Kerkermond Evolution
Fanfiction von Lady of the Dungeon
Slashig-trashige Fanfiction, in der ein gewisser hakennasiger Zaubertränkemeister auf eine alte Freundschaft vertraut, die sich im entscheidenden Augenblick bewähren muss, um das Schicksal der Welt zu entscheiden (hatte jemand Geringeres erwartet?).
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Danke an Sally, Moonlight, Lufa, Lola, silbergold, Reditus Mortis und Ritaskeeta70 für Eure Reviews!
Ihr habt Snapes Plänen unisono eine hohe Brillanz bestätigt. Manche von Euch konnten sich auch einer gewissen Faszination des düsteren Pairings nicht entziehen. Nun, jetzt wird sich weisen, ob Severus' Vision von der Herrschaft neben dem Dunklen Lord mit Bellatrix an seiner Seite wahr wird. Spannende Unterhaltung!
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Musik:
Nightwish: Wishmaster
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Kapitel 47. Severus: Lüge und Wahrheit
Ein letztes Mal betrat Severus das Haus am Grimmauldplatz. Der Orden traf sich, um die allerletzte Vorbereitungen für die geplante Aktion zu treffen und die wenigen offenen Details zu besprechen.
Lucius befand sich noch in Hogwarts. Severus hielt es für klüger, ihn nicht zu lange auf Lupin treffen zu lassen, und Albus stimmte ihm zu. Allerdings war der Direktor dabei mehr auf Lupins Einsatzfähigkeit bedacht als auf Lucius' Sicherheit.
Severus war nicht erstaunt, als der Werwolf sie beide bei der Ankunft in Nummer Zwölf stellte. Ziemlich unsanft fand er sich bei der Robe gepackt und gegen die Wand gedrückt, Angesicht zu Angesicht mit einem knurrenden Remus Lupin, dessen Augen gelbe Funken zu sprühen schienen.
„Wo ist Lucius? Was hast du mit ihm gemacht?", knurrte der Werwolf. „Tonks sagt, er erinnert sich kaum an mich, seit du in seinem Kopf herumgepfuscht hast."
„Nach so vielen Jahren solltest du wissen, wem du vertrauen kannst, Lupin", erwiderte Severus unwirsch. „Seine Erinnerungen sind lediglich für einen begrenzten Zeitraum blockiert, damit er sich auf seine Aufgabe konzentrieren kann. Nichts liegt mir ferner, als mich in eure… ‚Beziehung' zu mischen, egal, wie unnatürlich sie auch in jeder Hinsicht sein mag."
Lupin starrte ihn an, als wolle er seine Gedanken lesen. Obwohl der Gryffindor kein Legiliment war, fuhr Snape automatisch seine okklumentischen Barrieren hoch. Besser kein unkalkulierbares Risiko eingehen, sagte er sich. Lupins Griff lockerte sich.
„Also schön, Severus. Wir sprechen darüber, wenn wir diese Aktion hinter uns gebracht haben. Sollte er dann nicht wieder er selbst sein…" Lupins ganze Körperhaltung war eine einzige Drohung.
„Hinterher wird er tot sein, wenn ihr Gutmenschen für dieses Detail keine Lösung parat habt", ätzte Severus böse. „Entgegen meiner eigentlichen Überzeugung habe ich Lucius noch nicht gesagt, dass die Öffnung des Raums seinen Tod bedeutet. Vielleicht willst du das ja übernehmen, Lupin?"
„Haltet Frieden, Jungs", warf Dumbledore mit ruhiger Stimme ein. „Niemand wird hier geopfert. Remus weiß das. Mit ihm habe ich bereits vor Tagen darüber gesprochen."
Jetzt war es an Severus, den alten Zauberer erstaunt anzusehen. Dumbledore lächelte verschmitzt.
„Ich wusste, dass du, Severus, deinen alten Freund nicht einfach so in sein Schicksal laufen lassen würdest. Mir war auch klar, dass du offen dafür eintreten würdest, ihn diese Entscheidung selbst treffen zu lassen. Nun, diese Einstellung hat dir viel Anerkennung bei den anderen Ordensmitgliedern eingetragen und ihr Vertrauen in dich gestärkt. Das war mir wichtig, Severus. Denn heute Nacht müssen sie dir und Remus bedingungslos folgen, da ich nicht bei euch sein kann, bis die Maschine außer Gefecht gesetzt ist." Er machte eine kurze Pause, um Severus Gelegenheit zu geben die Information einzuordnen.
