Kerkermond Evolution 33

Kerkermond Evolution 33

Slashig-trashige Fanfiction, in der es endlich wieder ein bisschen slash gibt, Remus von Lucius mit grausamen Realitäten konfrontiert wird, und unser Lieblingswerwolf die fantastischsten Luftschlösser seines Lebens baut.


Vielen Dank für die gewogenen Reviews: Glupit, Lucy, Lucindana, Lola und Nicole

Nicole: „nicht zur Liebesschnulze verkommen lassen" – hej, mein zweiter Vorname ist Hedwig…und ich bin keine Eule! Aber jetzt ist einfach die Zeit, um die Tränen fließen zu lassen. Außerdem muss die magische Rechtsordnung geschützt werden, um jeden Preis – und sei es den der Menschlichkeit.

Lieber Leserinnen, ein ganz kleines bisschen fürchte ich mich vor dem Feedback zu den nächsten beiden Kapiteln, denn es wird hart und schwierig für unsere Protagonisten, die euch allen mittlerweile ans Herz gewachsen sind. Nachdem es im letzten Kapitel ein bisschen was fürs Herz gab, werden wir jetzt wieder „darc". Der Titel lässt schon nichts Gutes ahnen. Also seid gewarnt und gerüstet.


33. Lucius: Das Urteil

Weder Remus noch Lucius wohnten dem vorletzten offiziellen Prozesstag bei. Lucius lag immer noch im St. Mungos, wo man sich nach Kräften bemühte, ihn wieder auf die Beine zu bringen. Es gebe Komplikationen, so teilte der Heiler Tonks mit, die er nun informierte, froh, endlich eine Angehörige gefunden zu haben.

Diese Komplikationen beruhten auf dem Lungenriss, der zu erheblichem inneren Blutverlust geführt hatte. Blut gehörte zu den wenigen Dingen, die man magisch nicht synthetisieren konnte, und bei dem Versuch, Lucius Fremdblut zu verabreichen, kollabierte er.

Es dauerte zwei Tage, bis die Heiler die Ursache herausgefunden hatten, und man passendes Blut mit Veelaanteilen aus Bulgarien importiert hatte.

Remus sah keine Veranlassung, den vermutlich stundenlangen Litaneien über Lucius' angebliche Verbrechen zu lauschen, die die Anklagevertreter ablesen würden. Wie nicht anders zu erwarten, konzentrierte Berkins sich in seinem Plädoyer auf die Vergangenheit, und Lawbender fokussierte sich auf Lucius' Wandel und seine unzweifelhaften Verdienste um die Rettung der Kinder von Kingsley Shacklebolt. Die Anklage hinsichtlich des Mordes an Frank Brice war eingestellt worden, da sich aus Minerva MacGonagalls Aussage zum Fall Barty Crouch ergeben hatte, dass der Dunkle Lord selbst Brice getötet hatte.

Gegen siebzehn Uhr zog sich der gesamte Wizzen Gamot zur Beratung zurück. Das Urteil wurde nicht vor Ablauf von drei Tagen erwartet.

xoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxoxo

Remus saß bei den Shacklebolts in der Küche und beobachtete mit heimlichem Vergnügen Gawain, der sich bei seinen Flirtversuchen an Kingsleys neuem schwedischen Kindermädchen die Zähne ausbiss.

Selma war eine Muggel, die Kingsley über eine ganz normale, sehr unmagische Agentur vermittelt bekommen hatte, die diplomatischen Kontakte seiner verstorbenen Frau nutzend.

Die lustige blonde Frau aus Malmö mit den klischeehaften Zöpfen hatte es geschafft, innerhalb einer Woche das Vertrauen der verängstigten Kinder zu gewinnen und eine unglaubliche Varietät an Speisen auf den Tisch des Hauses zu zaubern.

Gawain bekannte, für ihre Blaubeerpfannkuchen sterben zu wollen, und Kings stellte seufzend seinen Gürtel ein Loch weiter, während Remus in seinem Tee rührte und immer wieder an Lucius dachte.

Johari ging es offenbar ähnlich. Sie saß neben Remus und war völlig darin versunken, ein Bild zu malen, auf dem ein etwas missglückter Falke mit einem Prinzessinenkrönchen über einem grauen Wolf durch die Luft flog.

