Kerkermond Evolution
Fanfiction von Lady of the Dungeon
Slashig-trashige Fanfiction, in der ein gewisser schwarzhaariger Zauberer denkbar unerfreuliche Stunden über sich ergehen muss, in einen gänzlich unerwarteten Disput gerät und Lucius dunkle Vorahnungen umtreiben.
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Danke an Nicole, silbergold, Lilia, lola, Lufa, Sally S, Reditus Mortis und moonlight für Eure Reviews! Da freut sich die einsam am Schreibtisch dümpelnde Autorin! :-)
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Musik: Axel Rudi Pell „Masquerade Ball"
41. Severus: Eine unerfreuliche Nacht
Severus Snape hatte eine anstrengende und zudem nervige Nacht hinter sich. Der Angriff der Todesser auf den Fuchsbau war völlig ohne Vorwarnung erfolgt. Die Anhänger des Dunklen Lords hatten das Haus dem Erdboden gleich gemacht. Lediglich einem geheimen und gut verborgenen Gang, der vom Keller ins Freie führte und Freds Geistesgegenwart hatten es die Weasleys zu verdanken, dass sie überlebt hatten und unverletzt waren. Dumbledore hatte ihren vorübergehenden Umzug nach Grimmauldplatz verfügt. Der Orden war alarmiert, und nach und nach trafen alle Mitglieder ein.
Gawain, der sein Rudel als einziger perfekt koordiniert hatte, sandte die Werwölfe als Botschafter aus und kümmerte sich um einen zusätzlichen Sicherheitsring um das Hauptquartier. Alicia bemühte sich um Kontakt nach Washington, während Tonks ständig zwischen Grimmauldplatz und Ministerium hin und her pendelte.
Dumbledore und Severus saßen zusammen mit Gawain, Arthur, Fred und George in der Küche, als sich die Tür öffnete und Kingsley hereinkam.
„Neuigkeiten", sagte der dunkelhäutige Zauberer und hängte seinen Reiseumhang unzeremoniell neben eine der Kupferpfannen. „Einer Gruppe Auroren ist es gelungen, Pettigrew dingfest zu machen. Madame Hoodias Veritaserum wurde mit Sondererlaubnis des Ministers eingesetzt, und wir haben einige sehr interessante - und leider auch unerfreuliche – Dinge erfahren." Er räusperte sich, Arthur Weasley schob ihm eine Tasse Tee hin, der Auror nahm einen Schluck und fuhr dann fort. „Voldemort hat eine neuartige Waffe bauen lassen, die ausgerechnet auf Muggeltechnologie basiert. Eigentlich könnte er diese gar nicht einsetzen in unserer Welt, wegen der vielen magischen Ströme und Energien, die die Muggeleletronik ausschalten. Doch irgendwie ist es ihm gelungen, die Maschine zu stabilisieren. Nach allem, was wir wissen, ist der Apparat in der Lage, Magie ganz bestimmter arkaner Frequenzen zu amortisieren."
„Heißt das, dass bestimmte Zauber im Umfeld der Maschine nicht mehr wirksam sind? Also ein Ausschalten zum Beispiel des ‚Stupors'?", erkundigte sich George.
„Das wäre die günstigere Variante", stellte Arthur fest. „Wenn man heraus bekommt, welche Sprüche blockiert sind, kann man sich darauf einstellen."
„Leider hat Pettigrew den Effekt etwas anders geschildert", berichtete Kingsley. „Offensichtlich können die Todesser die Apparatur so justieren, dass die gesamten arkanen Profile einzelner Personen blockiert sind. Ihr erinnert euch sicher, dass vor einigen Wochen diese merkwürdigen Diebstähle persönlicher Sachen die Runde machten? Nun, wie Tonks schon berichtete auf der letzten Ordenssitzung, blieb das Ministerium – und insbesondere das Aurordepartment – nicht verschont von dieser Welle vermeintlicher Kleinkriminalität."
Alle hielten den Atem an.
„Heißt das, alle, deren Sachen verschwunden sind, wurden auf ihr arkanes Profil gescannt und können jetzt in der Nähe von diesem Bastard nicht mehr zaubern?", platzte Gawain heraus.
„Bedauerlicherweise sieht es so aus", bestätigte Kingsley.
„Wow, da hat Voldemort ja einen Touchdown gelandet und wir stehen wie die nackten Affen ohne Ball an der eigenen Zwanzig-Yard-Linie", bekundete der amerikanische Werwolf.
