2. Kapitel: Der erste Tag
Harry erwachte am nächsten Morgen schon sehr früh. Er brauchte einem
Moment, um sich zu erinnern, was passiert war. Insgeheim hatte er gehofft,
dass alles nur ein Traum war, aber ein Blick durch das Zimmer zerstörte
diese Hoffnung. Im Bett nebenan lag Ron und noch eins weiter Hermine. Sie
wollte nicht alleine schlafen und weil noch keine anderen Schüler da waren,
hatte Professor McGonagall es erlaubt.
Leise schlich er aus dem Schlafraum. Er wollte die beiden nicht wecken.
Nach kurzem Überlegen kam er auf die Idee, die anderen Schlafräume des
Gryffindorturms zu erkunden. Vielleicht fand er ja den seines Vaters.
Er ging rüber zum nächsten Raum und trat neugierig ein. Die Wände waren
überfüllt mit Fotos. Harry drehte sich dem erstbesten zu: Ein Junge
schüttelte voller Stolz die Hand einer Hexe im mittleren Alter.
Harry schaute es einen Augenblick verwundert an und wollte sich schon dem
nächsten zuwenden, aber plötzlich hielt er mitten in der Bewegung inne und
betrachtete das Foto noch mal genauer: Der Junge darauf lächelte auf eine
Art und Weise, die ihm eigentümlich bekannt vor kam...
"Gilderoy Lockhart?" flüsterte er ungläubig. Das kann doch nicht sein.
Harry schüttelte den Kopf, aber dieses Lächeln war einfach unübersehbar.
"Gilderoy Lockhart war in Gryffindor?," wunderte er sich. Harry schüttelte
nochmals den Kopf. Im Eiltempo begann er die anderen Fotos zu betrachten,
aber wie befürchtet war auf jedem Foto Gilderoy mit seinem allseits
bekannten Lächeln zu sehen.
Ein paar Fotos zeigten, wie er diversen Mädchen die Hände schüttelte oder
sie hier und da umarmte, aber Harry fand keinen noch so kleinen Beweis
dafür, dass dies nicht der Schlafraum von Gilderoy Lockhart war. Seufzend
ließ er sich auf eins der Betten fallen. Es gab so viele Fotos, die er
angeschaut hatte, dass er wieder müde wurde.
Harry schloss die Augen und öffnete sie wieder. Der Himmel des Bettes war
mit Leuchtbuchstaben bestickt, die regelmäßig die Farbe wechselten.
"Erster? Was soll denn das heißen?" Harry zog fragend eine Augenbraue hoch.
Er schaute rüber zum nächsten Himmelbett und sah auch dort ein Leuchten am
Himmel. Als er es lass, schluckte er kräftig.
"Nein, das kann doch nicht sein...", murmelte er. Aber es war dem so... Auf
jedem der fünf Himmelbetten stand ein Wort und zusammen ergab es: Erster
offizieller Gilderoy Lockhart Fanclub!
Harry wusste nicht, ob er Erleichterung oder Schock fühlte. Es mag zwar
doch keinen - zumindest hoffte er das - Gilderoy Lockhart in Gryffindor
geben, aber dafür gab es einen Fanclub. Was schlimmer war, konnte Harry
wirklich nicht sagen.
Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ Harry den Schlafraum wieder. Als
er den Gemeinschaftsraum betrat, fand er Hermine und Ron, die vor dem Kamin
Snape explodiert spielten.
"Morgen Harry!", nuschelte Ron schlaftrunken.
"Wo warst du?", fragte Hermine.
"Ihr werdet nicht glauben, was ich entdeckt habe," murmelte Harry. Mit
wenigen Worten erzählte er, was er gesehen hatte.
"Oh nein! Und ich dachte, wir wären ihn los. Er ist doch nicht mehr in
Hogwarts, oder?," Ron war genauso schockiert wie zuvor Harry.
"Wahrscheinlich schon. Er war nur zwei Jahrgänge älter als Snape. Und Snape
war ja im selben Jahrgang wie deine Eltern," sagte Hermine. "Ich habe Snape
einmal sagen hören: Damals mögen Sie zwar zwei Klassen höher gewesen sein,
aber jetzt macht das keinen Unterschied mehr, mein lieber Lockhart," fuhr
sie fort, als Ron schon zur Gegenfrage ansetzen wollte.
"Na super! Gilderoy in seiner Jugend! Ob er schon damals ein arroganter
Aufschneider war?" Ron schnitt eine Grimasse, woraufhin Harry und Hermine
lachten.
Nachdem sie noch einige Zeit über Gilderoys Vergangenheit spekuliert
hatten, gingen sie runter in die Große Halle. Dort herrschte bereits ein
reges Treiben: Unzählige Hauselfen putzten und dekorierten die Halle für
das große Willkommensessen der Schüler am Abend.
Hermine wollte schon zum Protest ansetzen, aber Ron hielt sie davon ab:
"Nicht jetzt, Hermine!"
"Ah, unsere besonderen Gäste." Dumbledore betrat die Halle, dicht gefolgt
von Professor McGonagall.
"Habt ihr gut geschlafen?", fragte sie. Alle drei bejahten.
"Dann lasst uns in Ruhe frühstücken, so lange wir noch können, denn der
erste Tag nach den Ferien ist immer sehr anstrengend." Dumbledore gähnte
herzhaft und setzte sich dann auf seinen Stuhl. Professor McGonagall nahm
neben ihm Platz.
"Setzt euch!", forderte Dumbledore die drei auf, als diese etwas hilflos
stehen blieben.
"Aber das ist doch der Lehrertisch," murmelte Ron.
