Kerkermond Evolution

Fanfiction von Lady of the Dungeon

Slashig-trashige Fanfiction, in der ein gewisser hakennasiger Zaubertränkemeister sich mit seiner dunklen Seite konfrontiert, und der hellen eine letzte Stippvisite abstattet, während Daktari philosophische Überlegungen anstellt und Lucius' Erinnerungslücken erste Auswirkungen zeigen.

oooOOOooo


Danke an Nicole, Lufa, Lola, Silbergold, Reditus Mortis und Lilia für Eure Reviews! Diesmal geht es flott weiter, und ich hoffe, Ihr habt Spaß mit den Gemeinheiten unseres Lieblingstränkemeisters. Viel Vergnügen!

oooOOOooo


Musik:

Nightwish: Cadence of her last breath

oooOOOooo


Kapitel 45. Severus: Vertrauen und Verrat

Nachdem Severus Lucius' Kopf und Gedanken wieder verlassen hatte, packte er sich den Bewusstlosen über die Schulter und apparierte auf das Festivalgelände zurück, direkt ins Zelt. Er bettete seinen ehemaligen Freund auf eine der zwei Luftmatratzen und ließ ihn allein.

Snapes nächster Weg führte ihn die große Öffentliche Eulerei der alten Hansestadt Hamburg. Sie war die nächste Metropole, die ihm einigermaßen bekannt war. Von hier würde seine Eule so lange brauchen, dass der Adressat wenig Zeit zum Nachdenken bekäme zwischen dem Empfang der Botschaft und der nachfolgenden Verabredung. Finster starrte Severus der Eule nach. Es war Zeit, einmal gewonnenes Vertrauen zu nutzen – und zu missbrauchen.

‚Zeit', dachte er sinnierend, während er sich unter die Menschenmassen auf der Einkaufsstraße mischte, um unauffällig dem Bahnhof zuzustreben, hinter dem es einen geheimen Apparitionspunkt gab.

Die Zeit war gekommen. Die Zeit, sich ein letztes Mal zu entscheiden, ein letztes Mal seine Loyalitäten zu überprüfen. Jetzt hatte er alles in der Hand. Alles – fast grenzenlose Macht. Dumbledore und der Orden vertrauten ihm. Wenn er dem Dunklen Lord Lucius auslieferte und dazu die wenigen Ordensmitglieder, deren Kräfte noch nicht von der Absorptionsmaschine neutralisiert wurden, wäre sein Platz zur Rechten des kommenden Herrschers der Magischen Welt unantastbar. Eine verlockende Vorstellung für jeden Slytherin.

Wie konnte Dumbledore nur glauben, dass er, Severus, fünfzehn Jahre lang einer unerfüllten Liebe nachtrauerte, zu einem Mädchen, das sich für seinen Rivalen, für James Potter, entschieden hatte? Dass der Tod dieser Frau ihn in einem unauflösbaren Schuldkomplex gefangen hielt und in Treue folglich an ihre Ideale, ihre Freunde, und damit an den Orden, fesselte? Was für ein hanebüchener Unsinn!

Natürlich hatte er eine ganze Weile mit Lillis Tod und seiner Schuld zu kämpfen. Sie war ihm niemals gleichgültig gewesen und seine Gefühle für sie waren leidenschaftlich und aufrichtig. Doch in jedem Leben gab es eine zweite Chance, und die seine war Narcissa Malfoy gewesen.

Doch Cissy war tot und ihre Asche vom Wind verweht.

Was ihm blieb, war die Erinnerung, und die Aussicht darauf, sein Leben mit Macht, Todesserehren und Reichtum zu füllen, während er im Auftrag des Dunklen Lords dessen weltweite Invasion lenkte. Großbritannien war längst nicht das Ende des ‚Großen Plans'. Nach Potters Tod würde bald die ganze Welt zu Füßen seines Meisters liegen. Für einen Moment berauschte sich Snape an dieser Vorstellung.

oooOOOooo

„Wann spielt die Gruppe mit den schwierigen Kadenzen?", erkundigte sich Gawain interessiert bei Daktari.

