Die Flamme des Zweifels

Zwei Tage lang blieb Hermine in ihrem Zimmer und sie sah nur Fritzlee, die ihr ungefragt die Mahlzeiten aus Zimmer brachte. Aber irgendwann musste sie der Realität ins Auge blicken und das hies Snape zu begegnen.

"Fritzlee", rief sie.

Die Hauselfe erschien.

"Ja, Miss?"

"Weißt du, wo Snape ist?", fragte Hermine während sie in ihre Schuhe schlüpfte und die Robe anzog.

"Master Snape ist in der Küche. Wollen Miss Ihr Essen haben?"

Hermine schüttelte den Kopf.

"Das wird nicht nötig sein, Fritzlee. Bitte sag Master Snape, dass ich mit ihm sprechen möchte. Ich komme gleich zu ihm."

Der Hauselfe verschwand mit einer Verbeugung.

Bevor Hermine nach unten ging, betrachtete sie wieder das Bild ihrer kleinen Tochter.

Sie hatte es auf den kleinen Tisch neben ihrem Bett gestellt und so war es das erste was sie nach dem Aufwachen sah.

Sie berührte das Bild vorsichtig und ein trauriges Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.

Denn obwohl es ihr wehtat das Bild anzusehen, war sie froh es zu haben.

Und sie war Snape dankbar dafür und wollte ihm das auch sagen.

In Gedanken ging sie das kommende Gespräch durch.

Sie würde klare Worte für ihn finden, dabei aber trotzdem fair sein und bei der Wahrheit bleiben.

Hermine straffte die Schultern und ging hinunter.

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Snape saß am Küchentisch, seine Nase in einer Zeitung vergraben.

"Guten Morgen, Sir."

Er blickte nicht auf als er ihr antwortete.

"Guten Morgen, Miss Granger. Fritzlee hat mir mitgeteilt, dass Sie mich sprechen wollen. Was verschafft mir die unerwartete Freunde?"

Hermine seufzte – diesem Mann konnte man einfach nichts Recht machen.

"Ich möchte Ihnen sagen, dass ich Sie persönlich nicht für alles Übel der Zauberwelt verantwortlich mache."

Vor Überraschung lies der Zauberer fast die Zeitung fallen.

"Na, wenn das keine Erleichterung für meine Seele ist", rief er schließlich aus.

Gut, ich habe seine Aufmerksamkeit, dachte Hermine.

"Und das ich Ihre Freundlichkeit durchaus zu schätzen weiß," fuhr Hermine fort.

"Ich kann jedoch Ihre Rolle in den Ereignissen, die zu meinem aktuellen Umstände führten, nicht ignorieren."

"Das habe ich auch nicht erwartet, Miss Granger. Ich würde es eher erstaunlich finden, wenn dem so wäre."

Snape blieb für einen Moment still. Er sah Hermine prüfend an.

Diese versuchte seinem intensiven Blick stand zu halten.

"Und, Miss Granger, was denken Sie über mich?"

"Sie glauben, dass muggelgeborene Zauberer weit unter den reinblütigen Zauberern stehen. Für Sie sind wir alle Schlammblüter."

"Und wie kommen Sie zu diesem Ergebnis ?"

"Bei allem Respekt, Sir, aber Ihre Beziehung zu ihm spricht Bände."

Snape schien über ihre Worte nachzudenken.

"Es gab eine Zeit, Miss Granger, da habe ich geglaubt, dass alle Muggel wie mein Vater wären – schwach und gewalttätig. Und natürlich würden sie das an ihre Kinder weitergeben, an Halbblüter. Aber ich habe gelernt und denke schon längst anders darüber.

"Sie haben Ihre Meinung geändert?"

Hermine konnte das kaum glauben.

Snape wies auf den leeren Stuhl und sie setzte sich.
„Fritzlee, lass uns allein."

Die Hauselfe nickte und verschwand so lautlos wie es ihr möglich war.

"Ein muggelgeborene Hexe wie Sie hatte viel damit zu tun."

"Wer war sie?", fragte Hermine.

Zu Hermines Überraschung schien Snape unbeeindruckt von der Frage.

"Ein Freundin", antwortete er schlicht.

