemerkung fallen lassen, in einem Nebensatz, belanglos, und doch eigentlich das Todesurteil für die alte Hauselfe. ‚Eigentlich', denn Lucius hängt an ihr – an deren Rockzipfel er aufgewachsen ist – wie an einem altgedienten Reitpferd. Er wird sie ins Cottage in Wales verbannen, wenn sein Lord sich mal wieder ansagen sollte.
Mit einem lauten Knacken taucht die Verbannte neben ihm auf.
„Sie wünschen, Master Lucius, Sir?"
„Meine Roben, schwarze, und den dunkelgrünen Umhang. Schnell, der Dunkle Lord verlangt nach mir. Wo ist Mrs. Malfoy?"
„Oh, die Mistress ist nicht heimgekehrt, letzte Nacht", piepst die Elfe.
Lucius runzelt die Stirn. Das ist nicht Cissys Art, auszubleiben, ohne wenigstens ihre Schleiereule zu schicken.
In Windeseile bringt Missy seine Kleider, ordentlich gebügelt und perfekt gestärkt, und auch Lucius beeilt sich.
„Croissants zum Tee, und ein paar Sandwiches", gibt er eine letzte Order. „Spätestens um fünf bin ich zurück."
Er hat noch ein paar Dinge in der Winkelgasse zu erledigen und in deren Nachbarschaft, aber darum wird er sich kümmern, wenn er weiß, womit er seinem Herrn dienen kann.
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Die Gänge des Hauptquartiers sind wie ausgestorben, als Lucius aus dem monströsen Kamin aus schwarzem Marmor steigt. Eilig rauscht er an den Kreationen moderner Meister entlang, Picasso, Miro, Dali – der Dunkle Lord besitzt sie alle.
Er hört den Schrei einer Frau aus dem Thronsaal und seine Eingeweide verkrampfen sich. Er beginnt zu laufen, eine Fortbewegungsart, die er außer beim Training vermeidet.
Sekunden später ein zweiter Schrei, und jetzt ist Lucius an der zweiflügeligen Mahagonitür mit ihren fratzenhaften Schnitzereien angekommen.
Der fensterlose Thronsaal ist in das flackernde Licht zuckender Fackeln getaucht. Lucius hat keinen Blick für die silbernen Statuen an den Säulen, die das Dach der in gotischem Stil replizierten Halle halten. Sie stellen unterschiedliche Geschöpfe der Dunklen Kunst dar, Vampire, Werwölfe, Ghule, Thestrale. Er kennt jeden Schwung, jede fein ziselierte Ader und Kralle auswendig, er hat Tage, wenn nicht Wochen seines Lebens damit verbracht, hier auf dem Steinboden zu knien und seinem Lord zu lauschen. Er hat auch keinen weiteren Blick für den reich beschnitzten, hohen Ebenholz-Thron, in dessen Gestühl sich unzählige Drachen, Schlangen und Basilisken umeinander verschlingen. Sie bewegen sich immer dann, wenn der Dunkle Lord auf seinem Königsstuhl Hof hält.
Alles, was Lucius wahrnimmt, sind die düsteren Kuttenträger mit den Todessermasken, die einen Halbkreis um eine schlanke Blondine gebildet haben, die vor des Dunklen Lords hoher Gestalt auf den kalten Steinen kauert. Sie ist nackt, und ihre hell schimmernde Haut hebt sich in fast perversem Kontrast vom dunklen Boden ab.
„Bitte, Meister", bettelt Narcissa. „Ich kann es Euch nicht sagen, ich erinnere mich nicht."
„Lügnerin!" schreit der Dunkle Lord, auf seiner schädelbleichen Stirn hebt sich eine violette Ader einer fetten, lang gestreckten Made gleich, pochend ab. Sein Puls geht schnell, und das ist ein mehr als bedrohliches Zeichen.
„Lucius." Narcissa hat ihren Mann bemerkt, und in ihrer Stimme schwingt unendliche Erleichterung mit und - Hoffnung.