"Stimmt! Aber erst ab heute Abend. Jetzt könnt ihr euch ruhig hier
hinsetzen." Professor McGonagall machte eine entsprechende Geste, der
Harry, Hermine und Ron sofort Folge leisteten.
Während des Frühstücks sprachen sie fast kein Wort. Jeder hing seinen
eigenen Gedanken nach. Nur Professor Dumbledore, Professor McGonagall und
Professor Flitwick, der später hinzu gekommen war, unterhielten sich
angeregt über das kommende Schuljahr. Zu Harrys Erstaunen fragte Professor
Flitwick gar nicht, warum schon Erstklässler da waren. Er hatte gar nichts
dergleichen geäußert; so als ob sie unsichtbar wären.
"Ähm... Professor Dumbledore? Darf ich Sie etwas fragen?" Harry rutschte
unruhig auf seinen Stuhl hin und her. Warum war er auf einmal so nervös?
"Natürlich, Harry! Um was geht's?" Dumbledore lächelte ihn ermutigend an.
" Äh ... also ... in welchen Klassen sind denn meine Eltern?"
"Deine Eltern?" Professor Flitwick zog fragend eine Augenbraue hoch.
Das war es also. Er war wegen Professor Flitwick so nervös. Ob Dumbledore
ihm etwas erzählt hatte?
"Er meint James und Lily. Als er gestern mit seinen zwei Freunden ankam,
habe ich festgestellt, dass er Ähnlichkeit mit den beiden hat und aus Spaß
gemeint, dass es seine Eltern sein könnten, wenn sie nicht nur vier Jahre
älter wären." Dumbledore lachte und Professor Flitwick auch. Harry fand das
ganz und gar nicht komisch, versuchte aber, auch mitzulachen.
"Genau! Mir sind jetzt nur nicht die Namen eingefallen," erklärte er unter
dem gezwungenen Lachen.
"Also deine Eltern... ja?" Dumbledore wischte sich die Tränen aus den
Augen. Entweder er konnte sehr gut schauspielern oder er fand das wirklich
sehr lustig. Dumbledore räusperte sich kurz und sprach dann weiter: "Sie
sind jetzt beide in der fünften Klasse und in Gryffindor. Vielleicht kommt
ihr ja auch nach Gryffindor, dann lernst du sie schon bald kennen. Ich bin
schon auf James Gesicht gespannt, wenn er dich sieht. Schließlich hat nicht
jeder einen Doppelgänger." Professor Flitwick kicherte wieder und wäre
dabei fast von dem Bücherstapel gefallen, auf dem er saß, um überhaupt über
die Tischkante sehen zu können. Auch Dumbledores Schmunzeln wurde zu einem
breiten Grinsen.
"Aber meine Herren! Könnten sie damit vielleicht aufhören? Die drei sind
jetzt schon sehr aufgeregt wegen der Auswahl, da brauchen sie nicht noch zu
Ihrer Belustigung dienen." Professor McGonagalls Züge wurden genauso hart
wie die von Harry.
"Also, ich finde es auch komisch," meldete Ron sich zu Wort.
"Und ich bin nicht aufgeregt wegen der Auswahl," mischte Hermine sich auch
noch ein.
Harry, der zwischen den beiden saß, gab ihnen einen kräftigen Tritt vors
Schienbein. Ron und Hermine zuckten zusammen und ihr Grinsen verschwand
schlagartig aus ihren Gesichtern.
"Wir haben da noch ein Problem...," begann Harry wieder, wobei er den
Blickkontakt zu den Professoren mied. "Wir haben keine Schulbücher."
"Was? Erst könnt ihr es kaum erwarten, nach Hogwarts zu kommen und dann
fehlen euch die Bücher," sagte Professor Flitwick ungläubig.
"Das ist schon Ok," entgegnete Professor Dumbledore. "Da die drei aus der
Muggelwelt kommen, habe ich angeboten, die Schulbücher für sie zu besorgen.
Beim Kauf der Umhänge, Schreibzeug, Kessel und Zauberstäben war Professor
McGonagall behilflich, aber das mit den Büchern hatten sie leider nicht
mehr geschafft ... Sie liegen in meinem Büro," fügte er dann noch hinzu.
"Danke!", sagte Hermine. "Können wir sie gleich haben? Dann können wir
schon mal drin lesen."
"Wozu denn? Du weißt doch eh noch was drin steht," flüsterte Ron ihr zu.
"Das sind andere Schulbücher als die, die wir in der Ersten hatten.
Außerdem ist das wohl ganz allein meine Sache, oder?", giftete sie ihn an.
Als sie das Frühstück beendet hatten, gingen sie zu Dumbledores Büro. Wie
er gesagt hatte, standen auf seinem Tisch drei Kessel, in den sich
allerhand Schulbücher und Schreibzeug befanden.
Sie schleppten ihre Kessel mühsam in den Gryffindor Gemeinschaftsraum und
Hermine begann sogleich, wissbegierig im ersten Buch zu lesen.
Ron und Harry dagegen wollten sich auch noch die anderen Schlafräume
ansehen. Die meisten sahen ganz durchschnittlich aus: An den Wänden hingen
verschiedene Poster von Hexen und Zauberern oder auch Fotos von den
Schülern selber. Diese gefielen den beiden besonders gut, weil sie dadurch
einiges über die Gryffindors erfuhren. So entdeckten sie auch, in welcher
Kammer der Kapitän der Gryffindor Quidditchmannschaft schlief.
Nachdem sie bereits in der Hälfte der Schlafräume gewesen waren, fanden sie
das, wonach sie gesucht hatten: die Schlafkammer von James, Sirius, Remus
und Peter.
