Kerkermond Evolution
Fanfiction von Lady of the Dungeon
Slashig-trashige Fanfiction, in der ein gewisser schwarzhaariger Zauberer erst in die Niederungen des wahren Lebens hinabsteigt, um sich dann von den Höhen der Philosophie bis in die Tiefen der Hölle reißen zu lassen.
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Danke an Moonlight, Sally, Reditus Mortis, lola und Silbergold für Eure Reviews!
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Dieses Kapitel ist inspiriert von Alyssa, die mir eine Perspektive auf Snape eröffnet hat, die ich vorher so nicht gesehen habe. Deshalb ist es auch nicht ganz so heiter wie geplant. Ich hoffe, Ihr könnt Euch trotzdem damit anfreunden.
So, holt die schwarzen Rollkragenpullover hervor und die Brillen mit den dicken Rändern, heute werden wir intellektuell bis zum Abwinken.
Vive l'existencialisme. Pernot, irgendwer?
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Musik:
Nightwish: Cadence of her last breath
43. Severus: Lost in existentialism
(Das letzte Kapitel endete mit der gedankenschweren Zeile: Konnte es eigentlich noch schlimmer laufen? Nun, hier folgt die Antwort.)
Es konnte! Das wurde Severus spätestens klar, als sie sich drei Stunden später in eine schier endlose Blechlawine einreihten, die maßgeblich aus eher heruntergekommen wirkenden Kleinbussen, Pick-Ups und ähnlichen Muggelfahrzeugen bestand. Diese waren angefüllt mit mehrheitlich jungen Männern, die grüßend Bierdosen und –flaschen zum Fenster hinaus hielten, laut grölten, die Hände mit zwei erhobenen Fingern hoch streckten und ruckartig mit dem Kopf zuckten. Aus jedem der Wagen erschallte ohrenbetäubender Lärm.
Nicht, dass Severus selbst in ‚seinem' Wagen nicht auch einer grausigen Geräuschkulisse ausgesetzt war. Seit drei Stunden lieferte sich eine immerhin klassisch ausgebildete Sängerin eine Schlacht mit Gitarren, Orgel und Schlagzeug, als hinge ihr Leben davon ab, zu gewinnen. Auf einzelne melodische Sequenzen folgten immer wieder rhythmisch betonte Teile, die Snape schier die Trommelfelle heraus zu pusten trachteten.
Er war unendlich dankbar, als sie endlich das Festivalgelände erreichten und ein Einweiser in orangefarbener Weste ihnen einen Parkplatz zuwies. Die Blecklawine verteilte sich im Karree um ihren VW-Bus, so schien es Snape zumindest. Es war ganz offensichtlich, dass es kein Entkommen geben würde, bis auch die Muggel wieder aufbrechen würden. Wie schwarze Ameisen krabbelten sie aus den immer noch laut röhrenden Innenräumen ihrer Fahrzeuge: Vornehmlich schwarz gekleidete Menschen, deren Oberbekleidung grafische Schriftzüge mit martialisch anmutenden Bezeichnungen wie „Warlock", „Dragon Force" oder gar „Apocalyptica" enthielt. Männer in langen Schottenröcken, Frauen in schwarzen Kleidern, die dem letzten Jahrhundert entsprungen zu sein schienen, schleppten gut gelaunt Bierfässer und –kästen an ihnen vorbei. Anstelle der Autoradios wurden jetzt tragbare Musikgeräte angestellt, und aus allen Ecken erklang der ohrenbetäubende, dissonante Krach. Ungefähr so hatte sich Severus immer die Hölle vorgestellt. Es gab also tatsächlich eine Steigerung zu Askaban, und all diese Menschen begaben sich freiwillig hierher. Rings um sie herum wurden Zelte aufgebaut. Die Gruppe Bärtiger aus Irland, die sie bereits auf der Autobahn getroffen hatten, war auch hier. Zwei der jungen Männer halfen Lucius und Daktari mit dem Zeltaufbau, liehen sich dafür eine der silbernen Scheiben bei Daktari aus und bald dröhnte die Stimme der Sängerin, die Severus auf der Hinfahrt gequält hatte, auch über den Parkplatz. Die Fünf aus Dublin hatten einfach die lauteste Musikanlage.