‚Cissy – bei Asklepios', denkt Lucius, ‚was hast du angerichtet?' Einige Male schon hat Lucius seine impulsive Frau vor dem Zorn seines strengen Meisters bewahren müssen. Ihre Entscheidung, Draco nach Hogwarts zu schicken, hat ihr ebenso geschadet wie ihre Weigerung, den Jungen das Dunkle Mal nehmen zu lassen. Es war allein seiner
exponierten Stellung zu verdanken, dass ihr Lord sie verschont hatte. Doch diesmal scheint sie den Bogen überspannt zu haben, denn ihr Meister tobt. Seine roten Augen glühen förmlich vor Wut.
„Lucius, mein treuer Diener", windet sich die Stimme des Dunklen Lords samtig weich in seine Gedanken, und doch spürt Lucius den lodernden Zorn hinter der kalten Beherrschung.
„Mein Lord", erwidert Lucius und kniet nieder, ein Automatismus, über den er nicht mehr nachdenkt. „Darf ich erfahren, was hier vorgeht?"
„Du hast von dem Überfall auf den Schlammblutnachwuchs gehört?"
Der Dunkle Lord wartet die Antwort seines knienden Dieners nicht einmal ab.
„Nun, wir wurden verraten. Ein Haufen dreckiger Auroren hatte sich in dem Haus verschanzt. Greyback hat fast zwei Drittel seiner Männer verloren."
‚Um das Pack ist es nicht schade', denkt Lucius, doch er schweigt. Und er kniet, denn sein Meister hat ihm nicht erlaubt, sich zu erheben.
„Ich vermute bereits seit einer Weile Verrat, deswegen habe ich Informationen über unwichtige Aktion gezielt gestreut. Ein paar Werwölfe sind ein geringer Preis für die Enttarnung des Verräters – oder vielmehr, der Verräterin."
Ein langer bleicher Finger weist auf die am Boden kauernde Narcissa, der Tränen über das malträtierte und von brutalen Schlägen geschwollene Gesicht laufen.
„Lucius", weinte Narcissa und kriecht auf ihn zu. „Lucius, es tut mir so Leid."
„Schweig, verräterische Hure!", herrscht der Dunkle Lord sie an.
„Luciussssss", zischt er im gleichen Atemzug. „Wie viel weißt du über das Treiben deiner Metze? Legilimens!"
Brutal dringt der Dunkle Lord in Lucius' Gedanken ein, und der Herr von Malfoy Manor wehrt sich nicht. Er hat nichts – oder kaum etwas - vor seinem Meister zu verbergen, und je weniger er sich wehrt, desto schneller ist es vorbei. Das Gefühl, das jemand mit eisigen Fingern in seinem Kopf wühlt, verschlossene Türen aufschlägt, Kammern in seinem Gehirn öffnet, und sucht und sucht, und diese namenlose Wut, die den überlegenen Willen des Herrn der Todesser antreibt: Lucius hat dem nichts entgegen zu setzen. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, lässt der Dunkle Lord von ihm ab.
„Deine Treue rettet dein Leben, Lucius Malfoy", vernimmt er die kalte Stimme. „Du hast tatsächlich keine Ahnung, wen deine Frau deckt. Aber du wirst es für mich herausfinden."
Lucius hat das Gefühl, als greife eine totenkalte Hand mit ihren spinnengleichen Fingern nach seinem Herzen.
Zögernd kommt er auf die Füße, jedoch nur, um ein paar Schritte weiter vor Narcissa wieder niederzuknien. Er zieht seinen Umhang von den Schultern und drapiert ihn vorsichtig um ihre nackte Gestalt. Behutsam legt er eine Hand an ihre Wange und bringt sie dazu, ihn anzusehen. Der Blick seiner grauen Augen bohrt sich in ihre dunkelblauen.
„Cissy", sagt er sanft und die Finger seiner anderen Hand verflechten sich mit ihrem seidigen langen Haar, gleiten vorsichtig durch blutig verkrustete Strähnen. „Bitte, mein Herz. Unser Lord wird es doch erfahren. Wer ist deine Kontaktperson?"
Sie schüttelt unter Tränen den Kopf. „Ich kann nicht, Lucius", flüstert sie. „Ich kann es nicht sagen."
„Du wirst sterben, wenn du nicht redest", flüstert Lucius.