Obwohl es bereits spät war, waren die Mädchen noch auf.

„Da ist eine Eule am Fenster", rief Dhakira und lief durch die Küche, um das Tier herein zu lassen.

Remus erkannte den grauen Vogel mit den spitzen Ohrfedern sofort.

„Das ist Lawbenders Tier", sagte er.

Am Fuß der Eule waren zwei Pergamente befestigt. Das eine war an Remus Lupin adressiert, das zweite an Severus Snape.

„Ersparen wir ihm den Weg nach Hogwarts", sagte Kingsley und trat zum Kamin, um etwas Foolpulver hinein zu werfen und Severus zu rufen. Er hatte die Dose bereits in der Hand, als die Flammen hellgrün aufleuchteten.

Diane MacGonagalls Kopf erschien im Feuer.

„Guten Abend, Mr. Shacklebolt. Ist Remus Lupin…ah, da sind Sie ja."

„Guten Abend, Officer", antwortete Remus höflich.

„Bitte kommen Sie schnell ins Ministerium, Mr. Lupin. Es eilt wirklich. Nichts anderes steht vermutlich in dem Brief, den Sie in Händen halten. Ich sehe Lawbenders Siegel darauf."

„Darf ich deinen Kamin benutzen, Kingsley?", fragte Remus, und Nervosität machte sich in ihm breit. Der Zugang durch diesen Kamin war eigentlich nur für Ministeriumspersonal legitimiert.

„Natürlich, ich begleite dich", bot Kingsley an. „Gawain, Selma, würdest ihr auf die Kinder aufpassen?"

„Selma passt auf, ich suche Severus", sagte Gawain.

Kings küsste die beiden Mädchen - Babu schlief bereits – und trat zu Remus. Als Diane verschwunden war, folgten sie ihr.

Die Aurorin erwartete sie bereits in ihrem Büro. Doch sie war nicht allein. Neben ihr stand Lawbender, und seine angespannte Miene verstärkte in Remus sofort die unangenehme Nervosität. Etwas stimmte nicht, er konnte es förmlich riechen.

„Mr. Lupin." Lawbender trat ihm entgegen und schüttelte ihm die Hand. „Merlin sei dank konnte wir Sie so schnell erreichen. Wissen Sie, wo Mr. Snape ist?"

„Tut mir Leid", zuckte Remus die Schulter. „Normalerweise sollte man ihn in Hogwarts antreffen."

„Das haben wir bereits versucht", sagte Lawbender, und er klang besorgt. „Nun gut, wenn Sie mir bitte folgen wollen?"

Er wies auf die Tür zum Nebenraum, und Remus folgte ihm in ein zweites Büro. Dieses war deutlich größer als das von MacGonagall, und es verfügte neben einem Schreibtisch auch über einen Bereich mit einem ausladenden runden Tisch und acht Stühlen, der normalerweise für Besprechungen gedacht sein mussten.

Für den Moment jedoch hatte man ihn zu einem Arbeitsraum umfunktioniert. Der gesamte Tisch stand voller Aktenordner, und Pergamente türmten sich in peinlich geordneten Stapeln.

Hinter einem unüberblickbaren Wust schwerer Follianten hockten Dr. Solicitor, eine dunkelhaarige Frau in Nadelstreifenrobe, die Remus noch nie gesehen hatte, sowie – Lucius.

Der Slytherin war blass wie der Tod. Er hatte die Haare zu einem strengen Zopf zusammen gebunden, und die runde goldgeränderte Brille auf seiner Nase gab ihm ein merkwürdig intellektuelles Aussehen.

Er war mit Dr. Solicitor über ein Pergament oder eine Akte gebeugt, und sie diskutierten leise.

„Justin, Lucius", sagte Lawbender, „Mr. Lupin ist hier."

Lucius blickte auf.

„Remus. Merlin sei Dank."

Er erhob sich, und Remus registrierte erschrocken, wie bemüht seine Bewegungen wirkten. Lucius umarmte ihn, und Remus lehnte sich dankbar in die unerwartete Berührung. Aber Lucius löste sich von ihm und zog ihn zum Tisch.