„Wo sind die…sanitären Anlagen?", erkundigte Severus sich bei Lucius.
Dieser wies zu seinem Entsetzen auf eine Reihe winziger Plastikhäuschen, die bereits jetzt, wenige Stunden nach Öffnung des Festivalgeländes, einen fragwürdigen Duft verströmten.
„Ich habe Ihnen ja gesagt, diese Priesterrobe ist unpraktisch", frohlockte Daktari.
Entnervt knöpfte Snape die Robe auf und warf sie hinten ins Auto. Die Sonne war heraus gekommen und begann den Schlamm zu seinen Füßen zumindest oberflächlich anzutrocknen, und er war mit Hemd und Hose ausreichend bekleidet.
Als er von seiner Verrichtung zurückkehrte, war am Wagen keine Spur mehr von Lucius und dem Kobold. Stattdessen fand er einen hastig gekritzelten Zettel in Lucius' verschlungener Handschrift. ‚Sind shoppen. Bringen dir ein anständiges T-Shirt mit. L.' Severus schüttelte unwirsch den Kopf. Niemals würde er etwas Derartiges anziehen. Soweit käme es noch!
Eine halbe Stunde später – der Himmel hatte sich erneut zugezogen und es nieselte – modifizierte er seinen Gedanken. Wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, würde er Derartiges nicht tragen.
Doch im Moment standen die Dinge nicht eben zum Besten. Das Kobold-Gefährt war abgeschlossen, sein Hemd wurde nass und ein paar Meter weiter tanzten zwei junge, ziemlich angetrunkene Frauen zur Freude der meist männlichen Umstehenden von der Hüfte an aufwärts nackt um ein rundes Kohlengefäß. Dabei sangen sie laut „You're poison running through my veins" und schwenkten freudig eine Whiskeyflasche, die ihnen einer der jungen Iren - völlig selbstlos versteht sich - überlassen hatte.
Wenige Meter weiter waren ein paar Deutsche und Holländer damit beschäftigt, Wasser mittels eines Schlauches aus einer der Toiletten auf einen Pfad umzuleiten. Severus beobachtete das Schildbürgertun, ohne den Sinn dahinter zu begreifen. Nach einer halben Stunde bereiteten Ordner dem Unwesen ein jähes Ende, unter lautem Gejohle der jungen Horden. Ihr Ziel hatte die Gruppe zu diesem Zeitpunkt bereits erreicht: Der Akt der Völkerverständigung hatte zu einer Art Schlammtrasse geführt, auf der man nun um die Wette Anlauf nahm, um in einem albernen Wettbewerb zu ergründen – im wahrsten Sinne des Wortes! – wer am weitesten über den Matsch rutschen konnte. Die Deutschen erwiesen sich als chancenlos, auch wenn Schwimmringe und Mülltüten als Accessoires verwandt wurden. Gegen zwei der in Gummianzügen antretenden Niederländer hatten sie keine Chance.
Severus versuchte sich an einem stablosen ‚Impervius' - warum war er nicht gleich darauf gekommen? Hatten die barbusigen Tänzerinnen und der Schlammtriathlon, bei dem man das Rutschen durch ‚Hinein-Springen-und-Schlamm-Weit-spritzen' sowie eine Art freundschaftlichen Ringkampf, diesmal Schweden gegen Dänemark, ergänzt hatte, ihn derart abgelenkt?
Wütend verließ er den Zeltplatz in Richtung eines dumpfen Wummerns, in der vagen Hoffnung, Louis und den Kobold zu finden, und ihnen für den Rest der grässlichen Veranstaltung die Autoschlüssel abzunehmen, zur Not mit Gewalt.
Zwei Stunden später – inzwischen regnete es noch heftiger – musste er sich eingestehen, dass er die Größe dieses Vorhofs zur Hölle unterschätzt hatte. Er war an Buden entlang gegangen, die allerlei Kram verkauften, der auf den ersten Blick so aussah, als ob man ihn auch in der Nokturngasse gut loswürde, über weitere endlose Zeltstädte gewandert und war schließlich an einen Ort geraten, der mit „Biergarten" überschrieben war. Dort hatte er eine Gruppe Menschen in blau-roten Uniformen vorgefunden, die auf Blasinstrumenten schmissige Marschmusik intonierten.