Die Wahrheit in diesem Satz lässt sein Inneres zu Eis gefrieren, und Remus spürt nicht nur Lucius' Verzweiflung, sondern auch ihr Echo in Severus' seltsam verschleierten Gefühlen. Dann ist Remus wieder bei Lucius, und fast teilt er dessen verzweifelten Wunsch, sie aus dieser entsetzlichen Situation zu befreien und ihr Leben zu retten. Remus kennt dieses Gefühl. Er empfindet dasselbe für Lucius.
„Ich weiß doch nichts. Es ist, als ob man in einem Buch mit leeren Seiten blättert", haucht sie, und die Tränen auf ihrem Gesicht mischen sich mit dem Blut, das aus ihrer augenscheinlich gebrochenen Nase läuft.
Lucius dreht sich und blickt in die roten Pupillen seines Meisters.
„Mein Lord", bittet er. „Ihr seid der größte Legiliment seit Salazar Slytherin, Eurem grandiosen Vorfahren. Könnt Ihr nicht nehmen, was Ihr an Wissen von ihr benötigt?"
Der Dunkle Lord beginnt zu lachen, es ist ein hohes, kaltes Gelächter ohne Gnade.
„Glaubst du nicht, dass ich nicht schon im wirren Geist deiner kleinen Hure nach ihrem Liebhaber gesucht hätte? Sie schützt diesen Mann mit ihrer Seele, nicht einmal ich kann ihr dieses Wissen gegen ihren Willen entreißen."
Der Dunkle Lord stößt ein heiseres Kichern aus, das etwas über seinen Wahnsinn preisgibt. „Aber vielleicht willst DU ja wissen, mit wem sie dich betrügt?"
Lucius wendet sich wieder seiner Frau zu. Seine Stimme ist immer noch sanft und seine Finger sind zärtlich, als er sie berührt. „Cissy, bitte. Sag mir den Namen."
„Ich kann nicht", schluchzt sie und tastet nach seiner Hand, zieht sich an ihm ein Stück hoch und küsst ihn mit ihren aufgeschlagenen Lippen. „Lucius, es tut mir so Leid. Ich wollte dich nicht verletzen."
„Du hast mich betrogen. Was glaubst du, wie heil mich das zurücklässt?"
Seine Stimme zittert. Merlin, jetzt ist nicht die Zeit für eine solche Szene, hier im Kreis der Todesser und unter dem grausamen Blick seines ungeduldigen Lords, aber wenn Lucius Narcissa verzeihen soll, muss er wissen, warum sie ihn hintergangen hat. Er ist so voller Angst um sie, dass in ihm kein Raum ist für Wut oder Hass. Nicht hier, nicht jetzt.
Sie weint, hemmungslos. Ihre Finger krallen sich in seine Schultern, in dem verzweifelten Versuch, bei ihm Schutz und Halt zu finden. Lucius' Gedanken rasen. Er weiß, er wird sich entscheiden müssen: Entscheiden zwischen dem Mann, dem er bedingungslos folgt, der sein Leben bestimmt, seit mehr als fünfzehn Jahren, und der Frau, die er liebt, mit jeder Faser seines Herzens und seines Körpers. Und die ganz offenbar diese Gefühle nicht mehr erwidert.
Seine Lippen treffen auf die ihren, sie verschmelzen in einem Kuss, einem Augenblick, der ihnen allein gehört. Ein kurzer Moment nur, in dem die Welt noch einmal ihren bösen Atem anhält.
„Wie rührend", durchschneidet der beißende Spott des Dunklen Lords die Stille. „Ich sehe, du verabschiedest dich von ihr, Lucius. Ein weiser Entschluss. Und jetzt: Bring sie zum reden."
Auf einen Wink des Dunklen Lords reißt jemand Lucius in die Höhe, weg von Narcissa, die allein und bloß gestellt auf dem Boden kauert.
„Was verlangt Ihr von mir?", fragt Lucius, obwohl er die Antwort bereits kennt, und sie mehr als alles auf der Welt fürchtet.
„Zeig's ihm, Crabbe."