Schon beim Betreten des Zimmers war ihnen klar, dass sie ihr Ziel erreicht
hatten: Vier kleine goldene Schnatze flatterten wie wild im Raum herum.
Harry machte sich einen Spaß draus und fing alle ein. Auf jedem der
Schnatze stand ein Name. Wurmschwanz fing er zuerst. Moony und Tatze bekam
er gleichzeitig zu fassen: Moony mit der linken und Tatze mit der rechten
Hand. Zum Schluss erwischte er den Schnatz seines Vaters: Krone.
Auch Ron versuchte, alle Schnatze zu fangen, doch er bekam jedes Mal nur
Wurmschwanz zu packen, deswegen gab er es bald wieder auf.
An der Wand mit der Eingangstür stand in großer verschnörkelter Schrift:
Hier hausen Krone, Tatze, Moony und Wurmschwanz!!! Um die Aufschrift
klebten haufenweise Fotos der vier Jungen. Die restlichen Wände waren
komplett mit Postern berühmter Quidditchspielern gepflastert.
"Dieses Zimmer ist einfach klasse!" rief Ron erfreut aus. Seine Wangen
waren vor lauter Herumspringen gerötet. "Das muss Hermine sehen. Ich hole
sie schnell!" Mit eiligen Schritten verschwand Ron aus der Kammer.
Harry ging von Bett zu Bett. Weil auch die Betten mit Namen versehen waren,
war es leicht, das seines Vaters zu finden: Es war das hinterste. Wie sein
Bett. Er lächelte.
Professor McGonagall hatte Recht: Er war wirklich aufgeregt wegen der
Auswahl. Er würde das erste Mal seine Eltern sehen. Ganz real. Nicht von
irgendwelchen Fotos. Nein. Er würde etwas zu ihnen sagen und sie würden ihm
antworten.
Ganz in Gedanken sah er aus dem Fenster. Hagrid verließ gerade seine Hütte
und betrat den Verbotenen Wald. Die Aussicht aus dem Fenster kannte er
doch...
"Hermine! Ron!", schrie er.
"Jaaa! Wir sind nicht taub, weißt du? Was ist denn los?", maulte Hermine
ihn an. Harry hatte gar nicht mitbekommen, dass Ron mit ihr schon wieder
zurückgekommen war.
"Seht selbst!" Er deutete aus dem Fenster.
"Da ist der Verbotene Wald und Hagrids Hütte. Was ist daran so besonders?",
fragte Ron. "Das sehen wir jeden Tag aus unserem Fenster auch ..." Er brach
ab. "Das ... kann nicht sein ... das ist..." stammelte er.
"Das ist dieselbe Aussicht und das heißt das ist unser Zimmer," vollendete
Harry den Satz mit leuchtenden Augen. "Mein Vater war im selben Schlafraum
wie ich und hat auch im selben Bett geschlafen." Harry wies auf das Wort
Krone, das im rechten Pfosten des Himmelbettes eingraviert war. Aufgeregt
tanzte er durch den Raum und fing dabei gleich nochmal die Schnatze ein.
"Jetzt dreht er völlig durch," seufzte Ron.
"Lass ihn doch. Ich habe ihn selten so ausgelassen gesehen," lachte Hermine
kopfschüttelnd.
Als sie zur Mittagszeit Hunger bekamen, machten sie sich wieder auf den Weg
in die Große Halle.
Professor Dumbledore und Professor McGonagall saßen bereits am Tisch.
Diesmal war ein Lehrer bei ihnen, den sie noch nicht kannten.
"Das ist Professor Henson. Er wird euch in Verteidigung gegen die dunklen
Künste unterrichten," klärte Professor Dumbledore sie auf.
"So, ihr seid also die drei, die so gerne nach Hogwarts wollten, dass sie
nicht bis heute warten konnten?" Professor Henson musterte sie mit kaltem
Blick. "Nächstes Jahr wird euch das nicht passieren, da würdet ihr euch
freuen, wenn ihr nicht zurück müsstet," knurrte er sie an.
"Äh...," begann Harry.
"Das war nur ein Scherz! Unser Professor Henson ist ein richtiger
Witzbold." Dumbledore klopfte ihm auf die Schulter.
Die drei setzten sich wieder auf dieselben Plätze wie beim Frühstück,
allein schon, weil sie dort am weitesten von dem übellaunigen Professor
Henson entfernt waren.
Das Mittagessen verlief genauso wortkarg wie das Frühstück. Nur diesmal
verkniff sich Harry all die Fragen, die ihm im Kopf herumsausten. Er hatte
das Gefühl, dass Professor Henson ihn ununterbrochen fixierte. Deswegen
schaute er die ganze Zeit nur noch auf seinen Teller.
"Was habt ihr eigentlich den ganzen Vormittag gemacht?", fragte Professor
Henson auf einmal.
"Wir haben unsere Schulbücher durchgeblättert," antwortet Hermine, als sei
es das Natürlichste auf der Welt.
"So, dann könnte ihr mir bestimmt sagen, wie der Zauberspruch für eine
Ganzkörperklammer geht? Mr. Creevey?" Harry zuckte zusammen. An diesen
Namen wird er sich wohl nie gewöhnen. Professor Hensons Augen funkelten ihn
herausfordernd an.
"Also, ich bitte Sie, Professor Henson. Die drei sind Erstklässler und noch
dazu unter Muggeln aufgewachsen. So was können sie noch gar nicht wissen,"
mischte sich Professor McGonagall ein.
"Petrificus Totalus," antwortete Harry kalt. Sowohl Professor Henson als
auch Professor McGonagall schauten ihn überrascht an. Nur Professor
Dumbledore lächelte wissend.