„Ummtata-Ummtata", tönte es von der Kapelle. Noch mehr als die grausige Beschallung aber irritierte Severus das Publikum. Die schwarzgewandeten, teilweise in lächerlicher Weise an Todesser im Ornat erinnernden Leute warfen ihre Köpfe mit den langen Haaren wild in einem Takt hin und her, der nichts, aber auch gar nichts mit den vorgetragenen Werken der Feuerwehrkapelle zu tun hatte. Die Zügellosigkeit war vermutlich dem erheblichen Bierkonsum zu verdanken. Nun, zumindest machte der ‚Biergarten' so seinem Namen alle Ehre.
Merlin, wenn er all das hier drei grausame Tage und Nächte lang ertragen musste, würde er als geistiges Wrack nach England zurückkehren, mutmaßte Severus sarkastisch. Dringlich hoffte er, dass Lucius und der Kobold inzwischen wieder am Auto angekommen sein würden, und idealerweise Lupin sich melden würde, je eher, je besser. Sorgsam darauf bedacht, so wenig wie möglich Körperkontakt zu den Individuen herzustellen, die ihm zum Teil bereits entgegen taumelten, machte er sich auf den Rückweg.
Allein…es war nicht einfach, zurück zu finden. Severus war aufs Geratewohl einfach losmarschiert. Schließlich konsultierte er einen der orange gewandeten Ordner.
„Welche Nummer hat dein Zeltplatz?", fragte der ältere Mann in radebrechendem Englisch.
„Ich habe mir die Nummer nicht gemerkt", erwiderte Snape bissig. Merlin, welch ein Leichtsinn!
„Na, dann wünsche ich dir viel Spaß beim Suchen", beglückwünschte ihn der Mann und wandte sich zwei jungen Männern zu, die zum ‚Headbangers Ballroom' wollten.
„Wann sind Sie denn angekommen und aus welcher Richtung?", erkundigte sich eine junge Deutsche freundlich. Sie mochte höchstens achtzehn sein und hatte die hüftlangen, glatten Haare feuerrot gefärbt. Auch die Gläser ihrer Brille waren feuerrot.
„Wir sind von der Fähre gekommen, aus Cuxhaven", antwortete Snape. „Vor etwa drei oder vier Stunden."
„Dann seid ihr bestimmt auf Camping C oder B", sagte sie. „Das ist in Richtung Osten." Sie wies mit der Hand dorthin, wo die beiden Männer, die nach dem ‚Headbangers Ballroom' gefragt hatten, hin marschierten. „Am Wet-Stage vorbei, das erkennst du ganz leicht, da spielen jetzt Metakilla."
Sie nickte ihm fröhlich zu und verschwand dann zwischen den wilden bärtigen Horden. Severus folgte ihr noch einem Moment mit den Augen, bis der rote Schopf in der Menge verschwunden war.
‚Headbangers Ballroom' zu finden, war keine Kunst. Der Krach der Band, die Gitarren und Schlagzeug mit roher Gewalt traktierte, hallte weit über das nächtliche Feld. Doch danach wurde es schwierig. Nach einer Stunde stand Severus wieder dort, wo er losgelaufen war. Seine Stiefel waren Schlamm verkrustet, sein Hemd trotz des ‚Impervius' durchweicht und seine Haare hingen in nassen Strähnen in seine Stirn. Viel schlimmer konnte es nicht mehr….er wagte nicht, den Satz zu Ende zu denken.
Die Gruppe namens „Metakilla" hatte ihr grausiges Werk vollendet, doch dies war kein Grund zur Freude. Sie wurden von einer weiteren Band abgelöst, die den klangvollen Namen „Torture Squad" trug. Severus konnte nur den Kopf schütteln. Diese Muggel gaben sich den Anstrich wilder Höllenknechte, und doch beobachtete er am Rande der Szenerien, dass Leute sich gegenseitig halfen ohne viele Worte. Nun, vermutlich lag das auch daran, dass man inzwischen sein eigenes Wort kaum verstehen konnte. Er fragte sich, wie die Menschen in den Zelten, die hier ganz in der Nähe standen, nur schlafen wollten? Immerhin, sie hatten es dort drin trocken, was man nicht von Severus sagen konnte.
