Kerkermond Evolution
Fanfiction von Lady of the Dungeon
Slashig-trashige Fanfiction, in der ein gewisser hakennasiger Zaubertränkemeister auf unkonventionelle Weise mehrere Zimmer aufräumt und dabei eine folgenschwere Entscheidung trifft.
Danke an lufa, Nicole, lola, Sally und Moonlight für Eure Reviews! Eigentlich schreibe ich diese Geschichte nur noch für Euch weiter, denn ich weiß ja, wie es ausgeht ;-)
oooOOOooo
Ihr Lieben,
Halloween naht, draußen wird es langsam dunkler und düsterer, und meine fröhlichen Fanfictions überziehen sich mit einem schwarzen Schleier. Genießt den Morgen in der holsteinischen Metaller-Idylle mit seinen letzten Sonnenstrahlen, denn die eisige Nacht streckt schon ihre kalten Finger aus nach unseren tapferen Helden…
oooOOOooo
Musik:
Nightwish: I walk alone
oooOOOooo
Kapitel 44. Severus: Ein grausamer Plan
Daktari hatte nicht übertrieben, als sie eine stetige Verbesserung angekündigt hatte. Mit jedem Glas Whisky und jedem Thema, das sie anschnitten, hob sich Snapes Laune deutlich. Nach einer halben Stunde hatten sie Heideggers ‚Kritik der traditionellen Metaphysik' in Bausch und Bogen verdammt und nach einer weiteren halben Stunde lag Adornos ‚Dialektik der Aufklärung' in Trümmern. Bissig zerpflückte Severus die hehren Theorien, schnitt ihre schwachen Punkte an und trampelte auf ihrem Kern herum. Daktari verteidigte zum Schein, um sich schließlich wie eine Krähe auf die Überbleibsel zu stürzen. Sie schien dabei höchst vergnügt.
Mit leuchtenden Augen und geröteten Wangen bekannte sie schließlich: „Und als Musiker war Adorno auch keine Leuchte. Nie hat er sich aus dem Schatten Alban Bergs befreien können."
Mit wehenden Fahnen warf sich Severus in die Diskussion um moderne Musik, die sie ihm damit eröffnete. Tatsächlich wurde er sich mit Daktari schnell einig, dass es nach der Romantik in der Moderne nur noch wenige Komponisten gegeben habe, die überhaupt einer Erwähnung wert seien.
„Sieht man von Heavy Metall ab, versteht sich", schränkte sie ein.
„Ich kann nicht nachvollziehen, was man an dieser Art der … Geräuscherzeugung finden kann", meinte Severus und unterdrückte einen Rülpser. Bei Merlin, er sollte schlafen gehen. Seine Manieren drohten ihn im Stich zu lassen.
„Mich reizt die komplexe musikalische Struktur, die mit der einer Sinfonie im klassischen Sinn oft mithalten kann. Elemente aus Barock und Romantik bereichern das Klangschema, und die Dominanz melodischer und harmonischer Phasen erinnert teilweise sogar an Wagner. Gut gemacht ist es eine progressive, konzeptionelle Musikform."
„Das können Sie mir nicht beweisen", beharrte der Tränkemeister. Bei Merlin, einer musiktheoretischen Diskussion sah er sich langsam nicht mehr gewachsen. Das wievielte Glas leerte er eben?
„Ich denke doch", entgegnete der Kobold. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wir beide sehen uns morgen eine ganz bestimmte Band an. Und wenn Sie in der Lage sind, die Kadenz des Leitthemas zu notieren, gibt es auf der Rückfahrt ausschließlich klassische Musik."
Severus schnaubte empört. „Aus diesem disharmonischen Krach eine Kadenz herauszuhören grenzt an Ketzerei. Aber schön, die Wette gilt."
Zufrieden lehnte er sich zurück, wobei das leichte Drehen in seinem Kopf der angenehmen Empfindung Vorschub leistete. Er hatte keinerlei Zweifel daran, dass ihm diese Aufgabe leicht fallen würde. Immerhin besaß er ein ausgezeichnetes Gehör.
Dieses ausgezeichnete Gehör ließ ihn jetzt auch auffahren, als das charakteristische ‚Plopp' einer Apparition in der Nähe des Zelts ertönte. Severus packte den Kobold und schob sie hinter sich in Deckung. Angespannt starrte er in die Dunkelheit.
