Kerkermond Evolution 22

Kerkermond Evolution

Trashig-slashige (irgendwann mal wieder) Fanfiction, in der Remus sich verschätzt und eine harte Nacht hat…


Hi! Über die Reviews habe ich mich sehr gefreut, und auch darüber, dass einige Leute (wieder) neu dazu gekommen sind. Wie ihr ja wisst, veranlassen derartige Reviews mich zu spontanen Updates, wenn meine Zeit es irgendwie zulässt, auch wenn meine Beta darüber heftig flucht und behauptet, wie ein Hauselfe schuften zu müssen, vorzugsweise nachts, da sie einem anständigen Beruf nachgeht ;-)

Danke an Glupit, Lucy, Lola, Nicole und Jenn T.

Nicole: Hab Dich! Jawohl, befürchte nur, du hüpfst bald wieder von der Angel, denn so souverän bleibt Remus nicht.

Lola: Was wir von Askaban gesehen haben, war nicht wirklich kuschelig ;-) Was Bella betrifft, so hast du etwas missverstanden. Sie will Lucius nicht etwa retten, sondern träumt davon, ihn persönlich zu exekutieren. Immerhin ist er ja seinem Schicksal einmal „entwischt" und sie ist ja Voldemort treu ergeben.


22. Remus: Eine Nacht voller Katastrophen

Drei Nächte später machte sich Remus ein weiteres Mal in das runtergekommene Industriegebiet auf. Er erreichte die Moon-Lodge ohne Probleme. Aus der warmen Dunkelheit des Clubs schlug ihm ein erregender Tangorhythmus entgegen. Mehrere Paare drehten sich auf der Tanzfläche zu dem harten Tango Argentino, der aus den Boxen klang. Für Remus bedurfte es nur eines Blicks, um festzustellen, dass das Publikum heute Nacht ein anderes war als sonst. Außer ihm selbst und ein paar finsteren Gestalten an der Bar trug heute niemand einen dunklen Ledermantel, und anstatt Tanita und ihres bleichen Kollegen wurde der Tresen von zwei jungen Latinas bedient, die ganz sicher keine Lykantrophen waren.

Es war noch früh am Abend, wenn auch draußen die Sonne schon gesunken war. Remus setzte sich an die Theke und bestellte ein Bier. Er fragte sich, ob Greyback wohl bewusst war, dass sie an diesem Abend hier aus der Masse heraus stechen würden wie Thestrale in einer Herde geflügelter Pferde.

Etwa zwanzig Minuten lang beobachtete er die Tänzer; es waren zumeist junge Leute. Aus dem wenigen, das er an Gesprächsfetzen mitbekam, entnahm er, dass es sich um Studenten einer der vielen Universitäten handelte. Bunte Schilder an der Wand hinter der Theke priesen günstige Cocktails und den Salsa-Abend am kommenden Samstag an.

„Remus", schnurrte plötzlich eine vertraute Stimme an seinem Ohr, und warme Hände bahnten sich einen Weg unter sein Hemd.

„Tanita", erwiderte er ruhig. „Ich hatte den Eindruck, es wäre dein freier Abend."

Sie lachte kehlig und drängte sich zwischen ihn und die Bar. Diesmal trug sie ein schwarzes, enges Kleid mit ausgestelltem Rock und bunte Blumen im Haar. Ihre Leopardentätowierung wurde von langen Ärmeln bedeckt und in der relativ dezenten Kleidung war sie beinahe klassisch schön. Nichts an ihr wirkte an diesem Abend billig, auch ihr Parfüm entstammte eindeutig einem teuren französischen Designer.

„Tango ist mein Hobby", verkündete sie lächelnd. „Der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens."

Remus musste lächeln. Die Definition war exakt und intelligent.

„Schenk mir einen Tanz, mein süßer, potenter Wolf", lockte sie.

„Bedaure", lehnte Remus ab. „Ich bin wohl kaum passend gekleidet."