„Mir war außerdem sehr wohl bewusst", fuhr Albus fort, „dass Remus Mr. Malfoy niemals allein durch das Siegel brechen lassen würde. Genauso klar ist es jedoch, dass Remus nicht selbst mit ihm aufgrund von dessen unberechenbaren Veelakräften in den Raum apparieren kann. Wir sind zu sehr auf Remus angewiesen." Dumbledore seufzte. „Aber glücklicherweise gibt es noch andere Zauberer, die bereit sind, das Wagnis einzugehen."
Severus erstarrte. Stimmt, die gab es, aber weder jetzt noch sonst irgendwann war der richtige Zeitpunkt, um den Direktor davon in Kenntnis zu setzen, dass diese Person bereits bestimmt war, geschweige denn, um wen es sich dabei handelte. Unter keinen Umständen würden die Ordensmitglieder ihm abkaufen, Bellatrix Lestranges für die Sache des Phönixjungen geworben zu haben.
„An wen hattet ihr gedacht?", erkundigte Snape sich, ohne seine Erregung zu zeigen. Im Geiste ging er die Liste der möglichen Kandidaten durch.
Pomfrey auszuschalten und durch eine mit Polyjuice verwandelte Bella auszutauschen war kein Problem, bei Moody, Mundungus Fletscher oder Rhees-Sharp wäre dies schon schwieriger. Bellatrix würde sich vermutlich weigern, Moody- oder Mundungussaft zu trinken, und die Verwandlung in eine Werwölfin wie Rhees-Sharp barg ein – wenn auch geringes - Infektionsrisiko.
„Alicia wird Lucius begleiten", erklärte Dumbledore.
„Eine gute Wahl", pflichtete Severus notgedrungen bei. „Sie ist erfahren und professionell."
„Und sie ist gut in Arithmantik", warf Gawain ein, der sich eben zu ihnen gesellte. „Hallo Severus, wie läuft's?"
„Was erwartest du an einem solchen Abend für eine Antwort?", gab der Tränkemeister harsch zurück, reichte dem Amerikaner jedoch die Hand. Merlin, es war schade, diesen fähigen Zauberer zu verlieren. Vielleicht gab es einen Ausweg für den Jungen... Aber das würde sich heute Nacht entscheiden. Gawains Position in diesem Kampf, in vorderster Front, war neben der von Lupin und Lucius die gefährlichste.
Sie betraten gemeinsam das ehemalige Esszimmer der Blacks, das man zum Versammlungsraum umgestaltet hatte. Der komplette Orden war gekommen; die Bedeutung der nächtlichen Mission war allen bewusst.
Dumbledore hielt eine kurze Ansprache, dann begannen sie die Aufgabenverteilung ein letztes Mal zu überprüfen. Severus' Aufgabe bestand darin, Lucius und Alicia ungesehen an den Wachen vorbei in das Hauptquartier des Dunklen Lords zu bringen. Dann sollte Lucius das Siegel brechen, während Alicia für die Abschirmung des arkanen Rückpralls verantwortlich war. Die amerikanische Agentin tauschte einen Blick mit Lupin. Es war offensichtlich, dass er ihr vertraute. Immerhin waren sie beide Lykantrophe und Teil des gleichen Rudels, auch wenn Lupin sich stets etwas außerhalb der Hierarchien bewegte.
Sobald der Raum geöffnet war, war es wiederum Snapes Aufgabe, den Rest der kleinen Task Force in das Gebäude zu bringen: Moody, Fletcher, drei der Werwölfe, die sicher nicht bestohlen worden waren, Bill Weasley, auch wenn er nicht selbst zaubern konnte, und natürlich Lupin. Auf Remus und Bill lag die Last, die Maschine außer Gefecht zu setzen. Die beiden hatten tage- und nächtelang an der Lösung des Problems gearbeitet. Sie glaubten, eine Möglichkeit gefunden zu haben, die Strahlung der Maschine zu neutralisieren. Man konnte die Maschine natürlich aufgrund der Schutzzauber, die sie umgaben, nicht einfach sprengen. Diese Zauber mussten aufwändig gelöst werden, und wie lange es dauern würde, das war ungewiss.