Eine Gestalt in einem Schottenrock, in der Hand einen Zauberstab, stapfte zielstrebig auf sie zu. Blondes Haar, offenbar magisch verlängert, fiel über ein schwarzes Oberteil mit dem Schriftzug „Metallica". Ganz offensichtlich hatte Remus den Amerikaner über das, was ihn hier erwartete, in Kenntnis gesetzt.
„Hi, Severus", grüßte Gawain und schenkte dem Kobold ein strahlendes Lächeln. „Guten Abend, oder vielmehr, guten Morgen, schöne Frau. Du musst Daktari sein. Remus hat mir eine Menge über dich erzählt. Ich bin Gawain MacGonagall."
„Hicks", machte der Kobold. „Hallo Gawain." Sie reichte ihm die Hand.
„Ich wollte schon immer mal hierher", verkündete er gut gelaunt. „Drei Tage grölen, saufen und sich hemmungslos am Hintern kratzen dürfen. Severus, du bist zu beneiden!"
Der Tränkemeister zog ein säuerliches Gesicht.
„Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet du auf Metall stehst", fuhr Gawain fort.
„Ist es denn deine Musik?", erkundigte sich Daktari interessiert bei Gawain.
„Nicht unbedingt", antwortete der Werwolf. „Ab und zu kann ich das gut hören, aber ich müsste jetzt nicht um jeden Preis drei Tage Anreise in einem Bus voller Headbanger haben."
Er lächelte, doch es hatte etwas Melancholisches.
„Obwohl, im Vergleich zu dem, was uns in nächster Zeit bevor steht, wäre selbst ein vierwöchiger Wacken-Aufenthalt mehr als akzeptabel."
Er trat zu Snape.
„Bist du noch nüchtern genug für ein Gespräch, Severus?" Seine Augen waren ungewohnt ernst. Ein seltsamer Anblick für den jungen Amerikaner, der stets zu - meist geschmacklosen – Scherzen aufgelegt war.
„Dich zu sehen ist ernüchternd genug", grollte der Tränkemeister.
„Unser Whiskey ist inzwischen sowieso alle", ergänzte Daktari. „Im Wagen ist Cola und löslicher Kaffee, Heißwasserzaubern könnt ihr ja. Ich geh' schlafen und lass euch quatschen."
Sie streckte sich wie eine Katze und gähnte.
Als sie bei Lucius im Zelt verschwunden war, sagte Gawain anerkennend: „Was für eine Nette. Muggelfrauen haben so etwas herrlich Unbefangenes, das den meisten Hexen irgendwie fehlt." Er grinste. „Es sei denn, man hat soviel Glück wie ich und erwischt eine Tonks."
Snape sparte sich jeden Kommentar.
„Die Dinge laufen in HQ zufrieden stellend, im Rahmen der derzeitigen Möglichkeiten", informierte ihn Gawain. „Merlin, Severus, brauchst du einen Ausnüchterungstrank? Deine Augen sind ganz glasig."
„Beschäftige dich nicht mit meiner Anatomie", grollte der Slytherin. „Gewöhn dir bitte diese Pseudo-Agentensprache ab, und bring mich auf den aktuellen Stand."
„Physiologie", korrigierte ihn Gawain.
„Was?"
„Es muss heißen: ‚Beschäftige dich nicht mit meiner Physiologie', oder noch besser: Pathologie. Glasige Augen sind ja nicht normal."
Während Severus sich noch fragte, wofür in aller Welt die Götter ihn straften, dass jeder meinte, ihn ständig in pseudowissenschaftliche Diskussionen zu ziehen und vor allem permanent korrigieren zu müssen, fuhr Gawain fort: „Remus und Bill haben mit dem Wissenschaftler gesprochen, und sie wissen jetzt zumindest, an welchen arkanen Punkten sie ansetzen müssen. Aber die Feinarbeit ist schwierig und du machst dir keine Vorstellung von ihrem Arbeitspensum. Sie sind von Tee auf Kaffee umgestiegen, um besser arbeiten zu können."
„Wie heldenhaft", ätzte Severus und beschloss, die beiden mit einem Trank aus seinen persönlichen Vorräten zu bedenken, der für ein paar Tage jedes Schlafbedürfnis unterdrücken würde. Kaffee! Auf so eine Idee konnte auch nur Gawain kommen. Zumindest Lupin und Dumbledore mussten doch wissen, dass es andere Mittel gab, die Konzentrationsfähigkeit…ach, was interessierte es ihn.