Der Dunkle Lord hat sich auf seinen Schlangenthron zurückgezogen. Entspannt lehnt er an dem weichen Polster, bereit, sich von dem Schauspiel unterhalten zu lassen, das ihm bleibt, da er Narcissa Malfoy nicht zum reden bringen kann.
„Crucio!"
Der Fluch trifft Narcissa in den Unterleib, und sofort krümmt sich ihr wunderschöner Körper zusammen, geschüttelt von Krämpfen, und sie beginnt zu schreien. Sie schreit, wie ein Mensch es nur in größter Pein und Todesangst tut.
„Musik in meinen Ohren. Welch zarter Sirenengesang", dringt die Stimme des Lords in ihrer aller Köpfe, denn Lucius hört die anderen Männer lachen, und noch viel lauter als diese lacht nur Bellatrix.
Eine große Pranke hat ihn grob gepackt und hält ihn an der Schulter fest. Es ist Goyle, Lucius kann das aufdringliche Aftershave des Mannes riechen. Noch hat Lucius seinen Zauberstab in der Linken, noch erwartet Voldemort von ihm Gehorsam. Doch tut er das wirklich? Der Dunkle Lord kennt seine Diener, ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen. Er weiß, dass Lucius stets versucht hat, Narcissa zu schützen. Und er lauert auf Lucius' Entscheidung.
Narcissas Schreie sind verstummt. Speichel tropft aus ihrem Mund, gemischt mit Blut. Ihr nackter Körper zuckt unter schmerzhaften Konvulsionen, ihre Augen quellen unnatürlich hervor und sie atmet schnell und flach.
Jemand stößt ihn nach vorne.
„Zeige uns dein wahres Gesicht, Lucius Malfoy."
Die Tränen in seinen Augen brennen, als Lucius den Stab auf seine Frau richtet.
Jemand schrie.
‚Lucius, nein!'
Es war Severus' Stimme, und sie war unnatürlich hoch und voller Qual. Remus tauchte zurück in die Wirklichkeit, und die Tränen, die er eben noch auf Lucius' Gesicht gespürt hatte, als wären sie seine eigenen, standen jetzt in den Augen des Tränkemeisters, der gekrümmt über seinem Pult kauerte und hastig das Gesicht in den Händen verbarg.
Remus konnte die Gefühle des Slytherin beinahe riechen, diese seltsame Mischung aus Angst, Verzweiflung und Eifersucht. Vielleicht lag es daran, dass er genau dasselbe empfand, vielleicht war es auch ein Resultat der langen mentalen Verbindung.
„Du warst es", sprach Remus seinen Gedanken aus. „Du warst ihr Geliebter, der, dessen Namen sie unter keinen Umständen preisgeben wollte. Sie hat sich für dich verbrennen lassen."
Er sah die gebeugte Gestalt des Slytherin, seine nach vorn gezogenen Schultern, ihr krampfhaftes Zucken und Severus' Bemühen, mit eisernem Willen ein Schluchzen zu unterdrücken.
Das also hatte Snape, dem Doppelspion, dem Mann, der selbst Voldemort hinterging, so zugesetzt, dass er binnen Wochen um Jahre gealtert erschien: Er hatte mit Narcissa Malfoy ganz offensichtlich mehr als eine flüchtige Affäre verloren, und das Gefühl der Schuld, für ihr qualvolles Sterben mitverantwortlich zu sein, brachte ihn sichtlich an den Rand seiner Kraft.
Nun verstand Remus, warum Snape so wütend reagiert hatte, als er von seiner Bindung zu Lucius erfahren hatte – er hatte geglaubt, Malfoy wäre für den Tod seiner Frau verantwortlich.
Doch ganz offensichtlich hatte Lucius Narcissa ebenso geliebt wie Snape.
„Das ist …oh Merlin, Severus, es ist eine Tragödie", sagte Remus leise.
Fortsetzung folgt
Vielen Dank für die lieben Reviews: Elementargeist, Lucy, Sunuxal, Jenn, Glupit, Lola und Beauty Malfoy. Im Interesse eines Updates noch heute Abend habe ich mich entschlossen, diesmal nicht jedes Review extra zu beantworten. Aber ich habe mich darüber gefreut und bedanke mich sehr!
