Kerkermond Evolution
Slashig-trashige Fanfiction, in der Lucius zeigt, wie man im System spielt
Endlich beginnt er, der große Prozess gegen Lucius Malfoy. Ich habe mich lange darauf gefreut, dies zu schreiben. Die Magische Gesellschaft ist gespannt, und wir sind es auch: Wird es der blonden Diva gelingen, sich aus der Schlinge zu befreien?
Danke für die Reviews: Lucy, Glupit und Lola
Glupit: Die Frage stellt sich: Wer könnte denn aussagen für Lucius, dass er bei Todessertreffen dabei war, aber 'nichts Schlimmes' gemacht hat? Severus fällt aus, der muss seine Tarnung wahren, und alle anderen Todesser werden den Teufel tun. Außerdem würde man ihnen wohl kaum glauben.
Lola: Deine Vorstellung des Outtakes gefällt mir. Ich weiß nicht, ob ich Al Pacinos Stimme nehmen würde, aber es gibt sicher deutlich schlechtere. Für mich klingt Lucius eher so wie Stephen Fry.
27. Lucius: Der Prozess beginnt
Am Morgen des ersten Prozesstages herrschte hektische Aktivität in der alten Villa in Londons Theaterviertel. Remus und Gawain waren am Vorabend nachhause gekommen, um den Vollmond in dem sicherheitsverstärkten Keller zu verbringen. Remus wurde von Snape mit Wolfsbann versorgt, Gawain lehnte dankend ab. Auch er musste sich an Vollmond verwandeln, hatte jedoch einigermaßen verlässlich Kontrolle über sein Tun.
Remus wusste nicht, ob es Absicht gewesen war, den Prozessbeginn auf den Tag nach dem Vollmond zu terminieren, vermutlich nicht. Trotz rasender Kopfschmerzen, die auch Severus stärkster „Dolorcalmus" kaum zu beherrschen vermochte, hockte er bereits mit einer Tasse Tee in der Küche, als Tonks und Gawain dazu stießen. Gawain steckten die Auswirkungen seiner Silbervergiftung im Zusammenhang mit dem Vollmond immer noch in den Knochen, er wirkte ebenso zerschlagen wie Remus. Tonks sah ebenfalls übernächtigt und müde aus. Sie stand jedoch auf und öffnete das Fenster, als eine große Eule gegen die Scheibe pickte.
„Das ist Alicia's", sagte Gawain und nahm dem Vogel das Pergament ab. „Sie schreibt, die Nacht sei ruhig verlaufen, keinerlei Anzeichen ungewöhnlicher Aktivitäten, keine besonderen Vorkommnisse, keine Rangordnungskämpfe, vor allem."
„Ihre Position scheint nicht angefochten zu werden", stellte Remus fest.
„Sie ist eine geborene Alpha und extrem stark. Die Männer wären dumm, ihre Führungsrolle in Frage zu stellen", erklärte Gawain.
„Sie ist werwolfsgeboren", erläuterte Tonks. Die junge Aurorin wirkte wieder deutlich selbstsicherer, seit Gawain ihr alles über seine Aufgabe und vor allem die Rolle der blonden Alicia Rhees-Sharp erzählt hatte. Dora konnte nun einordnen, dass Alicia und Gawain zwar vieles verband, ihre Beziehung jedoch von Professionalität geprägt war. Sie vertrauten einander blind und waren doch nicht mehr als Partner.
Dass dies ein Status Quo war, der in der Vergangenheit nicht immer Bestand gehabt hatte, hatte Gawain allerdings nur Remus anvertraut. Seinen Rat, Tonks die ganze Wahrheit zu erzählen, hatte der Amerikaner ausgeschlagen.
„Glaub mir, Tonks schläft ruhiger, wenn sie's nicht weiß", hatte er gesagt.