Was der Orden nicht ahnte, waren die kleinen Abweichungen im Plan, die Severus mit Bellatrix besprochen hatte: Nach einer Zeitspanne, die man als plausibel bezeichnen konnte, würde er die mittels Polyjuice verwandelte Todesserin hinaus zu den wartenden Ordensmitgliedern schicken. Nun, sie würde als Rhees-Sharp gehen müssen, Infektionsgefahr hin oder her. Dass Tonks nicht teilnehmen würde, war nicht absehbar gewesen. Severus hatte vermutet, dass sie Gawain auf jeden Fall begleiten würde.
Bellatrix hatte frohlockt, als Snape ihr geschildert hatte, wie sie den vermeintlich wieder zauberkundigen Dumbledore ins Gebäude bringen würde – nur damit dieser darin feststellte, dass er gar nicht zaubern konnte, und dass ein ‚Traumloser-Schlaf'-Trank-Nebel seine gesamte Task Force lahm gelegt hätte.
„Dumbledore und Lucius werden als einzige wach sein, wenn der Dunkle Lord kommt – aber leider machtlos wie kleine Mäuschen", hatte Bella kichernd festgestellt.
Severus hatte ihre Lippen mit einem zustimmenden Kuss versiegelt.
Die Pläne des Ordens waren mutig und gut strukturiert – die des Tränkemeisters waren besser und brillant. Niemand würde sich ihm mehr in den Weg stellen können.
„Wenn die Maschine zerstört ist, werden die Auroren, die dann auch wieder über ihre Magie verfügen, das Gebäude stürmen und die anwesenden Todesser festnehmen", verkündete Dumbledore eben. „Ob man Voldemort dort eine Falle stellen kann, muss vor Ort entschieden werden. Zumindest wird er nur noch eine wertlose Ruine vorfinden, wenn er zurückkehrt."
Applaus brandete auf. Diejenigen, die erst im zweiten Teil der Operation bereit stehen mussten, bei der Stürmung des Hauptquartiers, verabschiedeten sich mit guten Wünschen und Umarmungen von denen, die schon bald zuerst ihr Leben riskieren mussten. Es herrschte eine angespannte, konzentrierte Stimmung.
Severus bahnte sich einen Weg zu Alicia.
„Miss Rhees-Sharp?"
Sie wandte sich zu ihm um.
„Professor Snape. Guten Abend." Sie reichte ihm die Hand.
„Ich hätte einen Vorschlag zu machen", sagte Severus. „Es wird nicht ganz einfach sein, Sie und Lucius an den Wachen vorbei zu bringen. Selbst mir gegenüber wird man misstrauisch werden, wenn ich eine fremde Person mitbringe. Ich weiß, dass Polyjuice nicht eben angenehm zu schlucken ist, von den Verwandlungen ganz zu schweigen, aber in der Gestalt einer Todesserin wäre unser Vorhaben ungleich einfacher."
„Zweifellos", stimmte sie sofort zu. „An wen dachten Sie?"
„Es ist mir glücklicherweise gelungen, die Haarproben zweier Personen zu besorgen, die stets gemeinsam auftreten: Rodolphus und Bellatrix Lestranges", legte Snape sein Netz aus.
Rhees-Sharp tappte ahnungslos in die Falle.
„Die ideale Tarnung für mich und Lucius", stellte sie fest. „Ein sehr guter Schachzug, Professor Snape."
„Severus", korrigierte er. „Immerhin wird es seltsam aussehen, wenn Sie mich nachher mit ‚Professor' ansprechen. Ich kenne Bellatrix seit zwanzig Jahren."
„Severus also", wiederholte sie lächelnd. „Ich werde die anderen informieren. Immerhin möchte ich ungern im ‚friendly fire' zu Boden gehen."
Severus nickte und beglückwünschte sich im Stillen. So ersparte er Bellatrix den Vielsafttrank, und man würde sie auch nicht angreifen.
„Bist du sicher, dass Bellatrix nicht im Hauptquartier sein wird heute Abend?", fragte Lupin, nachdem Alicia ihn informiert hatte.
„Absolut", sagte Severus und sah ihm fest in die Augen. Ein halbes Leben als Doppelspion trug jetzt Früchte. Lupin glaubte ihm. „Sie und Rodolphus begleiten den Dunklen Lord."