Unablässig tropfte der Regen vom Himmel, die Nässe zog an seinem Hemd entlang in seine Hose, die Stiefel waren durchgeweicht und die langen Haare klebten ihm am Kopf. Widerwillig machte er sich klar, dass er für den Moment und ohne seinen Zauberstab, weit ab von seiner Welt, eben nicht der gefürchtete Tränkemeister von Hogwarts war, sondern bloß ein desorientierter Besucher eines Festivals, dass er sich niemals selbst ausgesucht hätte. Doch gleichzeitig war er hier auch nicht der Doppelspion, der stets zehn Schritte im Voraus denken musste. Ein erheiternder Gedanke. Er konnte sich darauf konzentrieren, sich dem ganzen brüllenden Chaos möglichst elegant zu entziehen. Zuvor aber musste er Lucius finden. Doch wie sollte er das bewerkstelligen? Inzwischen war es dunkel, und das erleichterte die Orientierung nicht unbedingt. Die Rettung kam in Gestalt der fünf irischen Headbanger von der Autobahn Bierbecher schwenkend auf ihn zu.
„Sweet Savage", grölten sie.
„Entschuldigung, aber Sie sind doch auf demselben Zeltplatz wie wir", sprach Severus den am wenigstens trunken erscheinenden von ihnen an.
Ein lauter Rülpser, der das Aroma von Bratwurst, Whiskey und Bier in sich trug, war die Antwort. Severus stöhnte innerlich auf.
„Ist der nicht süüüüß, diese Chéri?", hörte er eine junge Frau mit schwarzem Gewand und französischem Akzent quietschen. „Er ist Ire, das ist echt cool und ultra-romantisch."
Sie ergriff den Arm des Rülpsers und hängte sich ein. Der junge Mann grinste mit glasigem Blick.
„Wir sind auf Camping C", setzte die Schwarzhaarige hinzu. „Wenn du am Schild reinkommst, siebzehn Reihen entlang und dann links."
Severus nickte, irrte noch eine Weile planlos herum, bis ihm ein Ordner den Weg nach Camping C so beschrieb, dass es auch auffindbar war. Was immer man auch über den Geschmack der Französin denken mochte, zählen konnte sie. Und so erreichte Snape Stunden nachdem er losgegangen war, endlich den alten, sardonisch mit dem Kühlergrill grinsenden VW-Bus. Inzwischen hatte es aufgehört, zu regnen.
Lucius und der Kobold saßen unter dem Vorzelt, das die Iren an ihren Pick-Up montiert hatten. Vor ihnen glomm Holzkohle in einem Grill, auf dem Rost lagen Würste und Brot. Sie riefen und winkten, als sie Severus erkannten.
„Wo warst du denn?", erkundigte sich Lucius mit amüsiertem Blick auf den patschnassen Slytherin.
„Biergarten", erwiderte der Tränkemeister trocken. „Und Headbangers Ballroom. Ich habe Metakilla und Torture Squad angehört, und die Feuerwehr-Kapelle. Sweet Savage habe ich nicht mehr geschafft."
„Wow, Sie nehmen ja alles mit, was Sie kriegen können, Severus. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie derart vergnügungssüchtig sind", bemerkte der Kobold mit ironischem Lächeln. Sie erhob sich. „Kommen Sie mit zum Auto, Sie müssen trockene Sachen anziehen."
Als er ihr nicht folgte, stutze sie. „Was ist los?"
„Ich befürchte, ich bin davon ausgegangen, nachts zurück apparieren zu können", antwortete der Tränkemeister. „Trockene Sachen dürften ein Problem darstellen."
„Oh je. Lou, wir müssen deine Tasche plündern", rief sie über die Schulter.
„Bitte", sagte Lucius mit der ihm eigenen Generosität. „Nehmt, was immer ihr braucht."