Minerva erschien einige Minuten später, wie so oft in einen Umhang mit Schottenkaro gehüllt. Sie hatte trotz ihrer Überzeugung, dass es richtig war, Remus für eine Weile von der Ordensarbeit auszuschließen, den persönlichen Kontakt mit ihm aufrechterhalten.
„Seid ihr fertig?", fragte sie nervös. „Remus, du bleibst direkt bei mir, Anweisung von Dumbledore. Keine Dummheiten, hörst du? Severus wird im Ministerium zu uns stoßen. Wir sollten pünktlich aufbrechen, die Sicherheitskontrollen werden erheblich sein."
„Diane betreut Eingang drei", sagte Tonks. „Es wird aber nicht möglich sein, Zauberstäbe mit hinein zu nehmen, außer für die diensthabenden Auroren. Da Kingsley für diese Verhandlung als befangen gilt, wird er nur im Außenbereich eingesetzt. Er hat selbst darum gebeten. Bleiben also mein Stab und der von deiner Schwester, Minerva."
„Halte dich bloß von Remus fern", mahnte Minerva und warf Erwähntem einen scharfen Blick zu.
„Ich behalte die Nerven, keine Sorge", erwiderte Remus ruhig.
Dumbledore hatte ihn am Vorabend zweieinhalb Stunden lang auf ein rechtskonformes Verhalten eingeschworen, und außerdem einen Großteil der Zeit damit verbracht, Remus mit allerlei Zauberbannen gegen die Wirkung von Veritaserum unempfindlicher zu machen. Zwar rechneten sie nicht damit, dass man ihn am ersten Tag bereits vernehmen würde, aber angesichts der Person des Anklägers wusste man nie, und je öfter der Zauber über Remus ausgesprochen wurde, desto wirksamer würde er sein.
Tonks umarmte Remus ein letztes Mal.
„Sei tapfer, hörst du?", wisperte sie ihm ins Ohr, dann floote sie mit Gawain zum Ministerium.
xoxoxoxoxoxoxoxoxo
Remus und Minerva trafen Snape in der Eingangshalle. Remus konnte sich nicht erinnern, den Slytherin jemals derart verschlossen und wortkarg erlebt zu haben. Natürlich, dieser Prozess brachte für Severus vermutlich Erinnerungen hoch, auf die er lieber verzichtete, und Geister, denen er sich stellen musste.
Sie kamen ohne Probleme durch die Sicherheitsbarrieren und Polyjuice-Detektoren und erreichten ihre Plätze im Zuschauerraum. Die Sitze waren im Halbrund wie in einem Hörsaal in unterschiedlicher Höhe in Reihen angeordnet.
Gegenüber befanden sich die mit dunkelblauem Stoff überzogenen Sessel des Gamots. Sechsundsechzig Hexen und Zauberer würden über Lucius' Schicksal richten.
Den Vorsitz der Verhandlung würde der alte Richter Gandalph Whiteman führen.
„Eine gute Wahl", hatte Albus gesagt. „Whiteman war zu meiner Zeit in Hogwarts, ein Ravenclaw, wie er im Buche steht. Sehr klug, sehr weise und sehr ehrgeizig, aber vor allem gerecht."
Sie waren früh dran. Langsam füllten sie die Zuschauerränge. Auch die ersten Mitarbeiter des Ministeriums erschienen. Auroren postierten sich an strategischen Stellen und Arthur Weasley erschien mit einigen Kollegen. Er hatte ein fliegendes Schreibpult und eine ganze Armada magischer Schreibefedern dabei. Sie hatten Adlerkiele und wurden ausschließlich für Wortprotokolle verwendet.
Remus sah Kingsley, der einer jungen rothaarigen Hexe Anweisungen erteilte, und dann einen Platz unter den Zuschauern einnahm. Pünktlich um neun wurden alle Türen von innen magisch verriegelt, so dass niemand ohne Stab den Saal verlassen konnte. Auroren huschten geschäftig durch Türen im unteren Bereich des Saales hin und her.