Vor ihnen lag ein Stapel lederüberzogener Mappen.

„Setz dich, bitte", sagte Lucius.

Remus sah ihn fragend an, nahm jedoch Platz. Lawbender schlug den ledernen Einband des obersten Pergaments zurück. Es war, soweit Remus auf den ersten Blick erkennen konnte, eine Urkunde.

„Bitte unterschreiben Sie hier, Mr. Lupin", sagte Lawbender.

Remus starrte auf die gestrichelte Linie, unter der sein Name bereits in Blockschrift gesetzt war. Links davon hatte Lucius mit seinem elegant verschlungenen Namenszug unterschrieben.

„Was ist das? Was soll das, Lucius?", fragte Remus.

„Bitte, Remus, uns läuft die Zeit davon. Unterschreib diese Dokumente", sagte Lucius. Etwas in seinem Blick, dunkelgrau und ohne jedes Feuer, erschreckte Remus zutiefst. Doch Lucius legte ihm die schmale, manikürte Hand auf die Schulter und presste sie fast schmerzhaft. „Vertrau mir. Das hier ist nicht zu deinem Schaden."

„Lucius, ich brauche Sie hier drüben", sagte die Nadelstreifenträgerin.

Lucius löste sich von Remus' Seite, der sofort den feinen Duft des exquisiten After Shaves vermisste, das Lucius heute trug. Remus sah ihm nach. Lucius war alles, aber nicht gesund, das wurde anhand seiner Bewegungen überdeutlich. Und der blonde Zauberer stand unter enormem Stress. Remus beobachtete ihn, wie er konzentriert Dokumente ein letztes Mal durchsah, Fragen beantwortete, Pergamente unterzeichnete.

Remus hätte ihm stundenlang zusehen mögen. Lucius besaß ein begnadetes Zahlengedächtnis. Die große Masse der Unterlagen war offenbar geschäftlicher Natur, und in dem Maße, in dem Ordner und Akten verschwanden, wurden seine Anwälte nervöser. Immer wieder blickte Lawbender zu dem großen Stundenglas auf dem Sideboard.

„Wir brauchen Mr. Snape. Haben Sie noch eine Idee, Lucius, wo wir ihn finden?"

„Tut mir Leid, ich habe Ihnen die Liste mit seinen potentiellen Aufenthaltsorten bereits vor Tagen gegeben", erwiderte Lucius. „Wenn er an keinem dieser Orte ist, weiß ich es nicht. Die Eule wird ihn finden."

„Gawain sucht ihn", sagte Remus.

„Wer?", fragte Lucius.

„Der Freund von Tonks", erklärte Remus.

„Bringen Sie das zu Mr. Shacklebolt", sagte Lucius und reichte der Hexe ein ebenfalls ledergebundenes Pergament. „Er muss es unbedingt sofort unterschreiben. Wir haben nur noch eine halbe Stunde, höchstens", setzte er hinzu, und auch sein Blick glitt zu der überdimensionalen Sanduhr.

Die Hexe nickte und verschwand in Diane MacGonagalls Büro.

„Remus." Lucius' Stimme war sanft an seinem Ohr. „Du musst diese Dokumente unterschreiben. Es eilt."

Remus hatte immer noch nichts unterzeichnet.

„Das sind … Besitzurkunden für…keine Ahnung, was ist das alles?", fragte Remus, als Lucius ihm nachdrücklich eine Feder in die Hand gab. „Das sieht aus, als würdest du deine Angelegenheiten ordnen."

Im nächsten Augenblick schlug er sich mit der Hand auf den Mund. Die Anwälte arbeiteten ungerührt weiter, nur Lucius sah ihn über den Rand seiner Brille her an.

„Merlin. Lucius, was wisst ihr, das ich nicht weiß?", presste Remus hervor.

„Ich werde später mit dir darüber sprechen – unter vier Augen. Aber jetzt, bitte, unterschreibe diese Verträge."

Lucius' eisgraue Augen verfolgten ihn, bis Remus schließlich seinen Namen unter das erste Pergament setzte. Er nahm sich nicht die Zeit, die auf Latein und teilweise sogar Französisch verfassten Dokumente zu übersetzen. Es ging um Vertretungsrechte, Prokura, Stiftungen und Aktiendepots.

