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Als Beckett und Castle auf das stillgelegte Industriegelände in den Docks einbiegen, stehen schon der Leichenwagen und die Spurensicherung in den Startlöchern. Castle erkennt von weitem Lanie Parish, die Gerichtsmedizinerin, wie sich über den Leichnam beugt.
„Schläft diese Frau denn nie?" fragt Castle Beckett, der sich wundert, dass Lanie jedes Mal als Erste mit ihrem Team am Tatort eintrifft.
Beckett parkt ihr Fahrzeug neben dem Streifenwagen und zieht den Zündschlüssel.
„Das kommt Ihnen wahrscheinlich nur so vor, Castle."
Die beiden steigen aus und laufen in einer gemächlichen Geschwindigkeit zu Lanie und dem Opfer. Am Anfang ihrer Laufbahn als Mordkommissarin war sie immer darauf bedacht, schnell und effizient zu arbeiten. Doch da ihr Mordopfer in der Regel nicht mehr entwischen können, beschränkt sich Beckett nur noch auf die Effizienz. Sich selbst unter Stress und Druck zu setzen würde weder ihr, dem Opfer, noch ihren Kollegen bei der Ermittlung helfen.
„Was haben wir, Lanie?" fragt Beckett ihre beste Freundin und beugt sich direkt zu dem Leichnam hinunter, als sie gemeinsam mit Castle am Fundort zum stehen kommt.
„Männlich, zwischen 25 und 30, circa 1,90 cm groß, getötet durch einen gezielten Schuss in die Stirn."
Lanie deutet auf den Kopf des Mannes. Ein Loch klafft inmitten seiner Stirn und ein schwacher Rinnsal aus bereits geronnenem und getrocknetem Blut verläuft entlang seiner Schläfe.
„Indentität?" Beckett zieht sich blaue Latexhandschuhe über, die sie ständig in ihrer Jackentasche mit sich trägt. Selbstmord kann sie ausschließen, denn die Tatwaffe befindet sich augenscheinlich nicht mehr am Tatort.
„Die Geldbörse fehlt," antwortet Lanie ihr. „Und auch sonst gibt es keine Hinweise auf seine Indentität."
„Wie ein Raubmord sieht das Ganze aber auch nicht aus." Beckett stört sich dabei konkret an dem Kopfschuss, der viel eher dafür spricht, dass der Mord vorsätzlich begangen wurde.
Castle steht einfach nur daneben und schaut den beiden Frauen bei der Arbeit zu. Viel mehr kann er auch gar nicht machen. Hin und wieder nippt er an seinem Kaffee, um sich warm zu halten. Beckett indes wundert sich über seine ausbleibenden Kommentare und vermutet, dass Richard Castle einfach nur müde ist.
„Der Wachmann, der zweimal die Nacht eine Runde auf diesem Gelände dreht, hat ihn gefunden und die Polizei vor 90 Minuten verständigt."
Ryan taucht aus der Dunkelheit auf und mit ihm im Schlepptau sein Partner Esposito. Die beiden sehen ebenfalls erschöpft und müde aus, lassen sich das aber nicht anmerken. Professionell, wie sie nun einmal sind, kommen sie mit der Aussage des Wachmannes zurück
„Kannst du schon was zum Todeszeitpunkt sagen?" fragt Beckett Lanie.
Lanie schüttelt fast unmerklich mit dem Kopf, als will sie damit unterstreichen, dass sie nur eine vage Vermutung anstellen kann, ohne den Leichnam in der Gerichtsmedizin gründlicher untersucht zu haben. Beckett kennt dieses Spiel, aber Lanie täuscht sich nie, weswegen die Kommissarin selbst mit einer Vermutung schon sehr viel anfangen kann.
„Aufgrund des Grades der Leichenstarre würde ich sagen, dass der Mann bereits seit sechs Stunden tot. Also muss er zwischen 23 und 24 Uhr getötet worden sein."
„Das würde passen," wirft Esposito ein und schaut auf seinen Notizblock.
„Der Wachmann hat ausgesagt, dass bei seiner ersten Runde, die er für gewöhnlich immer um 22 Uhr dreht, der Mann noch nicht dort gelegen hatte."
Beckett macht eine halbe Drehung auf ihren High Heels damit sie zu ihren Kollegen Ryan und Espositio aufschauen kann.
„Ist dem Wachmann, neben dem Toten, sonst noch etwas Ungewöhnliches heute Nacht aufgefallen," will sie wissen.
Esposito und Ryan schütteln zeitgleich ihre Köpfe.
„Es verirren sich schon mal Junkies und verliebte Teeanger auf das Gelände," erläutert Ryan die Aussage des Wachmannes. „Aber die flüchten schnell wieder, wenn sie seinen deutschen Schäferhund sehen und hören."