"Wow! Ok, du hast mich überzeugt. Vielleicht wird's doch ganz amüsant in
Hogwarts," lachte Professor Henson.
Die drei Freunde sahen sich verwundert an. Erst ist er so fies und jetzt
lacht er?
"Ich habe euch ja gesagt, dass er ein Spaßvogel ist," meinte Professor
Dumbledore.
"Oh Mann! Das kann ja was werden," stöhnte Ron. "Ein Spaßvogel als Lehrer!
Hoffentlich ist er nicht so'n Typ wie Lockhart."
Nun waren sie auf dem Weg zu Hagrid. "Wir könnten uns doch kurz
vorstellen.", meinte Hermine nach dem Essen und Harry und Ron hatten
freudig zugestimmt.
Hagrid kam ihnen auf dem halben Weg schon entgegen.
"Ihr seid wohl die drei Frühankömmlinge?", begrüßte er die drei. "Ich bin
Rubeus Hagrid. Ihr könnt mich ruhig Hagrid nennen."
"Ich bin Harry Creevey. Das ist Hermine Granger und Ron Thomson." Hagrid
schüttelte einen nach den anderen gewaltig die Hand.
"Freut mich, euch kennen zu lernen. Seid ihr schon wegen der Auswahl
aufgeregt?", fragte er.
"Nein," antworten Ron und Hermine wahrheitsgemäß.
"Und du, Harry?" Hagrid schaute ihm fragend an.
"Ein bisschen," gab er zu.
"Wegen der Auswahl oder wegen James?", lachte Hagrid. "Ihr seht euch beide
wirklich ähnlich. Aber mach dir keine Sorgen, Harry! James ist eigentlich
'n ganz netter Kerl. Kommt mich öfters besuchen. Aber was er mit Severus
macht, is nicht schön..."
"Wieso, was macht er den mit Severus?", fragte Ron aufgeregt. Die
Vorstellung, das Harrys Vater seinen Hasslehrer ärgert, gefiel ihm sehr.
"Ach.. nicht so wichtig.... Ich muss leider gehen. Die Schüler werden bald
da sein und da habe ich noch viel zu tun. Also, man sieht sich..." Hagrid
verabschiedete sich von den dreien und verschwand in Richtung Schloss.
"Ich frage mich, was dein Vater mit Snape so alles anstellt?" Ron grinste
hinterhältig.
"Das werden wir sicher bald erfahren," meinte Hermine gelangweilt. "Ich
werde die Wartezeit in der Bibliothek verbringen. Kommt ihr mit?"
Harry und Ron schauten sich fragend an und nickten dann.
Die Zeit in der Bibliothek verging ziemlich schnell. Es gab ein völlig
anderes Ordnungssystem als zu ihrer Zeit in Hogwarts, und so beschäftigten
Ron und Harry sich damit, alles auszukund-schaften, damit sie bei Problemen
schneller die entsprechenden Bücher fanden.
Die Abteilung der verbotenen Bücher war kaum geschützt. Sie mussten den
gewünschten Büchern einfach nur gut zureden und sie manchmal mit
verschiedenen Dingen bestechen, damit sie nicht schrieen, wenn man sie
öffnete. Einem Buch mussten sie sogar beteuern, wie mächtig und wichtig es
sei und dann wollte es auch noch einen Schokofrosch. Doch den hatten sie
leider nicht bei sich und da war es beleidigt und sagte kein einziges Wort
mehr.
Hermine blätterte ein Buch nach den anderen durch und stellte es dann
enttäuscht wieder weg.
"Was suchst du eigentlich?", fragte Ron schließlich, als sie schon das
zehnte Buch wieder ins Regal zurückstellte.
"Ich suche etwas über den Zeitkopierer. Vielleicht gibt es ja noch einen
anderen Weg, zurück zu kommen. Und vielleicht kann man mit dem Zeitkopierer
doch die Vergangenheit oder die Zukunft verändern..." erklärte sie ihm.
"Meinst du, ich könnte dann meine Eltern vor Wurmschwanz warnen. Oder wir
könnten gleich verhindern, dass Voldemort an die Macht kommt?", Harry wurde
hellhörig.
"Harry, bitte sag nicht diesen Namen!", zischte Ron ihn an.
"Möglich wäre es." Hermine achtete gar nicht auf Ron. "Aber viel mehr
Kopfzerbrechen bereit mir die Sache mit Sebastian. Woher hatte er diesen
Zeitkopierer? Er gilt seit hundert Jahren als verschollen. Und was wollte
er mit der Drachenschale? Je mehr ich darüber nachdenke, desto stärker wird
mein Gefühl, dass wir einen großen Fehler begangen haben. Und ich meine
nicht die Zeitreise..."
Hermine schaute sie mit ernster Mine an.
"Mit Sebastian hast du vielleicht Recht... - Aber dass der Zeitkopierer
doch die Vergangenheit oder die Zukunft ändern kann, glaube ich nicht.
Dumbledore hat es gesagt und ich glaube ihm. Warum hätte er es uns
verschweigen sollen?", antwortete Ron.
"Angelogen hat er uns sicher nicht, aber vielleicht weiß er gar nicht, dass
man damit doch die Geschichte verändern kann," überlegte Harry laut.
"Mag sein. Doch dann findet Hermine die Antwort sicher nicht in einem
dieser Bücher hier," sagte Ron.
Hermine kam nicht dazu, zu antworten, denn Professor McGonagall betrat die
Bibliothek.
"Ach! Hier seid ihr. Ich habe euch schon überall gesucht. Die Schüler
kommen in wenigen Minuten an und ihr sollt euch doch unter die Erstklässler
mischen. Bitte beeilt euch!"