Doch schließlich kehrte eine Art gespannter Ruhe ein, die Zuschauer unterhielten sich nur noch flüsternd und das Warten begann. Pünktlich um neun wurde eine doppelflügelige Tür vor den Sesseln des Wizzen Gamots geöffnet. Als erster trat Dr. Solicitor ein, gefolgt von drei Auroren und hinter diesen folgten sein Kollege Lawbender, ihr Mitarbeiter Rogue und schließlich - Lucius Malfoy.
Remus konnte die Augen nicht von dem Slytherin abwenden. Lucius trug eine schlichte, aber perfekt geschnittene Robe in dunkelgrünem, schimmerndem Stoff. Sein blondes Haar war zu einem Zopf zusammengefasst, und er hatte auf jeglichen Schmuck verzichtet, sah man von dem Familiensiegelring der Malfoys ab. Seine Hände waren mit Metallketten gefesselt, die ihm jetzt jedoch ein Auror abnahm.
Lucius nahm hinter einem langen Pult in einer Reihe mit seinen Verteidigern Platz, ganz links, dem Gericht seitlich zugewandt. Anders als vor drei Wochen sah er heute weder mager noch übermüdet aus, wenn auch ziemlich blass, selbst für seine Verhältnisse.
„Kein Kettenstuhl, keine gestreifte Kleidung und offenbar mittlerweile anständiges Essen", sagte Severus leise zu Remus' Erstaunen. „Lawbender muss sein Handwerk bestens verstehen."
„Ich befürchte, dasselbe muss man von Grant Berkins sagen", meinte Remus leise.
Severus antwortete nicht, denn in diesem Augenblick betraten die Vertreter der Anklage den Saal. Sie kamen durch eine Tür, die der, aus welcher die Verteidiger gekommen waren, gegenüber lag.
Tatsächlich bewies Berkins eine Art von Stil: Er und seine Mitarbeiter, eine schlanke blonde Hexe mit Nadelstreifenrobe, ein junger Farbiger in einfacher Tracht mit afrikanischen Mustern und zuletzt Dolores Umbridge, gingen direkt auf die Pulte der Verteidigung zu und reichten Lucius' Anwälten die Hände.
Um ihn selbst jedoch machten sie einen überdeutlichen Bogen. Lediglich der junge Afrikaner nickte Lucius höflich zu, der wiederum mit dem Kopf eine Verbeugung andeutete.
Die Staatsanwälte nahmen ihre Plätze ein, und ein formell gewandeter Zauberer in violetter Robe betrat den Saal.
„Meine Damen und Herren, der Wizzen Gamot", deklamierte er.
Alle Anwesenden im Saal erhoben sich. Nun marschierte das gesamte Gericht in feierlicher Prozession in den Saal und nahm auf den blau bespannten Sesseln Platz.
Als Letzter betrat ein alter Zauberer mit einem hohen Spitzhut in prächtiger blauer Robe den Raum. Sein weißer Bart reichte ihm bis an die Taille, seine langen Haare waren zu einem Zopf geflochten, und er stützte sich auf einen massiven, knorrigen Gehstock.
Er trat zu einem erhöhten Platz und ließ sich nieder.
„Die Verhandlung vor der großen Strafkammer des Zauberergerichtshofs unter dem Vorsitz des ehrenwerten Richters Whiteman ist eröffnet", erklärte der violett gewandete Zauberer, der eben bereits den Einzug der Richter angekündigt hatte.
„Verhandelt wird die Magische Strafsache des Zaubererministeriums und der Magischen Gesellschaft der Zauberer und Hexen von Großbritannien gegen Sir Lucius Malfoy. Erschienen sind hier für der vollständige Zauberergamot, sowie als Vertreter der Anklage der ehrenwerte Sir..."
Über eine Viertelstunde wurden Namen und Titel der Anwesenden verlesen.
Nachdem der Protokollmagier geendet hatte, ergriff Whiteman das Wort. Er hatte einen angenehmen Bariton, der mühelos den Saal füllte.