„Um halb elf, auf dem True Metall Stage. Vorher spielen Apocalytica."

Seit sie festgestellt hatten, dass Lucius im Zelt lag und schlief, es ihm von der Müdigkeit abgesehen jedoch gut ging, hockten sie in der Sonne und vergnügten sich mit Cocktails, die Gawain von der Bar im Bereich der Fressmeile illegal beschwor. Sie hielten den Alkoholpegel niedrig, aber aufrecht.

Daktari ließ sich von Gawain in das Geheimnis der Lykantrophie einführen. Sie interessierte sich für die psychologischen Auswirkungen ebenso wie für die physiologischen Effekte, sie lauschte fasziniert Gawains Darstellung der Vollmondnächte. Der junge Amerikaner war angetan von ihrer vorurteilsfreien, wissenschaftlichen Herangehensweise.

„Wenn dieser ganze Kampf vorbei ist, wäre es schön, wenn du mit deiner Freundin ab und zu zum Grillen vorbei kommen würdest", lud sie ihn ein. „Louis würde sich bestimmt auch freuen. Und ich finde es sehr cool, einen Werwolf in meinem Bekanntenkreis zu haben."

Gawain wollte gerade nachfragen, was an Remus nicht werwölfisch genug sei, als ihm klar wurde, dass Remus offenbar dieses Detail – wie so oft – verschwiegen hatte. Wusste Lucius überhaupt davon? Doch bevor Gawain weitere diskrete Nachforschungen hierzu anstellen konnte, wurde ihr Gespräch unterbrochen.

„Sie glauben tatsächlich an ein normales Leben nach dem Kampf, Mrs. Herriot…Daktari?" erkundigte sich Snape, der eben wie aus dem Nichts auftauchte.

„Sie nicht?", fragte sie zurück, um mit dem Anflug eines Lächelns hinzuzusetzen: „Das Leben wird immer irgendwie ‚normal' weitergehen, Severus. Menschen mögen in Extremsituationen stecken, doch die anderen sechs Milliarden um sie herum leben ein ‚normales' Leben und nehmen ihre Nöte nur am Rande wahr."

Er setzte sich zu ihnen, nachdem er einen misstrauischen Blick auf den nicht eben Vertrauen erweckenden Campingshocker geworfen hatte. Gawain schob Severus ungefragt eine ‚Bloody Mary' herüber, die er eben beschworen hatte. Snape deutete zum Dank ein winziges Nicken an. Aller Widersprüche zwischen ihnen zum Trotz schätzte er den amerikanischen Werwolf. Er würde seinen Tod bedauern. Sie waren fast Freunde.

„Sie glauben also, dass die Ereignisse um einzelne, extrem mächtige Menschen, den Lauf der Welt nicht verändern können?", nahm Snape das Gespräch mit dem Kobold wieder auf.

Daktari reckte sich, schob ihre Schirmmütze ein Stück zurück und zwinkerte ihn aus rauchblauen Augen an. Sie musste gegen die Sonne schauen, um ihn anzusehen. „Das habe ich nicht gesagt. Aber stellen wir uns mal einen sozialen Umbruch schlimmster Art vor, und lassen wir die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse des Mittelalters zurückkehren. Das wäre schlimm, oder? Aber trotzdem würden die Menschen weiterleben: Sich verlieben, heiraten, Kinder bekommen, einander betrügen, bestehlen, lachen, weinen, arbeiten – eben all das tun, was nun mal zum menschlichen Leben dazu gehört."

„Sie wären alle unglücklich in ihrem Elend", widersprach Gawain.

„Aber nein", sagte Daktari entschieden. „Vielleicht die erste Generation, die noch eine andere Welt kannte. Aber sie würden sich gewöhnen. Der Mensch gewöhnt sich nun mal und dann kehrt die ‚Normalität' zurück. Studien besagen, dass die Menschen im Mittelalter nicht unglücklicher waren als wir."

