Leise, ganz leise folgte Edward seinem Opfer. Er hörte dessen immer schneller gehenden Atem, die hektischen Schritte. Natürlich hatte ihn der arme Kerl bemerkt – nun würde das Spiel beginnen. Der Mann bog in eine schmale Straße ab, an deren Seiten elegante Häuser und kleine Villen standen. Edward gestattete sich ein grimmiges Lächeln, das nun endgültig an das Zähnefletschen einer Raubkatze erinnerte. Er ließ menschliche Geschwindigkeiten hinter sich und zeigte sich dem Mann am Ende der Straße. für einen Augenblick nur. Schon hatte er wieder die Rolle des Verfolgers angenommen und beobachtete amüsiert, dass das Opfer sein Spiel mitspielte. Es hielt eine Sekunde lang inne, dann hastete es weiter und bog in eine dunkle Seitengasse ein, deren Häuser sich nahe aneinander schmiegten und die auf eine breite Allee führte. Dort angekommen verlor der dicke Mann fast Gleichgewicht und Atem, als er die Gestalt, deren Präsenz er die ganze Zeit hinter sich gespürt hatte, auf einmal zu seiner Linken erblickte. Er wollte schon auf den Absätzen kehrtmachen und den gleichen Weg wieder zurückrennen, doch da sah er das personifizierte Grauen hinter sich. Schaute er nach links, erschien die Gestalt nur einen Sekundenbruchteil später dort. Mit panikweiten Augen wandte er sich nach rechts – nichts. Langsam zählte er bis drei – immer noch nichts. Diese Richtung bot Sicherheit – sie führte zurück in die Stadtmitte, direkt ins noch immer dicht bevölkerte Stadtzentrum. Mit einem Seufzer der Erleichterung lenkte der Mann seine Schritte in die vermeintliche Rettung.

Edwards Lächeln wurde breiter.

Die Schritte des Mannes wurden langsamer, sein Puls näherte sich gesunden Werten. Edward ließ sich ein wenig zurückfallen, wiegte sein Opfer in trügerischer Sicherheit. Es war einfacher gewesen als gedacht, es zur Rückkehr in die Menge zu bringen. So selbstbewusst und egozentrisch die Menschen auch waren, bei Gefahr suchten sie immer noch den Schutz der anderen, der Herde.

Kurz bevor er den noch immer von Touristen bevölkerten Marktplatz betrat, wurde der Mann plötzlich zurück- und in den dunklen Eingang eines Hauses gepresst. Eiskalt war die Hand, die seinen Mund zupresste – eiskalt und hart wie Stahl. Noch kälter und noch härter allerdings war der Blick, der ihn aus dunkelroten – oder waren es violette? – Augen traf, ein Blick, der in sein tiefstes Inneres vordrang und es nackt und schutzlos darlegte. Ein Blick, so weise und flammend wie jener, den er sich in den Augen der Engel beim Jüngsten Gericht vorgestellt hatte. Seine eigenen Augen weiteten sich in Angst, die Panik überrollte ihn erneut und er spürte, wie er darin versank.

Edward erkannte die hilf- und wehrlose Starre des Opfers und zog seine Hand zurück. Es graute ihm davor, diesen Mann berührt zu haben – so, als habe allein der physische Kontakt etwas Unreines auf ihm selbst hinterlassen. „Weißt du, wer ich bin?", wisperte er mit samtiger Stimme, und zu seinem Erstaunen nickte das Opfer. Es war ganz verwirrt vom süßen Atem auf seinem Gesicht und der inneren Ruhe, die die sanfte Stimme und die Gewissheit des Endes ihm bescherten. „Du bist", so begann es zögernd, „der Racheengel. Ausgesandt, um mich für meine Sünden zu bestrafen. Meine Großmutter hatte Recht und nun muss ich die Strafe für meine Verfehlungen und mein Abwenden vom Glauben tragen. Sag mir, Engel, was kann ich tun, um ins Himmelreich aufgenommen zu werden?"

Edward unterdrückte ein triumphierendes Grinsen. Das war ja wirklich zu einfach.

„Bekenne deine Fehler. Offen und ohne Scham. Dann werde ich dich von deinem Schicksal erlösen und du wirst aufsteigen ins Paradies." Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinem Nächsten, erinnerte ihn eine leise Stimme in seinem Inneren, doch er zuckte unmerklich die Schultern. So fand der arme Kerl, in dessen Augen nun die Ruhe des zurückgekehrten Schäfchens stand, seinen Frieden.

Edward stand hinter dem Mann, triumphierend wie der Racheengel, als der er verstanden worden war, und lauschte der offenen Bekennung dessen Sünden. Gelassen und mit lauter Stimme trug sein Opfer all das vor, was er zu sagen hatte und bat jeden Anwesenden um Verzeihung. Geduldig wartete er ab, und tatsächlich, das eine oder das andere Gesicht zeigte Mitleid und Sanftmut. Ermutigt wandte sich das Opfer um und ließ es hoch erhobenen Hauptes und mit einem Gebet auf den Lippen geschehen, dass Edward ihm das Messer kurz und relativ schmerzlos in die Halsschlagader rammte.