„Die Tanzfläche liegt im Halbdunkel, deine Jeans werden niemandem auffallen", entgegnete sie. „Fenrir kommt sicher nicht vor zehn Uhr. Consuelo, nimm' mal Remus' Mantel", rief sie und reichte der Bedienung hinter dem Tresen sein Kleidungsstück herüber.

Dann nahm sie Remus bei der Hand und führte ihn zur Tanzfläche.

„Ich habe das letzte Mal vor…vielen Jahren Tango getanzt", sagte Remus.

„Ich werde dich lehren", gurrte sie dunkel.

Und tatsächlich gelang es ihm gut, sich mit ihr in den Rhythmus und die vorgegebenen Schrittkombinationen zu finden. Zusammen mit dem Klang der Musik und dem Rhythmus ihrer Bewegungen war es ein gutes Gefühl, ihren festen Körper in den Armen zu halten und wieder loszulassen, nur um sie wieder einzufangen. Tatsächlich musste Remus sich eingestehen, dass er sich amüsierte. Zum ersten Mal seit Wochen ergriff ihn eine gewisse Unbeschwertheit. Dabei hatte er weder vergessen, warum er hier war, noch, wen er da in seinen Armen hielt.

„Das war sehr schön", sagte sie schwer atmend, als sie nach einer ganzen Reihe von Tänzen an die Bar zurückkehrten. Ungefragt stellte man ihnen zwei Cocktails hin, und sie tranken durstig.

„Fenrir wird bald hier sein", sagte sie und betrachtete Remus nachdenklich. „Ich weiß nicht, welcher Natur eure Geschäftsbeziehung ist, aber noch kannst du gehen."

„Das kann ich nicht; mein ‚Geschäft' ist zu wichtig", erwiderte Remus. Fast hätte er sich im selben Moment die Zunge abbeißen können. Warum erzählte er ihr das?

Sie nickte verstehend, und dabei lag fast etwas Melancholisches in ihrem Blick. „Ich würde dich mitnehmen, zu mir nach hause", sagte sie. „Du kannst alles haben, du weißt schon."

Remus schüttelte den Kopf, und fragte sich für einen Augenblick, ob er ihr Angebot abgelehnte hätte, hätte sie ihn vor drei Monaten gefragt. Höflich lehnte er ab.

„Schade", bedauerte sie. „Dann danke ich dir für diesen letzten Tanz, Werwolf. Nun, ich muss gehen. Viel Glück."

Sie glitt vom Barhocker, ließ sich von Consuelo einen dunklen Mantel aus weichem Kaschmir aushändigen und verließ mit einem letzten Lächeln den Club.

Es dauerte nicht lange, da tauchte Fenrirs grauhaarige Gestalt in der Tür auf. Er winkte Remus, und dieser bat um die Rechnung.

„Geht aufs Haus, Señor", eröffnete ihm Consuelo, lächelte und wandte sich wieder anderen Gästen zu.

Remus nahm seinen Mantel, den sie ihm gereicht hatte, und folgte Fenrir in die dunkle, kühle Nacht hinaus.

Der ältere Werwolf ging voraus und führte ihn über den Hinterhof in den Schatten einer alten Werkstatthalle. Remus hatte die Hand um seinen Stab geschlossen. Etwas machte ihn misstrauisch, Adrenalin kreiste durch seinen Kreislauf und er konnte seine eigene Anspannung riechen.

„Ängstlich?", fragte Greyback grinsend. „Ich dachte, du wärest zu jedem Risiko bereit."

„Angespannt", erwiderte Remus wahrheitsgemäß. „Es gibt keine Garantie, dass ich dir trauen kann."

„Was im Leben ist schon sicher?", entgegnete der ältere Werwolf. „Nun, vielleicht ein letzter Tanz."

Plötzlich klangen Remus Tanitas letzte Worte im Ohr, und er verstand ihr Bemühen, ihn aus der Bar fort zu lotsen. Was wusste die Werkatze, wovon er nichts ahnte?

