Kerkermond Evolution
Fanfiction von Lady of the Dungeon
Slashig-trashige Fanfiction, in der ein gewisser schwarzhaariger Zauberer noch mehr denkbar unerfreuliche Stunden über sich ergehen lassen muss und restlos die Beherrschung verliert, Lucius sich mit den Geistern der Vergangenheit konfrontieren muss, bärtige Männer eine Nebenrolle spielen und Tierärztinnen durch die Luft fliegen
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Danke an Moonlight, Nicole, silbergold, Reditus Mortis, lufa, lola, sally S. für Eure Reviews! Mit derartigem Rückenwind schreibt sich die Geschichte ja fast von selbst ;-)
Nicole: Calling me a bloody tease? ;-) Na, die Frage, was schlimmer ist, einen Auflauf beim Dunklen Lords oder eine Runde Kartenspielen mit Whitesnake ist wohl selbstbeantwortend. David Coverdale ist so randvoll angefüllt mit britischem Charme, da kann enem Ralph Fiennes nur Leid tun...Nun, widmen wir uns ein paar Minuten Deiner Lieblingsdisziplin: Making Severus miserable.
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Eine Runde Kürbiskuchen für alle und dann geht es auf zum fröhlichen Tränkemeisterquälen in einem extra-langen Kapitel. Kommt Ihr mit? ;-)
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Musik:
Apocalyptica: Path
42. Severus: Ein noch viel grässlicherer Tag
Zunächst schienen sich Lucius' dunkle Vorahnungen jedoch nicht zu bestätigen. Sie erreichten pünktlich die Fähre nach Cuxhaven, und das Frühstück, welches man dort servierte, ließ kaum Wünsche offen, sah man davon ab, dass es keinen Melissentee gab.
„Wir müssen uns unterhalten", sagte Severus, nachdem die Bedienung abgeräumt hatte. „Unter vier Augen", setzte er mit einem Seitenblick auf Daktari hinzu.
Lucius und Daktari verständigten sich ohne Worte.
„Gut, dann lege ich mich noch für ein Stündchen aufs Ohr. Wir werden ja nicht allzu viel schlafen in den nächsten Tagen", kündigte sie an.
Nachdem sie gegangen war, bat Severus seinen ehemals besten Freund, ihn nach draußen zu begleiten. Auf Achtern pfiff ihnen der frische Seewind kühl um die Ohren, doch der Vorteil lag auf der Hand: Man konnte sie hier nicht belauschen und jeder Beobachter wäre leicht auszumachen gewesen. Doch sie waren allein.
„Lupin hat dir von dem Urteil erzählt, dass der Wizzen Gamot über dich verhängt hat?", erkundigte sich Severus.
Lucius' graue Augen blieben kühl, Gefühle waren in seinem Gesicht nicht auszumachen. „Das hat er", sagte er nur.
„Ich bin derjenige, der dein Bewusstsein modifiziert hat", bekannte Severus. „Es war die einzige Möglichkeit, zu gewährleisten, dass du es irgendwann wieder erhalten könntest."
„Ich weiß nicht, ob mir daran wirklich gelegen ist", gab Lucius zurück. „Mein Leben ist gut, wie es ist. Dass, was Remus aus seiner Welt erzählt hat, reicht, um mich davon fern zu halten. Hinzu kommt, dass ihr Zauberer mich rausgeschmissen habt, wenn ich das mal so salopp formulieren darf."
„Denke nicht, ich könnte deine Haltung nicht verstehen", erwiderte Severus. „Nachdem ich dich aufgespürt hatte, was gar nicht so einfach war, habe ich lange überlegt, ob ich Lupin wirklich sage, wo du bist. Doch die Wahrheit ist, dass ihr auf magische Art aneinander gebunden seid, und ohne dich wäre er gestorben. Wir brauchen ihn für unseren Kampf gegen den Dunklen Lord und seine Anhänger."