Lucius arbeite weiter mit Lawbender und Solicitor. Remus hatte gerade das letzte der zwei Duzend Pergamente unterzeichnet, und er wollte eben fragen, ob seine Seele jetzt dem Teufel gehöre, als es klopfte.

Remus erhob sich und öffnete die Tür. Neben einem grimmig aussehenden Auror stand – Severus.

„Professor Snape ist jetzt hier", sagte der Auror zu Lawbender gewandt.

„Bitten Sie ihn herein", antwortete der Anwalt, der mittlerweile seine Robe ausgezogen und die Ärmel seines Hemdes aufgekrempelt hatte.

Severus glitt mit einem Nicken an Remus vorbei und trat an den Tisch. Sein Blick traf den von Lucius. Es war ihre erste Begegnung, seit Lucius im Gerichtssaal erfahren hatte, dass es Severus war, mit dem Narcissa ihn betrogen hatte.

„Bitte setz dich", sagte Lucius ruhig. „Ich möchte einige Vermögenswerte vorzeitig an Draco überschreiben. Da du sein Pate bist und mir das Erziehungsrecht entzogen wurde, benötige ich deine Zustimmung."

„Zeig' mir, wo ich unterschreiben soll", erwiderte Severus knapp.

Solicitor legte dem Tränkemeister die notwendigen Dokumente vor. Severus unterzeichnete alles blind, ohne ein einziges Wort zu lesen, ohne eine weitere Frage.

„Wann muss es abgeschlossen sein?", fragte er schließlich, als er die Feder aus der Hand legte.

Lawbender blickte auf das Stundenglas.

„Sie hätten nicht später kommen dürfen", erwiderte er. „Lucius, es wird Zeit."

Lucius nickte, erhob sich und zog zu Remus' grenzenlosem Erstaunen und auch Erschrecken seinen Siegelring vom Finger. Abgesehen von dem einen Mal, dass er Lucius in Severus' Gedanken in Askaban gesehen hatte, hatte er Lucius noch nie ohne ihn gesehen.

Der blonde Zauberer legte ihn mit einem klackenden Geräusch vor Severus auf den Tisch.

„Gib ihn an Draco weiter, wenn er siebzehn wird."

Severus nahm den Ring, drehte ihn zwischen den Fingern und legte ihn dann in ein kleines schwarzes Kästchen, das er aus seinem Umhang zog, als hätte er gewusst, was ihn hier erwartete.

„Lucius, ich…"

Weiter kam Severus nicht. Draußen schlug eine Uhr. Die beiden Anwälte zogen ihre Zauberstäbe. Lawbender richtete den seinen auf das Stundenglas und ließ es in der Luft schweben. Es fing an sich zu drehen, schneller und schneller. Lawbender und Solicitor begannen einen komplizierten Zauberbann zu sprechen.

Notarificare", endeten sie schließlich, und aus ihren Stäben zischten helle Blitze, die sich zu einem einzigen verbanden, der sich kurz darauf teilte, und in jedes einzelne Dokument einen Strahl entsandte, der sich dort manifestierte und in ein dunkelgrau-silbriges Siegel überging. Ort und Zeit waren darin festgehalten. Der gesamte Raum roch intensiv nach Siegellack.

Lucius stützte seine Stirn in die Hand.

„Meine Herren, meine Dame, das war's", sagte er schließlich, als er sich mühsam erhob. „Ich danke Ihnen für Ihre Unterstützung und Ihre unermüdliche Arbeit."

Er selbst wirkte erschöpft und wie ausgebrannt. Lawbender und Solicitor zauberten einen ‚Miniaturis' und verstauten die Massen an jetzt geschrumpften Akten und Lederbänden in ihren Taschen. Sie und ihre Assistentin gaben Lucius, Severus und Remus nacheinander die Hand, dann verließen sie das Büro.

Severus langte in seinen Umhang, den er nicht abgelegt hatte, und zog eine Kristallphiole mit einer harmlos aussehenden dunkelgrünen Flüssigkeit hervor, in der silbrige Schlieren hin- und her wirbelten. Er stellte sie wortlos vor Lucius auf den jetzt leeren Tisch.

