Für Adeno als Abschiedsgeschenk.

Es wird ernst. Ich hoffe, sie hat euch bis hierher gefallen.

Disclaimer: Weder Edward noch das Lied noch das Vanilleeis gehören mir. Ach ja, Geld verdienen tu ich hiermit auch nicht.

Als er aufbrach ließ er alles hinter sich zurück
Seine Schritte waren federleicht und frei
Unterm Mantel trug er einen kalten schwarzen Stahl
Er lächelte leis Und summte dabei

Im strömenden Regen trat Edward aus dem Wald heraus, die Tropfen perlten an seiner Haut hinab und hingen in seinem bronzefarbenen Haar. Die Strähnen klebten ihm nass im Gesicht und ließen ihn menschlich, ließen ihn weniger perfekt aussehen. Nichtsdestotrotz starrten ihm die wenigen Personen, die noch auf der Straße waren, mit offenen Mündern hinterher. Er hatte sich bereits an solche Blicke gewöhnt, doch ganz wohl fühlte er sich dabei noch immer nicht. Zum einen konnte er sich mit der unverhohlenen Bewunderung, welche ihm entgegenschlug, nur schwer anfreunden. Zum anderen verspürte jeder Einzelne der ihn umgebenden Menschen bei seinem Anblick einen Stich von Eifersucht, die bis zum Hass gehen konnten. So manch ein Mädchenherz flog ihm zu, gepaart mit dem Verlangen, ihn von Kopf bis Fuß zu besitzen, schlimmstenfalls auch mit konkreten erotischen Vorstellungen, bei denen es ihn grauste. Warum wollten die Menschen immer alles entweder für sich haben oder zerstören? Sie schienen nicht mit anderen Wesenheiten, deren Fremdartigkeit ihr Unterbewusstsein spürte, koexistieren zu können. Sie hatten sich in den letzten Jahren nicht gebessert, was den Neid anging und würden es auch wohl nie tun. Ein Seufzer, leise wie ein Windhauch in frühlingszarten Blättern, entfuhr ihm. Es galt, die Besserung der Menschheit in die Hand zu nehmen. Jetzt. Bevor es zu spät war und er es sich doch noch anders überlegte. Noch spürte er keine Zweifel an seiner gefassten Meinung aufkeimen, doch dies konnte sich leicht ändern, wenn erst das verzweifelte Flehen seiner Opfer in seinen Ohren klingelte, so unendlich viel lauter und klarer als ihre negativen Gedanken und Gefühle. Das Bewusstsein, nun etwas ändern zu können, beflügelte seine Gedanken und Schritte.

Bevor er allerdings zur Tat schreiten konnte, würde er eine Waffe brauchen. Etwas, das seine Zähne vom süß duftenden Blut seiner Opfer fernhielt. Seine Selbstbeherrschung, so hatte er festgestellt, war nicht unerschütterlich. Dennoch basierte sein Erfolg, sein Vorhaben, alles auf eben dieser Selbstbeherrschung. Er würde sie nicht überstrapazieren. Wo aber könnte er eine Waffe erstehen? Ein entsprechendes Geschäft gab es mit Sicherheit, doch er wusste nicht, wo er zunächst danach suchen sollte. So würde er also etwas tun, was ihm eigentlich missfiel: er würde eines der hiesigen Menschenwesen ansprechen und um Hilfe bitten. Kurz ließ er den Blick schweifen, welcher schließlich an einem jungen Mädchen hängen blieb, das auf einer Bank saß und sorgfältig an ihrem Vanilleeis leckte. Sie war recht hübsch anzusehen mit ihren blonden Locken und den großen blauen Augen. Auch ihre Gedanken klangen rein, träumte sie doch lediglich davon, mit ihm auf einer Blumenwiese zu liegen – dafür aber ihren Freund sitzen zu lassen. So setzte Edward ein sanftes, strahlendes Lächeln auf und ging langsamen Schrittes auf sie zu. Angesichts ihres verzauberten Blicks und des Vanilleeises, das lautlos auf ihren dunkelroten Rock tropfte, kam er sich kurz vor wie in einem kitschigen Liebesfilm, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder seiner Sache zuwandte. Vor ihr blieb er stehen und reichte ihr ein blütenweißes Taschentuch, bevor er mit samtweicher Stimme murmelte: „Entschuldige bitte, könntest du mir vielleicht sagen, wo ich einen Waffenshop finden kann?"