Sie setzte sich nun ganz auf. „Schaut mal, ihr beide seid ziemlich mächtig. Ihr könntet euch einen Haufen Zeug herbei hexen, so wie diese Cocktails. Severus könnte die Boxen an der Bühne stumm zaubern, daran habe ich keine Zweifel. Er könnte ‚Apocalyptica' nachher dazu bringen, Klassik statt Metall zu spielen, immerhin ist es das, was die Jungs mal gelernt haben. Aber seid ihr deswegen glücklicher als…na, sagen wir mal, ich, eine unbedeutende Muggel mit begrenzten Fähigkeiten?"

Sie sah von einem zum anderen.

„Ich bin glücklich, wenn ich nicht gerade ziemlich gefährliche Anti-Todesser-Operationen durchführen muss", bekannte Gawain. „Wobei mir die Gefahr wenig ausmacht, aber ich habe Angst um Dora."

„Du bist also nicht deswegen glücklich, weil du mächtig bist und zaubern kannst, sondern weil du Freude an deiner Arbeit hast und einen Menschen, den du liebst", konstatierte Daktari. „Dein Leben mag ein bisschen schwierig sein im Moment, aber im Prinzip magst du es. Und genau darin liegt der Schlüssel."

„Wenn es so einfach wäre", unterbrach sie Severus mit schneidender Stimme, „warum sind Sie dann nicht glücklich, Daktari?"

„Aber das bin ich", gab sie zurück. „Im Prinzip. Wissen Sie, Severus, als mein Mann vor fast zwei Jahren starb, dachte ich, die Welt bleibt stehen. Es fühlte sich an, als sei alles Leben zu Eis erstarrt, inklusive mir selbst. Doch irgendwann stellte ich fest, dass alle um mich herum ihr ‚normales' Leben weiter lebten. Ich selbst musste auch in Bewegung bleiben. Fohlen bleiben nicht in den Stuten, nur weil die Tierärztin trauert. Und eines Tages saß ich wieder an einem Feuer, habe Musik gehört und es fühlte sich ‚normal' an. Nicht schön, aber ‚normal'. Es gibt immer ein ‚Leben danach', eine wiederkehrende ‚Normalität', gleich nach welchem Ereignis. Wir Menschen sind so."

„Das ist sehr beruhigend", stellte Gawain zufrieden fest. „Darauf trinken wir."

Er hob sein Glas und stieß mit dem Kobold an. Severus starrte nachdenklich auf die ‚Bloody Mary' in seiner Hand und leerte das Glas dann in einem Zug.

oooOOOooo

Um sieben war Lucius wieder auf den Beinen, und auch Tonks war inzwischen zu ihnen gestoßen. Nach großem Hallo und Begrüßung erfasste eine fiebrige, höchst alberne Vorfreude die kleine Gruppe, die Severus kaum auszuhalten vermochte. Schließlich zogen sie alle zusammen in Richtung Bühne, wo bereits drangvolle Enge zwischen den Boxen herrschte. Eine Band spielte, deren Musik wesentlich melodiöser war, als das was Severus am Vorabend gehört hatte.

Lucius hatte eine Weile gebraucht, um sich an Tonks zu erinnern, aber schließlich hatte er ihr Bild doch aus irgendeiner Ecke seiner maroden Gedanken geholt.

„Was ist mit ihm los?", zischte Gawain Severus zu. „Heute Morgen war er noch völlig bei sich, und jetzt erkennt er Tonks nicht mal?"

„Ich war gezwungen, seine Erinnerungen auf das zentral Wichtige zu reduzieren. Er wird seine Aufgabe erfüllen, das allein zählt." Severus funkelte Gawain in bester Tränkemeistermanier an. Immerhin, der Werwolf nahm die Auskunft hin. ‚Sie sind alle solch vertrauensselige Narren', dachte Snape bei sich.