Harry erwachte am nächsten Morgen schon sehr früh. Er brauchte einem
Moment, um sich zu erinnern, was passiert war. Insgeheim hatte er gehofft,
dass alles nur ein Traum war, aber ein Blick durch das Zimmer zerstörte
diese Hoffnung. Im Bett nebenan lag Ron und noch eins weiter Hermine. Sie
wollte nicht alleine schlafen und weil noch keine anderen Schüler da waren,
hatte Professor McGonagall es erlaubt.
Leise schlich er aus dem Schlafraum. Er wollte die beiden nicht wecken.
Nach kurzem Überlegen kam er auf die Idee, die anderen Schlafräume des
Gryffindorturms zu erkunden. Vielleicht fand er ja den seines Vaters.
Er ging rüber zum nächsten Raum und trat neugierig ein. Die Wände waren
überfüllt mit Fotos. Harry drehte sich dem erstbesten zu: Ein Junge
schüttelte voller Stolz die Hand einer Hexe im mittleren Alter.
Harry schaute es einen Augenblick verwundert an und wollte sich schon dem
nächsten zuwenden, aber plötzlich hielt er mitten in der Bewegung inne und
betrachtete das Foto noch mal genauer: Der Junge darauf lächelte auf eine
Art und Weise, die ihm eigentümlich bekannt vor kam...
"Gilderoy Lockhart?" flüsterte er ungläubig. Das kann doch nicht sein.
Harry schüttelte den Kopf, aber dieses Lächeln war einfach unübersehbar.
"Gilderoy Lockhart war in Gryffindor?," wunderte er sich. Harry schüttelte
nochmals den Kopf. Im Eiltempo begann er die anderen Fotos zu betrachten,
aber wie befürchtet war auf jedem Foto Gilderoy mit seinem allseits
bekannten Lächeln zu sehen.
Ein paar Fotos zeigten, wie er diversen Mädchen die Hände schüttelte oder
sie hier und da umarmte, aber Harry fand keinen noch so kleinen Beweis
dafür, dass dies nicht der Schlafraum von Gilderoy Lockhart war. Seufzend
ließ er sich auf eins der Betten fallen. Es gab so viele Fotos, die er
angeschaut hatte, dass er wieder müde wurde.
Harry schloss die Augen und öffnete sie wieder. Der Himmel des Bettes war
mit Leuchtbuchstaben bestickt, die regelmäßig die Farbe wechselten.
"Erster? Was soll denn das heißen?" Harry zog fragend eine Augenbraue hoch.
Er schaute rüber zum nächsten Himmelbett und sah auch dort ein Leuchten am
Himmel. Als er es lass, schluckte er kräftig.
"Nein, das kann doch nicht sein...", murmelte er. Aber es war dem so... Auf
jedem der fünf Himmelbetten stand ein Wort und zusammen ergab es: Erster
offizieller Gilderoy Lockhart Fanclub!
Harry wusste nicht, ob er Erleichterung oder Schock fühlte. Es mag zwar
doch keinen - zumindest hoffte er das - Gilderoy Lockhart in Gryffindor
geben, aber dafür gab es einen Fanclub. Was schlimmer war, konnte Harry
wirklich nicht sagen.
Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ Harry den Schlafraum wieder. Als
er den Gemeinschaftsraum betrat, fand er Hermine und Ron, die vor dem Kamin
Snape explodiert spielten.
"Morgen Harry!", nuschelte Ron schlaftrunken.
"Wo warst du?", fragte Hermine.
"Ihr werdet nicht glauben, was ich entdeckt habe," murmelte Harry. Mit
wenigen Worten erzählte er, was er gesehen hatte.
"Oh nein! Und ich dachte, wir wären ihn los. Er ist doch nicht mehr in
Hogwarts, oder?," Ron war genauso schockiert wie zuvor Harry.
"Wahrscheinlich schon. Er war nur zwei Jahrgänge älter als Snape. Und Snape
war ja im selben Jahrgang wie deine Eltern," sagte Hermine. "Ich habe Snape
einmal sagen hören: Damals mögen Sie zwar zwei Klassen höher gewesen sein,
aber jetzt macht das keinen Unterschied mehr, mein lieber Lockhart," fuhr
sie fort, als Ron schon zur Gegenfrage ansetzen wollte.
"Na super! Gilderoy in seiner Jugend! Ob er schon damals ein arroganter
Aufschneider war?" Ron schnitt eine Grimasse, woraufhin Harry und Hermine
lachten.
Nachdem sie noch einige Zeit über Gilderoys Vergangenheit spekuliert
hatten, gingen sie runter in die Große Halle. Dort herrschte bereits ein
reges Treiben: Unzählige Hauselfen putzten und dekorierten die Halle für
das große Willkommensessen der Schüler am Abend.
Hermine wollte schon zum Protest ansetzen, aber Ron hielt sie davon ab:
"Nicht jetzt, Hermine!"
"Ah, unsere besonderen Gäste." Dumbledore betrat die Halle, dicht gefolgt
von Professor McGonagall.
"Habt ihr gut geschlafen?", fragte sie. Alle drei bejahten.
"Dann lasst uns in Ruhe frühstücken, so lange wir noch können, denn der
erste Tag nach den Ferien ist immer sehr anstrengend." Dumbledore gähnte
herzhaft und setzte sich dann auf seinen Stuhl. Professor McGonagall nahm
neben ihm Platz.
"Setzt euch!", forderte Dumbledore die drei auf, als diese etwas hilflos
stehen blieben.
"Aber das ist doch der Lehrertisch," murmelte Ron.