„Ich darf übersetzen", meldete sich Tonks zu Wort, die eben zur Tür hereinkam. „Die andere Seite hat einen gefährlichen Coup gelandet."
„Ich wusste, dass der Dunkle Lord mit Pettigrew und Dolohov etwas plant", sagte Severus. „Wie ich Ihnen bereits mitteilte, Direktor, hat Dolohov zusammen mit einigen anderen ein paar Muggel entführt – Wissenschaftler. Einen davon haben Kingsley und ich vor ein paar Tagen aufgefunden. Trotz aller Bemühungen haben wir aus dem verwirrten Mann nicht heraus bekommen, was genau er für den Dunklen Lord machen sollte. Wie oft in den letzten Monaten war nur ein kleiner Teil des Inneren Kreises eingeweiht, und da es meine Disziplin nicht betraf, sagte mir der Dunkle Lord, ich möge mich gedulden."
„Ich gebe zu, ich habe deine Informationen diesbezüglich unterschätzt, Severus", räumte Dumbledore ein. „Wir brauchen eine Liste aller Bestohlenen. Wir müssen wissen, wer von uns noch in der Lage ist, in Voldemorts Nähe zu zaubern."
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Als die Liste eine Stunde später vorlag, zeichnete sich Entsetzen in den Mienen der Ordensmitglieder ab, die um den Küchentisch versammelt waren.
„Wenn wir noch gegen den Dunklen Lord kämpfen wollen, müssen wir diese Maschine zerstören", stellte George fest. „Falls das Teil wirklich hält, was es verspricht, ist das gesamte Aurordepartment so kampftauglich wie ein Haufen Squibs, und aus dem Orden bleiben nur…lasst sehen…Professor Snape, natürlich. Ihn hat Voldemort nicht auf der Liste der Leute, die auszuschalten sind. Gawain, Alicia und ein Teil des Rudels. Euer Lebenswandel macht es Dieben schwieriger."
„Andererseits weiß ich nicht, ob jeder von uns einen Diebstahl sofort bemerken würde", sagte Gawain. „Der letzte Vollmond war ziemlich wild. Wer weiß, was da in den Kneipen alles entwendet wurde."
Dumbledore nickte. Auch er war von den Diebstählen betroffen. Ausgerechnet seine Lieblingssocken…
„Mundungus, Alastor Moody, Poppy. Das war's."
„Nicht eben eine Elitetruppe, was konzertierte Aktionen und das Eindringen in Voldemorts Hauptquartier angeht", stellte Severus säuerlich fest. „Sieht man von Moody, Gawain und Miss Rhees-Jones ab, die zumindest Kampferfahrung und eine Aurorausbildung besitzen." Er schüttelte den Kopf. „Wir haben noch ein weiteres Problem. Der Raum, in welchem der Apparat steht – ich kenne ihn zwar, doch auch mir ist der Zugang verschlossen. Der Dunkle Lord hat ihn mit einem arkanen Signum versehen. Nur er selbst und seine Fluchbrecherin können ihn von außen öffnen."
„Fluchbrecherin – Sie sprechen von der Lestranges?", erkundigte sich Alicia.
Snape nickte knapp.
„Die werden wir kaum abwerben können", meinte Gawain. Er überlegte. „Bei den Muggeln gibt es sogenannte Panic Rooms. Von außen kann niemand hinein, es sei denn, er wüsste den Code, aber von innen sind sie leicht zu öffnen. Könnte man den Raum denn von innen aufmachen?"
„Und wie gedachtest du dort hinein zu kommen, Null-Null-Sieben?", schnarrte Snape. „Wolltest du unter dem Türschlitz durchkriechen?"
„Eine interessante Option, aber nein", lachte der Werwolf. „Ich dachte mehr an die bezaubernde Mademoiselle Delacour. Veelas haben ein ganz besonderes Talent, Apparitions- und andere Sperren zu durchbrechen."
„Bedauerlicherweise gehört Fleur zu den Beklauten", warf Fred ein. „Man hat ihr in der Winkelgasse…."
„…ihre (H)üt-schen entwendet, oh lala", beendete George den Satz seines Zwillingsbruders mit gekünsteltem französischen Akzent.
„Bitten wir Viktor um Hilfe", schlug Tonks vor. „Er kennt jede Menge Veelas."
„Viktor Krum spielt seit Beginn der Saison bei Rio de la Plata in Argentinien. Deren Maskottchen sind fliegende Lamas. Vielleicht willst du nackt wie Lady Godiva auf einem in Voldemorts Hauptquartier flattern und hoffst, dass er bei deinem Anblick vor lauter Lachen freiwillig aufgibt?", erkundigte sich Fred sarkastisch.