„Ihr scheint Menschen sehr stark danach zu bewerten, ob sie euch nützlich sind", wandte Lucius ein. „Das wirft kein gutes Licht auf euch und eure Magische Gesellschaft."
Severus rang sich zu einem knappen Lächeln durch. „Und wir sind die ‚Guten' – frag nicht, wie die andere Seite Menschen bewertet. Aber du hast recht. Es herrscht Krieg und wir alle haben bereits Teile unserer Seelen verloren."
„Warum wollen Sie mich zurückholen?", stellte Lucius die entscheidende Frage.
„Warum willst du", korrigierte ihn Severus. „Wir sind wirklich alte Freunde, Lucius. Du musst zurückkommen, weil der Dunkle Lord eine Maschine gebaut hat, die unsere Zauberkräfte blockiert. Dieses Instrument steht in einem verschlossenen Raum. Du allein kannst ihn öffnen."
„Wieso sollte ich das können?", erkundigte sich Lucius.
„Weil du kein Mensch bist."
„Wie bitte?" Lucius riss die Augen weit auf. Was immer er erwartet hatte – das war es nicht!
„Kein Mensch durch und durch", präzisierte Severus. „In deiner höchst beeindruckenden Ahnenreihe findet sich ein menschenähnliches Geschöpf, das wir ‚Veela' nennen. Eine Art Wüstendämon, der die Gestalt zwischen Mensch und Vogel wechseln kann und der die Winde beherrscht. Die Veela kamen vor vielen tausend Jahren über die Wüsten Arabiens und den Balkan nach Bulgarien, wo sie sich ansiedelten. Veelaabkömmlinge verfügen über die Fähigkeit, Orte zu wechseln, durch magische Signen und Appariersperren hindurch. Als man dir deine Magie nahm, hat man diese Sonderform nicht bedacht. Du hast diese Kräfte nun über ein Jahr nicht angewendet, Lucius. Sie dürften sich potenziert haben. Damit solltest du in der Lage sein, selbst die arkanen Schilde des Dunklen Lords zu durchbrechen."
„Ich wüsste nicht, wie ich diese Fähigkeiten abrufen sollte", erwiderte Lucius.
„Das kann ich dir auch nicht sagen, ich bin kein Veela", antwortete Severus. „Aber ich weiß, dass diese Information in deinen Erinnerungen verborgen ist. Ich möchte dir diese Erinnerungen wieder zugänglich machen, die Blockaden in deinem Kopf lösen."
Er schwieg, als Lucius nicht antwortete. Sein ehemals bester Freund blickte still auf die Irische See hinaus.
„Das Leben, das ich geführt habe, scheint nicht eben das eines Anthroposophen gewesen zu sein", sagte Lucius schließlich. „Werden diese alten Erinnerungen die Erfahrungen des vergangenen Jahres überlagern? Werde ich noch wissen, wer meine Freunde sind?"
„Ich könnte dich diesen boshaften kleinen Kobold vergessen lassen, der uns die letzten Stunden mit Vivaldi und Beethoven beschallt hat", bot Severus mit einem ironischen Augenbrauenheben an.
„Mir liegt an ihr", entgegnete Lucius. „Sie ist das Beste…"
„Ist ja schon gut", beschwichtigte Severus. „Ich kann sie nur nicht ausstehen."
„Nenn sie nicht 'Kobold'", forderte Lucius. „Beantworte lieber meine Frage."
Severus seufzte. „Du wirst nichts vergessen, was im letzen Jahr passiert ist. Nur die Jahre davor kommen dazu. Ich beginne mit deiner Kindheit und allgemeinen Informationen über die magische Welt. Danach wirst du ziemlich müde sein und eine Pause brauchen. In vierundzwanzig Stunden machen wir weiter. Manipulation im Gehirn sind ziemlich anstrengend, für den Legilimenten ebenso wie für den Patienten."
„Legiliment…nennt man das so?" Lucius sah ihn fragend an.
Severus nickte.