„Shacklebolt, Alicia und das Rudel bereiten die feindliche Übernahme von Voldemorts Unterschlupf vor. Dank Madame Hoodias ausgezeichnetem Veritaserum wissen wir von Pettigrew, dass Voldemort in zwei Tagen eine Reise nach Rumänien plant. Das Aurordepartment hat den Plan, seine Kontaktaufnahme mit der mächtigen dunklen Bewegung im Ostblock zu vereiteln, aufgegeben…"
„Kein Wunder, wenn sie alle nicht mehr zaubern können", zischte Snape.
„…der Grund liegt darin, dass man Voldemort lieber außer Haus weiß, wenn man mit so wenigen Leuten versucht, seine Maschine außer Gefecht zu setzen. Merlin, Severus, du weißt, was für eine Himmelfahrtsmission das ist. Hast du schon mit Malfoy gesprochen?"
„Nicht darüber. Lucius ist…nur mäßig kooperativ."
Gawain biss sich auf die Lippen. „Weiß er's schon?"
Snape schüttelte den Kopf, hielt jedoch sogleich in der Bewegung inne, weil ihm davon schwindelig wurde.
„Ich muss morgen noch einmal einen Legilimens durchführen und dann mit ihm sprechen. Hast du meinen Zauberstab?"
Gawain zeigte ein breites Zahnpasta-Reklame-Grinsen.
„Wie könnte ich, wo du ihn dir doch von einem Muggel hast abnehmen und zertrümmern lassen?"
Doch dann langte er in die Tasche seines Schottenrocks und präsentierte ein schmales Etui im Tartandesign.
„Ein Reservestab, Familienerbstück der MacGonagalls. Ich wollte mir nicht von den Wachzaubern in Spinners End das Hirn wegpusten lassen. Lass ihn dir nicht schon wieder abnehmen, Sev."
Snape verdrehte die Augen, griff jedoch sofort nach dem verpackten Stab. Genau genommen hatte Gawain Recht – er selbst hätte im umgekehrten Fall ebenso gehandelt, sah man davon ab, dass er dem Werwolf niemals ein Erbstück anvertraut, sondern irgendwo einen Stab ‚organisiert' hätte.
Severus zog den Stab aus dem Futteral und schwang ihn vorsichtig durch die Luft, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie niemand beobachtete. Der Tisch vor ihm begann zu schweben und verfärbte sich überdies lila. Severus zuckte zurück.
„Ach ja, er neigt dazu, jede Art von Verwandlung zu begünstigen", erläuterte Gawain jetzt hilfreich. „Wenn du also aus deiner Robe einen schicken Ledermantel machen willst, sollte es dir damit leicht fallen."
Severus mühte sich, den Tisch wieder in seinen vorherigen Zustand zu versetzen. Bis auf ein paar violette Flecke an einem der Tischbeine gelang es.
„Ich habe zu viel getrunken, um heute Nacht noch zu disapparieren", sagte Severus. „Wir müssen das auf morgen früh verschieben."
„Prima", meinte Gawain. „Wo schlafen wir?"
Das war allerdings eine interessante Frage. Das Zelt kam nicht in Frage, zumal dort vermutlich nur Platz für zwei Personen war, auch wenn Lucius etwas von „schon mit fünf Kindern probiert, kein Problem" erzählt hatte.
„Du im Grimmauldplatz, ich im Bus", beschloss Severus schließlich.
„Oh nein, mein Freund. Noch eine Langstrecken-Apparition, und ich habe morgen so einen Kater wie du, ganz ohne das Vergnügen einer halben Flasche Irischen Whiskeys dazu gehabt zu haben", widersprach Gawain.
Er richtete seinen Stab auf den Bus. „Alohomora. Enlargo." Mit einem fürchterlichen Knarzen verbreiterte sich das alte Fahrzeug. "Sieht doch prima aus", frohlockte der Werwolf gut gelaunt. Ohne sich weiter um Severus zu kümmern, beschwor er Luftmatratze und Schlafsack und stieg durch die große Heckklappe in den Bus.
„Komm schon, Severus, die Nacht wird nicht jünger", rief er Snape zu.
„Bei Merlin", grummelte der Tränkemeister. „In einem alten Bus mit einem Werwolf, noch dazu einem amerikanischen, und all das inmitten von tausender durchgeknallter Muggel."
