Kapitel 4: Unerwartete Post

Nach dem Festmahl führten Lily und Remus die Erstklässler die Marmortreppe
in der Eingangshalle hinauf und durch die vielen verwirrenden Flure und
Gänge hoch zum Gryffindorturm.
Harry, Hermine und Ron gingen direkt hinter den Vertrauensschülern und
konnten so jedes Wort der beiden verstehen.
"Wirklich Remus, ich frage mich, wie du mit so jemandem wie James
befreundet sein kannst," murmelte Lily.
Sie hatte seit der Auseinandersetzung am Tisch kein Wort mehr gesagt und
schweigend weiter gegessen. James dagegen hatte die ganze Zeit ein
triumphierendes Grinsen im Gesicht. Über Harrys Ähnlichkeit mit ihm wurde
kein einziges Wort mehr gesprochen, worüber Harry einerseits erstaunt und
andererseits sehr erleichtert war.
"Er ist eigentlich kein schlechter Kerl. Er ist ein sehr guter Freund und
wird es auch immer bleiben," verteidigte Remus seinen Kumpel.
"Nur zu dumm, dass man von dem kein schlechter Kerl kaum etwas
mitbekommt...," entgegnete Lily scharf. Abrupt stoppte sie die
Schülergruppe, denn sie hatten ihr Ziel erreicht.
"So, wir sind da. Hier ist der Gryffindorturm. Um ihn zu betreten, müsst
ihr euch das Passwort gut merken. In dieser Woche heißt es "Simsalabim,"
erklärte sie den Neuen. Kaum hatte sie das Passwort genannt, schwang das
Gemälde einer dicken Dame im rosa Kleid beiseite.
"Willkommen! Tretet ein!", sagte sie mit sanfter Stimme.
Einer nach den anderen kletterte durch das Porträtloch. Aus dem
Gemeinschaftsraum drang eine Vielzahl an Stimmen zu ihnen herüber.
"Die Mädchen folgen bitte Lily und die Jungen mir. Wir zeigen euch jetzt
eure Schlafräume", forderte Remus sie auf.
Hermine verabschiedete sich von Harry und Ron und folgte Lily.
"Harry, Ron! Kommt ihr?", rief Remus hinter ihnen. Die beiden hatten gar
nicht mitbekommen, dass der Rest schon in die andere Richtung gegangen war.
Sie beeilten sich und erreichten Remus, als er gerade den ersten fünf
Jungen ihre zukünftige Unterkunft zuwies.
"Und ihr," Remus drehte sich zu den anderen fünf - Harry und Ron
eingeschlossen - um. "Euer Schlafraum befindet sich dort." Er zeigte auf
eine Tür. "Links davon ist übrigens mein Schlafsaal. Also falls ihr Fragen
habt, meldet euch..."
Harry und Ron wandten sich schon ihrem Raum zu, doch Remus hielt sie noch
zurück.
"Es ist wirklich unglaublich! Da trifft James nun einen Doppelgänger und er
hat nichts Besseres zu tun, als mit Lily zu streiten, aber das ist typisch
für James...", lachte er. "Ich würde euch gerne besser kennen lernen. Wenn
ihr wollt, zeige ich euch morgen das Schloss. Hättet ihr Lust?", fragte er
sie.
"Klar!", antworteten die zwei einstimmig - neugierig, zu erfahren, welche
Unterschiede es im Vergleich zu ihrer Zeit in Hogwarts gab.
"Schön!", freute sich Remus.
"Was war das eigentlich für ein Zwischenfall, von dem du vorhin gesprochen
hast?", erkundigte sich Ron neugierig.
"Och, das..."
"Hey Moony, kommst du endlich?" Peter lugte aus ihrer Schlafraumtür.
"Ja!... Also, gute Nacht, ihr zwei!", lächelte Remus sie an und verschwand
in der Schlafkammer.
Als Ron und Harry ihren neuen Schlafraum betraten, konnten sie schon
leichtes Schnarchen von ihren neuen Zimmergenossen hören. Sie schlichen
auf Zehnspitzen zu ihren Betten -den hintersten Beiden.
"Na, das sind ja Schlafmützen. Das war doch nicht einmal 'ne Minute, die
wir später kamen." Ron schüttelte den Kopf. Doch sobald er sich hingelegt
hatte, schlief auch er sofort ein. Er schaffte es gerade noch, ein "Gute
Nacht, Harry!" zu murmeln, bevor auch aus seinem Bett ein Schnarchen
verkündete, dass ihn der Schlaf gepackt hatte.