„Werde ich das auch können? Ich meine, nachdem du mein Zaubererbewußtsein wieder hergestellt hast?"
Severus zog eine Augenbraue hoch. Seine Stimme klang ernst, als er erwiderte: „Legilimenten sind selten. Du warst nie einer. Und ich kann nur deine Erinnerungen wieder herstellen, Lucius. Deine Magie ist für immer verloren. So leid es mir tut."
Lucius schwieg und schien in Gedanken versunken, dann plötzlich antwortete er mit schmalem Lächeln: „So ist das also. Ich dachte, wenn ich schon all diese grässlichen Erinnerungen wieder bekomme, an meine Verbrechen, an Askaban, an den Tod meiner Frau, würde ich wenigstens das Zauberstabgefuchtel dazu bekommen."
Severus schluckte. „Du weißt von Narcissa?" Er hatte gehofft, dass Remus auch in diesem Punkt schweigsam gewesen wäre.
„Remus hat mir von ihr erzählt", sagte Lucius. „Er sagte, ihr gewaltsamer Tod sei der Grund für meinen Bruch mit Voldemort gewesen."
Severus zuckte zusammen, als er aus Lucius' Mund den Namen des Dunklen Lords vernahm.
„Du kanntest sie doch", fuhr Lucius fort. „Wie war sie?"
„Wunderschön. Und klug", erwiderte Severus. „Nimm den Kobold und mach alles an ihr perfekt, was makelbehaftet ist. Mrs. Herriot ist eine kleinere, hässlichere Ausgabe von Narcissa, fast wie eine Karikatur. Sie sind sich in etwa so ähnlich wie eine Ente einem Schwan."
„Du bist wirklich ein boshafter Mensch", meinte Lucius kopfschüttelnd. „Bist du verheiratet?"
„Merlin bewahre", entgegnete Severus.
„Dachte ich mir, dass die Frauen dir nachlaufen", sagte Lucius ironisch mit maliziösem Lächeln.
‚Nur deine', hätte der Tränkemeister beinahe geantwortet, doch er schluckte die bösartige Erwiderung herunter.
„Was ist mit meinem Sohn?", fragte Lucius. „Du bist sein Pate. Ich weiß nicht einmal seinen Namen oder wie alt er ist."
„Draco ist sechzehn", antwortete Severus. „Er sieht fast aus wie du, und er hasst dich. Mich hasst er übrigens auch. Aber vielleicht gibst du dir die Zeit, dich selbst zu erinnern. Ich würde gerne den ersten Zauber vornehmen."
Lucius nickte. „Hier?"
Severus blickte sich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Er zog seinen Stab. „Wenn du bereit bist? Legilimens!"
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Lucius hatte die Prozedur schweigend über sich ergehen lassen. Severus hatte ihm die anschließende Erschöpfung offenbar angesehen und ihm geraten, sich schlafen zu legen. Die Fähre würde noch eine Weile unterwegs sein.
Ohne seine Umgebung wirklich wahrzunehmen, fand Lucius die Kabine. Nummer 537 war leicht zu merken, nicht nur, weil er ohnehin nie eine Zahl vergaß, sondern auch, weil es ironischerweise die Nummer war, die man ihm in Askaban in den Arm gebrannt hatte. Oh ja, er erinnerte sich jetzt. Und es waren keine guten Erinnerungen.
„Hey Lou." Daktari drehte sich nach ihm um, als er in die kleine Kajüte kam. „Alles in Ordnung?"
„Nichts wird jemals wieder in Ordnung sein", erwiderte er düster. „Kennst du das Gefühl, wenn dir jeder Boden unter den Füßen weggerissen wird? Ich war ein Mistkerl, schon als Junge. Mein Vater war ein Mistkerl und meine Mutter ein schweigendes Opfer seiner Willkür. Meine Kindheit war eine Katastrophe und in meiner Jugend habe ich jeden erdenklichen Fehler gemacht. Merlin, Daktari, ich bin…ich bin ein Mörder."