Severus drehte sich zu ihm um. Er hatte Lucius stets wegen seiner Großzügigkeit bewundert, aber für sich selbst auch immer einschränkend hinzugefügt, dass es leicht war, bei seinem Reichtum Dinge oder Geld wegzugeben. In diesem Moment, hier auf dem Zeltplatz, wurde ihm jedoch klar, dass Lucius immer teilen würde, egal, wie viel oder wenig er zu vergeben hatte. Die Kleidung würde Lucius fehlen, zumindest zum Wechseln.
„Danke", sagte Severus knapp.
Lucius nickte, ein Glitzern in den grauen Augen.
„In meiner Kiste sind zwei Handtücher", sagte der Kobold. „Nehmen Sie sich eines davon."
„Sie haben es wirklich übrig?"
„Klar. Es ist das, in dem ich sonst immer kranke Hunde transportiere." Sie grinste ihn an. „In der blauen Tüte dort ist das T-Shirt, das Lou für Sie erstanden hat", sagte sie leichthin. „Nightwish, als Erinnerung an die schöne Fahrt hierher."
Severus entging die feine Ironie in ihren Worten nicht.
„Ich…möchte mich noch mal entschuldigen", sagte er. „Ich bin vieles gewohnt, aber das hier…" Er machte eine weitschweifige Geste über den Zeltplatz. „Dantes Inferno könnte nicht kuscheliger sein."
Sie lachte. „Sie halten das hier für die Hölle? Sehen Sie nicht, dass dies hier ein Friedensfest in der Maske eines Hexentanzes ist? Wir feiern das Leben, nicht den Tod. Wenn Sie die Hölle suchen, lesen Sie die ‚Geschlossene Gesellschaft'."
„Ich brauche nicht Sartre zu bemühen, um den zweifelhaften Wert der musikalischen Darbietungen zu erkennen. Gegen das, was ich meinen Ohren heute Abend antun musste, ist ein ganzes Leben mit existentialistischer Literatur ein Spaziergang." Er knöpfte sein Hemd auf und hielt inne. „Wollen Sie sich wohl umdrehen?"
„Was sind Sie, eine Jungfrau?", lästerte Daktari, verließ jedoch folgsam das Auto.
Severus zog sich aus und trocknete sich ab. Sein Trockenzauber für die Haare misslang, und er war fast dankbar, hier keinen sprechenden Spiegel zu haben. Den in seinem Quartier in Hogwarts hatte er stumm gehext. Leider ging das ohne Stab mit dem Kobold nicht so ohne Weiteres.
„Sie würden also Jahre mit Sartre, Camus und de Beauvoir drei Tagen hier in Wacken vorziehen?", erkundigte sie sich ungläubig.
„Selbstverständlich", erwiderte der Tränkemeister. „Wobei das hier viele Züge eines egoistischen Individualismus hat."
„Damit werden Sie Sartre aber nicht gerecht", erwiderte der Kobold. „Die neuere Philosophie erhält das Vorurteil, dass es sich bei dem Existentialismus sartrescher Prägung um einen egoistischen Individualismus handelt, schon seit dreißig Jahren nicht mehr aufrecht."
„Wie meinen Sie das?", fragte Severus nach, der sich nicht gerne belehren ließ, zumal, wenn er es besser zu wissen meinte.
Doch Daktari steckte zu seiner Verblüffung nicht zurück. „In seinen Analysen zeigt Sartre auf, dass menschliches Leben niemals als vereinzeltes Leben verstanden werden kann. Dies sind nach neuer Lesart das stärkste philosophische Argument gegen jeglichen Solipsismus."
Severus stieg, angetan mit Lucius' Jeans und einem schwarzen T-Shirt mit der Aufschrift ‚Nightwish', wieder aus dem Wagen. Er sammelte seine Robe vom Rücksitz und zog sie über. Es war empfindlich kalt, und er fror.
„Sartres phänomenologische Methodik orientiert sich an den Existentialen, an deren Beispielen – Angst, Tod, Liebe – er die Freiheit des Menschen aufzeigt." Snape knöpfte seine Robe zu.