"Wann hat Lady Godiva das getan?", erkundigte sich George mit leuchtenden Augen. "Gibt es davon Bilder?"
„Wir können nicht irgendeine Veela hinzu ziehen. Sie sind Dunkle Geschöpfe und viel zu unzuverlässig. Fleur ist eine rühmliche Ausnahme, aber leider aufgrund des Diebstahls keine Option", sagte Dumbledore bedächtig. „Aber was ist eigentlich mit Remus Lupin?", setzte er hinzu und musterte Severus, der diesen Gedanken auch schon hatte.
„Wenn Werwölfe durch Voldemorts magische Sperren brechen könnten, würde ich es selbst machen", sagte Gawain indigniert. „Was hat Remus damit zu tun? Lasst ihn da raus, er hat genug hinter sich."
„Remus hat unmittelbaren Zugang zu einem Veela-Erben", erläuterte Dumbledore und tauschte einen Blick mit Snape. „Ich denke, es wird Zeit, dass wir Mr. Converter konsultieren, Severus. Geh zu Remus und hol ihn zurück Und dann reaktiviert der Orden einen Trumpf, den Voldemort ganz offenbar völlig vergessen hat, genau wie wir es geplant hatten. Severus, ich muss dich bitten, Lucius Malfoy in die Magische Gesellschaft zurück zu bringen."
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Infolge dieses denkwürdigen Gesprächs, das mehr als nur einige Fragezeichen in den Gesichtern der Uneingeweihten zurück gelassen hatte, war der Tränkemeister von Grimmauldplatz nach Summertime Farm gereist, um Remus und Lucius zurück zu holen. Dass er den Widerstand des Werwolfs brechen würde, davon war er überzeugt gewesen. Lupin würde niemals ein Versprechen brechen, und er war Severus – in der Gestalt des Heilers Converter – verpflichtet.
Doch Malfoy war ein anderes Kaliber als der Gryffindor. Nachdem Severus seinen ehemaligen Freund vor sechs Monaten aufgespürt hatte, war er mehr als erstaunt gewesen, welche rasante Entwicklung der Slytherin gemacht hatte. Er schien blendend in der Muggelwelt zurecht zu kommen. Wie der Dunkle Lord voraus gesagt hatte, war er in der Psychiatrie gelandet; doch ein glücklicher Zufall und Lucius' mitunter gewinnendes Wesen hatten ihm zu einer neuen Heimat verholfen. Er schien glücklich zu sein in seinem neuen Leben. Severus hatte sich die Entscheidung, Remus über Lucius' Aufenthalt zu unterrichten, nicht leicht gemacht. Erst Gawains Drängen, der an Remus erste Anzeichen eines schleichenden Verfalls – zunächst begrenzt auf dessen wölfische Sinne – festgestellt hatte, und Severus an die Nebenwirkungen des Glenkill-Fluchs erinnerte, hatte ihn umgestimmt. Zusammen mit der Erkenntnis, dass im Lichte des neuerlichen Aufstiegs des Dunklen Lords jemand mit Lucius' ganz besonderer Gabe ein unschätzbarer Trumpf sein mochte.
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Mit einem mehr als unwilligen, völlig derangierten Remus Lupin kehrte er ins Hauptquartier zurück. Aller Augen richteten sich auf die beiden, als sie die Küche betraten.
„Remus. Gut, dass du hier bist", grüßte Tonks mit aufgesetztem Lächeln.
Allein, dass der sonst stets höfliche Lupin nicht antwortete, sprach Bände.
Er lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen gegen den Schrank und musterte die illustre Versammlung mit finsterem Blick aus seltsam gelblich flackernden Augen.
„Oh, wir haben einen wirklich bösen, beleidigten Wolf hier", flüsterte Gawain Fred zu, doch trotz der spöttischen Bemerkung stand Mitgefühl in seinem Blick.
„Also", begann Remus gefährlich leise. „Wer von euch hat es die ganze verfluchte Zeit gewusst?"
„Remus, mein…" Dumbledore schluckte das ‚Junge'. Zu viel war in der Vergangenheit zwischen Remus und dem Orden geschehen. „Nur Severus und ich wussten es", sagte der alte Zauberer schließlich.