"Gute Nacht, Ron!", flüsterte Harry in die Dunkelheit. Er starrte mit
leerem Blick an den Betthimmel. Eine gewisse Traurigkeit hatte ihn erfasst.
Die erste Begegnung mit seinen Eltern hatte er sich anders vorgestellt!
Aber morgen würde bestimmt alles ganz anders werden. Er freute sich auf
morgen - sehr sogar. Kurze Zeit später fiel er in einen traumlosen
Schlummer.
"AUFWACHEN!", schrie eine Stimme in sein Ohr. Harry fuhr erschrocken hoch.
Er sah in das grinsende Gesicht von Sirius.
"Was soll das?", schnauzte Harry ärgerlich zurück.
"Remus meinte, ich solle euch wecken. Die anderen sind alle schon beim
Frühstück," erklärte Sirius augenzwinkernd.
"Welche anderen?", meldete Ron sich zu Wort.
"Na, die Erstklässler...", antwortete eine andere Stimme. -James!.
Missmutig quälte Ron sich aus dem Bett.
"Wie spät is es denn...?", gähnte Ron herzhaft.
"Spät genug! In zwei Stunden beginnt eure erste Unterrichtsstunde." James
schloss sich Rons Gähnen an.
"WAS??? Und da weckt ihr uns jetzt schon. Was glaubt ihr, wie lange wir
fürs Essen brauchen?", stieß Ron wütend hervor.
Harry wusste gar nicht, dass Ron so ein Morgenmuffel war, aber auch er fand
es eindeutig zu früh.
"Nicht fürs Essen. Ihr werdet aber 'ne Weile brauchen, um das Klassenzimmer
zu finden. Und Professor McGonagall, bei der ihr die erste Stunde habt,
wird nicht begeistert sein, wenn ihr zu spät kommt..."
"Aber woher... ?", wurde Sirius von Harry unterbrochen.
"Kein Aber! Bei Beschwerden meldet euch bei Remus. Wir beantworten keine
weiteren Fragen mehr... Komm Tatze, wir müssen doch noch unseren
Lieblingsmitschüler begrüßen. Dafür sind wir doch extra früher
aufgestanden..." In James Augen blitzte es boshaft auf und Sirius lächelte
hinterlistig zurück. Ohne ein weiteres Wort verschwanden die zwei aus dem
Raum.
"Mit 'Lieblingsmitschüler' meinen die beiden sicherlich Snape," überlegte
Ron laut.
"Bestimmt!", nuschelte Harry zurück, wobei er schläfrig seine Beine aus dem
Bett streckte.
Zehn Minuten später trafen sie Hermine in der Großen Halle. Sie und Lily
waren am Gryffindortisch in ein anregendes Gespräch vertieft.
"...und das ist wirklich wahr?", fragte Hermine gerade staunend.
"Na, wenn ich es dir doch sage," antwortete Lily aufgeregt.
"Morgen," begrüßte Harry die Mädchen. Doch die sahen nicht einmal auf.
Verwundert schaute er zu Ron, aber dieser zuckte nur mit den Schultern und
ließ sich auf einen Stuhl gegenüber den Beiden fallen. Harry nahm neben ihm
Platz.
"Jetzt wird man nicht einmal mehr beachtet", sagte Ron übertrieben laut und
langte dabei nach dem Brötchenkorb. Er nahm sich eins raus und reichte den
Korb an Harry weiter.
"Oh... ihr seid schon wach?", stellte Hermine überrascht fest.
"Ja, dank Sirius und James", brummte Ron.
"Was haben sie denn angestellt?", fragte Lily neugierig.
"Sie haben uns nicht gerade sanft geweckt... Hermine, reichst du mir mal
die Marmelade?", sagte Harry und unterdrückte ein weiteres Gähnen.
"Wieso denn das? Wir haben doch noch über eine Stunde Zeit bis zum
Unterricht... Hier Harry," entgegnete Hermine.
"Das war meine Schuld," erklang auf einmal Remus Stimme hinter Harry. "Ich
dachte, es wäre besser, wenn ihr zu euren ersten Unterricht nicht zu spät
kommt. Aber vielleicht hätte ich lieber Peter anstatt Sirius schicken
sollen.", entschuldigte sich Remus. Er hatte einen Stapel Bücher unter den
Arm, legte diesen neben Harrys Teller und setzte sich dazu.
"Was sind denn das für Bücher?", erkundigte sich Hermine wissbegierig.