„Hmm," macht Beckett, die, wie bei jeder neu einsetzenden Mordermittlung, erst einmal vor einem großen Rätsel steht.
„Lanie, sieh zu, dass du Fingerabdrücke..."
Beckett wird von Castle unterbrochen, der ganz plötzlich und aufgeregt mit dem Finger auf den Mund des Opfers zeigt.
„Da! Was ist das?"
Zuerst kann Beckett nicht erkennen, was Castle meint, aber sie deutet Esposito mit der Hand, ihr mit der Taschenlampe zu leuchten.
Und jetzt sieht die Gerichtsmedizinerin es auch.
„Das muss ich in der Dunkelheit übersehen haben." sagt in einem sich fast schon entschuldigenden Ton.
Beckett geht hin und zieht sachte an dem weißen Zipfel, der aus dem Mundwinkel des toten Mannes hängt. Lanie geht ihr zur Hilfe, als sie merkt, dass die Totenstarre der Polizistin Schwierigkeiten bereitet und öffnet mit zwei geübten Handgriffen den Mund.
„Sieh mal einer an," sagt Beckett und Ryan pfeift überrascht von diesem viel bedeutenden Fund.
Die kurz eintretende Stille besagt, dass alle bestens über die Bedeutung dieses weißen Taschentuches Bescheid wissen, und dass ärgert Castle, der anscheinend als Einziger keine Ahnung hat. Er beißt sich in die Köchel seiner rechten Hand, doch er kann sich nicht mehr zurück halten.
„Was hat das zu bedeuten?"
Beckett faltet das Stofftuch auseinander, doch auch wenn sie bereits weiß, welches Motiv sie erwartet, ist sie dennoch überrascht, als ihr wieder einmal das fettgedruckte schwarze Kreuz ins Auge springt.
„Die Calabrese-Brüder." Mehr hat sie anscheinend nicht dazu zu sagen und mit einem Hilfe suchenden Blick wendet sich Castle in seiner Ungeduld an Ryan und Esposito.
„Die Calabrese-Brüder bilden den Kopf des gleichnamigen Clans hier in der Stadt," erklärt Ryan dem Schriftsteller.
„Calabrese.."murmelt Castle, doch dann fällt es ihm ein.
„Sagen Sie nicht, der Mord geht auf die Kappe der New Yorker Mafia?" Der Schriftsteller muss lächeln. Wenn die Mafia involviert ist, wird dies der spannendste Fall, an dem er teilhaben darf.
„Genau die," sagt Beckett und steht auf. Esposito reicht ihr einen Plastikbeutel, damit sie das Beweisstück sicher verstauen kann.
„Aus irgendeinem Grund hinterlassen beide immer solch ein Taschentuch an den Tatorten." Esposito wedelt demonstrativ mit dem Beweisbeutel.
„Ruf mich an, wenn du was Neues herausgefunden hast," sagt Beckett noch an die Gerichtsmedizinerin gewandt, ehe sie auf dem Absatz kehrt macht und zum Auto zurück geht.
Während Castle sich über diesen ungewohnten und kühlen Abgang seiner Muse wundert, zuckt Ryan nur mit den Schultern.
„Beckett hatte schon den Älteren der Brüder dingfest gemacht und genügend Beweise gegen ihn gesammelt, aber Aufgrund eines Formfehler wurde der Prozess eingestellt."
Das erklärt natürlich die plötzliche Anspannung von Beckett, als sie das Stofftaschentuch entdeckte und realisiert, dass der Mord auf die Kappe der Calabrese-Brüder geht.
Castle winkt den beiden Detectives zum Abschied und rennt Beckett nach, die gerade in das Auto steigt die Tür sehr impulsiv zuschlägt.
Castle steigt zu ihr in den Wagen und schaut sie abwartend an. Er kennt sie mittlerweile zu gut, als zu wagen, sie auf das Ereignis von eben anzusprechen. Er weiß, dass es besser ist, abzuwarten, bis sie die ersten Wörter ausspricht.
Schweigen startet sie den Motor und biegt vom Parkplatz auf die selten befahrene Straße, die sie raus aus den Docks wieder in die Stadt führt.
Dem Schriftsteller brennen die Fragen förmlich unter den Nägeln, aber Beckett schweigt beharrlich. Castle will seinen Kaffeebecher in den dafür vorgesehenen Haltern zwischen Fahrer- und Beifahrersitz stellen, als ihm am Becher von Beckett etwas auffällt.
„Da hat jemand etwas auf ihren Kaffeebecher geschrieben," sagt Castle und zieht ihn vorsichtig aus der Halterung.
Beckett, die sich auf den Straßenverkehr konzentrieren muss, kann Castle nur aus den Augenwinkeln heraus beobachten.