„Ein ‚Mortis?", fragte Lucius.

„Ich nehme an, dir bleibt nicht viel Zeit", erwiderte Severus. „Der Tod tritt nach wenigen Minuten ein. Er ist völlig schmerzlos."

„Ich gehe davon aus, dass du dich um Draco kümmerst", sagte Lucius und stützte sich am Tisch ab.

„Selbstverständlich", erwiderte Severus. „Ich werde mein Möglichstens tun. Bellatrix übt derzeit erheblichen Einfluss auf den Jungen aus."

„Sei vorsichtig. Du bist der Letzte, der ihm geblieben ist. Ich will nicht, dass er meinen Weg geht." Lucius fixierte den Tränkemeister.

„Ich tue, was immer ich kann. Draco hat einen starken Willen. Er wird seinen eigenen Weg finden."

Severus senkte den Blick, eine Geste, die Remus noch nie an ihm gesehen hatte.

„Lucius, ich möchte mit dir über Narcissa sprechen."

Der blonde Slytherin ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken. „Ich wüsste nicht, was es da noch zu sagen gäbe."

„Du sollst wissen, es ging nie darum, dich zu verletzen. Ich hätte sonst was drum gegeben, wenn sie die Frau eines anderen gewesen wäre. Ich habe mich so lange dagegen gewehrt, aber ich habe sie seit der gemeinsamen Zeit in London bei Hoodia geliebt. Als der Dunkle Lord dich nach seiner Wiedererstehung zu der Mission nach Russland entsandte, ist es passiert. Sie stand eines Abends vor meiner Tür und… Merlin, du weißt selbst, wie sie war."

Severus hob die Hände in einer halb entschuldigenden, halb hilflosen Geste.

Remus versuchte, falls irgend möglich unsichtbar zu werden und mit der Wand zu verschmelzen. Dies hier ging ihn nichts an, aber weder Lucius noch Severus schienen seine Anwesenheit in diesem Moment auch nur zur Kenntnis zu nehmen.

Lucius schwieg eine Weile, dann sagte er: „Was erwartest du nun von mir, Severus? Vergebung? Ich bin ein toter Mann. Also welchen Unterschied sollte es machen?"

„Wir sind seit zwanzig Jahren Freunde. Es macht einen Unterschied. Narcissa zu lieben war etwas, gegen das ich mich nicht wehren konnte. Ich hätte sie jedoch niemals berühren dürfen. Sie hat meine Schwäche mit dem Leben bezahlt. Diese Schuld werde ich immer tragen müssen. Aber dafür, dass ich unsere Freundschaft verraten habe, in jener ersten Nacht, bitte ich dich um Verzeihung."

Lucius erhob sich. Er stand so nah vor Severus, dass sie sich fast berührten.

„Ich wünschte, ich könnte dir vergeben", sagte Lucius heiser. „Im Angesicht all dieser Jahre, die ich dein Freund war und du der meine. Ich kann dir nicht einmal vorwerfen, dass du sie geliebt hast – sie war liebenswert, im ursprünglichsten Sinne dieses Wortes. Aber Severus, sie war meine Frau. Und du hast sie genommen, in der ersten Nacht, in der sie vor deiner Tür stand. Du bist ein Meister der Selbstbeherrschung, der Täuschung. In diesem Augenblick wären deine Fähigkeiten gefordert gewesen."

Er schüttelte den Kopf und zog sich in den hinteren Teil des Raumes zurück, um sich wieder zu setzen.

„Ich bin nur ein Mensch, Lucius", sagte Severus leise.

„Ich bin kaum mehr als das", erwiderte Lucius. „Mir bleibt die Zeit nicht, um diese Wunden zu heilen und wieder auf dich zuzugehen. Wäre es anders, ich würde es versuchen. Aber was du von mir verlangst – diese Größe besitze ich nicht. Tut mir leid, Severus."

Snape nickte und trat einen Schritt auf Remus zu.

„Wirst du bleiben bis zuletzt?"

Remus nickte wortlos. Ganz offensichtlich hatte auch Severus eine Vorstellung von dem, was Lucius erwartete. Seine Wortwahl machte Remus Angst und ließ ihm kalten Schweiß ausbrechen. ‚Bis zuletzt' – das klang nicht nach zehn Jahren Askaban mit anschließender Freilassung auf Bewährung.