Leicht schwankend schritt er zum Wagen. Müde krabbelte er hinein und zog sich die Decke über die Ohren, die Hand fest um den Zauberstab geschlossen. ‚Immer wachsam' schoss es ihm durch den Kopf. Trotz der beschämenden Situation wurde ihm jedoch bewusst, dass er in den letzten Jahren selten so weit ab jeder realen Gefahr geschlafen hatte wie hier. Mit einem Seufzen sank er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
oooOOOooo
Das Aufwachen am nächsten Morgen war deutlich unangenehmer als das Einschlafen am Vorabend. Wobei der Ausdruck ‚Vorabend' grob an den Realitäten vorbei ging. Es musste nach zwei gewesen sein, als Snape schlafen gegangen war.
„Severus." Jemand rüttelte ihn unsanft am Arm. „Severus. Wer ist der Typ in unserem Auto?"
Severus kniff die Augen zusammen, um nicht dem grausig hellen Tageslicht ausgesetzt zu sein. Sein Kopf hatte die Ausmaße eines Halloween-Kürbis und es summte und dröhnte darin wie in einem Bienenschwarm. Einem ziemlich aufgeregten, gereizten Bienenschwarm. Vielleicht waren es auch Hornissen.
„Lucius."
„Nein. Ich bin Lucius", sagte der Rüttler. „Das ist nicht Lucius. Mann, mach endlich die Augen auf. Es ist gleich Mittag."
Undeutlich erkannte Snape vor sich Lucius Malfoy, der einen Heiligenschein trug. Dann wurde ihm klar, dass sein blondes Haar lediglich das Sonnenlicht reflektierte.
„Morgen, Lou", sagte eine Frauenstimme und an Severus' Ohr drang das Geräusch einen herzhaften Kusses. „Frühstück gibt drüben bei Ian und Giles. Das dort ist übrigens Gawain MacGonagall, der Werwolf, von dem Remus erzählt hat."
Bei dem Wort ‚Werwolf' öffnete Gawain die Augen, fuhr auf und krachte mit dem Kopf gegen das Dach des Busses.
„Werwolf?", wiederholte Lucius verwirrt. „Macht euch nicht lächerlich, das sind doch bloß Schauergeschichten."
Jetzt war es an Severus, in ziemlich rasantem Tempo und mit höllischen Kopfschmerzen wirklich aufzuwachen. Wieso erinnerte sich Lucius nicht mehr daran, dass Remus ein Werwolf war? Gestern hatte er alles wieder gewusst!
Severus tauschte einen ziemlich verkniffenen Blick mit Gawain.
„Merlin ist das warm hier", beschwerte sich der Amerikaner. „Mir klebt jeder Faden am Leib."
Tatsächlich war auch Snape unangenehm durchgeschwitzt. Aber viel mehr Sorgen bereitete ihm Lucius, der jetzt kopfschüttelnd in Richtung des Vorzeltes der Irischen Headbanger stapfte, mit denen Daktari offenbar eine Festivalfreundschaft angeleiert hatte.
„Gestern hat sich Lucius noch an alles erinnert", sagte er dumpf. „Heute weiß er nicht einmal mal, was ein Werwolf ist?"
„Oh, er weiß es, er glaubt nur nicht dran", korrigierte Gawain und murmelte einen Reinigungszauber, während er sein T-Shirt über den Kopf zog.
Seufzend erläuterte Severus dem Amerikaner, wie Lucius' Erinnerung nach dem ersten ‚Legilimens' plötzlich kaskadenhaft auf ihn eingestürzt war, eine unbeabsichtigte Kettenreaktion.
„Vielleicht war es einfach zu viel auf einmal, und sein Kopf hat Teile der Erinnerungen wieder abgeschaltet", mutmaßte Gawain.
„Eben das macht mir Sorgen", nickte Snape. „Wenn sich Erinnerungen ohne Kontrolle an- und abschalten, wird er völlig unkalkulierbar. Stell dir vor, eben ist ihm noch klar, dass er gegen den Dunklen Lord kämpft, und im nächsten erkennt er ihn nicht mehr."
„Du meinst, er könnte die Mission mitten drin verwirrt abbrechen?" Gawains Miene war besorgt.
„Worst-Case-Szenario", erwiderte Snape. „Oder er denkt plötzlich, er gehört zur anderen Seite." Er seufzte. „Dabei haben wir noch nicht einmal mit ihm über seinen heldenhaften, vermutlich aber tödlichen Auftritt auf dieser Aktion gesprochen." Er schüttelte den Kopf.
„Ich könnte das übernehmen", bot Gawain an.