Dora machte sich wenig daraus, dass ihr ‚Onkel' sich nur bruchstückhaft an sie erinnerte. Im Gegenteil: Sie freute sich, dass er interessiert und offen von ihr alles Mögliche über ihr Leben erfahren wollte. Zu ersten Mal überhaupt erlebte sie ihn nicht zynisch, arrogant oder extrem beherrscht, sondern entspannt und charmant. Sie grinste. Im Augenblick, während auf der Bühne umgebaut wurde, quatschte er Daktari mit leuchtenden Augen ins Ohr. Er stand hinter ihr und hatte die Arme mit fast zärtlicher Geste um den Hals der zierlichen Frau gelegt. Offensichtlich erzählte er komische Sachen, denn sie musste immer wieder lachen. Seltsam fand Tonks nur das Verhalten von Severus Snape. Wenn seine Aufgabe wirklich beendet war und er Lucius auf dessen Einsatz vorbereitet hatte, wieso apparierte er dann nicht nachhause? Er hasste Heavy Metall, hatte die Musik mehrmals als ‚Tortur für die Ohren' bezeichnet. Doch statt sich davon zu machen, starrte der Tränkemeister finsteren Blicks auf seine Umgebung.

Was Tonks nicht ahnte: Seine Maßnahmen begannen bereits, erste Wirkung zu zeigen. Lucius – daran hatte Snape sich erinnert – hatte nie etwas anbrennen lassen als junger Mann. Jetzt, unbeleckt von jeder Erinnerung an Narcissa, befreit von allen Gedanken an Remus Lupin, flirtete er ungehemmt mit dem Kobold. Ein grimmiges Lächeln stahl sich auf Snapes Gesicht und verzerrte seine Lippen zu einem kruden Grinsen. Seine Rechnung würde aufgehen.

Für eine Weile fesselten die Geschehnisse auf der Bühne seinen Blick. Vier große Männer mit langen Haaren erschienen dort, eingehüllt in Rauch und Qualm, ‚bewaffnet' mit vier Violoncelli. Grünliches Scheinwerfer strahlten auf den Bühnennebel, wurde reflektiert und ließ die Musiker erscheinen, als seien sie eingeschlossen im tödlichen Licht eines gigantischen ‚Avada kedavras'. Leider fielen sie nicht tot um. Kurze abgehackte Akkorde, als schleiche, oder hüpfe, oder schleiche und hüpfe gleichzeitig, wie es nur ein Zwerg-Troll vermochte, ertönten. Severus erkannte Griegs unvergleichliche Handschrift, die weltberühmte Tonfolge seiner ‚Halle des Bergkönigs'. Eine geschmeidige Oberstimme legte sich über die Tonika, wickelte die Töne ein und nahm ihnen die Härte. Für eine Weile ließen die Musiker ihre Virtuosität und ihr wahres Können aufblitzen. Dann beschleunigte sie ihr Spiel, wurden schneller und lauter, weit über die Dynamik der Komposition hinweg, verfielen in einen Rausch, ein irres Klirren, Schaben und Kreischen der Instrumente, die gequält ihre Seele hinausschrieen. Um Severus herum tobten die Massen. Das unvermeidliche Kopfschütteln war wilder geworden im Takt der Musik, Menschen jubelten, schrieen und torkelten. Es war widerlich und gleichzeitig wohnte all dem eine unglaubliche Magie inne. Der Reiz lag für Severus nicht in der emotionalen Beteiligung der Massen. Er sah Daktaris Augen glitzern. Nein, es war die Vorstellung, wie der Dunkle Lord diese Massen beherrschen würde. Knien würden sie vor ihm, solange seine unendliche Existenz währte. Und er, Severus, würde Teil haben an solcher Macht.

Eine dunkelhaarige Frau betrat die Bühne, einer der Streicher kündigte sie als ‚Christina Scabbia' an. Sie sang mit kräftiger, klarer Stimme, eine Lied über Liebe und Leid, untermalt vom treibenden Klang der Celli. In den Gesichtern rings um ihn zeichnete sich glückliche Verzückung ab. Er warf einen Blick auf Gawain und Tonks, die einander in den Armen lagen und still die Bühne betrachteten. Lucius und der Kobold standen neben ihnen. Eben drehte sich Daktari zu ihrem Freund um und packte ihn an den Schultern. Sie sagte etwas zu ihm, das Severus nicht verstehen konnte und schüttelte vehement den Kopf. Severus runzelte die Stirn. Etwas lief hier nicht wie geplant. Es gab eine kurze Diskussion zwischen den beiden, dann standen sie wieder einträchtig nebeneinander und Daktari hatte sich bei Lucius eingehängt. Dennoch war dies eine distanziertere Position als die, die sie vorher eingenommen hatte. Aus einem ihm unverständlichen Grund verspürte er eine gewisse Befriedigung darüber. Er packte Daktari bei der Schulter.