„Tod gehört nicht zu den Existentialen", verbesserte ihn der Kobold. „Wie haben Sie ihr Haar so schnell trocken bekommen?"
„Der Tod…" Severus wollte widersprechen, hielt jedoch inne. Sie hatte Recht. „Ich wollte nur testen, ob Sie wirklich etwas von moderner Philosophie verstehen", rettete er sich. „Stabloser Handzauber."
„Wie bitte?", fragte Lucius, der eben zu ihnen trat.
„Die Haare", sagten Severus und der Kobold unisono.
„Und", setzte Daktari hinzu. „Habe ich bestanden, Herr Professor?"
„Ich weiß noch nicht", grummelte der Tränkemeister. „Der Mensch ist zuerst ein Entwurf, der sich subjektiv lebt, anstatt nur ein Schaum zu sein oder eine Fäulnis oder ein Blumenkohl; nichts existiert diesem Entwurf vorweg, nichts ist im Himmel, und der Mensch wird zuerst das sein, was er zu sein geplant hat, nicht was er sein wollen wird", zitierte Snape. „Was sagen Sie dazu?"
Daktari runzelte die Stirn. „Ich sage: ‚Was wir gewöhnlich unter Wollen verstehen, ist eine bewusste Entscheidung, die für die meisten unter uns dem nachfolgt, wozu er sich selbst gemacht hat. Ich kann mich einer Partei anschließen wollen, ein Buch schreiben, mich verheiraten, alles das ist nur Kundmachung einer ursprünglicheren, spontaneren Wahl als was man Willen nennt."
„Du willst dich verheiraten?", erkundigte sich Lucius interessiert und zugleich höchst amüsiert.
„Das war ein Beispiel", sagte Snape.
„Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, wovon ihr sprecht", bekannte Lucius. „Remus hat angerufen, falls es euch interessiert."
„Wie geht es ihm?", fragte Daktari.
„Wann kommt er?", verlangte Severus zu wissen.
„Er kommt nicht." Lucius zuckte unglücklich die Schultern. „Er sagt, es geht gerade wirklich nicht. Aber einer aus dem Orden kommt später noch vorbei. Ich habe seine Nummer eingespeichert. Du sollst in einer halben Stunde anrufen, dann wird er so weit von Grimmauldplatz weg sein, dass die arkanen Ströme den Handyempfang nicht mehr beeinträchtigen."
„Ach, Lou, das tut mir so Leid." Der Kobold umarmte Lucius. „Ich hatte so gehofft, dass Remus selbst kommen würde."
„Ich auch", knurrte der Tränkemeister. Nicht auszudenken, wenn die Weasleyzwillinge ihn in diesem Aufzug sahen. Andererseits verschwand der Nightwish-Schriftzug unter seiner Robe, und die ausgefransten Bluejeans…das würde er überleben. Schlimmer, als dass sie darüber lästerten, dass er sich den Stab hatte abnehmen lassen, konnte es nicht… Wieder unterbrach er sich.
„Und ich lehne ‚Huis clos' als Synonym für die Hölle doch ab und bevorzuge Dante", zischte er dem Kobold zu, als er ihr und Lucius zu dem Vorzelt der Iren folgte.
„Dann ist für Sie unerfüllte Liebe kein Grund, zu leiden?", erkundigte sich die Tierärztin.
„Oh, das Thema bestimmt sein Leben", sagte Lucius leichthin. „Denken wir nur an Lilli Potter."
Severus blieb wie angewurzelt stehen.
„Das war nicht sehr nett, Lou", bemerkte der Kobold. „Harry Potters Mutter, Lilli Potter?", fragte sie.
„Das geht Sie nichts an", fauchte Snape.
Sie zuckte zurück. „Mir scheint, Sartre hat doch nicht ganz unrecht", murmelte sie. Dann goss sie zwei Gläser Whiskey ein und reichte eines Severus. „Hier, trinken Sie. Das hilft gegen unerfüllte Liebe, und gegen verlorene auch. Cheers."
Severus sah ihr zu, wie sie das Glas zur Hälfte leerte und dann auf einem wackligen Campingtisch abstellte.