„Oh mein Gott, Lou", entfuhr es ihr. „Komm her." Sie rückte ganz an den Rand der Pritsche, um ihm Platz zu machen, und hob die Wolldecke an, damit er darunter schlüpfen konnte.
Dankbar ließ er sich unter die Decke gleiten und legte den Kopf an ihre knochige Schulter. Mit der Wärme kamen die Tränen.
„Willst du darüber reden?", flüsterte sie leise. „Was ist geschehen? Vielleicht war es…Notwehr?"
Er lachte bitter. Ein Geräusch, das sie erschrak. „Wohl eher Willkür", erwiderte er hart. „Meine Aufnahmezeremonie in den Kreis um den, der von Remus als Voldemort bezeichnet wird. Der Dunkle Lord. Ich habe ein Mädchen getötet. Nur weil er mir sagte: Bring sie um. Sie ist unwürdig. Und sie hat mir nicht einmal Leid getan." Er krallte die Finger in Daktaris Schultern. „Ich schäme mich so unendlich, Dana. So abgrundtief."
Dass er ihren richtigen Vornamen benutzte, zeigte Daktari, wie getroffen Louis war. Sie hatte ihn viel leiden sehen in den vergangenen zwölf Monaten, unter der Ungewissheit über seine Vergangenheit, unter dem Verdacht, nicht grundlos in einem Gefängnis gewesen zu sein. Doch der unbekannte Nebel - so schrecklich er auch gewesen sein mochte – war nichts gegen die grausame Gewissheit, die er jetzt hatte.
„Kannst du erklären, warum es dir nichts ausgemacht hat?", fragte sie leise, nachdem er sich irgendwann etwas beruhigt hatte.
„Keine Werte", flüsterte er. „Ignoranz. Übermut. Geltungsdrang. Ehrgeiz. Und weißt du, was mich erschreckt? Ich habe mich nicht geändert. Ich will immer noch…irgendwo hin. Mehr erreichen. Besser sein als andere. Gewinnen."
„Ehrgeiz ist keine Sünde, ebenso wenig wie deine Leistungsbereitschaft und dein Perfektionismus, Lou." Sie seufzte. „Du würdest es heute nicht mehr tun. Sie haben dich dafür verurteilt."
„Das macht es nicht ungeschehen!" Verzweifelt strich er sich durch das lange Haar, begann, eine Strähne um die Finger zu wickeln und brutal daran zu reißen.
Daktari nahm seine Hand in die ihre und löste sorgsam seine Finger von den blonden Haaren. „Lass das, Lou", mahnte sie sanft. „Davon, dass du dir Schmerz zufügst, wird das Mädchen weder lebendig, noch geht es dir besser. Wie alt warst du damals – siebzehn, achtzehn?"
Er nickte stumm.
„Das ist lange her. Dein Leben wird mehr als dies beinhaltet haben." Sie umarmte ihn. „Remus hat mir erzählt, dass du drei Kinder gerettet hast. Das war der Grund, warum er sich in dich verliebt hat."
Das Erstaunen in seinen grauen Augen überraschte sie. „Das hat er dir erzählt?", fragte er heiser. „Mir hat er gesagt, dass wir uns im Gefängnis getroffen haben. Wie soll ich dort Kindern geholfen haben?"
„Sie waren dort, mit euch. Mit dir und ihm. Man hat sie dort gelassen, damit sie umkommen. Viel mehr weiß ich nicht. Nur noch, dass es deine Zauber waren, die euch alle gerettet haben. Du musst ein wirklich mächtiger Magier gewesen sein, Lou."
„Severus sagt, es ist vorbei." Er wischte sich die Tränen vom Gesicht. „Ich werde nie wieder zaubern. Es war mir egal, bis mir klar wurde…" Er holte tief Luft. „Diese Erinnerungen. Magie war mein Leben, Daktari. Meine Bestimmung, so wie die Medizin die deine ist. Plötzlich bin ich innerlich leer und ein Mörder dazu." Er schüttelte den Kopf. „Und der Mann, den ich liebe, lügt mich an."