„Beginnen wir mit der Person des Angeklagten, um den Formalien Genüge zu tun. Angeklagter, sind Sie Lucius Abraxas Neiridius Falcon Malfoy, siebenundzwanzigster Lord von Whitfield, achtzehnter Earl von Lake Newswanstone-Castle und vierunddreißigster Comte de Louisville sǔr Loire?"
Lucius erhob sich mit einer fließenden Bewegung.
„Das ist richtig."
„Merlin sei Dank, dann muss ich das ja nicht noch einmal vorlesen", sagte Whiteman. „Können wir auf diese Titel für die Dauer dieser Verhandlung bis zur Urteilsverkündung verzichten?", setze er nach.
„Dies scheint mir in unser alle Interesse sinnvoll", erwiderte Lucius.
„Dann wollen Sie bitte wieder Platz nehmen, Mr. Malfoy", sagte Whiteman. „Wenn der Staatsanwalt dann bitte die Anklage verlesen würde?"
Berkins erhob sich und reichte eine dicke Akte an Dolores Umbridge weiter. Diese räusperte sich und begann.
„Dem Angeklagten wird folgendes zur Last gelegt:
Erstens: Wenigstens seit der Rückkehr von Dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-soll aus dem Exil hat der Angeklagte sich ihm angeschlossen. Seither verfolgt und unterstützt er dessen umstürzlerische Revolutionspläne unter Einsatz seines Einflusses und seines Geldes und insbesondere durch verschiedene illegale Aktionen und schwere Verbrechen, als da wären:
Zweitens: Er wirkte am 6. Juni des vorvergangenen Jahres einen Imperius-Fluch gegen Bartholomew Crouch, um diesen der Herrschaft von Sie-wissen-schon-wem zu unterstellen, und zu ermöglichen, dass dieser seinen Sohn, Barty Crouch junior, verurteilter Todesser, nach Hogwarts ließ, wo dieser dann den Trimagischen Pokal..."
Remus verlor schnell den Anschluss. Sie warfen Lucius jedes einzelne Verbrechen vor, dass die Todesser in den letzten zwei Jahren begangen hatten. Angefangen von der Unterwerfung Barty Crouchs, über die Initiierung der Krawalle bei der Quidditch-Weltmeisterschaft, über das Attentat auf Nora Shacklebolt bis zur Anwendung des Imperius-Fluchs auf einen Ministeriumangestellten und den Mord an Bertha Jorkins.
Lucius hörte sich die Litanei mit unbewegter Miene an, wirkte jedoch konzentriert und beobachtete die Plätze der Ankläger genau. Remus hätte sich gewünscht, dass er seinen Blick auch einmal übers Publikum schweifen lassen würde, doch Lucius tat nichts dergleichen. Dafür allerdings schien Lawbender die anwesenden Zuschauer geradezu zu scannen. Unablässig flackerte sein Blick in die Reihen während Dr. Solicitor gleichzeitig jedes Wort Umbridges mitzuschreiben schien.
„...und schließlich ließen sie am vierten Februar auf Geheiß von Dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-soll ihre eigene Frau, Narcissa Black-Malfoy, ermorden oder ermordeten sie mit eigenen Händen und beseitigten ihre Leiche oder ließen sie beseitigen. Sie ist seitdem spurlos verschwunden."
Lucius war schon bei der Nennung von Narcissas Namen aufgesprungen, und nur dem eisenharten Griff von Rogue und Lawbenders gezischter Anweisung, zu schweigen, war es zu verdanken, dass Lucius sich wieder hinsetzte und die Auroren um ihn herum ihre bereits erhobenen Stäbe wieder senkten.
Über Berkins' Gesicht glitt ein zufriedenes Lächeln.
Severus, dessen gesamter Körper sich sichtbar angespannt hatte beim letzten Anklagepunkt, atmete tief durch.
„Sie haben es angetestet und gewonnen", flüsterte er. „Merlin weiß, sie ist sein schwacher Punkt. Jetzt wissen sie, wie sie ihn um die Beherrschung bringen können."