„Verstehen Sie etwas davon?", fragte er mit sardonischem Lächeln. „Von verschmähter Liebe, meine ich. Ich sehen zumindest so aus, als könnten Sie etwas davon verstehen."
„Severus, um Merlins Willen!", rief Lucius aus.
„Lass nur, Lou." Sie trat direkt vor Severus. „Sagen Sie, Mr. Snape, sehen Sie irgendwo auf meiner Stirn die Aufschrift ‚Verletze mich'? Weil, falls das so sein sollte, würde ich es gerne abwaschen."
Severus starrte sie an. Er war immer noch wütend wegen der ganzen, verfluchten Situation hier, und nicht zuletzt wegen Lucius' Bemerkung über Lilli, trotzdem machte sich ein seltenes Gefühl in seiner Brust breit – Scham. Und plötzlich wusste er, warum er niemals hatte hier sein wollen, warum ihre Nähe ihn so fertig machte, so wütend. Denn so sehr Daktari sich auch von Narcissa unterschied, wie ein Kobold von einer Elfe, so schienen sie doch unerklärlicher Weise aus der gleichen Welt zu stammen. Diese Frau erinnerte ihn an Narcissa, sie brachte denselben Ton in ihm zum Schwingen, und damit vervielfachte sich sein nur unzureichend verarbeiteter Schmerz. Er leerte sein Glas in einem Zug. Der Whiskey brannte in seiner Kehle.
„Es ist nicht Ihre Schuld, dass Sie mich an jemanden erinnern, den ich verloren habe", quetschte er schließlich hervor.
„Das Tragische daran ist nicht nur, dass diese Person meine Frau war", sagte Lucius plötzlich hart, „sondern dass sie nicht hätte sterben müssen, wenn ihr, du und Cissy, mir die Wahrheit gesagt hättet, Severus. Stattdessen hast du uns alle ins offene Messer laufen lassen. Ich persönlich finde, es ist ein ziemlich gerechter Ausgleich, dass du jetzt noch drei Tage mit Daktari verbringen musst." Sein blasses Gesicht leuchtete im Mondschein, die grauen Augen waren kalt wie Eis. „Hast du wirklich geglaubt, Severus, ich würde nicht mitbekommen, dass Daktari Narcissa ähnelt? Es gibt keinen Schmerz in deinem Gesicht, der groß genug wäre, abzugelten, was du mir damals angetan hast."
Severus starrte Lucius an. Aber auch Daktaris Augen waren in Entsetzen geweitet. „Hast du darauf bestanden, dass wir hierher fahren, damit er leidet, Lou? Du benutzt mich, diese zufällige Ähnlichkeit mit deiner verstorbenen Frau, um Severus dafür zu bestrafen, dass er sie geliebt hat?"
Lucius sah sie an, und plötzlich verschleierte sich sein Blick, seine Stimme klang weich. „Als wir beschlossen haben, hierher zu kommen, tat ich es, weil du immer mit James hierher gekommen bist. Weil ich es dir versprochen hatte. Aber auf dem Schiff hat Severus mir einen Teil meiner Erinnerungen wieder gegeben. Zuerst waren es nur die, von denen ich dir erzählt habe. Aber dann war es, als bräche ein Damm." Er wandte sich Severus zu. „Du allein trägst die Verantwortung für Narcissas Tod."
Severus erhob sich. „Du erwartest hoffentlich nicht, dass ich bleibe, um dich weiter zu unterweisen, Lucius. Zwischen uns besteht keine Basis mehr für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit." Die Schuldzuweisung hatte ihn unendlich hart getroffen. „Ich habe Narcissa nicht getötet. Das waren der Dunkle Lord und seine Schergen", sagte er, verzweifelt bemüht, seiner Stimme einen kühlen, beherrschten Klang beizumessen.
Er erhob sich und leerte den Rest von Daktaris Glas, das noch auf dem Tisch stand. Langsam ging er davon.
„Hol ihn zurück, Lou", hörte er den Kobold sagen.
„Warum sollte ich?", gab Malfoy kalt zurück.
„Weil er die Wahrheit sagt und du im Unrecht bist. Und weil er nicht klar kommen wird, allein ohne seinen Zauberstab. Er gehört zu den Guten – so wie du."
