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„Stimmt so." Beckett reicht dem Taxifahrer von der Fahrgastzelle aus durch den kleinen Ausschnitt in der Plexiglasscheibe einen 20 Dollar Schein und steigt aus.

Schnell huscht sie über den schmalen Gehweg und betritt das kleine, von außen ganz unscheinbare Diner im Herzen von Manhattan, dass sie so sehr liebt.

Sie bleibt kurz in der Tür stehen und hält Ausschau nach Grace, die an einem kleinen Tisch in der hinteren Ecke des Restaurants sitzt und Kate zu sich winkt als sie die Detective entdeckt.

Kate holt einmal tief Luft und mit einem sanften Lächeln auf den Lippen gesellt sie sich zu der Barista an den Tisch.

„Hallo Detective." Grace ist höflich und steht auf, als Kate sich nähert und reicht ihr die Hand zur Begrüßung.

Leicht irritiert von dieser Geste hält Kate die zierliche Hand ein paar Sekunden länger als nötig. Die kleine Hand ist eiskalt und ein Schauer fährt Kate über den Rücken, als sie Grace in die hellblauen Augen schaut.

„Bitte, nennen Sie mich Kate." Beckett lässt ihre Hand schließlich los ohne aber den Augenkontakt zu lösen.

Beckett kann sich nicht helfen und lässt sich gefangen nehmen von diesem intensiven Blick, der so viel und gleichzeitig auch nichts zu erzählen scheint. Etwas an ihm fasziniert Beckett, ist es doch der leblose Glanz, den sie so oft in den Augen von gezeichneten Frauen wieder findet.

Erst als die Kellnerin herbei eilt, um die Getränkebestellung aufzunehmen, kann sich Kate dem eindringlichen Blick von Grace endlich entziehen. Erleichtert darüber atmet Kate einmal tief ein und aus, überwältigt von den wenigen Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit vorkommen.

„Kaffee," bestellt Beckett.

„Für mich auch." Endlich macht Grace Anstalten sich zu setzen und Beckett macht es ihr gleich.

Die Kellnerin eilt wieder davon, nur um in Rekordzeit wieder mit zwei Tassen dampfenden Kaffees aufzutauchen.

Während Grace Zucker in ihrem Kaffee rührt, begnügt sich Beckett wie immer mit Milch.

„Nun, Grace," beginnt Kate zögerlich. „Was wollen Sie mit mir besprechen?"

„Ich..." Grace schluckt einmal schwer und ihre Hände spielen nervös mit dem Löffel. Es fällt ihr schwer, zu sagen, was sie unbedingt sagen will.

„Grace?" Kate entgeht nicht, wie aufgeregt Grace ist und versucht sie mit einem Lächeln zum Sprechen zu ermutigen.

„Detective...ich meine Kate, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll."

Grace scheint den Tränen nahe zu sein und der verzweifelte Ton in ihrer Stimme sorgen bei Kate für ein ungutes Gefühl im Magen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben lässt sich Kate zu einer Geste hinreißen und umschließt mit ihrer rechten Hand die Linke von Grace. Grace, eine Frau, mit der Kate sich bisher nur aus beruflichen Gründen beschäftigen muss. Und Personen aus ihrem beruflichen Umfeld bekommen normalerweise nicht die sich sorgende und rührende Kate zu Gesicht.

„Belästigt Sie wieder dieser Mann?" will Beckett wissen und sucht den Blick von Grace, die bei dieser Frage laut auflachen muss.

„Nein, der lässt mich seit dem Prozess zum Glück in Ruhe."

„Was ist es dann?"

Grace blickt von ihrer Tasse auf und direkt wieder in diese fabelhaften grünen Augen, von denen sie seit Jahren schon träumt.

„Ich habe mich nie wirklich bei Ihnen bedankt, dass Sie mir damals dabei geholfen haben, den Mann anzuzeigen, der mich belästigte."

„Was?" platzt es aus Kate heraus, die sich wie aus einer Lethargie heraus gerissen fühlt.

Grace ist verwirrt. War es denn wirklich ungewöhnlich, sich für etwas zu bedanken?

„Habe ich etwas falsches gesagt?"

Jetzt muss Kate lachen, die sich erleichtert auf ihrem Stuhl zurückfallen lässt.

„Nein, Grace," antwortet sie. „Das haben Sie nicht. Ich dachte nur für einen kurzen Augenblick, Sie würden mir einen Mord oder eine andere Straftat gestehen."

„Ich fürchte, dass bringt Ihr Beruf mit sich."

„Ja," antwortet Kate einfach.

Die beiden trinken in Schweigen ihren Kaffee zu ende.

„Nun, es war damals mein Job Ihnen zu helfen, als ich damals das eine Jahr bei der Sitte ausgeholfen habe," nimmt Kate das Gespräch wieder auf.

„Warum sind Sie nicht bei der Sitte geblieben?"

„Die Sitte war nie mein Wunschdezernat gewesen, aber dort herrschte damals Personalmangel und ich musste für ein Jahr einspringen, ehe ich schließlich ins Moordezernat wechseln konnte."

Grace will Kate noch ein paar Fragen stellen, aber die Detective wird aus ihren Gedanken gerissen, als ihr Handy klingelt.

„Beckett." Wie immer nimmt Kate das Gespräch entgegen, indem sie ihren Nachnamen nennt.

„Verstehe, ich bin in 20 Minuten da." Beckett legt wieder auf und steht vom Stuhl auf.

„Sie müssen los, oder?" fragt Grace mit einem müden Lächeln auf dem Gesicht, enttäuscht, dass das Treffen ein so schnelles Ende nimmt.

„Tut mir leid,Grace," entschuldigt sich Beckett, als sie ihren Mantel überzieht. „Ich muss zu einem Tatort."

Grace steht jetzt ebenfalls auf, ihre Hände zittern, denn das erste Mal seit langer Zeit hat sie wieder Schmetterlinge im Bauch. Sie hofft, dass ihre Körpersprache sie nicht verraten wird. Es wäre einfach zu peinlich und Grace kann sich nicht vorstellen, warum eine heterosexuelle Frau wie Kate, die dazu auch noch fast acht Jahre älter ist, sich für Grace, eine Studentin und einfache Angestellte eines Cafés, interessieren soll.

„Wenn Sie zu einem Tatort müssen, dann müssen Sie zu einem Tatort." Grace nickt verständnisvoll, beeindruckt von der toughen Kate.

„Wenn Sie möchten, können wir die Verabredung gerne nachholen," schlägt Kate vor, die 5 Dollar für den Kaffee auf den Tisch legt.

„Gerne." Grace ist aus dem Häuschen und sie muss den Drang, die Freude über ein weiteres Treffen heraus zu schreien, stark unterdrücken.

„Gut," lächelt Kate. „Ich rufe Sie dann an." Sie will sich schon umdrehen und davon gehen, als Grace ihr eine Hand auf dem Arm legt, sich vorbeugt und der Detective einen Kuss auf die Wange gibt.

„Vielen Dank nochmal, Kate. Für alles."

„Kei...kein Problem," stottert Kate, die nicht weiß, was sie darauf antworten soll.

Der federleichte Kuss kribbelt auf ihrer Wange nach und Kate hat das Gefühl, rot wie eine Tomate anzulaufen.

„Bis dann."

Mit diesen Worten eilt Kate aus den Diner hinaus auf die Straße und winkt sich ein Taxi heran.

„Bis dann," flüstert Grace, als Kate schon lange im Straßenverkehr unterwegs ist.