„Das war ein Überraschungsangriff. Es wird kein zweites Mal funktionieren. Lucius ist diszipliniert genug, damit umzugehen", raunte Remus ihm zu.
„Lucius ist nur oberflächlich ein kühler Pragmatiker", warnte Snape. „Ich habe ihn erlebt, wenn er die Nerven verliert."
Remus hatte Mühe, sich vorzustellen, dass Lucius jemals die Nerven durchgehen würden vor diesem Publikum. Doch er erinnerte sich an den Moment auf dem Gang des Kerkers, nachdem er ihm das Dunkle Mal ausgebrannt und ihn nach dem Grund für Narcissas Tod gefragt hatte. Vielleicht hatte Severus Recht. Ganz offensichtlich hatte Lucius' Bindung an ihn, Remus, keinerlei Einfluss auf seine Gefühle Narcissa gegenüber. Dies war nur dadurch erklärbar, dass die Trauer um Narcissa echt war und Lucius' eigenem Herzen entsprang, während seine Leidenschaft für Remus rein magischer Natur war.
Als Umbridge geendet hatte, herrschte tiefes Schweigen im Saal. Es war eine Aneinanderreihung wirklich schauderhafter Verbrechen gewesen, und die Mehrheit des Publikums traute Lucius mit Sicherheit jede einzelne der angeklagten Taten zu. Remus selbst hielt ihn zumindest für fähig, diese Scheußlichkeiten mit Ausnahme des Mordes an seiner Frau zu begehen. Allerdings wusste er in den meisten Fällen, dass Lucius nicht der Schuldige war, weil er durch seine Arbeit im Orden die Hintergründe kannte.
„Nun, das sind in der Tat schwerwiegende Anschuldigungen", begann Whiteman. „Um uns allen eine Menge Schreibkram und ähnliches zu ersparen - gibt es einzelne oder mehrere Punkte, in denen ihr Mandant sich schuldig bekennt, Mr. Lawbender?"
Der Anwalt erhob sich, trat nach vorne und strich seine teure graue Robe glatt.
„Die gibt es in der Tat, Sir. Doch da auch diese - wenigen - Punkte nicht für sich allein betrachtet und ohne ein Beleuchten der dahinter stehenden Motivation hinreichend beurteilt werden können, werden wir jeweils im Einzelnen dazu Stellung nehmen und uns auch mit den Beweisen der Staatsanwaltschaft auseinander setzen."
„Nun denn, das ist Ihr gutes Recht", erwiderte Whiteman. „Treten wir also in die Beweisaufnahme ein."
Berkins erhob sich von seinem Platz. „Wir behaupten, dass der ach so ehrenwerte Mr. Malfoy hier in Wirklichkeit ein Anhänger von Sie-wissen-schon-wem ist. Dies bedeutet, dass er die wahnwitzigen Umsturzpläne dieses gefährlichen Dunklen Magiers mit aller Konsequenz und Ergebenheit unterstützt, und damit für jedes Verbrechen, dass aus diesem Zirkel heraus geschieht, die Verantwortung mitträgt."
„Einspruch", rief Lawbender. „Selbst für den Fall, dass unser Mandant ein Anhänger von Sie-wissen-schon-wem war, wäre er ausschließlich für die Straftaten verantwortlich, die er selbst begangen hätte oder von denen er zu einem ausreichend frühen Zeitpunkt Kenntnis hatte, so dass sie noch rechtzeitig vor ihrer Durchführung dem Aurorendepartment gemeldet hätten werden können."
„Einspruch stattgegeben", sagte Whiteman. „Das wissen wir alle."
„Juristisch", sagte Berkins spitz, „mögen Sie Recht haben. Moralisch trägt Lucius Malfoy aber die Mitschuld an jedem Todesserverbrechen der letzte zwei Jahre. Darüber hinaus gibt es Hinweise, denen wir derzeit noch nachgehen, dass er bereits vor fünfzehn Jahren ein Anhänger von Sie-wissen-schon-wem war, und auch damals schon an unzähligen grausamen Morden und Überfällen beteiligt war - und zwar in vorderster Front."