„Und ihr konntet mich nicht einweihen?", knurrte Remus. „Merlin, ich habe gedacht, sie löschen seine Erinnerungen, alles, was ihn ausmacht, wirklich! Habt ihr eigentlich eine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn einem jemand auf diese perverse Art entrissen wird?"
„Dich einzuweihen war keine Option", erwiderte Severus ruhig. „Wir mussten damit rechnen, dass Voldemort dich entführen lässt, um heraus zu finden, was wirklich zwischen dir und Lucius geschehen ist, wie viel du gegebenenfalls weißt. Dich wissen zu lassen, dass das Urteil des Gamots nur zum Teil erfüllt wurde, barg ein zu großes Risiko. Für dich und für ihn!"
„Nur zum Teil erfüllt?" Remus schoss auf Severus zu und packte den Tränkemeister grob an den Handgelenken. „Du hast ein Wrack aus ihm gemacht, ist dir das klar? Er hat Albträume, ihn quälen Bilder, die er nicht einordnen kann. Er weiß nicht einmal genau, wer er ist."
„Nun, wie es scheint, hast du nicht wesentlich zu seiner Erhellung beigetragen, Lupin", zischte Snape, und der Blick seiner kalten schwarzen Augen bohrte sich in Remus' goldbraune. „Hast dich mit ihm in dieser falschen Idylle eingerichtet, und es nicht einmal für nötig erachtet, ihm von seinem Sohn zu erzählen – oder davon, dass er eine Familie hat."
Das war zuviel. Ein Klatschen, entsetzte Ausrufe erklangen. So schnell, wie Remus den Tränkemeister ins Gesicht geschlagen hatte, war dem Slytherin keine Zeit geblieben, sich zu schützen. Jetzt jedoch hatte er seinen Stab in der Hand.
„Wag das nie wieder!", fauchte er.
„Wagen? Du solltest dich schämen, Severus. Zu mir von Wagemut zu sprechen. Dein Anteil daran, dass er seine Familie verloren hat, ist nicht eben klein. Hättest du die Finger von seiner Frau gelassen…"
„Um Merlins Willen", drang Arthur Weasleys Stimme durch den Raum. „Hört sofort auf, euch gegenseitig zu zerfleischen. Ihr seid Menschen, und Menschen machen nun einmal Fehler. Remus, du solltest einmal überlegen, wie es um Malfoys geistige Gesundheit bestellt wäre, wenn ein weniger begnadeter Legiliment als Severus seinen Geist manipuliert hätte. Und du, Severus, müsstest am besten wissen, wie schmerzhaft es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren. Man hat dir die Trauer um Narcissa Malfoy ja auf drei Meilen Entfernung angesehen. Wir haben es alle bemerkt, auch wenn niemand von uns wusste, warum du so deprimiert warst."
Remus und Severus starrten Arthur Weasley an, beide mit einer Mischung aus Zorn, Erstaunen und – was Remus betraf – auch Scham im Gesicht.
„Hör mir zu", sagte Dumbledore schließlich zu Remus. „Du bist hier, weil der Orden einen Arithmantiker braucht, der die Stabilisierungszauber zerstört, die auf Voldemorts neuestem Teufelsinstrument liegen. Wir werden es dir später genauer erklären. Außerdem bist du der Einzige, der genug von Muggeltechnik versteht, um mit dem Wissenschaftler zu sprechen, den die Auroren vor drei Tagen aufgefunden haben. Man hatte sein Gedächtnis gelöscht, aber der Fluch war schlampig ausgeführt. Severus konnte einen Teil seiner Intelligenz rekonstruieren. Leider ist es uns nicht möglich, die Formeln zu entschlüsseln, die er ständig aufschreibt. Aber vielleicht kannst du es."
Er wies auf ein Pergament, das am Ende des Tisches zwischen Spickoskopen und Feindgläsern lag.
„Ich werde nach Irland zurückkehren und mich darum kümmern, dass Lucius seine kognitiven Fähigkeiten komplett zurück erhält", setzte Severus leise hinzu. „Ich werde so schonend vorgehen wie irgend möglich. Aber ich kann ihm diesen schmerzhaften Prozess nicht ersparen. Welche mentale Belastung das darstellt, ist mir bewusst."
„Was wollt ihr denn nur von ihm?", fragte Remus verzweifelt.
„Er ist der einzige, der durch Voldemorts Sicherung brechen kann und den Raum öffnen, in dem die Maschine steht", erklärte Dumbledore. „Eine Maschine, die unsere Zauberkräfte neutralisiert: Die des Ordens und der Auroren, nicht die der Todesser, wohlgemerkt."
