Die Kriminalitätsrate jenes Seeörtchens zwischen Barrow und Prudhoe Bay, in dem er sich befand, lag aller Wahrscheinlichkeit nach bei einem verschwindend geringen Wert, der sich im Laufe der Jahre der Null angenähert hat. Er würde diese blitzsaubere Statistik nun ruinieren, das wusste er. Allerdings nur, weil die Wahrscheinlichkeitsmathematiker in ihren kleinen Kabuffs nicht in der Lage waren, wie er Gedanken zu lesen. Segen und Fluch zugleich, wie oft hatte er das schon festgestellt. Heute würde seine Gabe ein Segen sein, denn er würde endlich richten über jene, deren Verbrechen noch nur in ihren Gehirnen stattgefunden hatten, die die ungeschriebenen Gesetze der Moral brachen. Und die wiederum stammten ja – er gestattete sich ein kleines Schmunzeln – in den westlichen Ländern aus der Bibel entnommen, in der es heißt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie" – er war in gewissem Sinne ohne Sünde. Wenn man seine Tötungen als „Morde" ankreiden wollte, so müsste man auch jeden verurteilen, der aufgrund von Hunger das Fleisch eines bereits geschlachteten Schweins kaufte. Obwohl – Edward gestattete sich ein grimmiges Grinsen – das Schwein war mitunter menschlicher gewesen als die sogenannten Menschen, mit denen er seinen Durst gestillt hatte. Alles Mögliche hatte er schon zwischen den Zähnen gehabt – Mörder, Vergewaltiger… die Liste war endlos. Und entgegen seiner Erwartungen hatten sie im letzten Moment alle gleich geschmeckt und gerochen. Nach Angst und Vergänglichkeit. Und nach süßem, heißem, menschlichem Blut. Nicht nach den Gräueltaten, die sie begangen hatten. Nur derart köstlich, dass er im letzten Moment, und das hatte sich genau in sein Gedächtnis eingeprägt, keinen Gedanken mehr an ihre Vergangenheit verschwendet hatte, sondern nur an diesen Durst.

Auch in diesem Moment war er durstig – durstig nach Vergeltung und Gerechtigkeit. Seiner Gerechtigkeit. So schritt er hinaus ins winzige Stadtzentrum, über dessen Restaurants und Souvenirlädchen eine blassgraue Wolkendecke hing, und ließ seine Sinne schweifen. Die Augen geschlossen, die Handflächen nach vorn gekehrt, stand er inmitten eines fast kreisrunden Platzes, nicht des Anblicks bewusst, den er gab. Ein leichter Wind zerzauste sein bronzefarbenes Haar und auf seinen vollen Lippen lag der Schimmer eines engelsgleichen Lächelns. Er wirkte so friedlich und doch so kraftvoll, wie es sich ein Maler der Renaissance nicht besser hätte ausdenken können – und doch wandelten seine Gedanken auf dunklen Wegen. Das, was er nun tat, hatte er bereits durch die Jagd perfektioniert. Er suchte nach dem gehetzten Unterton in den Hirnwindungen derjenigen, die ein Verbrechen bereits begangen haben. Ein Taschendieb fiel ihm als erstes auf – langweilig. Nicht geeignet für seinen großen Plan. Als nächstes entdeckte er ein gedankliches Timbre, das sich soeben erst mit einem Verbrechen beschäftigte – es noch gar nicht begangen hatte. Ah, hier wollte jemand – und das nicht zum ersten Mal – seine Ehefrau betrügen. Mit der Stieftochter!

Zunächst graute es Edward, er rümpfte fast unmerklich die Nase. Dann öffnete er die Augen und lächelte – nein, er fletschte vielmehr die Zähne. Unbemerkt zumindest von seinem Opfer folgte er ihm durch diverse Sträßchen und Gassen, immer den passenden Abstand wahrend. Nach einer Weile durchbrach er die unsichtbare Grenze des Bemerkbaren und machte das Opfer ganz subtil auf sich aufmerksam. Angstschweiß breitete sich auf der fast kahlen Stirn des Herrn vor ihm aus und immer fahriger suchte er seinen Weg. Die Jagd begann.