"Hm... oh das... ähm, das sind meine Schulbücher und die zwei hier..." Er
zeigte auf die zwei dicksten Wälzer. "...sind Die Geschichte von Hogwarts
und Bestrafungen bei magischen Verbrechen." Er schenkte sich Kürbissaft ein
und blickte wieder zu Hermine, die wie gebannt die beiden Bücher musterte.
"Judy Craffy hat sie mir eben zurückgegeben. Möchtest du sie dir
ausleihen?"
"Judy?" Lily zog ihre rechte Augenbraue vielsagend hoch. "Läuft da etwa
doch etwas zwischen euch, wie überall behauptet wird?", grinste sie. Remus
wurde leicht rot.
"Nein," beteuerte er. "Außerdem... - wer behauptet das?"
"Meine Quellen haben keine Namen!" antwortete sie ihm vieldeutig. Die drei
anderen blickten neugierig von Lily zu Remus und wieder zurück.
"Hm... Egal... also... Hermine, hättest du nun gerne eines der Bücher?",
wechselte er geschickt das Thema.
"Die Geschichte von Hogwarts kenne ich schon, aber das andere leihe ich
mir gerne aus." Remus reichte es ihr über den Tisch und in Hermines Augen
trat ein Leuchten, das Harry und Ron nur zu gut kannten. Es hieß so viel
wie: Die nächsten Stunden werde ich nicht mehr zu sprechen sein, weil ich
unbedingt meinen ohnehin schon horizontlosen Wissensbereich erweitern muss!
Ron verdrehte die Augen und biss in das mittlerweile dritte
Marmeladenbrötchen.
"Wo sind eigentlich deine Freunde?", wollte Lily auf einmal von Remus
wissen.
"Äh..."
Plötzlich erklang ein Schrei am Tisch der Slytherins, dem sofort die ganze
Aufmerksamkeit zuteil wurde. Doch in diesem Moment schoss der
allmorgendliche Eulenschwarm hinab in die Halle. Er lenkte das allgemeine
Interesse auf sich, denn es war für ungefähr die Hälfte der Schülerschaft
wichtiger, zu erfahren, ob sie Post bekamen, als herauszufinden, wer den
Schrei ausgestoßen hatte und warum.
"Ich sehe mal nach, was drüben am Slytherintisch los ist," beschloss Lily.
Sie stand auf und ging Richtung Ursprung des Schreies. Die anderen vier
sahen ihr wortlos nach.
Genau in diesem Augenblick landete unerwartet ein brauner Uhu mit einem
Brief im Schnabel flügelschlagend direkt auf Harrys Teller, und ihre ganze
Beachtung galt sofort dem unbekannten Federvieh.
"Wer schreibt mir denn?", wunderte sich Harry.
"Mach auf," forderte Ron ihn auf und steckte sich das letzte Stück seines
Brötchens in den Mund.
Harry öffnete den Brief, las ihn und wurde bleich.
"Was steht denn drin?", fragte Remus neugierig und beugte sich zu ihm
rüber.
"Ach...äh... nichts Besonderes," schwindelte Harry. Dass Remus ihn nicht
glaubte, war natürlich klar.
"Na ja es geht mich sowieso nichts an...", grummelte er und trank lustlos
den Rest seines Kürbissaft. "Ich muss los. Also um halb vier am
Haupteingang?"
Harry nickte und Remus stand auf, um zu gehen, aber eine wahnsinnig zornige
Lily hinderte ihn daran.
"WO.SIND.JAMES.UND.SIRIUS?", fuhr sie Remus mit schneidendscharfer Stimme
und blitzenden Augen an.
"Ich weiß nicht...," stammelte er eingeschüchtert. "...habe ich dir doch
schon gesagt..."
Harry überlegte, ob sie gleich in Flammen aufgehen würde, so rot war sie
vor Wut.
"Was ist denn passiert?" Ruckartig drehte sich Lily zu Harry um. Unter
ihrem feurigen Blick zog dieser sogleich den Kopf ein. Würde sie ihm wegen
dieser harmlosen Frage irgendeinen schrecklichen Fluch auf den Hals hetzen?
Einen Moment sah es tatsächlich ganz danach aus, doch dann entkrampfte sich
ihr Körper wieder und sie lächelte ihn entschuldigend an.
"Du kannst ja am wenigsten dafür...", murmelte sie und zu Remus gewandt:
"Sorry, Remus! Aber deine beiden Freunde haben Severus einen so fiesen
Streich gespielt... arrg... ich könnte echt an die Decke gehen, wenn ich
nur daran denke! Wie kann man nur so gemein sein...? Was glotzt ihr so?",
schnauzte sie die umstehenden Schüler an. "...Weißt du vielleicht, wo Peter
ist?", fuhr sie nach einer kurzen Atempause wieder sanfter fort.