„Er ist mir egal. Lass ihn doch verrecken", sagte Lucius eisig.
„Oh, verdammter Sturkopf, Lou!", fluchte Daktari, und Severus hörte ihre leichten Schritte hinter sich. Nach etwa fünfzig Metern hatte sie ihn eingeholt. Behutsam legte sich ihre Hand auf seinen Arm.
„Bleiben Sie, Severus. Das hat doch keinen Sinn, hier jetzt ziellos durch die Nacht zu stolpern. Schauen Sie nur, es fängt wieder an zu regnen."
Er hielt inne, dann drehte er sich zu ihr um. „Aus welchem verdammten Himmel sind Sie eigentlich gefallen?", fauchte er.
„Kein Himmel. Eine Hölle. ‚Huis clos' – Geschlossene Gesellschaft. Sie lieben etwas, das sie sehen, wenn Sie mich ansehen, doch ich bin es nicht. Sartre hatte recht." Sie lächelte. „Kommen Sie. Wir trinken den Whiskey aus und Sie machen noch ein paar französische Philosophen nieder."
Er zögerte. „Auch deutsche?" fragte er schließlich.
„Klar", nickte sie. „Vernichten wir Heidegger und diskutieren wir Adorno in Grund und Boden."
„Klingt nach einer tollen Nacht", meinte er schließlich, mit nur einem Hauch Sarkasmus in der samtigen Stimme.
„Sie werden sehen, eine solche Nacht wird nach jedem Glas besser", versprach sie.
Fortsetzung folgt
A/N. Die Theorien von Sartre lest Ihr - bei unstillbarem Interesse - am besten in seinem Hauptwerk nach. L'Être et le néant (Das Sein und das Nichts) und L'Existentialisme est un humanisme (Der Existentialismus ist ein Humanismus). Gibt es alle auch auf Deutsch, genau wie sein wohl berühmtestes Theaterstück Huis clos (Geschlossene Gesellschaft).
Daktari zitiert das Drama deswegen, weil es um einen Mann und zwei Frauen geht, die sich mit allerlei Bosheiten gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Es geht deswegen in dem Stück um unerfüllte, abgewiesene Liebe, weil die jüngere Frau die ältere liebt, die ältere den Mann und der Mann die jüngere. So kann keiner von ihnen je Erfüllung finden, das sie auf ewig zu dritt in einem – ich glaube, es war ein Zugabteil – zusammen reisen müssen, schließlich sind sie in der Hölle.
Die Beziehung zu Snapes Leben wird deutlich, als Lucius auf die Ähnlichkeit zwischen Daktari und Narcissa hinweist. Daktari erinnert Severus an Narcissa, aber natürlich ist sie nicht Narcissa (wer mir so einen doofen Plot unterstellt, hat nichts verstanden), die er niemals wieder bekommen wird. Eine verlorene Liebe also. Natürlich ist auch Lucius' Hinweis auf Lilli berechtigt, eine abgewiesene Liebe, die Severus vermutlich stark geprägt hat.
Auch Lucius leidet – nachdem seine Erinnerung wieder da ist – unter der ‚Verlorenen Liebe'. Ihm ist wieder bewusst, was er an Narcissa verloren hat. Man könnte auch sagen, er leidet außerdem darunter, Remus nicht wieder sehen zu können, was seine schlechte Laune und bösartige Stimmung erklären würde.
Severus' nicht eben taktvolle Bemerkung zu Daktari, sie sehe aus, als wisse sie etwas von verschmähter Liebe, hat einen tragischen Hintergrund, den er nicht kennt: Denn auch Daktari ist mit ‚verlorener Liebe' geschlagen, da sie ja ihren Mann durch einen Unfall verloren hat.
Hier spiegelt sich dann die philosophische Diskussion der Charaktere in ihrem Schicksal. Drei zutiefst unglückliche Protagonisten bei Sartre, und drei gebrochene Charaktere bei Lady of the Dungeon. Na, wenigstens befinde ich mich jetzt in nicht geschlossener, aber guter Gesellschaft. ;-)