„Nein", erwiderte der Tränkemeister. „Lucius ist…er war mein Freund. Ich mach das selbst. Du musst Dumbledore informieren, sobald ich mich mit Lucius' Gehirn näher befasst habe."
„Ich will bleiben und mit heute Abend ‚Iron Maiden' anhören", sagte Gawain. „Wer weiß, ob ich lange genug lebe, um die noch mal live zu sehen."
„Wenn du so denkst, solltest du deine letzen Abende lieber mit der Frau verbringen, an der dir etwas liegt, wie du sagst", mahnte Severus.
Gawain lachte. „Das ist ja ein fast väterlicher Rat, Severus. Keine Sorge, Tonks kommt heute Abend her. Sie steht auf Metall."
Nachdem sie alle ein opulentes Frühstück mit Toast, Eiern und Speck aus der Pfanne, die auf einem Campinggaskocher brutzelte, genossen hatten, zu dem es zu Lucius' großer Freude (und nur zu seiner) sogar Melissentee gab, nachdem sich herausstellte, dass die irischen Headbanger allesamt im wahren Leben fleißige Studenten waren, und nachdem Gawain begonnen hatte, der Französin von Vorabend schöne Augen zu machen und dafür fast verprügelt worden wäre, wandte sich Severus an seinen ehemals engsten Freund.
„Wir müssen reden, Lucius."
Dieser musterte ihn mit kühlem Blick. „Das müssen wir wirklich."
Sie kehrten der heute Mittag noch erstaunlich stillen wilden Szene den Rücken und gingen ein Stück den Weg zwischen den Zelten entlang, in Richtung der Bühnen.
„Du hast etwas mit meinem Kopf gemacht", beklagte sich Lucius. „Vor meinen inneren Augen rauschen hunderte von Bildern vorbei, die ich nicht einordnen kann. Ein Gesicht, zu dem ich eben noch einen Namen hatte, ist mir plötzlich fremd. Da sind Orte, an die ich mich erinnere, aber ihre Namen fallen mir nicht ein. Was sind das für grüne Dinger, die den Tee bringen?"
„Hauselfen", antwortete Severus. Es war viel schlimmer, als er befürchtet hatte. „Ich möchte, dass du mir erlaubst, noch einmal in deine Gedanken einzudringen, Lucius", sagte Severus.
Sie hatten den Rand des Festivalgeländes erreicht und er fluchte nachlässig ein Loch in den Zaun. Sie gingen weiter bis zu einer Baumgruppe, unter der sich Lucius im Schatten ins Gras sinken ließ.
„Es tut mir Leid wegen gestern Abend", sagte Lucius. „Ich war nicht ich selbst."
„Doch", erwiderte Severus. „Warst du. Mehr als in den letzten Monaten. Der alte Lucius war kein besonders guter Mensch."
„Danke", gab Lucius sarkastisch zurück. Er rupfte eine Glockenblume ab und schob sich gedankenverloren den Stängel zwischen die Zähne. „Remus ist ein guter Mensch", sagte er plötzlich. „Warum liebt er mich?"
„Du erinnerst dich nicht?", erkundigte sich Severus.
Lucius schüttelte den Kopf. „Nicht an das, was vor Irland passierte."
Severus zog den Stab. „Entspann dich. Ich werde dir helfen. Vertrau mir. Legilimens."
Severus visualisierte den Geist von Menschen, in deren Erinnerung er eindrang, immer gerne mit dem Inneren von Häusern. Manche waren penibel aufgeräumt, andere chaotisch, die meisten lagen dazwischen. Lucius' Gehirn erinnerte Severus an ein Haus, durch das ein Tornado gefegt war. Überall lagen von den Wänden gefallene Bilder, die Rahmen zum Teil zerbrochen, die Gesichter der Menschen auf den Photographien mit schwarzem Ruß unkenntlich gemacht. Kein Wunder, dass Lucius sich nicht mehr zurecht fand. Langsam schritt Severus durch das ‚Haus'. Hatte es vor dem ersten Legilimens zwei kleine, ordentliche Zimmer gegeben, in denen die Erinnerung an das Jahr in Irland untergebracht waren, und dahinter eine fest verschlossene Tür, quollen jetzt mehr und mehr Bilder aus dem Tornadohaus in die kleinen Räume und brachten auch hier das Gefüge durcheinander. Es würde Monate dauern, bis Lucius wieder klar denken konnte. Monate, in denen er, Severus, jeden Tag mit ihm würde arbeiten müssen. Er hatte keine Ahnung, wie er das bewerkstelligen sollte. Aber falls es ihm nicht gelang, Lucius' Geist hier und in den nächsten Tagen soweit zu ordnen, dass er den Einsatz in Voldemorts Hauptquartier durchziehen konnte, waren alle weiteren Überlegungen ohnehin müßig.