In der Tür drehte sich Severus noch einmal um, legte die Faust auf die Brust und deutete eine formelle Verbeugung an.

„Der Tod ist ein Weg, das Haus Slytherin zu ehren."

Lucius stand von seinem Stuhl auf und wiederholte die Geste.

„Die Ehre Slytherins", sagte er förmlich.

Severus verließ den Raum und Remus, der neben der Tür stand, sah das eine Gruppe Auroren im Gang patrouillierten.

„Ihr seid gruselig", sagte er zu Lucius, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war.

Lucius lächelte müde. „Ja, nicht wahr?"

Remus näherte sich, unschlüssig, ob der blonde Zauberer seine Nähe wünschte oder nicht.

„Die anderen sind alle fort. Wirst du mir nun sagen, was all dies zu bedeuten hatte? Du kennst dein Urteil bereits, ist es nicht so?"

Die Angst kroch ihm wieder den Rücken hinauf, noch während er sprach.

„Die Beratungen des Wizzen Gamot sind geheim. Aber natürlich haben wir unsere Quellen, beziehungsweise in diesem Fall sind es Lawbenders Informanten. Wir kennen die Eckdaten."

Lucius sah Remus an, der vermutete, dass ihm die Frage ins Gesicht geschrieben stand.

„Wir könnten diese Nacht hier verbringen und uns morgen wieder mit der Wirklichkeit befassen", schlug Lucius vor.

Remus spürte das Bedürfnis, laut aufzulachen. „Das kann nicht dein Ernst sein, Lucius. Bitte, sag mir, was sie mit dir tun werden."

Er setzte sich neben Lucius und nahm seine Hand. Sie war eiskalt.

Lucius' Gesicht spiegelte keinerlei Emotion, als er sagte: „Sie werden versuchen, das Malfoy-Vermögen einzuziehen und dem Ministerium zuzuschieben. Es gelten die Werte als mir zuzurechnen, die ich am Tage der Urteilsverkündung – also heute, besitze. Daher vorhin die Eile, damit wir vor Mitternacht fertig wurden. Berkins wird schäumen, wenn er feststellt, dass es nichts zu beschlagnahmen gibt. Schade, dass ich sein dummes Gesicht nicht sehen werde, wenn er das erfährt."

„Es geht aber nicht nur um Gold?", fragte Remus mit hämmerndem Puls.

„Oh, nein. Das wäre zu einfach. Mach einen Malfoy arm, und er wird sich binnen Wochen wieder ein ansehnliches Vermögen zusammen ergaunert haben. Nein, Remus, sie haben sich für das entschieden, was das Gesetz vorsieht für Zauberer, die notorisch Unverzeihliche Flüche anwenden. Einer bringt dich lebenslang nach Askaban, aber anderthalb…" Er lächelte. „Natürlich setzt das Ministerium keine Dementoren mehr ein, das wäre unmenschlich. Außerdem haben sie keine mehr in ihrer Befehlsgewalt. Nun, der Dunkle Lord würde sicher zum Zwecke meiner Bestrafung einen zur Verfügung stellen", sagte Lucius sarkastisch. Dann setzte er hinzu: „Die viel elegantere Methode, einen Zauberer zu zerstören, ist ein mächtiger Obliviatus."

„Ein Vergessenszauber?", fragte Remus. „Aber was sollst du vergessen?"

Lucius lächelte wieder. Es wirkte seltsam entrückt, im nächsten Augenblick erkannte Remus jedoch, dass es eine bittere Parodie auf einen Zustand geistiger Verwirrung war.

„Alles, Remus. Alles. Sie löschen mein Gedächtnis."

Remus starrte ihn an.

„Das ist unmenschlich. Das kann nicht sein."

„Es wird so sein. Morgen um diese Zeit werde ich mich nicht mehr an deinen Namen erinnern. Geschweige denn an meinen eigenen", sagte Lucius.

Remus starrte ihn an, ein Gefühl überwältigenden Horrors erschütterte jede Faser seines Körpers und überflutete seine Gedanken.

„Nein", sagte er leise und kämpfte mit den Tränen.