„Ich will Lucius noch einmal sehen", verlangte Lupin.
„Wozu? Damit er sich wundert, was du von ihm willst? Hör zu, Lupin, ich weiß, das ist nicht einfach für dich, aber für ihn ist es besser, wenn du ihn nicht noch zusätzlich belastest. Er ist ein Muggel. Sobald wir im Hauptquartier sind, ist er absolut ausgeliefert und auf den Schutz anderer angewiesen. Er muss sich auf seine Deckung konzentrieren, sobald es zum Kampf kommt, und das wird es vermutlich. Sei vernünftig. Wenn alles gut geht, habt ihr ein ganzes Leben. Wenn nicht...nun, dann ist es ohnehin egal, nicht wahr?"
Er ließ Lupin stehen und rauschte nach vorne zu Dumbledore, wo er die Amerikanerin erspäht hatte.
„Wir treffen uns eine Viertelstunde vor den anderen in Hogsmeade an der ‚Heulenden Hütte'. Es ist sicherer, wenn wir getrennt vom Orden am Hauptquartier auftauchen. Ich bringe den Vielsafttrank und Lucius mit."
Sie nickte.
„Severus?"
Der Tränkemeister hatte sich bereits zum Gehen gewandt, doch Dumbledores besorgter Tonfall ließ ihn inne halten. Der Alte betrachtete ihn über die halbmondförmigen Gläser seiner Brille hinweg.
„Seid vorsichtig, Severus."
Snape nickte nur knapp. Hatte der Direktor eben Tränen in den Augen gehabt? Was war Dumbledore doch für ein sentimentaler Narr!
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Lucius schlief noch, als Severus sein Quartier in den Kerkern erreichte. Es bedurfte eines starken ‚Enervate', um den blonden Mann zu wecken. Severus ließ ihnen beiden von den Hauselfen ein ordentliches Abendessen servieren, dann begann er Lucius vorzubereiten.
„Deine Aufgabe ist es, das Siegel mit deinen Veelakräften zu brechen. Aber ob das wirklich notwenig sein wird, ist noch nicht ganz klar", deutete er an.
„Wie meinst du das? Ist das nicht der einzige Grund, warum ihr mich überhaupt geholt habt? Ich würde lieber auf Ventus durch die Wiesen und Wälder reiten und den Kindern ihre Reitstunden geben, als hier Geheimdienstaktionen durchzuführen. Ich hänge an meinem Leben."
Lucius war so wenig er selbst wie vor drei Tagen, stellte Severus fest.
„Ich will ehrlich zu dir sein", sagte Snape. „Ursprünglich war diese Mission nicht nur gefährlich für dich, sondern fast sicher tödlich. Solch ein Siegel zu brechen ist lebensgefährlich, wenn man den Gegenzauber für die arkane Rückkopplung nicht beherrscht."
„Das weiß ich doch", entgegnete Lucius, sehr zu Severus' Erstaunen.
Fragend hob Severus eine Augenbraue.
„Jeder Veelanachkomme kennt die Regeln", antwortete Lucius. „Aber ich denke, ihr werdet mir jemanden mitgeben, der den Bannfluch beherrscht. Ihr wolltet mich doch nicht wie ein Lamm zur Schlachtbank führen? Das hätte..." Er überlegte. „Ich bin sicher, es gibt jemanden, der das nicht zulassen würde. Auch wenn ich mich nicht erinnere."
Severus lächelte. „Du solltest dich aber erinnern. Bellatrix wäre sicher untröstlich, wenn du sie nachher nicht erkennen würdest."
„Bellatrix?" Lucius griff sich in einem jähen Anfall von Kopfschmerz an die Stirn. „Ich erinnere mich an ein Gesicht, aber ich weiß nicht…"
„Merlin, sie ist deine Frau", sagte Snape und gab seiner Stimme einen pikierten Klang. „Du solltest Dich wirklich erinnern."
„Ich bin verheiratet?", fragte Lucius verblüfft.
„Wundert dich das? Sieh mal in den Spiegel. Außerdem bist du als Magier reich gewesen", erwiderte Severus glatt. „Du selbst hast darauf bestanden, dass sie sich von dir trennt und nach Australien flüchtet, um vor Voldemort sicher zu sein, als dein Urteil feststand. Das hat sie sehr verletzt. Aber wie die Ereignisse sind...sie ist eine mächtige Fluchbrecherin. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass du in Gefahr bist, ohne deine Zauberkräfte, und in eine solche Mission gezogen wirst."