Das charakteristische Geräusch mehrerer Apparitionen durchdrang die Dunkelheit und beendete Remus' Spekulationen. Hastig wandte er sich um, aber Fenrir war in der Finsternis verschwunden. Plötzlich jedoch hörte er die raue Stimme des Werwolfs, und mehrere schlanke Seile schlangen sich um Remus' Handgelenke.

Lumos!", rief jemand.

Im Licht zweier Zauberstäbe sah Remus, dass er von einer Gruppe Zauberer umringt war, die alle in schwarze Umhänge gehüllt waren und ihre Gesichter hinter Masken verbargen.

„Benutze deinen Stab, und du bist Geschichte, Moony", quiekte eine Stimme, und Remus wirbelte herum.

„Peter!", rief er aus.

Helles, irres Gelächter schnitt durch die kühle Nachtluft.

„Merlin, Greyback, du hast nicht zuviel versprochen. Das ist wirklich Dumbledores Haustier, und er kommt wie ein Opferlämmchen in unsere Mitte."

Die Frau, die gesprochen hatte, trat auf ihn zu. Remus konnte eine hohe, schlanke Gestalt in den kostbaren dunklen Samtroben erahnen, er sah Augen vom gleichen Sommerhimmelblau wie die von Sirius' durch die Öffnungen der Maske, nur der Wahnsinn, der darin funkelten, gab ihnen einen ganz anderen, grausamen Ausdruck.

„Das kostet dich eine ganze Stange Gold, Bellatrix", bellte Fenrir.

„Du kannst Silber von mir haben", erwiderte sie höhnisch. „Kugelweise."

„Du hast mich verraten", sagte Remus zu Greyback. Von allen Möglichkeiten hatte er diese nicht einkalkuliert. Greyback war ein Wolf, und er hielt die alten Sitten und Gebräuche hoch. Das zumindest hatte Remus geglaubt.

„Du hast mir nicht zugehört, Junge", erwiderte Greyback rau. „Ich hatte dir gesagt, dass unsere Gesetze manchmal den Wünschen einer höheren Autorität nachgeordnet werden müssen."

Bellatrix lachte wieder.

„Hast du wirklich geglaubt, du Vieh, dass wir etwas wie dich in unsere Reihen aufnehmen? Hast du allen Ernstes gedacht, wir hätten nicht unsere eigenen Quellen im Ministerium, um heraus zu bekommen, wann der ‚liebe' Lucius seinem Henker zugeführt werden soll?"

Sobald sie die Worte geäußert hatte, traf es Remus wie ein Schlag. Merlin, er war ein Idiot gewesen.

Bella sprach weiter: „Man sagt, du seiest intelligent. Nun, vielleicht für einen Hund. Wärst du ein Mensch, hättest du erkennen müssen, dass der Dunkle Lord sich niemals von so etwas Lächerlichem wie Rachegefühlen leiten lässt. Lucius ist längst erledigt und abgehakt, dafür wird das Zaubereiministerium schon sorgen, wir brauchen nicht einen Finger krumm zu machen. Aber dich bekommen wir jetzt dazu, als kleinen, unappetitlichen Nachschlag, sozusagen."

Sie lachte, und diesmal stimmten die anderen Todesser mit ein.

„Was hältst du von ein wenig…Tierquälerei, Rudolphus?", sagte sie weich.

Ein großer, dünner Todesser senkte seinen Stab auf Remus.

Crucio!"

Expelliarmus!", rief Remus und sprang sich zur Seite.

Sein Herz raste, er wusste, dass er verloren war. Aber er würde sich verdammt noch einmal wehren bis zum Schluss!

„Arrgh! Wer hat vergessen, ihm den Stab abzunehmen?", kreischte Bellatrix.

Crucio!"

Expelliarmus!"

Avada kedavra!"

Flüche schossen durch die dunkle Halle. Ein Zauber zog die Stricke um Remus' Hände enger, bis sie tief ins Fleisch schnitten. Er biss die Zähne aufeinander, versuchte, den Fesselfluch zu blocken und den anderen Angriffen auszuweichen. Sein Schockzauber traf Rudolphus Lestranges, der unzeremoniell nach hinten überkippte. Irgendwo in seinem Hinterkopf war Remus klar, dass er den Todessern auf Dauer nichts entgegen zu setzen hatte. Er war gut, aber er konnte nicht allein gegen sechs oder sieben Zauberer bestehen.