Wie seltsam. Die erste seiner Durchführungen hatte sich als äußerst unbefriedigend erwiesen. Mit den Vampiren eigener Geschwindigkeit hatte Edward sich vom Platz entfernt und saß nun wieder in demselben Hauseingang, indem er sich vor einer knappen Viertelstunde schon einmal befunden hatte. Er schüttelte den Kopf. Der Glaube war schon ein seltsames Ding. Er konnte die Menschen nicht retten, ihnen aber doch im Angesicht des Todes so viel Frieden schenken. Nein, Edward war absolut nicht zufrieden. Er beschloss, das Revier zu wechseln, und eilte schnurstracks nach Juneau. Auch dort hing eine dicke Wolkendecke am Himmel und verhinderte, dass er zu schnell als ungewöhnlich eingestuft und erkannt wurde.

Seine Hand gab sieben Menschen einen schnellen Tod, schnell und gnädig. Keiner der sechs weiteren hatte sich derart ruhig und gelassen aufgeführt wie das erste. Sie hatten geschrien und geweint, ihn verflucht oder verleugnet – und doch hatte jeder von ihnen offen seine Sünden und Fehler bekannt. Wie ein sarkastisches Theaterspiel geschah dieses Bekennen in einem Monolog, und stockte eines der Opfer, so sprang Edward als Souffleur aus dem Schatten ein. Er wusste schließlich, welches Wort in den Gedanken herumspukte und den Sprung auf die Zunge nicht schaffte. Niemandem mehr wurde eine allgemeine Absolution erteilt wie dem ersten, und bei jedem der Tötungsakte fühlte Edward, wie der Rausch der Rache durch seinen eisigen Körper donnerte wie die Bässe bei einem Metalkonzert.

Sein letztes Opfer war ein Mädchen gewesen, das andere Kinder terrorisierte. Fast hatte er es nicht bemerkt, ihre Gedanken waren erst im letzten Moment in diesen Bereich abgeschweift. Die Jagd hatte sich als anspruchsvoll erwiesen, immer hatte sie neue Wege gefunden. Als er sie dann endlich eingesammelt hatte, hatte sie ihn angespuckt und sich mit schwarz lackierten Fingernägeln gewehrt. Fast hätte er sich amüsiert. Als er jedoch hinter ihr stand, auf einem belebten Platz, und ihr mit sanftem Druck das Messer in die Seite presste – ihre Wiederborstigkeit zwang ihn dazu – geschah etwas sehr seltsames. Ein Handgemenge und Geschrei entstand auf ihrer Rechten, und Edward hatte sich kaum auf den Fall vorbereitet, als ihn selber eine Kugel niederwarf. Mehr aus antrainiertem Reflex als aus sonst etwas ließ er sich von der Kugel, die leicht gegen seine Schulter prallte, zu Boden reißen und blieb sekundenlang liegen. Was ihn erstaunte, war der plötzliche Aufschwung von Liebe direkt vor ihm, als das Mädchen ihren Freund erblickte. Derjenige, der auf ihn geschossen hatte. Wie gelähmt lag er da und wunderte sich noch über diese ungewohnte Macht des Gefühls, als schon eine neue Welle der Emotion überrollte, da von irgendwo „Einen Arzt, holt einen Arzt!", erscholl. Carlisle! Plötzlich sah er ihn wieder vor sich, seinen Vater, seinen Mentor, und es durchströmte ihn dessen Liebe für die Menschheit. Er würde Vergebung erlangen. Er hatte alle Zeit der Welt.

Einige Tage später schrieb ein ansässiger Journalist über Edwards Verhaftung:

Wer ihn kannte sagte, dass es seltsam war,denn glücklicher hat man ihn nie gesehn. Als für einen Moment lang ein Sonnenstrahl durch die Wolken schien, versetzte der junge Mr. Edwin Hasel die Umstehenden. Über seine Erscheinung sagte später eine Zeugin: ‚Der Glanz eines Engels war auf ihm zu sehn.'"

Ende

Ich weiß, das Ende klingt etwas gewollt und ist zu hektisch. Aber ich möchte es hiermit belassen.

Weder Edward noch der Text in Kursivschrift gehören mir. Ich verdiene hiermit kein Geld, sondern höchstens Kopfschütteln wegen der seltsamen Idee.

Inspiration der Themen: Stephenie Meyers „Twilight"-Saga und Subway To Sallys „Wenn Engel Hassen" vom Album Herzblut.

Schreibhilfe: ASP (besonders Panik für dieses Kapitel)