Lucius schüttelte den Kopf. „Das ist alles so verworren", bekannte er. „Ich habe ja geahnt, dass meine Vergangenheit nicht frei von Geheimnissen ist, aber ich habe eine Ehefrau? Wie steht sie zu mir?"
„Nun, sie kommt deinetwegen aus dem sicheren Australien zurück. Das sollte deine Frage beantworten. Du wirst es wissen, wenn ihr euch seht", verkündete Severus ominös.
Er hoffte inständig, dass Lucius die versteckte Tür zu seiner inneren Kapelle öffnen würde, sobald er Bellatrix sah, ohne dass er mit einem weiteren ‚Legilimens' nachhelfen musste. Lucius' Hirn war jetzt schon ein Trümmerfeld, ein Kollateralschaden dieses Krieges. Es war unmöglich vorauszusagen, was geschehen würde, wenn er die ohnehin angegriffenen mentalen Strukturen des ehemaligen Slytherins noch einmal antastete. Das erschreckende Bild Gilderoy Lockharts erschien für eine kurzen Augenblick vor seinem geistigen Auge.
Ruhig und besonnen sprach Severus mit Lucius noch einmal den Zeitablauf für die Mission durch – in der Version des Phönixordens, mit der kleinen Abwandlung, dass nicht Alicia, sondern Bellatrix am Treffpunkt zu ihnen stoßen würde. Das ehemalige Oberhaupt einer der ältesten reinblütigen Familien Großbritanniens wirkte in sich gekehrt und abgeklärt. Nichts wies darauf hin, dass Lucius sich überfordert fühlte oder eine Weigerung auch nur erwog.
„Sobald Ihr die Kammer geöffnet habt, werde ich die anderen holen. Dann ist es an Lupin, die Maschine außer Gefecht zu setzen. Wenn das geschehen ist, kommen die Auroren unter Shacklebolts Führung und der Rest des Ordens mit Dumbledore hinzu. Wir werden entscheiden, ob es eine Konfrontation mit dem Dunklen Lord geben wird, oder ob lediglich sein Hauptquartier zerstört wird."
„Es klingt bestrickend einfach", stellte Lucius mit einem Lächeln fest, das seine Augen nicht erreichte. Er nahm einen Schluck Tee und begann, einen Apfel aufzuschneiden. „Auch ein Stück?", bot er Snape an.
Der Tränkemeister schüttelte den Kopf. Das zumindest hatte sich nicht geändert: Vor jedem Einsatz der Todesser hatte Lucius bis zum Schluss gegessen. Nichts und niemand hatte ihm je den Appetit verderben können, während Severus oft mehr als einen Tag im Voraus schon nichts mehr herunter bekam. Auch heute hatte er in seinem Abendessen nur lustlos herum gestochert.
„Es wird Zeit", sagte Severus mit einem Blick zum Stundenglas auf seinem Schreibtisch. Er beschwor einen Umhang aus seinem Schrank.
„Das ist das Gewand der Todesser. Tarnung wird erforderlich sein."
Lucius warf seinem Ledermantel einen bedauernden Blick zu, hüllte sich dann jedoch klaglos in den schwarzen Umhang. „Bringen wir es hinter uns", sagte er mit einem Seufzen.
Severus erhob sich und hüllte sich ebenfalls in seine Kluft. Er sah zu Lucius und legte die Faust aufs Herz. „Der Tod ist ein Weg, das Haus Slytherin zu ehren", sagte er formell.
Lucius wiederholte die Geste und sagte: „Die Ehre Slyth…" Er unterbrach sich und schüttelte den Kopf. „Merlin, Severus, der Tod ist eine ziemlich beschissene Option. Lass uns einfach gehen."
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Die Zeit der Entscheidung war also gekommen. Severus und Lucius verließen Hogwarts in Richtung von Hogsmeade. Allerdings nicht zu der mit Alicia Rhees-Sharp vereinbarten Zeit, sondern etwa eine halbe Stunde früher.