Crucio!"

Der Folterfluch traf ihn hart in den Rücken. Siedend heißer, unerträglicher Schmerz, als würden seine Muskeln kochen und seine Knochen sich in glühendes Eisen verwandeln, raste durch seinen Körper. Seine Arme krampften und er verlor den Zauberstab.

„Macht Schluss mit ihm. Jetzt, keine Spielchen mehr!" kommandierte Bellatrix kalte Stimme.

„Ich will ihn töten!", quiekte eine schrille Stimme.

Remus schloss die Augen, als Pettigrew seinen Stab senkte, der nun auf sein Herz zeigte.

„Sieh mich an, wenn ich dich töte!", kreischte der Animagus. „Imperio!"

Remus' Augenlider flogen wie von unsichtbaren Schnüren gezogen auf.

Avada…"

Expelliarmus!", zischte eine tonlose Stimme aus der Dunkelheit, und eine Gestalt, deren Bewegungen Remus seltsam vertraut vorkamen, huschte an ihm vorbei. Pettigrews Stab flog im hohen Bogen durch die Luft, während einer der Todesser auf Remus' Retter zielte, der ein schmerzerfülltes Stöhnen vernehmen ließ, aber in einer Mauernische verschwand.

Im nächsten Moment waren mindestens zwanzig Apparitionen zu hören, und ein kehliges Heulen gellte durch die Nacht.

„Werwölfe!", kreischte Peter, und mit einem dumpfen ‚Plop' war er verschwunden.

„Greyback!", knurrte eine Stimme, und diese wie auch Geruch seines Mitbewohners erkannte Remus sofort. Kein Zweifel, dies war Gawain!

Bellatrix und die anderen Todesser disapparierten, Fenrir Greyback jedoch blieb mit gelb glühenden Augen genau dort stehen, wo er stand.

Eine geschmeidige Gestalt sank neben Remus auf die Knie und bettete vorsichtig seinen Kopf auf ihre Knie. Remus erkannte das teure Parfüm und die rauchige Stimme.

„Bis du okay, dummer Wolf? Ich habe ja gesagt, es könnte dein letzter Tanz sein. Warum wollt ihr Männer nur nie zuhören?"

Remus hustete Blut auf Tanitas teuren Rock. Unterdessen fixierte Greyback sich auf Gawain.

„Du hättest nicht herkommen sollen, Gray! Die Angelegenheiten erwachsener Wölfe sind nichts für Welpen!", grollte er.

Doch Gawain schien nicht besonders beeindruckt. Er ging langsam auf Greyback zu, und Remus registrierte, dass auch er in einen langen, schwarzen Mantel gekleidet war, und seine Stiefel bei jedem Schritt ein metallisches Klicken erzeugten.

„Ich habe dir gesagt, bleib raus aus meinem Revier!", knurrte der junge Werwolf.

„Glaubst du wirklich, du könnest dem Dunklen Lord Paroli bieten, du amerikanischer Grünschnabel?", grollte Greyback zurück.

„Das mag sich noch zeigen, aber du bist nicht Voldemort!", rief Gawain. „Du bist nur ein abgehalfterter alter Alpha, der nicht begreifen kann, dass seine Zeit…"

Avada kedavra!"

Der grüne Strahl aus Fenrirs Stab zischte durch die Nacht, überkreuzte sich mit Gawains rotem Entwaffnungszauber, den dieser gleichzeitig wortlos abgefeuert hatte. Der junge Werwolf duckte sich. Doch war er schnell genug, auszuweichen?

Fenrirs Zauberstab wurde ihm von Gawains Fluch aus der Hand gerissen, und landete, eine vorbildliche Flugkurve beschreibend, in der Hand von Remus.

