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Bereits nach dem vierten Freizeichen springt die Voicemail an.

„Hallo Grace, hier spricht Detective Beckett. Rufen Sie mich bitte zurück, wenn Sie noch mit mir sprechen möchten. Meine Mobilfunknummer kennen Sie ja."

Kate legt den Hörer des Telefons wieder auf die Gabel und verharrt einen Moment bewegungslos in Gedanken und wägt das Für und Wider ab, Grace auch ihre private Nummer zu geben.

Doch ehe Kate eine Entscheidung treffen kann, klingelt auch schon das Handy, welches sie galant mit einer einzigen Bewegung aus der Tasche ihrer schwarzen Lederjacke fischt.

„Beckett."

Sie schaut zu Ryan, Esposito und Castle hinüber, die gemeinsam an einem Schreibtisch sitzen und die Muffins verspeisen, die Castle zum Frühstück besorgt hat, während sie der Person am anderen Ende der Leitung zuhört.

„Ich danke dir, Lanie," sagt Beckett und legt abermals auf.

Wie auf ein Stichwort springt Castle von seinem Stuhl auf und geht hinüber zu Beckett, die sich nun auch erhebt, ihre Lederjacke schnappt und den Weg Richtung Fahrtstuhl einschlägt.

„Lanie hat anhand der Fingerabdrücke unser Opfer identifizieren können," klärt Beckett Castle auf, während sie mit einem Nicken im Vorbeigehen Ryan und Esposito zu verstehen gibt, dass sie sich an die Arbeit machen können.

„Lassen Sie mich raten," sagt Castle ganz aufgeregt. „Unser Opfer hat seine Drogenschulden nicht bezahlt und wurde deswegen erschossen."

Beckett drückt auf den Knopf für den Fahrstuhl und seufzt genervt.

„Castle, wie lange arbeiten Sie nun schon mit mir zusammen, um zu wissen, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Informationen haben außer der Identität des Opfers, und dass wir, daher gesehen, überhaupt noch keine Mutmaßungen anstellen können."

Der scharfe Ton in ihrer Stimme lässt Castle innerlich ein wenig zusammenzucken. Er kann sich keinen Reim auf ihren plötzlichen Stimmungsumschwung machen und dennoch lehnt er sich weit aus dem Fenster, als er fragt:

„Hat ihre schlechte Laune etwas mit dem Fall zu tun?"

Castle zieht die linke Augenbraue hoch und betrachtet Beckett von der Seite. Sie kaut nervös auf ihrer Unterlippe herum, und Castle, der Beckett schon lang genug beobachtet, um aus ihrer Körpersprache die richtigen Schlüsse ziehen zu können, weiß, dass sie sich ernsthaft Sorgen machen muss. Er fragt sich, inwieweit ihre Gedanken sich dabei um die Calabrese-Brüder
drehen.

„Grace ist nicht an ihr Telefon gegangen, als ich sie eben versucht habe zu erreichen. Ich konnte ihr lediglich eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen."

Diese Antwort überrascht Castle, der schon seit Stunden keinen Gedanken mehr an Grace verschwendet. Entweder Beckett verheimlicht ihm wesentliche Details zum Fall Grace, oder sie ist emotional doch mehr involviert, als sie ihm gegenüber zugeben würde. Castle beschließt, ihre bereits fast blank liegenden Nerven nicht noch mehr zu strapazieren und sie stattdessen ein wenig zu beruhigen. Für Fragen ist sicherlich später der bessere Zeitpunkt.

„Sie hatte Nachtschicht und wird jetzt wahrscheinlich im Bett liegen und schlafen."

Die Türen des Fahrstuhls öffnen sich, und als Castle ihn besteigt, zeigt er auf seine Armbanduhr.

„Wir haben immerhin halb elf am morgen. Ich würde mir an Ihrer Stelle nicht so viel Sorgen machen."

„Wahrscheinlich haben Sie recht, Castle," antwortet Beckett ihm unverzüglich, aber sehr überzeugend klingt sie nicht. Sie weiß um das dunkle Kapitel im Leben von Grace und als Detective der Mordkommission muss Kate immer vom schlimmsten anzunehmenden Szenario ausgehen. Aber das sind alles Dinge, die sie Castle niemals auf die Nase binden würde. Weil sie ihn nämlich nichts angehen.

Im Erdgeschoss des zwölften Reviers angekommen, kommt es Castle beinahe so vor, als würde Beckett vor ihm und dem Thema Grace flüchten, so schnell biegt sie um die Ecke und öffnet die schwere Schwenktür zur Gerichtsmedizin.