Sie erreichten eben die Lichtung am Rande der Heulenden Hütte, als in unmittelbarer Nähe eine Gestalt im schwarzen Umhang apparierte. Wie stets war Bellas Auftritt bühnenreif: Schwarzer Nebel bildete eine Säule, in deren Mitte sich ihre schmale Gestalt manifestierte. Mit gezücktem Zauberstab trat sie den beiden Männern entgegen und sah sich um. Erst, als ihr Detektionszauber niemanden außer Severus und Lucius erkennen ließ, steckte sie die Waffe wieder ein. Sie nickte Snape zu und blieb dann vor Lucius stehen. Severus hielt den Atem an. Bei Gedächtniszaubern konnte man nie wissen...
„Lucius. Es ist schön, dich zu sehen", sagte sie mit einem Augenaufschlag, der ebenso gut in einen Hollywoodstreifen gepasst hätte.
Lucius stand sehr still und betrachtete sie. Widerstreitende Gefühle und Gedanken zeichneten sich auf seinem Gesicht ab, doch schließlich gewannen Severus' sorgfältige Manipulationen an seinem Geist die Oberhand. Lucius schloss die kurze Distanz zwischen sich und Bellatrix und zog sie ihn eine innige Umarmung.
Bellatrix zwinkerte Snape über Lucius' Schulter hinweg zu, dann küsste sie ihren Schwager, als hinge ihr Leben davon ab. Es war nicht möglich für Severus, zu verstehen, was sie Lucius ins Ohr flüsterte, aber sie traf offenbar den richtigen Ton und erwies sich als brillante Schauspielerin. Nicht nur, dass Lucius, den Snape in diesem Augenblick beinahe bedauerte, Tränen in den Augen standen, auch Bellatrix liefen glitzernde Diamanten über die zarten Wangen. Sie löste sich scheinbar widerwillig von Lucius und reichte dem Tränkemeister mit pathetischer Miene die Hand.
„Ich danke dir, dass du mich hinzu gerufen hast, Severus. Zusammen werden wir diese Mission erfüllen."
Sie schauderte sichtbar, rief „Ach, Lucius!" und warf sich dem Ahnungslosen wieder mit dramatischer Geste an die Brust. Für einen kurzen Moment fürchtete Severus, sie habe vielleicht doch zu dick aufgetragen, denn Lucius wich instinktiv einen halben Schritt zurück. Dann jedoch schloss er die hemmungslos weinende Bellatrix wieder in die Arme. Mit einer Sanftheit, wie Severus sie in all den Jahren nur bei Lucius' Umgang mit Narcissa gesehen hatte, strich er ihr durch das schwarze Haar.
„Nicht weinen, Bella. Wir stehen das durch."
Er schob sie vor sich und legte ihr zwei Finger unters Kinn, dann strich er mit dem Daumen sanft über ihre zitternde Unterlippe.
„Wisch die Tränen weg, Liebes. Lass es uns hinter uns bringen."
‚Tapfer' schluckte Bellatrix ihre falschen Tränen.
„Hast du keine Angst?", flüsterte sie, und Severus musste sich wegdrehen, damit Lucius sein Grinsen nicht sah. Bellatrix strapazierte die tragische Rolle wirklich über Gebühr, es war beinahe komisch.
Lucius hingegen zögerte einen Moment mit der Antwort, als müsse er in seinem Kopf erst nach den Dingen suchen, die ihm Angst machten.
„Doch", räumte er ein. „Aber wir haben kaum eine Wahl, n'est-ce pas?"
„Non, nous ne l'avons pas", erwiderte Bellatrix in ebenso geschliffenem Französisch.
Zumindest das reinblütig-aristokratische Gebaren hatte Lucius nicht abgelegt, und wenigstens bei dieser Antwort musste Bellatrix nicht lügen. Im nächsten Moment registrierte Severus das charakteristische Geräusch einer Apparition. Rhees-Sharp!
„Stupor!"
Alicia lag betäubt im Staub, bevor sie sich überhaupt orientieren konnte. Auf Snape vertrauend war sie ohne Bedenken hierher appariert. Normalerweise erwartete man hier niemanden zu treffen, mit dem man nicht verabredet war. Noch nicht einmal Leichtfertigkeit konnte man ihr vorwerfen. Immerhin wussten ihre Freunde, wo sie war und mit wem – zumindest dachten sie dies…
„Ich bringe sie in die Hütte und sorge dafür, dass sie nicht mehr aufsteht", sagte Severus.