Lucius zog ihn in seine Arme und strich ihm tröstend über den Kopf, fast wie bei einem Kind. „Keine Angst, soweit wird es nicht kommen."

Remus zog seinen – Fenrirs – Stab aus der Tasche.

„Sie haben ihn mir nicht abgenommen. Wir könnten versuchen…"

„Remus, nein. Ich werde nicht dein Leben gefährden durch eine völlig sinnlose Aktion. Es endet in einem Stupor oder einem Todesfluch für mich und Askaban für dich. Den Tod bekomme ich leichter durch Severus' Geschenk. Und ich will, dass du lebst."

Er nahm Remus' Gesicht in die Hände und küsste ihn mit ungeahnter Intensität. Remus lehnte sich in die Umarmung und ließ sich wegspülen von der Welle aus Gefühlen, die ihn überrollte und völlig hilflos zurück ließ.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der sie nur aus Hände, Haaren, Zungen, Haut und Wärme zu bestehen schienen, nahm Lucius den Stab.

„Da er nun schon einmal hier ist…", flüsterte er, und der Tisch mitsamt den Stühlen verschwand. An ihrer Stelle erschien eine breite Couch, auf der sich samtbezogene Kissen und weiche Decken geradezu türmten.

Remus musste gegen seinen Willen lachen.

„Das sieht aus wie in einem Bordell", sagte er und strich über das rote Leder.

Lucius zuckte die Schulter. „Ich hatte seit Monaten keinen Zauberstab mehr in der Hand. Und deiner ist sehr merkwürdig. Dafür finde ich es ganz…zweckmäßig. Aber den Champagner aus der Ministeriumskantine beschwörst besser du."

Remus konzentrierte sich, und tatsächlich erschien eine Flasche vor ihnen, sogar mit Gläsern. Daneben flatterte eine Rechnung über drei Galeonen auf den Boden, ausgestellt auf Mr. Fenrir Greyback.

„Das Kassensystem ist offenbar nicht auf den aktuellen Stand", stellte Lucius amüsiert fest. „Lass uns feiern, Remus. Es sind noch ein paar Stunden bis sie mich morgen früh holen."

„Du willst feiern?", fragte Remus. „Ist das wirklich dein Wunsch, Lucius?"

Der blonde Zauberer nickte und zuckte die Schulter. „Ich war nie ein Kind von Traurigkeit, Remus. Ich bin kein melancholischer Held wie du."

Er hob sein Glas. „Auf Lucius Malfoy, möge er schnell sterben."

Er leerte den Kelch und stellte ihn weg. „Und jetzt, bitte, lass mich noch für eine Weile spüren, dass ich lebendig bin."

Es war das erste Mal, dass sie sich ohne Zeitdruck berühren konnten. Das Stundenglas zeigte halb eins, und Lucius sagte, dass vor sechs Uhr am nächsten Morgen keinerlei Störungen zu erwarten seien.

Remus, der innerlich zwischen Verzweiflung, Trauer, Wut und Hilflosigkeit hin und her gerissen war, legte all seine Gefühle, alle Zärtlichkeit, die er hatte, in seine Berührungen. Diesmal war das, was zwischen ihm und Lucius geschah, kein Akt der Verzweiflung, geboren aus dem Wunsch, drei unschuldigen Kindern das Leben zu retten. Diesmal war ihr Zusammensein kein hilfloses Taumeln im Sog der übermächtigen Triebe, die der Glenkill-Zauber in ihnen erweckt hatte. Diesmal war es ein Liebesakt, ein Bekenntnis zu Gefühlen, von denen Remus bis zu dieser Nacht nicht geglaubt hatte, dass er in dieser Intensität überhaupt zu empfinden imstande war.

Die Uhr auf dem Gang schlug halb drei, als Lucius in dieser Nacht ein letztes Mal in Remus' Armen kam und keuchend die schweißnasse Stirn an Remus' Brust lehnte.

„Merlin! Gut, dass ich morgen sterbe. Mit dir zu leben würde mich binnen ein paar Wochen vor Erschöpfung umbringen", sagte er leise.

Remus zuckte zusammen, doch er hatte längst gelernt, dass Sarkasmus Lucius' ganz eigene Art war, mit dem Unvermeidlichen umzugehen.