„Ich hatte dich gewarnt, Greyback!", rief Gawain. „Ich habe dich einmal besiegt, an Vollmond, und ich habe dir damals gesagt, was geschehen wird, wenn du meine Kreise wieder störst. Du weißt, was es bedeutet, Alter. Ich kann nicht hinter meine Ankündigung zurück."

Er lächelte, beinahe mild, fast freundlich, aber seine Augen wirkten kalt wie Eis.

Dann – im fahlen Sternenlicht, das durch eine zersplitterte Fensterscheibe fiel, schien Gawains Gestalt zu verschwimmen. Sein Schädel zog sich in die Länge, sein gesamter Körper wuchs, dicke Muskelpakete drückten sich durch die Schultern seines Ledermantels, der mit einem unangenehmen Geräusch zerriss. Sekunden später sah Remus den größten Werwolf, der ihm jemals begegnet war. Sein Fell hatte dieselbe Farbe wie sein helles Haar, seine Augen leuchteten in hellem Blau, und das Spiel der kraftvollen Muskeln unter der Haut war bei jedem Schritt deutlich zu sehen.

Mit gesträubtem Nackenhaar und entblößtem Gebiss, in dem große Fang- und Reißzähne unheilverkündend schimmerten, schlich er geduckt auf Greyback zu.

Die Männer hinter ihm näherten sich und zogen einen Kreis um Greyback und Gawain. Mit gebannter Faszination für das Unerklärliche und einem Gefühl, Zeuge von etwas Grässlichem zu werden, starrte Remus auf die Kontrahenten.

Es war klar, dass Greyback, der sich nicht verwandeln konnte, keinerlei Chance hatte.

Als Gawain zum Sprung ansetzte, ging ein grollendes Knurren durch die Reihen, alle hielten den Atem an. Auch Greyback ließ jetzt ein dröhnendes Knurren hören, doch es war kein Vergleich zu dem unirdischen Laut, der aus Gawains Kehle kam. Im selben Moment, in welchem der massige Körper des jungen Werwolfs in die Luft stieg, zog Fenrir ein Messer. Die Klinge schimmerte silbern im Mondlicht, und Remus sah mit Entsetzen, wie der Todesser es dem heran springenden Werwolf in die Flanke rammte.

Gawain jaulte auf, Greyback stöhnte, und im nächsten Augenblick schoss eine rote Fontäne hoch zwischen den Kämpfenden hervor. Es gab einen hässlichen, knackenden Laut, und dann lagen die beiden Gestalten still. Totenstill.

Tanita war als erste auf den Beinen.

„Gawain, oh große Bastet, nein!", schrie sie und stürzte auf die beiden ineinander verschlungenen Körper zu.

Remus erhob sich, mühsam. Männer aus dem Rudel beugten sich über die Verletzten – oder Toten.

„Gawain lebt noch. Jemand muss einen Heiler holen!", rief einer der Männer mit starkem kanadischem Akzent und zog seinen Stab aus der der Tasche.

Expecto patronum!", röhrte er, und ein wunderschöner, zierlicher Timberwolf brach aus der Spitze seines Stabs hervor und verschwand in der Nacht.

„Hier können jeden Augenblick neue Todesser oder das Ministerium auftauchen", sagte Remus keuchend. Der Cruciatus saß ihm immer noch in den brennenden Gliedern. „Wir müssen ihn nach St. Mungos apparieren, wenn er eine Chance haben soll."

„Dort wird man ihn sterben lassen. Einer von uns mehr oder weniger, was interessiert es die?", widersprach ein zweiter Mann.

„Er wird binnen Minuten tot sein, wenn ihr nicht das Messer entfernt", sagte eine kühle Stimme direkt hinter Remus.

Er fuhr herum. Niemals zuvor war er so froh gewesen, Severus zu sehen. Der Tränkemeister war jedoch nicht allein. Hinter ihm tauchten Madam Pomfrey und Minerva MacGonagall auf.

Poppy eilte mit einer großen schwarzen Tasche neben den Verletzten und begann fieberhaft, Diagnosezauber zu wirken und Heilsprüche zu murmeln. Auch Minerva sank neben ihrem Neffen auf die Knie, nahm seine Hand und sprach beruhigend auf ihn ein.