"Stimmt! Aber erst ab heute Abend. Jetzt könnt ihr euch ruhig hier
hinsetzen." Professor McGonagall machte eine entsprechende Geste, der
Harry, Hermine und Ron sofort Folge leisteten.
Während des Frühstücks sprachen sie fast kein Wort. Jeder hing seinen
eigenen Gedanken nach. Nur Professor Dumbledore, Professor McGonagall und
Professor Flitwick, der später hinzu gekommen war, unterhielten sich
angeregt über das kommende Schuljahr. Zu Harrys Erstaunen fragte Professor
Flitwick gar nicht, warum schon Erstklässler da waren. Er hatte gar nichts
dergleichen geäußert; so als ob sie unsichtbar wären.
"Ähm... Professor Dumbledore? Darf ich Sie etwas fragen?" Harry rutschte
unruhig auf seinen Stuhl hin und her. Warum war er auf einmal so nervös?
"Natürlich, Harry! Um was geht's?" Dumbledore lächelte ihn ermutigend an.
" Äh ... also ... in welchen Klassen sind denn meine Eltern?"
"Deine Eltern?" Professor Flitwick zog fragend eine Augenbraue hoch.
Das war es also. Er war wegen Professor Flitwick so nervös. Ob Dumbledore
ihm etwas erzählt hatte?
"Er meint James und Lily. Als er gestern mit seinen zwei Freunden ankam,
habe ich festgestellt, dass er Ähnlichkeit mit den beiden hat und aus Spaß
gemeint, dass es seine Eltern sein könnten, wenn sie nicht nur vier Jahre
älter wären." Dumbledore lachte und Professor Flitwick auch. Harry fand das
ganz und gar nicht komisch, versuchte aber, auch mitzulachen.
"Genau! Mir sind jetzt nur nicht die Namen eingefallen," erklärte er unter
dem gezwungenen Lachen.
"Also deine Eltern... ja?" Dumbledore wischte sich die Tränen aus den
Augen. Entweder er konnte sehr gut schauspielern oder er fand das wirklich
sehr lustig. Dumbledore räusperte sich kurz und sprach dann weiter: "Sie
sind jetzt beide in der fünften Klasse und in Gryffindor. Vielleicht kommt
ihr ja auch nach Gryffindor, dann lernst du sie schon bald kennen. Ich bin
schon auf James Gesicht gespannt, wenn er dich sieht. Schließlich hat nicht
jeder einen Doppelgänger." Professor Flitwick kicherte wieder und wäre
dabei fast von dem Bücherstapel gefallen, auf dem er saß, um überhaupt über
die Tischkante sehen zu können. Auch Dumbledores Schmunzeln wurde zu einem
breiten Grinsen.
"Aber meine Herren! Könnten sie damit vielleicht aufhören? Die drei sind
jetzt schon sehr aufgeregt wegen der Auswahl, da brauchen sie nicht noch zu
Ihrer Belustigung dienen." Professor McGonagalls Züge wurden genauso hart
wie die von Harry.
"Also, ich finde es auch komisch," meldete Ron sich zu Wort.
"Und ich bin nicht aufgeregt wegen der Auswahl," mischte Hermine sich auch
noch ein.
Harry, der zwischen den beiden saß, gab ihnen einen kräftigen Tritt vors
Schienbein. Ron und Hermine zuckten zusammen und ihr Grinsen verschwand
schlagartig aus ihren Gesichtern.
"Wir haben da noch ein Problem...," begann Harry wieder, wobei er den
Blickkontakt zu den Professoren mied. "Wir haben keine Schulbücher."
"Was? Erst könnt ihr es kaum erwarten, nach Hogwarts zu kommen und dann
fehlen euch die Bücher," sagte Professor Flitwick ungläubig.
"Das ist schon Ok," entgegnete Professor Dumbledore. "Da die drei aus der
Muggelwelt kommen, habe ich angeboten, die Schulbücher für sie zu besorgen.
Beim Kauf der Umhänge, Schreibzeug, Kessel und Zauberstäben war Professor
McGonagall behilflich, aber das mit den Büchern hatten sie leider nicht
mehr geschafft ... Sie liegen in meinem Büro," fügte er dann noch hinzu.
"Danke!", sagte Hermine. "Können wir sie gleich haben? Dann können wir
schon mal drin lesen."
"Wozu denn? Du weißt doch eh noch was drin steht," flüsterte Ron ihr zu.
"Das sind andere Schulbücher als die, die wir in der Ersten hatten.
Außerdem ist das wohl ganz allein meine Sache, oder?", giftete sie ihn an.
Als sie das Frühstück beendet hatten, gingen sie zu Dumbledores Büro. Wie
er gesagt hatte, standen auf seinem Tisch drei Kessel, in den sich
allerhand Schulbücher und Schreibzeug befanden.
Sie schleppten ihre Kessel mühsam in den Gryffindor Gemeinschaftsraum und
Hermine begann sogleich, wissbegierig im ersten Buch zu lesen.
Ron und Harry dagegen wollten sich auch noch die anderen Schlafräume
ansehen. Die meisten sahen ganz durchschnittlich aus: An den Wänden hingen
verschiedene Poster von Hexen und Zauberern oder auch Fotos von den
Schülern selber. Diese gefielen den beiden besonders gut, weil sie dadurch
einiges über die Gryffindors erfuhren. So entdeckten sie auch, in welcher
Kammer der Kapitän der Gryffindor Quidditchmannschaft schlief.
Nachdem sie bereits in der Hälfte der Schlafräume gewesen waren, fanden sie
das, wonach sie gesucht hatten: die Schlafkammer von James, Sirius, Remus
und Peter.