„Warum hast du sie nicht gleich getötet?", fragte Bellatrix. „Sie ist eine Todesserin", setzte sie eilig erklärend mit einem Seitenblick auf Lucius hinzu, dessen Hand die ihre immer noch hielt.
„Ich konnte doch nicht wissen, ob sie vielleicht eine von uns ist", erwiderte Severus mit gekräuselten Lippen.
Innerlich frohlockte er. Er mochte diese Wortspielchen mit den Doppelbedeutungen. Er ließ die Amerikanerin mit einem ‚Morbilcorpus' neben sich in das verfluchte, zerfallende Gebäude schweben und setzte sie schließlich auf einer zerschlissenen Matratze ab, die nach Hundepisse stank. Nicht unpassend für eine Werwölfin, fand er.
Aus einer der Taschen seines Umhangs zog er eine Phiole mit milchigweißem Inhalt, den er ihr gnadenlos einflößte. Dann verließ er die augenscheinlich Leblose, ohne ein einzigen Blick zurück zu werfen.
„Polyjuice wird jetzt nicht erforderlich sein", erklärte er Bellatrix. „Man geht davon aus, dass sie deine Gestalt annimmt."
Die schwarzhaarige Hexe lächelte. Sie verstand. „Das hast du geschickt gemacht, Severus. Lass uns ins Hauptquartier apparieren."
„Zuerst muss Lucius die Gestalt von Rodolphus annehmen", sagte Severus. „Wir müssen an Crabbe und Goyle vorbei, die beiden haben Wachdienst."
„Das machen wir ganz anders", widersprach Bellatrix. „Ich habe umdisponiert."
Sie zog ihren Stab, silbrige Schnüre stoben hervor und schlossen sich um Lucius' Hände zu glänzenden Fesseln.
„Was soll das, Bellatrix?", fragte Lucius perplex.
„Die werden uns ohne zu zögern einlassen, und dich auch, weil sie dich für einen Gefangenen halten werden." ‚Was du ja auch bist', schienen ihre Augen hinzu zu fügen.
„Das erspart dir den Vielsafttrank, Lucius", setzte sie sanft hinzu und hauchte einen betrügerischen Kuss auf seine Lippen.
Severus bewunderte ihre Kaltschnäuzigkeit, auch wenn er ihre eigenmächtige Änderung seines Plans nicht guthieß.
„Kommt, ich bringe uns durch die Apparitionssperren", verkündete sie.
Sie packte beide Männer an den Oberarmen.
„Lasst euch fallen."
Severus spürte den bekannten Druck auf den Kopf, doch im selben Augenblick war er schon wieder frei. Bellatrix war eine begnadete Hexe, was das Brechen von Flüchen und Sperren betraf. Schön, mächtig und klug hätte ihr auch nach Voldemorts erstem Fall die Magische Welt offengestanden. Doch sie hatte sich kompromisslos für den Dunklen Lord und damit für Askaban entschieden.
Sie standen direkt vor der armdicken Stahltür, die das ehemalige Silberbergwerk, das dem Dunklen Lord als Unterschlupf und Hauptquartier diente, gegen Eindringen von außen schützte.
„Wer da?", fragte eine heisere Stimme.
„Ich bis es, Bellatrix. Mit Snape und einem Gefangenen."
Lucius' Gesicht war unter der Kapuze des Todesser-Umhangs verborgen, den Severus ihm gegeben hatte. Doch anstatt hinter Snape durch die Tür zu gehen, drehte sich Bella um und zog Lucius plötzlich den Stoff vom Haar.
„Malfoy!", riefen Crabbe und Goyle unisono und mit grenzenlosem Erstaunen aus.
Severus biss sich auf die Unterlippe. Das war auch nicht Teil seines Plans. Blitzschnell zog er seinen Stab und schickte die beiden tumben Gesellen zu Boden.
„Was tust du denn da?", fragte Bellatrix verärgert.
„Willst du dem Dunklen Lord deinen Triumph nicht selbst mitteilen? Oder willst du, dass diese Cretins ihn rufen und uns den Ruhm streitig machen?", zischte er.
Sie schüttelte unwirsch den Kopf. „Natürlich nicht. Aber das hätten sie schon nicht gewagt."