„Remus wird seine Gründe gehabt haben, dir noch nichts über deinen Sohn zu erzählen", sagte sie. „Du solltest ihm die Gelegenheit geben, sich dazu zu äußern, bevor du ihn verurteilst." Ihre dunkelblauen Augen musterten sein blasses Gesicht. „Mach keinen Fehler, Lou. Remus ist ein guter Mensch. Er liebt dich."
„Hat er dir das auch gesagt?", erkundigte sich Louis sarkastisch. „Mir gegenüber war er nämlich nur selten so mitteilsam."
„Ach Lou. Ist es nicht offensichtlich für dich: Er hat Angst. Remus trägt mehr Sorgen mit sich herum als irgendjemand, sieht man von diesem unfreundlichen Kerl ab, der einmal dein Freund war. Der sieht genauso aus, als liege die Last der Welt auf seinen Schultern."
„Hat er dir sein Herz auch schon ausgeschüttet?", erkundigte sich Louis düster.
„Was für ein Quatsch", sagte sie mit schmalem Lächeln. „Er kann mich nicht ausstehen, das merkt man doch. Komm, wasch dir das Gesicht. Ich habe eine Idee."
Louis starrte sie an. „Solltest du mich nicht eigentlich verurteilen, Daktari? Ich meine, ich gestehe dir einen Mord und du sagst ‚Wasch dir das Gesicht'?"
„Ich hatte ein Jahr Zeit, mir zu überlegen, ob ich deine Freundin bleibe, falls du eine finstere Vergangenheit hast, Lou. So unwahrscheinlich war es ja nicht. Ich habe das für mich schon lange entschieden." Sie schwang die Beine aus dem Bett und streckte sich. „Komm schon. Wir gehen tanzen. Auf dem Zwischendeck ist Disco."
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Severus Snape hockte mit einem Whiskey vor sich in einer dunklen Ecke der Tanzbar. Er hatte nicht in die Kabine gehen wollen, in der ‚der Kobold', wie er Mrs. Harriot weiterhin für sich nannte, schlief. Da man die Bar oben geschlossen hatte, um die potenziellen Kunden in dieses Etablissement auf dem Zwischendeck zu locken, blieb ihm nichts anderes übrig, als seine feinen Ohren mit grässlicher Muggelmusik beschallen zu lassen. Er staunte nicht schlecht, als Lucius und diese Frau plötzlich auftauchten. Lucius sah fürchterlich aus, und der Kobold zerrte ihn an die Bar vorne und bestellte zwei Drinks. Nach zehn Minuten hatte Lucius den zweiten Whiskey intus und seine Gesichtszüge entspannten sich.
Es war noch früh am Abend und nur wenige Gäste frequentierten die Räumlichkeiten. Die Tanzfläche lag ausgestorben.
Severus beobachtete, wie der Kobold Lucius über die Hand streichelte, dann hinüber zu der Musikanlage ging und mit dem Muggel dahinter sprach. Der Mann nickte erfreut, griff in den Stapel aus schwarzen Scheiben und wenig später ertönte eine Abfolge schneller, harter Beats. Eine Frauenstimme mahnte ihn, zu tun, was er wolle, dabei jedoch ‚das Omen' nicht zu vernachlässigen.
‚Was für ein beschränkter Text', dachte Severus noch, in diesem Augenblick erschien Lucius mit dem Kobold auf der Tanzfläche. Sie begannen sich im Rhythmus der Musik zu bewegen. Als ‚Tanzen' konnte man diese nervösen Zuckungen, die an Symptome eines epileptischen Anfalls erinnerten, nicht bezeichnen, dachte der Tränkemeister. Nur um im nächsten Augenblick entsetzt festzustellen, dass er selbst mit dem Fuß im Takt wippte.