„Einspruch", entgegnete Lawbender. „Nach dem letzten Verschwinden von Dem-dessen-Name-nicht genannt-werden-darf gab es eine offizielle Untersuchung des Ministeriums, in der die Unschuld der gesamten Familie Malfoy festgestellt wurde."
„Sie unterschlagen, dass die Schuld seines Vaters durchaus zweifelsfrei festgestellt wurde!", zischte Berkins. „Er wurde von Auroren auf frischer Tat ertappt und hingerichtet, und die übrigen Untersuchung nach dem Verschwinden von Sie-wissen-schon-wem wurden schlampig geführt von völlig überarbeiteten Beamten, die in dieser Tätigkeit wenig Sinn sahen und..."
„Einspruch", sagte Lawbender ruhig. „Falls Ermittlungen nicht nach den heute unter Ihrer Leitung üblichen Standards durchgeführt worden sein sollten, Mr. Berkins, so ist dieses Versehen sicher nicht meinem Mandanten anzulasten. Er hat – was niemand bestreiten wird – zu keinem Zeitpunkt im Ministerium gearbeitet. Und was die Schuld von Mr. Abraxas Malfoy angeht, so ist diese nicht Gegenstand dieser Verhandlung. Desweiteren muss ich die Angehörigen des Wizzen Gamot bitten, Mr. Malfoy nicht aufgrund der unbewiesenen Taten seines Vaters vorzuverurteilen."
„Der Apfel fällt doch nicht weit vom Stamm!", röhrte Berkins mit hochrotem Gesicht.
„Einspruch stattgegeben", beendete Whiteman den Disput. „Zauberer und Hexen des Gerichts, Sie werden die Taten von Mr. Malfoy senior – also Abraxas Malfoy - nicht in ihre Beurteilung einfließen lassen."
„Danke sehr", sagte Lawbender und setzte sich wieder.
„Welche Beweise liegen Ihnen für die Vermutung vor, dass Mr. Lucius Malfoy ein Anhänger von Dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf, ist?", fragte Whiteman.
Die schlanke Blonde erhob sich auf einen Wink Berkins'.
„Das Zeichen Dunkler Hexen oder Magier, mit dem Der-dessen-Name-nicht-genannt-werden-soll seine Anhänger an sich band, und mit dessen Entgegennahme sie ihm ewige Treue schworen, ist bekanntermaßen das so genannte ‚Dunkle Mal'. Wir wissen dies aus mehreren Prozessen im vergangenen Jahrzehnt. Ich bin gerne bereit, die Fundstellen und Aktenzeichen zu benennen."
„Oh, Miss Rochelle, ich bin sicher, wir können auf diese Demonstration Ihres bekanntermaßen außergewöhnlichen Fleißes verzichten", sagte Whiteman. „Ich gehe von Ihrem Einverständnis aus, Mr. Lawbender?"
Der Anwalt nickte.
„Gut. Dann nehmen Sie bitte zu Protokoll, Mr. Weasley, dass das Dunkle Mal als Zeichen Schwarzer Hexen und Magier in der Nachfolge von Dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-soll, es handelt sich dabei im Übrigen rechtlich schlicht um Mr. Thomas Riddle, gelten kann."
Ein Raunen ging durch die Menge. Dass Whiteman öffentlich die allgemein verwendete Formel „Der-dessen-Name-nicht-genannt-werden-soll durch den Geburtsnamen Voldemorts ersetzte, war ein Zeichen, dass er sich durch keinerlei Drohungen in seinem Urteil oder der Verhandlungsführung einschüchtern lassen würde. Er schien damit bewusst den Hexen und Zauberern des Gamots ein Beispiel geben zu wollen.