„Wir können immer noch versuchen zu fliehen", erwiderte er und strich sanft durch Lucius' feuchte Haare. „Aber falls wir miteinander leben würden, wüsste ich schon, wie ich deinen Tod durch sexuelle Erschöpfung verhindern könnte, ohne Abstriche in unserem…Liebesleben hinzunehmen."

„Oh ja?", meinte Lucius interessiert. „Erzähl mir davon."

Remus begann, eine Welt zu spinnen, in der weder das Urteil des Wizzen Gamots noch Voldemort irgendeine Rolle spielten, und Lucius lag in seinen Armen und lauschte mit geschlossenen Augen den hoffnungslos unrealistischen Fantasien seines Liebhabers.

„Ein Cottage in Wales?", fragte er leise.

„Auf den Klippen über dem Meer", erwiderte Remus und küsste Lucius' Haar. „Du kannst es rauschen hören."

„In einem Cottage würden wir uns nach zwei Wochen derart auf die Nerven gehen, dass wir einander bis zum Mond hexen würden", befürchtete Lucius. „Außerdem würde der erste Sommersturm es vermutlich von den Klippen blasen. Gibt es überhaupt Klippen in Wales?"

„Klar, warst du nie dort?", fragte Remus. „Es gibt einen Küstennationalpark, Pembrokeshire. Die Ausblicke von den Felsen sind atemberaubend."

Remus erzählte von seinen Wanderungen als Student, über den Küstenweg von Cardigan über Whitesands nach Broad Haven. Er erzählte von dem kleinen Buchladen in Newport, in dem er sich auf dieser Reise ein paar Muggelpfund verdient hatte, und dass er sich durchaus eine Existenz außerhalb der Magischen Welt habe vorstellen könnte.

„Ich würde keinen einzigen Tag überleben ohne Magie", sagte Lucius und schmiegte sich an Remus' Schulter. „Aber bau uns ruhig noch ein paar Luftschlösser. Du hast eine sehr angenehme Stimme, weißt du das? Es tut gut, dir zuzuhören."

Remus lächelte und blinzelte eine Träne weg, dankbar, dass die Kerzen, die Lucius beschworen hatte, heruntergebrannt waren und nur noch wenige von ihnen den Raum erleuchteten. Aber Lucius hatte die Augen ohnehin geschlossen, und lauschte still auf Remus' Erzählungen über das Haus in den Klippen, den Kräutergarten mit den wilden Lupinen und dem Mondkraut für den Wolfsbanntrank und über Spaziergänge am Meer, während derer sie die Philosophie entstauben und sich zwischen den Felsen lieben würden.

Remus' Stimme war bereits heiser, als er bemerkte, dass Lucius schließlich in seinen Armen eingeschlafen war. Er sah zum Stundenglas. Es war kurz nach vier.

In zwei Stunden würde Lucius sich entscheiden müssen, ob er einen schnellen Tod wählte oder sich zum Schafott führen ließ und ein Urteil akzeptierte, das seinen Geist zerstören würde. Ein totaler „Obliviatus" war in Remus' Augen kaum weniger grausam und unmenschlich als der Kuss eines Dementors. Er selbst hatte gesehen, was der fehlgeschlagene „Amnesia" aus seinem Vorgänger als Lehrer für Verteidigung, Gilderoy Lockhart gemacht hatte. Remus wusste, welche Wahl Lucius treffen würde – oder vielmehr, bereits getroffen hatte.

Auf dem Tisch reflektierte die Phiole mit dem ‚Mortis' das Licht der letzten Kerzen.


Fortsetzung folgt

Übrigens, das nächste Kapitel wird „Vollstreckung" heißen.

PS. Bevor ich es vergesse und man mich des Plagiats beschuldigt: Selma ist natürlich ebenso wie Madame Hoodia eine Leihgabe von Slytherene. Kapitelweise Chaos und Küchenschwedisch mit dem blonden Kindermädchen gibt es in „Frühlingserwachen", wo sie mit Chalie Weasley zarte Bande knüpft. Fluff vom Feinsten, aber nicht unbedingt etwas für Darc Fic-Liebhaberinnen.