Dem ‚Omen' folgten noch mehr Titel in dem lächerlich schnellen Rhythmus, und erstaunlicherweise begann die Tanzfläche bald, sich mit weiteren Irrsinnigen zu füllen. Severus sah kopfschüttelnd zu Lucius hinüber. Etwas anderes als klassische Musik hätte sein Freund in all den Jahren nie an seine Ohren gelassen, und nun das hier. Irgendwie musste er diese grässliche Frau loswerden, die einen mehr als schlechten Einfluss auf Lucius hatte. Was fand sein Freund nur an dem Kobold?
Severus leerte sein Glas und beschloss, sich schlafen zu legen. Offensichtlich trug die ‚Leibesertüchtigung' trotz allem dazu bei, dass es Lucius besser ging. Seine Züge wirkten entspannt, für einen Moment fing Severus sogar ein abwesendes Lächeln auf.
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Der nächste Morgen kam für alle drei eindeutig zu früh. Daktari war so müde, dass sie das Frühstück schlicht verschlief, Lucius rührte angewidert in seinem Earl Grey und Severus kaute lustlos auf etwas, das den Namen ‚Bagel' beim besten Willen nicht verdiente. Der Koch von gestern hatte offenbar frei und der Küche fehlten eindeutig Hauselfen.
Es mochte gegen elf sein, als die Fähre in Deutschland anlegte. Severus stellte schlecht gelaunt fest, dass es für Ende August viel zu kalt war und es zudem zu regnen begonnen hatte.
„Dieses Wetter hätten wir auch in Irland haben können", murrte er, als sie den betagten VW-Bus von der Fähre fuhren.
„Aber nicht die Musik", entgegnete der Kobold kämpferisch. „Lou, wie sieht es aus? Zeit für die Einstimmung?"
„Bitte", erwiderte Lucius. „Was hast du?"
„Iron Maiden, Metallica, Nightwish, Apocalyptica – such dir was aus."
Lucius begann im Handschuhfach zu wühlen. Schließlich schien er gefunden zu haben, wonach er suchte. Er steckte die silbrige Scheibe in das Gerät. Im nächsten Augenblick erklangen dumpfe Kirchenglocken. Lucius drehte den Regler der Lautstärke hoch. Gitarren und Schlagzeug mischten sich mit den Glocken zu einem dissonanten Klangmatsch. Severus hielt sich entsetzt die Ohren zu, als eine Männerstimme zu kreischen begann.
„I'm rolling thunder, pouring rain
I'm coming on like a hurricane."
"Was bei Merlin ist das?", versuchte er das Gekreische zu übertönen, das inzwischen bei dem angelangt war, das offensichtlich ein Refrain sein sollte und immer wieder „Hell's bells" intonierte.
„Das ist AC/DC", erläuterte Lucius mit maliziösem Lächeln. „Du gewöhnst dich besser dran. Genau das werden wir die nächsten drei Tage im Ohr haben."
Beinahe panisch zog Severus seinen Zauberstab. „Leiser, oder ich schmelze eure Höllenmaschine", drohte er.
„Pack dieses Ding weg, oder ihr könnt den Dunklen Lord alleine bekämpfen", gab Lucius mit Blick auf den Stab zurück.
„Immerhin", stellte Severus grimmig fest, „dein Vokabular entspricht schon wieder dem, was man von Lucius Malfoy erwarten kann. Machen Sie das leiser, Mrs. Herriot, oder ich springe ab."
„Tun Sie sich keinen Zwang an, Severus", erwiderte sie kühl lächelnd. „Ein paar bärtige Headbanger werden Sie schon aufgabeln, und dann gibt es auf dem Weg nach Wacken Death Metall statt Hardrock für Sie. Viel Vergnügen."
Sie stoppte den Wagen am Straßenrand und sprang vom Fahrersitz, dann riss sie die Seitentür des Busses auf. „Bitte. Aussteigen. Leute, die meine Freunde verletzen, haben ohnehin nichts zu suchen hier." Wütend funkelte sie ihn an.