"Äh... vermutlich noch im Gemeinschaftsraum beim Hausaufgaben abschreiben,"
vermutete Remus - nicht sicher, ob die Gefahr "Lily" auch wirklich
entgültig gebannt war.
"Danke!" Mit diesen Worten stürmte Lily aus der Großen Halle und hoch in
den Gryffindorturm.
"Es hat auch seine Nachteile, dass die Lehrer in ihren Büros frühstücken,
da ist man von Wutanfällen und anderen Dingen einfach nicht sicher..."
seufzte Remus tiefsinnig. "Was können die zwei bloß angestellt haben, dass
Lily wie der Teufel tobt?", fragte Ron.
Remus zuckte nur mit den Schultern, verabschiedete sich mit einem "Wir
sehen uns.", und verschwand ebenfalls aus der Halle. Ron sah ihm beleidigt
hinterher.
"Der weiß ganz genau, was passiert ist," brummte er.
"Was stand eigentlich in den Brief und von wem kam er?", meldete sich
Hermine auf einmal zu Wort.
"Hä...?" Noch ganz in Gedanken an Lilys Wutausbruch dreht sich Harry zu ihr
um. "Ach so... ihr werdet es nicht glauben, aber...." Er wedelte mit dem
Brief vor ihren Nasen herum und Ron und Hermine blickte ihn neugierig an.
"Ich lese ihn euch vor:
Lieber Harry Potter,
ich hoffe, ihr habt eure Zeitreise gut überstanden!
Ich freue mich, euch in meiner Zeit begrüßen zu dürfen!
Ich wünsche euch noch einen angenehmen Aufenthalt. Genießt ihn, denn es
wird euer letztes Schuljahr in Hogwarts sein!
Mit freundlichen Grüßen
Sebastian
Als Harry geendet hatte, herrschte bedrücktes Schweigen.
"Wenn Sebastian wirklich hier sein sollte was er ja gezwungenermaßen sein
muss, sonst gäbe es keinen Brief, dann gibt...," begann Hermine.
"Aber er müsste doch dann ja in unserem Zeitstrang sein. Wie ist denn das
möglich?", unterbrach Ron.
"Lass mich doch ausreden!", zischte sie ihn an. "Also, es muss erstens
einen zweiten Zeitkopierer geben und zweitens muss es einen Weg geben, in
denselben Zeitstrang zu kommen, in dem wir sind. Daraus schließe ich, dass
man doch die Zeit verändern kann," beendete sie ihre Überlegungen.
"Ich kann deiner Denkweise zwar nur zur Hälfte folgen, aber ich glaube, ich
verstehe, was du meinst. Selbst wenn es einen zweiten Zeitkopierer gäbe,
dann könnte Sebastian gar nicht in unserem Zeitstrang sein, weil immer ein
neuer entsteht, sobald man das Ding benutzt. Richtig?"
"Richtig, Harry!", antwortete sie geduldig.
"Das heißt Sebastian kann das Ding so manipulieren, dass er in jeden
Zeitstrang kommt, in der er will, also auch in die "ursprüngliche"
Vergangenheit Richtig?"
"Richtig!", bestätigte Hermine wieder.
"Eine Zeitveränderung ist also möglich?" Harry schaute Hermine tief in die
Augen.
"Ja! Habe ich doch gesagt." Sie blickte genauso ernst zurück.
"Dann gibt also einen Weg, meine Eltern zu warnen und somit zu retten...",
flüsterte er.
"Möglich..." Hermine senkte ihren Blick und wieder trat ein Schweigen ein.
"Wir sollten zu Dumbledore gehen. Wir müssen ihm von dem Brief erzählen,
schon allein deswegen weil er eine mehr als deutliche Drohung ist:
Sebastian will uns umbringen," brach Ron die Stille.
"Du hast recht! Aber jetzt beginnt unsere erste Stunde. Am besten gehen wir
nach dem Unterricht zu ihm." Hermine stand auf und griff nach dem
geliehenen Buch.
"Aber da wollen wir uns doch mit Remus treffen," sagte Harry mit immer noch
verwirrtem Ausdruck im Gesicht. So viele Probleme und das schon am frühen
Morgen....
"Und ich mich mit Lily... Dann gehen wir morgen. Er wird uns sicherlich
nicht gleich an unserem ersten Schultag auflauern," beschloss Hermine.