„Nun spannen Sie mich nicht auf die Folter und lesen Sie vor," drängt sie ihn.
„Grace bittet Sie um einen Anruf." Castle kann nicht anders, als triumphierend zu lachen.
„Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass Grace mehr von Ihnen will?"
Beckett verdreht genervt die Augen und ignoriert einfach, dass Castle sich wie ein kleines Kind an Weihnachten über seine Geschenke freut.
„Hier steht ihre Mobilfunknummer." Castle deutet mit dem Zeigefinger darauf, doch Beckett reißt ihm den Becher aus der Hand.
„Vielleicht möchte sie ja, dass ich sie anrufe, weil sie erneut Sorgen hat," stellt Beckett die Vermutung an, um Castle gleich wieder den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Mit dem Daumen streicht sie unbewusst über die Nummer.
Castle schaut sie fragend an.
„Erneut Sorgen?" fragt er. „Was soll das bedeuten?"
Es kostete ihn viel Überwindung, die plötzliche Aufregung, die er verspürt, zu verheimlichen. Diese Story wäre eine gute Vorlage für seinen nächsten Roman. Nikki Heat setzt sich für die schwachen Frauen dieser Stadt ein.
„Ich habe ihr mal dabei geholfen, bei der Sitte Anzeige wegen sexueller Belästigung zu erstatten," erklärte sie Castle, dankbar darüber, dass sie vorerst nicht mit ihm über die Sache mit den Calabrese-Brüdern sprechen muss.
„Eines Morgens, ich ging wie immer zu ihr um mir meinen Kaffee zu holen, wurde ich Zeugin, wie ein anderer Kunde sie sexuell belästigt hat. Als sie mir erklärte, dass es nicht das erste Mal war, dass der Mann ihr gegenüber ausfallend wurde, habe ich seine Personalien aufgenommen und sie davon überzeugt, ihm Hausverbot auszusprechen und anzuzeigen."
Die unbändige Neugier frisst Castle beinahe auf. Ungeduldig trommelt er mit den Finger seiner rechten Hand auf seinem Oberschenkel, was Beckett, entgegen seiner Annahme, natürlich nicht entgeht. Es hätte sie überrascht, wenn Castle das nicht aufregend finden würde.
„Und?" will er wissen. Er kann es einfach nicht ertragen, Beckett jede Information einzeln entlocken zu müssen. „Was ist dann passiert?"
Beckett schafft es nicht länger, das Lachen zurückzuhalten. Es macht ihr Spaß, ihn wie ein Fisch an Land zappeln zu lassen.
Das schallende Lachen der Polizistin irritiert Castle, aber er hat gelernt, damit zu leben, dass Beckett einfach unberechenbar ist und immer für eine Überraschung gut.
Als der Lachanfall vorüber geht, wischt sich Beckett die dazugehörigen Tränen aus dem Gesicht.
„Nichts ist dann passiert," erzählt sie. „Zumindest nichts Spektakuläres. Castle, auch wenn es für Ihren Beruf unabdingbar ist, müssen Sie langsam mal lernen, den Gebrauch ihrer Fantasie in bestimmten Situationen einzuschränken"
Er will etwas entgegnen, aber ihm fehlen tatsächlich die Wörter.
Sie parkt den Wagen direkt vor dem Revier und grüßt beim Aussteigen ein paar ihr entgegenkommende Polizisten, die zur Frühschicht antreten. Den Becher mit der Nummer von Grace darauf nimmt sie mit.
Als Castle neben ihr in der Eingangshalle wieder auftaucht, fährt sie unaufgefordert mit ihrer Geschichte fort.
„Sie hat gegen ihn vor Gericht ausgesagt und er wurde zu einer saftigen Geldstrafe und einer Schadensersatzzahlung an Grace verpflichtet."
Castle macht ein trauriges Gesicht, der sich mehr Dramatik und Tragik für die Geschichte wünscht.
„Das war alles?" fragt er fassungslos.
„Das war alles." Beckett steigt in den Fahrstuhl und ehe Castle ihr folgen kann, legt sie ihm eine Hand auf die Brust und stoppt ihn.
„Castle, machen Sie nicht mehr aus der Geschichte, als da ist." Ihre Stimme ist eindringlich und Castle spürt augenblicklich, dass sie es sehr ernst meint.
„Ich brauche 15 Minuten Ruhe von Ihnen." Als die Fahrstuhltüren sich schließen, zieht Beckett ihren Arm zurück.
„Besorgen Sie Frühstück für alle," ruft sie ihm noch durch den Schlitz zu, bevor sie sich an die Wand lehnt und die Augen schließt.
Die Calabrese-Brüder, denkt sie und bereitet sich innerlich auf eine schwierige und langwierige Ermittlung vor.