„Warum sollte er das können?", fragte Remus und wischte mit dem Ärmel über seine Stirn. „Man hat seine magischen Zentren zerstört."
„Das ist richtig. Aber er ist ein Veelaabkömmling, Remus. Und das Mittel, das man ihm gab, zerstörte nur gewöhnliche arkane Zellen. Er hatte über ein Jahr Zeit, seine Veelamagie aufzuladen. Sie ermöglicht es ihm, den Aufenthaltsort innerhalb kurzer Distanzen zu wechseln, durch Apparitionssperren und Siegel hinweg. Wir haben das im Gerichtsprozess gesehen, als er Kingsley Sohn gerettet hat." Dumbledore seufzte. „Sein arkanes Profil kann nicht detektiert oder geblockt werden, weil es komplett gelöscht wurde. Außerdem hat Voldemort ihn auf keiner Liste. Lucius Malfoy ist unser Toröffner."
„Die Verteidigungsflüche, die auf einem solchen Siegel wie dem Voldemorts liegen, würden jeden töten, der sich nicht mit Magie dagegen schützen kann", warf Remus ein.
„Das weiß Lucius aber zum Glück nicht", entgegnete Dumbledore ernst.
„Ihr wollt ihn…opfern? Ihn ahnungslos in sein sicheres Verderben schicken?", fragte Remus, und die Knie wurden ihm weich.
Während Dumbledore nickte, schüttelte Severus vehement den Kopf. „Keineswegs. Ich verspreche dir, dass er wissen wird, was er tut." Böse funkelte der Tränkemeister den Direktor an. „Lucius hat nicht verdient, wie ein dummes Lamm zur Schlachtbank geführt zu werden."
„Wir können nicht riskieren, dass er sich weigert", gab Dumbledore zurück.
„Doch, Direktor, das können wir", beharrte Severus. „Denn wenn wir das nicht tun, sind wir nicht besser als der Dunkle Lord. Und warum sollten wir dann überhaupt noch kämpfen?"
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Als Severus Stunden später über mehrere Zwischenstationen, und nachdem er sich gründlich vergewissert hatte, dass ihm niemand folgte, zurückkehrte nach Summertime Farm, ging im Osten bereits die Sonne auf. Der Kleinbus vor Lucius' Cottage – Merlin, dass ein Malfoy etwas derartiges als Heim akzeptierte, grenzte an ein Wunder, gelöschte Erinnerung hin oder her – schien ihn finster anzustarren, die Scheinwerfer erinnerten an böse Augen und die Löcher im Kühlergrill schienen sic zu einem sardonischen Grinsen zu formen. Severus hasste Muggeltransportmittel. Als er ein Kind war, hatte sein Vater sich gelegentlich ein Auto geliehen, um die Familie auszuführen. Schon damals war ihm in den schaukelnden Gefährten ständig übel geworden. Grimmig dreinschauend griff er in seinen Reiseumhang und fische eine Phiole hervor. Der ‚Nausea calmo' schimmerte bernsteinfarben.
„Whiskey, so früh am Morgen?", fragte eine weibliche Stimme mit spöttischem Unterton direkt hinter ihm.
Er fuhr herum und starrte auf die Heilerin, deren merkwürdigen afrikanischen Namen er schon wieder vergessen hatte. Zu seinem Erstaunen trug sie einen langen schwarzen Mantel, der fast als Zaubererkleidung durchgehen mochte, über schwarzen Lederhosen. Er konnte sich nicht erinnern, in den Beethoven-Konzerten seiner Jugend jemals derartiges gesehen zu haben.
Sie musterte ihn mit kritischem Blick.
„Dieses Priestergewand ist cool, aber dieses Jahr sind gar keine Gothic Acts dabei. Befürchten Sie nicht, sich deplaziert zu fühlen, Severus?"
„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen, Miss…"
„Herriot, wie der legendäre Tierarzt", half sie ihm nicht unfreundlich. „Und es heißt ‚Misses'."
„Bitte", entgegnete der Tränkemeister mit kühler Höflichkeit. „Mrs. Herriot. Wie gesagt, der Begriff ‚Gotischer Akt' hinterlässt bei mir vage Assoziationen an Architektur des Dreizehnten Jahrhunderts, und im Übrigen werde ich mir in egal welcher Gewandung vermutlich deplaziert vorkommen. Dies ist nicht meine Welt, und ohne die Erpressungsversuche von Mr. Malfoy würde ich Ihnen meine Gegenwart auch nicht aufnötigen."