„Wollen wir jetzt über Kadenzen sprechen?", schrie er ihr ins Ohr.

Sie lachte und schüttelte den Kopf. „Nightwish treten als nächste auf. Dann dürfen Sie sich profilieren, wenn Sie können."

Nach einer Show, die die Erwartungen des geneigten Publikums mehr als zufrieden gestellt hatte, und auch Severus nicht völlig unbeeindruckt zurück ließ, traten die vier Männer ab.

„Ich denke, das waren nun die finnischen Violinisten und ihre Freunde?", erkundigte sich der Tränkemeister.

„Das waren nur die finnischen Violinisten", erwiderte Lucius freundlich. „Ihre Freunde kommen jetzt. Auch aus Finnland, im Übrigen."

„Dann hören wir jetzt Sibelius statt Grieg?"

„Kaum", entgegnete der Kobold, während sie weiter in die Hände klatschte. Die vier waren Magier, auf ihre ganz eigene Art. Sie hatten ihr Publikum verzaubert. Daktari lächelte Severus zu. „Die Kompositionen stammen von Holopainen selbst. Das ist der Keyborder."

Gemeinsam beobachteten sie, wie die Roadies die Bühne umgestalteten. Als sie fertig waren, verlöschte das Licht. Die Spannung im Publikum stieg. Es wurde rhythmisch geklatscht, und die Zuschauer begannen zu rufen: „Nightwish, Nightwish."

Eine Feuerfontäne schoss unter Trommelwirbel neben dem Schlagzeugpodest in die Höhe, und weiche, mit komplexen Klangmustern verbundene Akkorde füllten Severus' Ohren wie musikgewordenes Nordlicht. Die Musiker erschienen, ihre Gestalten begannen sich aus dem blauen Nebel herauszulösen, der sie umgab. Eine junge Frau mit langen, schwarzen Haaren und in einem aufwändig verzierten Samtkleid betrat die Bühne. Ihre helle, klassisch schöne Stimme schwebte über der Musik, drang in sie ein und wand bunte Bänder um Kadenzen und Synkopen. Für eine ganze Weile gab es nichts, außer den Melodien und Klängen in Severus' Kopf und den flackernden Lichtern auf der Bühne. Zum ersten Mal seit langer Zeit stellte der finstere Tränkemeister jedes Denken ein und ließ sich in den pulsierenden Rhythmus der Musik ziehen. Irgendwann – als anstelle der Sängerin einer der Musiker zu singen begann, ein unschönes Geräusch, das eher an das das Krächzen eines Raben erinnerte, löste sich die Faszination. Severus' rastloser Verstand nahm seine Tätigkeit wieder auf. Aufmerksam, doch weniger hingebungsvoll als zuvor, verfolgte er das Geschehen auf der Bühne und die Reaktion des verzückten Publikums. Doch er hatte verstanden, gefühlt und empfunden, dass Musik eine Form der Magie war, die die Muggel durchaus beherrschten.

Mit einem Paukenschlag und diversen Feuereffekten endete das Konzert. Still und offenbar noch unter dem Eindruck des eben Erlebten begab sich die Gruppe zurück zu ihrem Campingplatz.

„Lucius", sagte Severus in die Stille hinein. „Morgen früh wird es Zeit für uns, zu gehen. Ich werde dich gegen neun hier abholen."

„Ich fahre mit Daktari nachhause. Meinetwegen hol' mich in zwei Tagen in Irland ab", gab Lucius unwirsch zurück.