„Nun, Miss Rochelle?" erteilte er der blonden Nadelstreifenhexe wieder das Wort.
Sie stand auf und trat zum Platz der Verteidigung hinüber.
„Würden Sie bitte ihren Ärmel aufrollen, Mr. Malfoy, und uns ihren rechten Unterarm zeigen?", forderte sie Lucius auf.
Lucius erhob sich und entblößte sein Handgelenk. Die Richter und Zuschauer hielten den Atem an.
„Beschreiben Sie uns bitte, was Sie sehen", sagte Whiteman. „Meine Augen sind nicht mehr die besten. Lohnt es sich, aufzustehen?"
„Nun, Mr. Malfoys Unterarm weist eine etwa fingerlange und daumenbreite Narbe auf, die die Form eines langestreckten...Flecks hat. Sie ist von der für Narben üblichen hellen Farbe", erklärte die Staatsanwältin.
„Kein Dunkles Mal?", fragte Whiteman.
„Nur, weil es jetzt nicht mehr hier ist, heißt das nicht, dass es nicht dort gewesen ist. Wenn sie die Aussagen des ehemaligen Lehrers der Hogwartsschule für Hexerei und Zauberei, Professor Remus Lupin, lesen, die er vor dem Aurordepartment am 10. Februar gemacht hat, werden Sie erfahren, dass er das Dunkle Mal auf Mr. Malfoys Arm noch gesehen hat. Er hat es ihm selbst ausgebrannt."
„Das ‚Professor' gibt sich noch, wenn die Anklage dich ins Kreuzverhör nimmt", sagte Severus sehr leise und mit maliziösem Lächeln zu Remus.
„Wir können Mr. Lupin gerne dazu vernehmen, wenn die Verteidigung..."
„Ich denke, wir können das abkürzen", sagte Lucius und erhob sich. „Ich möchte eine Erklärung abgeben."
„Miss Rochelle?", fragte Whiteman.
„Ich werde nur zu gerne Mr. Malfoy das Wort überlassen, wenn er ein Geständnis ablegen möchte", erklärte die junge Staatsanwältin mit leuchtenden Augen.
Lucius schenkte ihr ein überhebliches Lächeln, dann wandte er sich den Zauberern und Hexen des Gamots zu.
„Sie haben heute gehört, dass die Taten meines Vaters in Ihrer Betrachtung meiner Person keine Rolle spielen sollten. Juristisch ist das korrekt, tatsächlich verhalten sich die Dinge jedoch anders, als es zunächst den Anschein hat.
Mr. Berkins liegt mit seinen Vorwürfen gegen meinen Vater natürlich völlig richtig. Mein Vater war ein Todesser, und soweit ich das beurteilen kann, war er auch an dem Angriff beteiligt, bei dem die gesamte Familie von Mr. Berkins ausgelöscht wurde. Der Herr Staatsanwalt selbst entging, wie ich hörte, nur durch einen glücklichen Zufall diesem Schicksal.
Wenige Wochen nach diesem Ereignis wurde mein Vater von Auroren getötet, als er eine Familie Muggelstämmiger mit einigen seiner Gefolgsleute überfiel.
Nach dem plötzlichen Tod meines Vaters drängte man mich, in seine Fußstapfen zu treten – in jeder Hinsicht. Ich brach mein Studium an der Academia magica in Paris ab und übernahm nicht nur die Leitung des Hauses Malfoy und das Firmenkonsortium meines Vaters, sondern auch seine Position im Kreis um den Dunklen Lord. Ich war das, was Sie als Todesser bezeichnen, und zwar exakt bis zum 7. Februar dieses Jahres."
Im Saal herrschte Totenstille. Mit einem Geständnis hatte offenbar weder das Gericht, noch das Publikum, noch die Anklage gerechnet.
„Ihnen ist bewusst, was dieses Geständnis bedeutet?", fragte Rochelle nach.