„Ich brauche etwas, um die Wunde zu spülen, sobald das Messer raus ist", sagte Poppy. „Severus?"

Der Tränkemeister langte in seinem Umhang, der verdächtig nach dem der Todesser aussah, und reichte ihr das Gewünschte. Remus entging nicht, dass Snape sich irgendwie krumm hielt und sein Atem flach und schnell ging.

„Das war mit Abstand das Törichtste, Dümmste und Idiotischste, was du je getan hast, Lupin", herrschte er Remus leise, aber deutlich an. „Zu glauben, dass du Greyback an der Nase herumführen kannst."

Er machte sich an einem kleinen Lederbeutel zu schaffen, der an seinem Gürtel hing, und reichte Poppy ungefragt ein Pulver. „Aber darüber reden wir noch – nachher." Es klang wie eine Drohung.

„Fenrir hat ihm geglaubt", widersprach Tanita dem Tränkemeister mit dunkler Stimme.

„Das mag sein, aber Bellatrix Lestranges tat es nicht", zischte Snape zurück. „Und jetzt raten Sie, Miss Fellini, wer in der Todesser-Truppe eben das Sagen hatte."

„Minerva, eine Trage", bat Poppy.

Die Verwandlungslehrerin beschwor das Gewünschte. Sie betteten Gawain hinauf, dessen Atem rasselnd und stoßweise kam. Sein Gesicht war leichenblass und schweißüberströmt.

„Merlin, seine Hände sind wie Eis", sagte Minerva.

„Silberantidot?", fragte Poppy.

Severus reichte ihr eine bläulich schimmernde Flasche.

„Zwei Phiolen stehen bereits im Krankenflügel auf dem Notfalltisch, ich besorge mehr", sagte er kurz.

„Gut. Minerva, wir apparieren. Albus müsste die Sperre in dieser Minute aufheben. Auf drei…" Sie zählten, dann waren die beiden Frauen und Severus mit Gawain verschwunden.

Zurück blieben der Körper von Greyback, in dessen Kehle eine riesige Wunde klaffte, und die schlaffe Gestalt Rudolphus Lestranges. Tanita fühlte Greybacks Puls.

„Tot", sagte sie. „Was machen wir mit der Leiche? Man darf sie nicht finden, er wurde zuletzt mit Remus gesehen."

„Wäre nicht so schlecht, wenn die Auroren dir eine Silberkugel verpassen würden, Lupin", knurrte einer der Werwölfe aus Gawains Rudel. „Du bringst uns alle in Verruf. Ein Handel mit Todessern, wie dumm kann man sein?"

Er spuckte vor Remus auf den Boden.

„Es wird uns allen schaden, wenn man Greybacks Leiche findet und das Ministerium Nachforschungen anstellt", sagte ein rothaariger Mann mit wildem Bart. Remus kannte ihn. Sein Name war MacClanahan, und er war Mitglied des großen schottischen Rudels. Bei näherem Hinsehen stellte Remus fest, dass er die meisten der Männer kannte.

„Warum seid ihr gekommen?", fragte Remus. „Niemand wusste…"

„Ich wusste es", sagte Tanita. „Mir kamst du schon seltsam vor, als ich dich zum ersten Mal getroffen habe. Ich habe mich erkundigt und schnell herausgefunden, dass du der Bücherwolf bist."

Remus zuckte zusammen bei der Nennung des unrühmlichen Nicks, den ihm einige seiner Artgenossen verpasst hatten.

„Du und Greyback, das erschien so unpassend. Aber Fenrir sagte mir, dass er dich ‚gemacht' hat. Ich dachte, das erklärt euer Zusammensein. Aber als ihr vorhin gegangen seid, habe ich die anderen Typen gesehen. Eigentlich ist es egal, denn du gehörst nicht zu unserem Rudel, aber ich habe trotzdem den Alpha informiert."