„Die Zeit läuft uns davon, Lucius", spielte Tonks Snape unbeabsichtigt in die Hände. „Wenn Severus sagt, dass er mit dir arbeiten muss, hörst du besser auf ihn. Zuviel hängt vom Erfolg eurer Mission ab." Sie biss sich auf die Unterlippe. Auch sie wusste, was Lucius bevorstehen würde.

„Sicher lässt Dumbledore sich noch etwas einfallen, oder?" erkundigte sie sich bang bei Gawain.

Doch der Amerikaner zuckte die Schulter. „Nur ein begnadeter Fluchbrecher könnte die Strahlungskomponenten des Siegels noch während sie einwirken so modifizieren, dass sie ungefährlich werden. Bill jedoch ist unter den Bestohlenen, kann also nicht zaubern. Remus könnte es vielleicht, aber er darf sich diesem Risiko nicht aussetzen. Ich wäre bereit, es zu versuchen, aber ob ich es schaffen kann, ist eher fraglich. Arithmantik zählt nicht eben zu meinen Steckenpferden. Vielleicht käme Alicia in Frage, sie ist gut."

Lucius legte indessen einen Arm um die Schulter des Kobolds. „Was denkst du, Daktari? Du müsstest alleine zurückfahren."

„Das wäre zwar schade, aber nicht dramatisch. Vielleicht solltest du noch einmal mit Remus darüber sprechen?", schlug sie vor.

„Remus?", wiederholte Lucius mit gerunzelter Stirn. „Meinst du etwa Remus Lupin, den Werwolf?"

„Den…was?" Sie riss die Augen auf.

„Werwolf. Aber wieso sollte ich mit dem sprechen? Und woher kennst du den eigentlich?" Lucius' Miene drückte klar seine Irritation aus.

Severus' Gedanken rasten indessen. Warum nur hatte er nicht bedacht, dass zwar Lucius sich nicht mehr an Lupin erinnerte – zumindest nicht in irgendeinem romantisch-amourösen Zusammenhang -, aber der Kobold durchaus noch wusste, was in den letzten Monaten zwischen Lucius und dem Werwolf vorgefallen war? Solche Fehler unterliefen ihm normalerweise nie. Nun, dieser ließ sich leicht korrigieren.

Stupor!"

Von einem roten Licht getroffen, sackte Daktari in sich zusammen.

„Severus!", rief Tonks entgeistert und lief zu der Frau hin, um ihren Puls zu fühlen.

„Bist du wahnsinnig geworden?", fuhr Lucius ihn an.

„Vergiß das hier", sagte Severus ruhig zu ihm. „Obliviate!"

„Was in aller Welt machst du da?", verlangte nun auch Gawain zu erfahren.

Severus beobachtete Lucius, auf dessen Gesicht ein seltsam teilnahmsloser Ausdruck getreten war.

„Er muss kooperieren. Deswegen habe ich seine Erinnerungen an Remus vorübergehend blockiert", log Snape dreist. „Sie drohte diese Kooperation zu gefährden", er wies auf Daktari. „Bringt sie in ihr Zelt. Ihre irischen Freunde werden schon ein Auge auf sie haben. Wir nehmen Lucius jetzt gleich mit zum Grimmauldplatz. Er kann sich ausschlafen und morgen beginne ich mit der letzten Phase seiner Vorbereitung. Übermorgen ist die letzte Nacht der Abwesenheit des Dunklen Lords. Wir müssen zuschlagen."

Er hatte es geschafft, seiner Stimme etwas Beschwörendes zu geben. Und sein Theater war erfolgreich. Er konnte sehen, dass Gawain und Tonks ihm glaubten. Sie vertrauten ihm eben. Diese Narren!