„Wenn mein Anwalt mich juristisch korrekt beraten hat, dann bedeutet es ... nichts", erwiderte Lucius mit unverschämt charmantem Lächeln. „Das Dunkle Mal zu tragen ist genauso wenig strafbar wie jede andere Tätowierung. Strafbar sind allerdings die Taten, die Sie mir vorwerfen, und zu denen ich mich zu gegebener Zeit im Einzelnen und detailliert äußern werde."
Rochelle starrte Malfoy an.
„Sie sind nicht ganz richtig beraten worden", sagte sie trocken. „Nach dem Erlass vom 8. August des vorvergangenes Jahres ist die Annahme des Dunklen Mals allein schon ein Verbrechen."
„Dann lassen Sie es mich noch einmal deutlich sagen", gab Lucius zurück. „Ich habe das Dunkle Mal im Alter von achtzehn Jahren bekommen. Zum Zeitpunkt des Inkrafttretens des Erlasses konnte ich es demgemäß nicht mehr ‚annehmen', da ich es längst hatte." Er setzte sich wieder, als sei dem nichts hinzu zu fügen.
Die Kameras der Reporter, die in de ersten Reihe des Publikums saßen, klickten. Dies war zweifellos eine Schlagzeile!
Severus neben Remus lachte leise in sich hinein.
Rochelle starrte Lucius ärgerlich an, dann drehte sie sich um zu Berkins. Dieser saß mit rosa gefärbtem Gesicht und zusammen gepressten Lippen stocksteif auf seinem Platz. Er hatte erreicht, was er sich mehr als alles gewünscht hatte: Dass Lucius die Schuld seines Vaters öffentlich zugab und zudem eingestand, ein Todesser zu sein. Gleichzeitig hatte er jedoch nichts erreicht. Denn juristisch war Lucius' Geständnis wertlos.
„Es mag sein, dass Sie für das Dunkle Mal auf Ihrem Arm nicht verurteilt werden können, Mr. Malfoy – und zwar aus rein formalen Gründen", bemerkte Rochelle. „Aber ich bin sicher, wir alle hier werden nicht vergessen, was es bedeutet."
„Einspruch!" Lawbender hatte sich erhoben. „Nur juristisch verwertbare Tatbestände dürfen in die Bewertung meines Mandanten einfließen."
„Stattgegeben", sagte Whiteman. „Sie werden der Tatsache, dass Mr. Malfoy das Dunkle Mal getragen hat, bei einer etwaigen Strafzumessung keine Bedeutung geben. Dies gilt jedoch ausdrücklich nicht für Straftaten, die sich aus der Mitgliedschaft in dieser Vereinigung ergeben. Diese werden wir im Einzelnen verhandeln - allerdings erst nach dem Mittagessen. Die Verhandlung ist unterbrochen."
Mit diesen Worten erhob sich Whiteman. Sofort brachen laute Diskussionen und erregte Gespräche im Saal aus. Remus beobachtete, wie die Auroren den Kreis um Lucius und seine Anwälte enger zogen. Einer der Bewacher brachte die Ketten, die Lucius zu Beginn des Prozesses getragen hatte. Remus hatte das Gefühl, er müsse das Klicken der Handschellen hören. Während man Lucius im Blitzgewitter der Kameras fesselte, drehte dieser sich zum Zuschauerraum hin um. Sein Blick traf den von Remus. Offenbar wusste er genau, wo der Werwolf zu finden war. Für einen kurzen Moment verschlang sich Nebel mit Bernstein, ein Aufleuchten ließ Lucius' Augen heller strahlen und ein kaum sichtbares Lächeln huschte über seine Lippen. Dann wandte er sich wieder seinen Anwälten zu. Man führte ihn hinaus, und die Tür schloss sich hinter dem Slytherin.
„Was für ein Auftritt", sagte Severus anerkennend. „Und welch ein genialer Schachzug, zuzugeben, was sie ihm ohnehin nachgewiesen hätten. Niemand wird behaupten können, Lucius wäre nicht kooperativ."
Fortsetzung folgt