„Die zwei sind ebenso dumm wie unberechenbar. Lass uns erst Lupin und Gray ausschalten, bevor wir den Dunklen Lord rufen. Erst, wenn Dumbledore in unserer Hand ist, Bellatrix!" Beschwörend sah er sie an.
„Moment mal", mischte sich Lucius ein, „was soll das heißen, Lupin und Gawain ausschalten, Dumbledore in eurer Hand?"
Seine grauen Augen wurden schmal.
„Auf wessen Seite stehst du, Severus?"
Bevor Severus etwas erwidern konnte, hatte Bellatrix Lucius gepackt und die magischen Seile an seinen Handgelenken straff gezogen.
„Dein Hirn mag ziemlich verwirrt sein, Lucius, aber du denkst noch immer erstaunlich schnell. Schade, dass du den Dunklen Lord verraten hast. Du warst ein Diamant in unseren Reihen. Und ich bin überrascht, wie gut du küsst. Damals in Hogwarts konntest du es noch nicht so gut."
Lucius starrte sie an. Severus spürte Zorn in sich hoch kochen. Musste dieses Weib alles verderben? Lucius stand kurz davor, zu begreifen, was hier gespielt wurde.
„Wir müssen in die Kammer mit der Maschine", sagte Snape mit kalter Beherrschung.
„Was für ein Quatsch, Severus", erwiderte Bellatrix. „Wir müssen die andere Seite nur glauben lassen, dass wir in der Kammer waren und das Siegel gebrochen ist."
Snape starrte sie an. Sie hatte zweifellos Recht. Es gab keine Notwendigkeit für sie, das Siegel zu brechen. Zumindest nicht für Bellatrix. Für ihn, Severus, schon.
Zwei Blicke trafen sich, Schwarz verschmolz mit eisigem Grau.
„Du weißt, auf wessen Seite ich stehe, Lucius", sagte Severus leise.
Lucius verharrte noch für einen kurzen Moment, dann nickte er. Mit einer fließenden Bewegung zog er Bellatrix, die noch immer das andere Ende des magischen Stricks um ihr Handgelenk gewunden hielt, dicht an sich. Mit aller Kraft packte er sie, Severus sah, wie sich seine Finger in ihren Oberarm gruben. Gleichzeitig mit Lucius unerwartetem Angriff hatte Bellatrix ihren Stab gezogen.
Entschlossenheit war in Lucius' nebelgrauem Blick zu lesen. „Abwehrzauber, oder wir sterben beide", verkündete er eisig.
Bevor Bellatrix reagieren konnte, waren sie beide verschwunden, und nur eine kleine Wolke herabriesenden Wüstensandes zeigte an, wo sie eben noch gestanden hatten und die seltsame Macht des Veela gewirkt hatte.
Severus hastete den Gang entlang. Er erreichte den Raum, der die Absorptionsmaschine enthielt. Ein greller grüner Blitz zuckte unter der Tür hervor. Merlin, Bellatrix tötete Lucius! Im nächsten Moment wurde die Tür von innen aufgestoßen. Lucius stürzte heraus. Seine Arme waren fest um die tobende Bellatrix geschlossen. Blut lief über seine Unterarme. Er musste das magische Seil mit einem Veelazauber gesprengt haben, und hatte sich dabei verletzt. Jetzt fasste er Bellatrix' Handgelenke und presste sie gegen die Wand.
„Du bist ganz sicher nicht die Frau, die ich liebe!", rief er mit vor Wut weißem Gesicht. „Verflucht, du hast versucht, mich umzubringen!"
Sein zorniger Blick traf nun Severus.
„Was hast du mit meinem Kopf gemacht, du verfluchter Zauberer! Diese Frau ist nicht..." Er brach ab. „Sie ist nicht..."
Wieder konnte er den Satz nicht zu Ende bringen, so sehr er sich auch bemühte. Schwer atmend stand er dort, die sich wehrende Bellatrix fest haltend, unfähig, seinen Gedanken zu einem Schluss zu bringen. Die Mühe und auch Qual war ihm ins Gesicht geschrieben.
„Sie ist nicht Narcissa", sagte Severus ruhig. „Und sie wird es bedauerlicherweise niemals sein, nicht für dich, und auch nicht für mich."
Fortsetzung folgt
PS. Wer weiß, wo der "Strich" hin ist, mit dem man so schön verschiedene Abschnitte trennen konnte?