Am liebsten hätte er noch hinzugefügt: „Mund zu, es zieht", doch dies ließ seine angeborene Höflichkeit nicht zu. So wartete er geduldig ab und lächelte, wie er hoffte, sanft. Das Mädchen brauchte eine Weile, bevor es zu einer Antwort imstande war. Diese fiel allerdings erstaunlich informativ und genau formuliert aus – vielleicht war sie doch nicht so leicht um den Verstand zu bringen wie erwartet. Mit einem sanften Lächeln, das bei jedem anderen einer Liebeserklärung gleichgekommen wäre, bedankte sich Edward und begann den beschriebenen Weg. Noch immer musste er darüber schmunzeln, was für Muster das tropfende Eis auf dem Rock des Mädchens hinterlassen hatte –wie Blutstropfen auf weißer Haut in umgekehrten Farben. Als er nach ein paar Hundert Metern einen Aufschrei hörte, musste er sich das Lachen fast verkneifen. Sie schien die Vanilleflecken endlich bemerkt zu haben.

Beschwingt ging er seines Weges und merkte selbst erst nicht, dass er leise zu singen begonnen hatte. Erst als er die verträumten Gedanken seiner Umgebung wahrnahm, die meist nur unter dem Einfluss von Musik entstehen, hörte er seine eigene Stimme. Er wusste, dass er selbst für einen Vampir außerordentlich musikalisch war und einen recht passablen Sänger abgab. Natürlich kannte niemand die Weisen, die er sang – wie auch. Sie waren nie in einer der neumodischen Hitparaden aufgetaucht. Diese Lieder waren das Einzige, an das er sich von seiner Kindheit noch erinnerte. Sonst war alles fort. Das Gesicht seiner Mutter, Freunde, Erinnerungen – nichts war mehr da. Die Verwandlung hatte all das zerstört und ihn zu einem unbelasteten, reinen Geschöpf gemacht. Spätestens an diesem Punkt müsste jeder einsehen, dass das Dasein als Vampir vielleicht ein schmerzliches und schreckliches ist, aber doch großartiger als das der Menschen, die so leicht zu beeinflussen sind.

Mit diesen konfusen Gedanken, denen selbst er noch nicht zum Ende folgen konnte, betrat er den kleinen, heimeligen Waffenshop. Der Besitzer, ein grauhaariger Mann von 60 Jahren, kam ihm entgegen und verbarg seinen Wunsch, diesen jungen Bengel umgehend wieder hinauszuwerfen, unter einem freundlichen Lächeln. Dennoch konnte Edward die Geringschätzung des Alten förmlich riechen – ohne seinen siebten Sinn sonderlich anzustrengen. „Der hat doch keine Ahnung von Gewehren und Messern", dieser Gedanke sprang ihm aus den braunen Augen des Mannes direkt entgegen und regte ihn zu einem amüsierten Grinsen an. Wie konnte der Verkäufer auch ahnen, dass Edward sehr wohl Ahnung von Klingen, Schneiden und Ähnlichem hatte. So plättete er sein Gegenüber mit Fachkenntnis und unwiderstehlicher Freundlichkeit, was ihm beim Kauf seiner Waffe einen großzügigen Rabatt bescherte.

Es war ein hübsches Stück mit schwarzem Griff, einer schmalen Parierstange, die eher zur Dekoration als zur Sicherheit dienen würde und einer handlangen Klinge aus dunklem Stahl, der beinahe schwarz schimmerte. Auch wenn die Waffe sehr bald ausgedient haben würde hatte er doch nicht umhin gekonnt, sich die schönste und am besten ausgewogene auszusuchen.

So also begann die Suche nach dem passenden Opfer.