Severus lief weiter durch Lucius' inneres Haus, stieg über Trümmer und Unrat, und öffnete schließlich eine Tür, die hinter einem Vorhang verborgen war. Was für eine Erinnerung mochte es sein, die sein ehemaliger Freund hier so sorgfältig verbarg?
Er tippte im Geiste mit dem Zauberstab dagegen, ein leises ‚Alohomora' auf den Lippen. Die Tür verschwand, Severus trat einen Schritt nach vorne und betrat eine Art Kapelle. Licht flutete durch hohe, gotische Fenster und ergoss sich auf den makellosen hellen Steinboden. Der Raum besaß keine Bänke, keine religiösen Symbole, doch an der Stirnseite befand sich ein langer Tisch mit einem kostbaren weißen Damastüberwurf. Darauf stand ein einziges Bild: Es zeigte Remus Lupin. Das Bild sah aus, als sei es kurz nach Lupins Befreiung aus Voldemorts Kerker aufgenommen. Dunkle Schatten lagen unter den Augen des Gryffindors, die noch von den Entbehrungen der Haft und dem vergangenen Vollmond zeugten. Ein Zettel, eindeutig Lucius' geschwungene Handschrift, steckte an dem Bild. Severus las die Aufschrift: Wahrheit oder Pflicht? Glenkill.
Noch während Severus das Bild betrachtete, fasste er einen Plan. Es war ein durchtriebener, hinterlistiger Plan von perfider Bosheit, aber er war auch brillant und bestrickend einfach. Eines Slytherin würdig!
Hier in diesem Teil von Lucius' Erinnerung lag der Schlüssel für die magische Liebe zwischen Lucius Malfoy und Remus Lupin.
Lupin, der von Severus und Dumbledore gefordert hatte, mit Lucius gemeinsam in den von Voldemort versiegelten Raum zu apparieren, aus dem einen Grund, nämlich mit seiner Magie die tödlichen Strahlen zu absorbieren, die der Bruch des Siegels freisetzen würde. Doch ausgerechnet der Werwolf war immens wichtig für den Orden. Er war derjenige, dessen arithmantisches Wissen gefordert war, um die Maschine zu sabotieren, falls es nicht möglich wäre, sie zu zerstören. Mit einem Veela, der sich wie Lucius nur noch bruchstückhaft seiner Fähigkeiten entsann, zu apparieren, stellte jedoch ein unkalkulierbares Risiko dar. Lupin war zu wichtig, um bei dem Versuch, Lucius zu retten, ins Nirvana appariert zu werden oder zu sterben. Aber es gab andere...
Mit kalten, bleichen Fingern zog Severus vorsichtig das Bild aus dem polierten Silberrahmen. Ein Metall, das ohnehin eines Lykantrophen nicht statthaft ist, dachte er mit einem ironischen Lächeln. Ein kleiner Feuerzauber, und schon ging das Portrait von Lupin in Flammen auf. Severus schwang den Stab ein weiteres Mal und beschwor ein anderes Bild, einer anderen Person. Sachte, beinahe zärtlich schob er es in den fein ziselierten Rahmen. Er trat einen Schritt zurück, um sein Werk zu betrachten. Gar nicht übel. Zu dieser Person passte der silberne Rahmen viel besser.
Auf dem Weg hinaus schaffte Severus noch ein wenig Unordnung in den beiden aufgeräumten Räumen, die Lucius' Erinnerungen an die letzten zwölf Monate enthielten. Sorgfältig entfernte er jedes Bild und jeden Gegenstand, der an Remus Lupin erinnerte.
Oh ja, Lupin würde ihn dafür hassen bis ans Ende seiner Tage. Tonks würde nie wieder ein Wort mit ihm sprechen. Nun, das war kein all zu großer Verlust.
Alle würden sie ihn dafür verurteilen.
Die Verantwortung lag wie ein schwerer, dunkler Umhang auf seinen knochigen Schultern, doch Severus hatte sich entschieden. In diesem Fall heiligte der Zweck die Mittel.
Fortsetzung folgt