„Was hast du, außer der Identität, noch für uns, Lanie?"

Beckett kommt vor dem Seziertisch zum Stehen und wirft einen kurzen Blick auf das Opfer, ehe sie ihre volle Aufmerksamkeit Lanie widmet, die in einem Ordner blättert.

„Sein Name ist Ryan McAllister, 27 Jahre alt und, wie nicht anders zu erwarten, war die Todesursache der direkte Schuss in den Kopf mit einer 45er."

Beckett nickt. „Vielleicht lässt sich anhand des Profils der Kugel herausfinden, ob die Waffe schon in unserer Datenbank registriert ist."

„Was noch?" will Castle wissen.

„Unser Opfer war zum Todeszeitpunkt betrunken," fährt Lanie fort. „Fast 3,5 Promille."

„Ein betrunkener Ire," sagt Castle und zuckt die Schultern. „Das ist doch nichts Ungewöhnliches."

„Das nicht," fügt Lanie hinzu und das zu erwartende „Aber" bleibt für einen Moment in der klinisch sterilen Luft der Gerichtsmedizin hängen.

Beckett und Castle schauen die Gerichtsmedizinerin abwartend an. Die Spannung in der Luft lässt sich beinahe schmecken.

„Ich habe außerdem eine hohe Konzentration von Diacetylmorphin in seinem Blut gefunden."

Es ist, als würde Lanie eine Bombe platzen lassen, aber die Unwissenheit von Castle macht ihrem dramatischen Auftritt einen Strich durch die Rechnung. Zumindest erkennt sie in den Augen ihrer Freundin, dass sie um die Bedeutung dieser Tatsache Bescheid weiß.

„Diacetylmorphin?" fragt Castle.

„Heroin," antwortet Beckett und es klingt beinahe lapidar. „Unser Opfer war ein Heroinjunkie."

Castle wirft erst Beckett einen fragenden Blick zu, dann Lanie, und dann wieder Beckett.

„Ich sagte doch, es könne sich nur um einen Mord wegen Drogenschulden handeln." Castle kann nicht nachvollziehen, was so besonders an der Tatsache sein soll, dass ihr Opfer ein Konsument von Heroin war.

„Sie verstehen nicht, Castle." Becketts Stimme ist nun leiser, fast ein Flüstern.

„Die Calabrese-Brüder dealen nicht mit Heroin, sondern mit Kokain. Der Mord ist aus einem anderen Grund geschehen."

„Mal abgesehen davon, dass unser Opfer Ire ist," fügt Lanie hinzu.

Castle gefriert das Blut augenblicklich in den Adern. „Wollen Sie damit sagen, dass McAllister Mitglied der irischen Mafia war?"

„Ryan und Esposito sind schon dabei McAllisters Background zu durchleuchten," sagt Beckett und seufzt. „Ich hoffe nur, dass McAllister kein Mitglied der irischen Mafia war, denn sonst haben wir ein großes Problem."

„Und das wäre?" Der Autor kann es sich mit seiner blühenden Fantasie beinahe schon denken.

„Die Iren werden sich rächen wollen für den Mord an McAllister und dann steht uns eine Fehde zwischen der italienischen und irischen Mafia bevor. Und zwar eine blutige Fehde."

Mit diesen Worten verlässt Kate die Gerichtsmedizin, denn ihr Handy klingelt.

Lanie widmet sich wieder ihrem Computer, um die Informationen zu digitalisieren und Castle gibt vor, ebenfalls mit seinem Handy beschäftigt zu sein, um Kate nicht direkt hinaus auf den Flur folgen zu müssen.

Kurz darauf ertönt auch schon ihre Stimme. „Was ist, Castle? Kommen Sie jetzt, oder nicht?"

Castle lässt sich das nicht zweimal sagen und gesellt sich wieder zu seiner Muse, die gerade ihr Handy wieder in der Jackentasche verstaut.

„Haben Ryan und Esposito etwas herausgefunden?"

Kate schüttelt den Kopf. „Das war Grace," klärt sie ihm auf. „Sie will sich heute Abend mit mir treffen, um etwas besprechen."

„Dann viel Spaß." Castle lächelt süffisant und erntet dafür einen bösen Blick von Beckett, die nur erahnen kann, welche sexistischen Gedanken sich gerade im Kopf des Autors wie ein Virus ausbreiten.

Sie beschließt, das Thema wieder zu umschiffen und sagt: „Lassen Sie uns mal sehen, was Ryan und Esposito über McAllister bisher herausgefunden haben."