„Gawain ist eurer Alpha?", fragte Remus verblüfft. Er wusste, dass der junge Wolf zumindest einen Teil des schottischen Rudels übernommen hatte, aber hier in London…

„Gray hat uns für heute Abend hierher bestellt. Ganz in der Nähe ist ein zweiter Club", erwiderte der Kanadier. „Würde mal sagen, er war dir auf den Fersen. Der Mann hat einen Instinkt wie kein Zweiter."

„Für heute Abend reicht es mit Interna", sagte eine blonde Frau mit amerikanischem Akzent, die sich jetzt vor zwei andere Zauberer schob.

Der Blick aus Tanitas Katzenaugen wurde schmal und kalt.

„Keine Angst, diesen Idioten, der uns alle in Gefahr gebracht hat, kannst du behalten, Katzenfrau", setzte die Blonde hinzu. „Wir ziehen uns zurück. Morgen früh um zehn will ich die Gruppenführer am MacGonagall Estate sehen. Bis dahin besorge ich Informationen über Grays Zustand. Hunter, Pathfinder, ihr kümmert euch um die Leiche. Lupin überlassen wir etwas so Heikles lieber nicht. MacGraw, Ferret, ihr bringt den Todesser zum Ministerium. Auf jetzt."

Sie beobachtete, wie die Männer ihr einer nach dem anderen Folge leisteten, und schließlich auch die beiden mit Fenrirs Leichnam disappariert waren. Dann verschwand auch sie.

„Wer war das denn?", fragte Remus perplex.

„Die blöde Zicke da ist Alicia Rhees-Sharp, Grays Alpha-Wölfin." Tanita grinste. „Sieht aus, als hättest du dir jede Menge Freunde gemacht heute Nacht, Remus. Hoffentlich überlebt Gray. Wir hatten nie einen besseren Alpha."

„Bist du Teil des Rudels?", erkundigte sich Remus, während Tanita ihm auf die Beine half. „Ich meine, du bist keine Wölfin."

„Man könnte mich als ‚assoziiertes Mitglied' bezeichnen", sagte sie. „Ich kümmere mich um Finanzen und Schreibkram, Manage das ‚Moon' und genieße dafür den Schutz der Gruppe."

„Ich kann mich ungefähr darin wieder finden", entgegnete Remus. Es beschrieb ansatzweise seine Tätigkeit für den Orden. „Ich muss weg", sagte er, als sie den Durchgang zum Parkplatz erreicht hatten. „Tut mir Leid wegen deines Kleides."

„Vergiss es", sagte sie. „Sehe ich dich wieder, Bücherwolf?"

Sie lächelte ihm zu, dasselbe Raubtierlächeln wie vor drei Tagen, doch diesmal lag etwas Warmes in ihren grünen Augen.

„Was willst du von mir?", fragte er resigniert zurück. „Ich bin bis auf die Knochen blamiert, das Rudel hält mich für einen Idioten und Greyback hätte mich beinahe umgebracht. Es ist meine Schuld, dass euer Alpha jetzt um sein Leben ringt."

„Ich mag dich", sagte sie schlicht.

„Ich bin nicht zu haben", erwiderte er.

„Du bist mir auch so recht", sagte sie lächelnd. „Als Tänzer zum Beispiel. Du weiß ja, wo du mich findest. Alles Gute, Bücherwolf."

Damit drehte sie sich um und verschwand in der Dunkelheit.

Remus apparierte indes zum Grimmauldplatz. Er musste Tonks kontaktieren, und es würde das schlimmste Gespräch werden, das er je mit ihr geführt hatte. Er hatte Gawain auf den Gewissen. Gawain, der offenbar ein riesiges Rudel Werwölfe führte, der eine platinblonde Wolfs-Alpha hatte, und der einem anderen Mann gerade die Kehle heraus gerissen hatte. Gawain, an dem Tonks mit zärtlicher Verliebtheit hing, und der jetzt gerade in der Krankenstation von Hogwarts mit dem Tode rang - wenn er diesen Kampf nicht schon verloren hatte.


Fortsetzung folgt