Zu seinem Erstaunen lachte sie. „Sie sind ein komischer Vogel, Severus", erklärte sie fröhlich. „Ich bin fast sicher, dass Ihre erzwungene Gegenwart wesentlich zur Erheiterung auf dieser Reise beitragen wird."
Das Knarren einer Tür ließ sie aufhorchen. „Guten Morgen, Louis", wandte sie sich Lucius Malfoy zu, der eben in der Tür seines Cottages erschien, angetan mit einem langen dunklen Leder-Mantel, der dem von Mrs. Herriot glich. Auf seiner Brust prangte das Zeichen des Dunklen Lords. Severus blinzelte und erkannte bei näherem Hinsehen, dass es sich nicht um einen Schädel, sondern einen gläsernen Apfel handelte, in dem sich eine riesige grüne Schlange räkelte. ‚Whitesnake' stand paradoxerweise in verschlungenen Lettern darunter.
Für einen Augenblick fragte er sich, ob ihm irgendwie entgangen war, dass Lucius einem seltsamen Kult anhing, doch dann verwarf er diesen Gedanken als absurd. Lupin würde etwas Derartiges erwähnt haben.
Lucius umarmte die Frau, nickte Severus zu und warf eine Reisetasche auf den Rücksitz des alten VW-Busses. „Los geht's", sagte er und lächelte halb verschlafen.
„Machst du Musik für uns, Daktari?", fragte er die Frau, als sie alle in dem Auto saßen. „Ein bisschen was Ruhiges, für den Start?"
Sie nickte und schob eine silberne Scheibe in den Schlitz der Muggelanlage. Der Motor des Wagens brummte auf, als sie den Schlüssel drehte, fluteten sanfte Violinklänge durch den Innenraum.
‚Vivaldi', dachte Severus. ‚Wie überaus geschmackvoll.'
„Wie viele Stunden fahren wir?", erkundigte er sich.
„Einige", erwiderte Lucius und beobachtete ihn im Rückspiegel.
„Dann werden wir später reden", entschied Severus. Er lehnte sich in den Sitz und schloss die Augen. Er war wirklich müde.
Er bekam noch mit, wie Lucius sich zur der Frau beugte und mit hochgezogener Augenbraue fragte: „Vivaldi?"
Er sah nicht, wie sie Lucius verschwörerisch zuzwinkerte und auf das Handschuhfach wies, das noch eine ganze Sammlung dieser silbernen Scheiben enthielt. Lucius lächelte und lehnte sich ebenfalls im Sitz zurück.
„Ich erinnere mich an ihn", sagte er leise zu Daktari. „Es sind nur Bruchstücke. Ein altes Schloss kommt darin vor, Leute in langen, zum Teil farbigen Gewändern. Er wohnt im Keller."
„Das sieht man", entgegnete sie. „Ganz schön blass, dein Kellerkind. Außerdem hat er schon die erste Ladung Whisky intus. Ich bin sicher, ein bisschen Spaß am Wochenende kann ihm nicht schaden." Sie grinste. „Und Spaß werden wir doch haben, nicht wahr, Lou?"
„Jede Menge", versprach Lucius und drückte kurz ihre Hand. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass Daktaris Auffassung von Vergnügen und die des hakennasigen Kerls auf dem Rücksitz, der angeblich sein Trauzeuge und der Pate seines Kindes war, nicht völlig kompatibel sein würden. Aber er hatte keine Zweifel daran, dass er und Daktari am Zusammenprall der Welten unendlich viel Spaß haben würden.
Seufzend dachte er an Remus. Wie schön wäre es gewesen, anstelle dieses seltsamen Fremden, den er dennoch intuitiv zu kennen glaubte, seinen charmanten Geliebten mit auf dieser Tour zu wissen. Er sorgte sich um Remus, der in den letzten Wochen immer stiller und ernster geworden war. Die Vorzeichen verhießen nicht Gutes: Der hastige, überstürzte Aufbruch, keine Nachricht, nicht einmal eine SMS auf seinem Handy. Dunkle Ahnungen trieben Lucius um. Er hatte das Gefühl, die kommenden Tage könnten ein letztes Aufbäumen sein, bevor Dunkelheit ihn verschlucken würde. Er hatte vor, die letzten Momente im Licht auszukosten. Irgendetwas sagte ihm, dass nach dem Wochenende nichts mehr so sein würde wie bisher.
Er sollte Recht behalten.
Fortsetzung folgt