Schon beim Betreten des Zimmers war ihnen klar, dass sie ihr Ziel erreicht
hatten: Vier kleine goldene Schnatze flatterten wie wild im Raum herum.
Harry machte sich einen Spaß draus und fing alle ein. Auf jedem der
Schnatze stand ein Name. Wurmschwanz fing er zuerst. Moony und Tatze bekam
er gleichzeitig zu fassen: Moony mit der linken und Tatze mit der rechten
Hand. Zum Schluss erwischte er den Schnatz seines Vaters: Krone.
Auch Ron versuchte, alle Schnatze zu fangen, doch er bekam jedes Mal nur
Wurmschwanz zu packen, deswegen gab er es bald wieder auf.
An der Wand mit der Eingangstür stand in großer verschnörkelter Schrift:
Hier hausen Krone, Tatze, Moony und Wurmschwanz!!! Um die Aufschrift
klebten haufenweise Fotos der vier Jungen. Die restlichen Wände waren
komplett mit Postern berühmter Quidditchspielern gepflastert.
"Dieses Zimmer ist einfach klasse!" rief Ron erfreut aus. Seine Wangen
waren vor lauter Herumspringen gerötet. "Das muss Hermine sehen. Ich hole
sie schnell!" Mit eiligen Schritten verschwand Ron aus der Kammer.
Harry ging von Bett zu Bett. Weil auch die Betten mit Namen versehen waren,
war es leicht, das seines Vaters zu finden: Es war das hinterste. Wie sein
Bett. Er lächelte.
Professor McGonagall hatte Recht: Er war wirklich aufgeregt wegen der
Auswahl. Er würde das erste Mal seine Eltern sehen. Ganz real. Nicht von
irgendwelchen Fotos. Nein. Er würde etwas zu ihnen sagen und sie würden ihm
antworten.
Ganz in Gedanken sah er aus dem Fenster. Hagrid verließ gerade seine Hütte
und betrat den Verbotenen Wald. Die Aussicht aus dem Fenster kannte er
doch...
"Hermine! Ron!", schrie er.
"Jaaa! Wir sind nicht taub, weißt du? Was ist denn los?", maulte Hermine
ihn an. Harry hatte gar nicht mitbekommen, dass Ron mit ihr schon wieder
zurückgekommen war.
"Seht selbst!" Er deutete aus dem Fenster.
"Da ist der Verbotene Wald und Hagrids Hütte. Was ist daran so besonders?",
fragte Ron. "Das sehen wir jeden Tag aus unserem Fenster auch ..." Er brach
ab. "Das ... kann nicht sein ... das ist..." stammelte er.
"Das ist dieselbe Aussicht und das heißt das ist unser Zimmer," vollendete
Harry den Satz mit leuchtenden Augen. "Mein Vater war im selben Schlafraum
wie ich und hat auch im selben Bett geschlafen." Harry wies auf das Wort
Krone, das im rechten Pfosten des Himmelbettes eingraviert war. Aufgeregt
tanzte er durch den Raum und fing dabei gleich nochmal die Schnatze ein.
"Jetzt dreht er völlig durch," seufzte Ron.
"Lass ihn doch. Ich habe ihn selten so ausgelassen gesehen," lachte Hermine
kopfschüttelnd.
Als sie zur Mittagszeit Hunger bekamen, machten sie sich wieder auf den Weg
in die Große Halle.
Professor Dumbledore und Professor McGonagall saßen bereits am Tisch.
Diesmal war ein Lehrer bei ihnen, den sie noch nicht kannten.
"Das ist Professor Henson. Er wird euch in Verteidigung gegen die dunklen
Künste unterrichten," klärte Professor Dumbledore sie auf.
"So, ihr seid also die drei, die so gerne nach Hogwarts wollten, dass sie
nicht bis heute warten konnten?" Professor Henson musterte sie mit kaltem
Blick. "Nächstes Jahr wird euch das nicht passieren, da würdet ihr euch
freuen, wenn ihr nicht zurück müsstet," knurrte er sie an.
"Äh...," begann Harry.
"Das war nur ein Scherz! Unser Professor Henson ist ein richtiger
Witzbold." Dumbledore klopfte ihm auf die Schulter.
Die drei setzten sich wieder auf dieselben Plätze wie beim Frühstück,
allein schon, weil sie dort am weitesten von dem übellaunigen Professor
Henson entfernt waren.
Das Mittagessen verlief genauso wortkarg wie das Frühstück. Nur diesmal
verkniff sich Harry all die Fragen, die ihm im Kopf herumsausten. Er hatte
das Gefühl, dass Professor Henson ihn ununterbrochen fixierte. Deswegen
schaute er die ganze Zeit nur noch auf seinen Teller.
"Was habt ihr eigentlich den ganzen Vormittag gemacht?", fragte Professor
Henson auf einmal.
"Wir haben unsere Schulbücher durchgeblättert," antwortet Hermine, als sei
es das Natürlichste auf der Welt.
"So, dann könnte ihr mir bestimmt sagen, wie der Zauberspruch für eine
Ganzkörperklammer geht? Mr. Creevey?" Harry zuckte zusammen. An diesen
Namen wird er sich wohl nie gewöhnen. Professor Hensons Augen funkelten ihn
herausfordernd an.
"Also, ich bitte Sie, Professor Henson. Die drei sind Erstklässler und noch
dazu unter Muggeln aufgewachsen. So was können sie noch gar nicht wissen,"
mischte sich Professor McGonagall ein.
"Petrificus Totalus," antwortete Harry kalt. Sowohl Professor Henson als
auch Professor McGonagall schauten ihn überrascht an. Nur Professor
Dumbledore lächelte wissend.