Mit unbewegter Miene, innerlich jedoch hämisch grinsend, sah Severus zu, wie der Amerikaner den Kobold ins Zelt trug, während Tonks beruhigend auf den verwirrten Lucius einredete. Snape beschwor indes Feder und Pergament und fertigte eine Notiz, die er unter den Scheibenwischer des Busses klemmte und mit einem Impervius gegen den Regen belegte. Schließlich sollte der Kobold seine Botschaft am nächsten Morgen auch lesen können.

oooOOOooo

Die Rückkehr der Zauberer ins Hauptquartier des Ordens verlief problemlos. Severus gelang es, Lucius unauffällig mit einem starken ‚Dormus'-Trank so gründlich außer Gefecht zu setzen, dass dieser den besorgten, völlig übermüdeten Remus Lupin gar nicht mehr zur Kenntnis nahm, als sie Grimmauldplatz erreichten.

Morgen würde Lupin so beschäftigt sein, das er kaum Zeit hätte, seinem vermeintlichen Geliebten nachzusteigen. Außerdem erklärte Severus, Lucius sofort mit nach Hogwarts zu nehmen. In der Ruhe seiner Tränkeküche wollte er mit ihm arbeiten und ihn auf den Einsatz der kommenden Nacht vorbereiten.

Lupin war nicht begeistert, aber er fügte sich, im Sinne des höheren Ziels. Severus verlachte ihn innerlich. Der Werwolf verschenkte die möglicherweise letzten Stunden mit Lucius. Bei Merlin, sie waren alle so leicht auszurechnen, diese Gryffindors.

In Hogwarts angekommen, bugsierte Severus den wie bewusstlos schlafenden Malfoy in sein Schlafzimmer und ließ ihn dort liegen. Vor dem nächsten Mittag würde er nicht von selbst erwachen. Snape selbst hatte dringende Geschäfte zu erledigen. Immerhin erwartete ihn der Empfänger der Eule aus Hamburg. Eilig machte sich der Tränkemeister auf den Weg über die Ländereien von Hogwarts, bis er die Apparitionsgrenze erreicht hatte. Sein schwarzer Umhang schützte ihn zuverlässig vor dem einsetzenden Regen. Die silbrige Maske baumelte an seinem Gürtel. Heute Nacht würde sich seine Bestimmung erfüllen, sein Weg sich weisen.

oooOOOooo

Der teure Londoner Villenvorort lag still und ruhig. Severus schritt durch die von dezenten Laternen schwach erleuchtete Straße. Sein Ziel war das letzte Haus, das etwas abseits der übrigen mit den Schatten der Nacht verschwamm. Der Tränkemeister benötigte kein Licht, als er die sanft geschwungene Treppe zum säulengestützten Eingang hinaufstieg. Er kannte jeden Quadratmeter Bodens hier. Ein Flügel der breiten Tür schwang auf, ohne dass er die Glocke betätigt hätte. Der Flur war von Kerzen erleuchtet, die in der Luft schwebten. Die scheinbare Ruhe barg eine tödliche Gefahr, der er sich in jedem Augenblick nur allzu bewusst war. Sein Handeln war ein Weg ohne Wiederkehr, sein Gegenüber unberechenbar und gefährlich. Er ließ den Umhang von den Schultern gleiten und achtlos zu Boden fallen, öffnete die Tür zum Kaminzimmer und trat ein.

Dort saß sie, die zierliche Gestalt in eine grünsamtene Decke gehüllt. Ihr rabenschwarzes Haar hatte einen sanften rötlichen Schimmer im Licht des Kaminfeuers. Zarte, weiße Finger mit langen, schwarz lackierten Nägeln glitten über die Seiten eines wertvollen Buches.

„Severus", sagte sie leise, ohne sich umzudrehen.

Langsam ging er um das Sofa herum, um ihr ins Gesicht zu sehen. Seine Brust wurde eng, wie immer, wenn er diese Frau traf. Viel zu sehr ähnelten ihren Augen denen ihrer Schwester. Dasselbe Blau, derselbe kühle Blick.

„Du wolltest mich allein treffen", sagte sie. „Ganz sicher gibt es einen Grund dafür."

„Allerdings", erwiderte er und nahm sich einen Augenblick Zeit, um ihr schönes Gesicht zu betrachten. „Guten Abend, Bellatrix."


Fortsetzung folgt