Irgendwas an ihrer Art provozierte Severus bis aufs Blut. Es gab wenig Menschen, die ihn derart nervten, doch dieser Kobold kam gleich nach Potter und der neunmalklugen Granger.
„Es ist nicht meine Schuld, dass Ihr Freund Louis ein verdammter Todesser geworden ist und wahllos Muggel umgebracht hat. Eher im Gegenteil: Er hat mich zum Dunklen Lord geschleppt!" Hatte er die Frau gerade angeschrieen?
„Vermutlich schienen Sie ihm der perfekte Kandidat mit Ihrer menschenverachtenden Art", fauchte sie zurück.
Das saß! Es reichte. Mit einem Schlenker seines Stabes ließ Severus den Kobold durch die Luft und gegen die noch geöffnete Fahrertür prallen. Im nächsten Augenblick stand Lucius neben ihm, wie aus dem Boden gewachsen, riss ihm den Stab aus der Hand und zerbrach ihn mit einer schnellen Bewegung über seinem Knie. Er warf die Stücke achtlos auf den Boden und packte den Tränkemeister am Kragen.
„Fass. Sie. Nie. Wieder. An." Sein Gesicht war weiß vor Zorn.
„Bist du wahnsinnig?", brüllte Snape ihn an. Das heißt, er hätte gebrüllt, wenn Lucius ihm nicht gnadenlos die Kehle zugedrückt hätte. So entkam ihm nur ein raues Zischen.
„Lou." Daktaris Stimme klang brüchig. „Lass ihn los. Bitte. Das ist es doch nicht wert."
Lucius ließ widerstrebend los, um sich zu ihr umzuwenden.
„Bist du in Ordnung?", erkundigte er sich.
„Nur eine Beule", antwortete sie und griff sich an den Hinterkopf. Ihre Handfläche war plötzlich voller Blut.
„Du bist echt das Letzte", sagte Lucius zu Severus und ließ jetzt gänzlich von ihm ab. „Wo hast du das Verbandszeug?", fragte er Daktari und lotste sie zum Heck des Wagens.
Während Lucius sich um die Frau kümmerte, untersuchte Severus fluchend die Bruchstücke seines Zauberstabes. Merlin, verdammt! Schlimm genug, dass sie nun wehrlos waren, er würde mit diesem Schrott weder Lucius auf seine Aufgabe vorbereiten können, noch zurück nach England apparieren können, um Ersatz zu besorgen. Sein zweiter Stab lag sorgfältig verschlossen in der Schublade seines Schreibtischs in Spinner's End. Zu allem Unglück war er jetzt auch noch auf Lucius und den Kobold angewiesen, denn wie sollte er ohne Muggelgeld von hier wegkommen? Er ärgerte sich. Wie hatte er nur so unbeherrscht sein können? Wütend sah er sich um. Ein Truck mit irischem Kennzeichen hatte hinter ihnen angehalten, und die Insassen, alles junge Männer mit langen Haaren, wilden Bärten und ebensolchen schwarzen Klamotten wie Lucius und der Kobold sie trugen, stiegen jetzt aus. Ohrenbetäubender Krach schlug ihm aus dem Truck entgegen, ebenso wie der Gestank nach Bier und billigem Whiskey.
„Braucht ihr Hilfe?", erkundigte sich einer der Bärtigen, auf dessen T-Shirt etwas abgebildet war, das einem halluzinogen bedingten Albtraum entstiegen schien. ‚Iron Maiden' las Severus. Folterfreaks, offensichtlich. Irre.
„Danke, aber nein", erwiderte Lucius eloquent. „Wir haben nur einen kleinen Konflikt, der die Musikauswahl betrifft."
Der Fremde lachte. „Wir streiten uns nur ums Bier. Stimmt's, Jungs?" Seine Kumpels stimmten in sein raues Gelächter mit ein. Die fünf stiegen wieder in ihren Truck, winkten euphorisch und setzten ihre Reise fort.