"Wow! Ok, du hast mich überzeugt. Vielleicht wird's doch ganz amüsant in
Hogwarts," lachte Professor Henson.
Die drei Freunde sahen sich verwundert an. Erst ist er so fies und jetzt
lacht er?
"Ich habe euch ja gesagt, dass er ein Spaßvogel ist," meinte Professor
Dumbledore.
"Oh Mann! Das kann ja was werden," stöhnte Ron. "Ein Spaßvogel als Lehrer!
Hoffentlich ist er nicht so'n Typ wie Lockhart."
Nun waren sie auf dem Weg zu Hagrid. "Wir könnten uns doch kurz
vorstellen.", meinte Hermine nach dem Essen und Harry und Ron hatten
freudig zugestimmt.
Hagrid kam ihnen auf dem halben Weg schon entgegen.
"Ihr seid wohl die drei Frühankömmlinge?", begrüßte er die drei. "Ich bin
Rubeus Hagrid. Ihr könnt mich ruhig Hagrid nennen."
"Ich bin Harry Creevey. Das ist Hermine Granger und Ron Thomson." Hagrid
schüttelte einen nach den anderen gewaltig die Hand.
"Freut mich, euch kennen zu lernen. Seid ihr schon wegen der Auswahl
aufgeregt?", fragte er.
"Nein," antworten Ron und Hermine wahrheitsgemäß.
"Und du, Harry?" Hagrid schaute ihm fragend an.
"Ein bisschen," gab er zu.
"Wegen der Auswahl oder wegen James?", lachte Hagrid. "Ihr seht euch beide
wirklich ähnlich. Aber mach dir keine Sorgen, Harry! James ist eigentlich
'n ganz netter Kerl. Kommt mich öfters besuchen. Aber was er mit Severus
macht, is nicht schön..."
"Wieso, was macht er den mit Severus?", fragte Ron aufgeregt. Die
Vorstellung, das Harrys Vater seinen Hasslehrer ärgert, gefiel ihm sehr.
"Ach.. nicht so wichtig.... Ich muss leider gehen. Die Schüler werden bald
da sein und da habe ich noch viel zu tun. Also, man sieht sich..." Hagrid
verabschiedete sich von den dreien und verschwand in Richtung Schloss.
"Ich frage mich, was dein Vater mit Snape so alles anstellt?" Ron grinste
hinterhältig.
"Das werden wir sicher bald erfahren," meinte Hermine gelangweilt. "Ich
werde die Wartezeit in der Bibliothek verbringen. Kommt ihr mit?"
Harry und Ron schauten sich fragend an und nickten dann.
Die Zeit in der Bibliothek verging ziemlich schnell. Es gab ein völlig
anderes Ordnungssystem als zu ihrer Zeit in Hogwarts, und so beschäftigten
Ron und Harry sich damit, alles auszukund-schaften, damit sie bei Problemen
schneller die entsprechenden Bücher fanden.
Die Abteilung der verbotenen Bücher war kaum geschützt. Sie mussten den
gewünschten Büchern einfach nur gut zureden und sie manchmal mit
verschiedenen Dingen bestechen, damit sie nicht schrieen, wenn man sie
öffnete. Einem Buch mussten sie sogar beteuern, wie mächtig und wichtig es
sei und dann wollte es auch noch einen Schokofrosch. Doch den hatten sie
leider nicht bei sich und da war es beleidigt und sagte kein einziges Wort
mehr.
Hermine blätterte ein Buch nach den anderen durch und stellte es dann
enttäuscht wieder weg.
"Was suchst du eigentlich?", fragte Ron schließlich, als sie schon das
zehnte Buch wieder ins Regal zurückstellte.
"Ich suche etwas über den Zeitkopierer. Vielleicht gibt es ja noch einen
anderen Weg, zurück zu kommen. Und vielleicht kann man mit dem Zeitkopierer
doch die Vergangenheit oder die Zukunft verändern..." erklärte sie ihm.
"Meinst du, ich könnte dann meine Eltern vor Wurmschwanz warnen. Oder wir
könnten gleich verhindern, dass Voldemort an die Macht kommt?", Harry wurde
hellhörig.
"Harry, bitte sag nicht diesen Namen!", zischte Ron ihn an.
"Möglich wäre es." Hermine achtete gar nicht auf Ron. "Aber viel mehr
Kopfzerbrechen bereit mir die Sache mit Sebastian. Woher hatte er diesen
Zeitkopierer? Er gilt seit hundert Jahren als verschollen. Und was wollte
er mit der Drachenschale? Je mehr ich darüber nachdenke, desto stärker wird
mein Gefühl, dass wir einen großen Fehler begangen haben. Und ich meine
nicht die Zeitreise..."
Hermine schaute sie mit ernster Mine an.
"Mit Sebastian hast du vielleicht Recht... - Aber dass der Zeitkopierer
doch die Vergangenheit oder die Zukunft ändern kann, glaube ich nicht.
Dumbledore hat es gesagt und ich glaube ihm. Warum hätte er es uns
verschweigen sollen?", antwortete Ron.
"Angelogen hat er uns sicher nicht, aber vielleicht weiß er gar nicht, dass
man damit doch die Geschichte verändern kann," überlegte Harry laut.
"Mag sein. Doch dann findet Hermine die Antwort sicher nicht in einem
dieser Bücher hier," sagte Ron.
Hermine kam nicht dazu, zu antworten, denn Professor McGonagall betrat die
Bibliothek.
"Ach! Hier seid ihr. Ich habe euch schon überall gesucht. Die Schüler
kommen in wenigen Minuten an und ihr sollt euch doch unter die Erstklässler
mischen. Bitte beeilt euch!"