Severus atmete tief durch. Ohne seinen Stab wäre ein Streit mit diesen Muskelpaketen keine erfreuliche Angelegenheit. Er erinnerte sich an ein paar unangenehme Ereignisse aus seiner Grundschulzeit. Er trat zu Lucius und dem Kobold. Ungewöhnliche Situationen erforderten ungewöhnliche Maßnahmen.
„Mrs. Herriot, es tut mir Leid", quetschte er durch die Zähne. „Ich habe die Beherrschung verloren."
„Bilde dir was drauf ein", knurrte Lucius in Daktaris Richtung. „Das passiert ihm sonst nicht. Merlin, ich wünschte, Remus wäre hier."
„Ich auch", bekannte der Kobold.
Beide musterten Severus nicht eben freundlich.
„Kann Remus diese Legilimens-Zauber?", erkundigte sich Lucius.
„Nein", erwiderte Severus. „Außerdem brauchen wir Remus, um einen gefährlichen magischen Gegenstand außer Gefecht zu setzen. Er ist der einzige begnadete Arithmantiker, den wir haben. Er arbeitet mit unserem Fluchbrecher vermutlich gerade daran."
Lucius seufzte. „Du kannst bestimmt auch ohne deinen Stab zaubern?"
„Natürlich. Feuer machen und Dinge schweben lassen", erwiderte Severus höhnisch. „Aber aus deinem Kopf würde ich Brei machen. Legilimantik erfordert präzises Arbeiten mit einem perfekt abgestimmten Werkzeug. Wie schade, dass du es in drei handliche Teile zerlegt hast. Anders als bei einer …Muggelbohrmaschine werden wir jetzt leider unsere Nachhilfestunden in Magiekunde verschieben müssen, Lucius. Vielen Dank auch. Der Dunkle Lord wird begeistert feststellen, dass der Orden sich gegenseitig lahm legt."
Lucius stand da, störrisch und unwillig, einen Fehler zuzugeben. Aber sein Gesicht wirkte blass und betroffen. Natürlich war ihm mittlerweile klar, wie eng die scheinbar so geteilten Welten der Magie und der Muggel zusammen hingen. Falls der Dunkle Lord siegte… Weder er selbst noch Remus würden das lange überleben.
„Steigt ein", sagte Daktari schließlich. „Wir drehen um. Wenn wir uns beeilen, erwischen wir die Fähre, bevor sie wieder nach Irland ausläuft. Dann könnt ihr einen neuen Zauberstab besorgen und habt Zeit, diese Aktion vorzubereiten, für die sie dich brauchen, Louis."
„Nein." Lucius schüttelte den Kopf. „Nein, das werden wir nicht tun. Ich sehe ein, wie vernünftig dein Vorschlag ist, aber irgendwie…" Er zuckte die Schultern. „Ich habe mich auf das Festival seit Monaten gefreut, und du auch. Wer weiß, ob es nicht letzte Gelegenheit ist, das Leben zu feiern? Und Remus wird schon jemanden organisieren, der Severus einen neuen Zauberstab bringt."
„Eine Eule würde viel zu lange brauchen", sagte Severus. „Ich weiß nicht, wo wir einen Flohnetzwerkanschluss…"
Die mitleidigen Blicke Lucius' und seines Kobolds ließen den Tränkemeister verstummen.
„SMS", sagte Lucius.
„Handy. Telegramm. Email", setzte Daktari hinzu. „Remus hat ein BlackBerry. Wir erklären ihm, was geschehen ist. Dann kann er entscheiden, ob er herkommt oder jemanden schickt."
„Meinetwegen", brummte Severus. Sich ausgerechnet von Lupin aus der Patsche helfen lassen zu müssen, schmeckte ihm ebenso wenig wie der Gedanke, dass der halbe Orden davon erfahren würde, dass er eine Muggel angegriffen hatte und Lucius - ohne Magie zu besitzen – ihm den Stab abgenommen und zerbrochen hatte. Konnte es eigentlich noch schlimmer laufen?
Fortsetzung folgt