Das Gespräch verlief vollkommen anders als geplant, aber Hermine war froh eine neue Seite an Snape zu entdecken. Trotzdem ...

Sie atmete tief durch.

„Aber was ist mit Folter, Sklaverei und den Morden, die in Voldemorts Namen begangen werden ?"

Zu ihrer Überraschung blieb Snape auch hier sachlich. Es war als ob er dieses Gespräch in Gedanken schon oft geführt hatte.

"Diese Dinge dienen der Machterhaltung, aber das macht sie nicht richtig oder gar akzeptabel."

Hermine runzelte die Stirn.

„Glauben Sie das wirklich?" , fragte sie hoffnungsvoll.

Er nickte.

Würde er lügen und wenn ja warum?

"Dann verstehe ich nicht warum Sie gegen Ihren Glauben handeln, Sir."

"Natürlich nicht, Miss Granger. Sie sind zu nobel. Nicht wahr?"

Er stand auf.

„Nun, wenn Sie mich entschuldigen, ich habe dringende Angelegenheiten zu regeln. Möchten Sie den Unterricht am Abend fortsetzen?"

Hermine nickte.

"Gut."

Aber sie wollte nicht warten.

Sie wollte wissen, was er gemeint hat.

Sie wollte ihn verstehen.

Aber Snape war schon verschwunden.

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Hermine war dabei ihm folgen, da bemerkte sie seine Zeitung auf dem Küchentisch.

Sie nahm sie in die Hand und sah auf der Titelseite ein großes Foto: zwei Männern und eine Frau, blutverschmiert.

Unter dem Bild die Schlagzeile:

Drei Aufständische gefangen und des Hochverrats angeklagt!

Hermine sah sich rasch um, bevor sie weiterlas.

Beamten des Ministeriums verkündigten heute morgen die Gefangennahme von drei Personen, die sich Zugang zu Regierungsgebäuden verschaffen wollten. Es wird angenommen, dass sie für die Einbruchsserie der letzten Wochen verantwortlich sind. Zwei der Individuen sind bisher nicht identifiziert worden. Bei dem dritten Verbrecher handelt es sich um Rufus Ainsworth aus Little Norton, einem notorischer Agitator, dessen Verbannung geplant war. Vor drei Monaten verschwand Ainsworth auf wundersame Weise aus dem Gefängnis des Ministeriums. Dort wurde er von dem engen Vertrauten des Dunklen Lords, Severus Snape, verhört. Dieser bestätigte damals, dass der Gefangene bei seinem Verlassen in der Zelle saß. Auch die zwei Wachen bestätigten dies, wurden aber später wegen Unvermögen entlassen.

Die Strafverfolgungsbehörden gehen davon aus, dass diese drei auch mit der Entführung einer schwangeren Dienerin aus dem Haus einer reinblütigen Familie, Anfang dieser Woche, zu tun haben könnten."

Hermine starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das Foto der drei Verdächtigen.

Zum ersten Mal hörte sie davon, dass es Widerstand gegen Voldemorts Regime gab.

Und zwar von jungen Zauberern, die offenbar nicht direkt am Zweiten Krieg teilgenommen hatten. Der dritte Mann, Rufus Ainsworth, kam ihr irgendwie bekannt vor.

Aber woher ?

Sie erinnerte sich an Gerüchte über Ainsworth Flucht und daran wie die Mädchen im Center spekuliert hatten. Es gab die wildesten Theorien, eine bizarrer als die andere.

Warum waren die drei in Regierungsgebäude eingedrungen. Dort gab es hier nur Aufzeichnungen über der Muggel und Dienerinnen.

Bleib ruhig, sagte sich Hermine.

Nur keine falschen Hoffnungen aufkommen lassen, aber es war schon merkwürdig, dass Snape Ainsworth besucht hatte.

Hatte er eventuell sogar etwas mit seiner Flucht zu tun?

Hermine fügte diese Frage der langen Liste von Dingen hinzu, die sie über Snape herausfinden wollte.

Sorgfältig riss sie die Seite heraus und steckte sie in die Tasche. Die restliche Zeitung wanderte in den Mülleimer.

Snape hatte tatsächlich das Haus verlassen, wie Fritzlee bestätigte, und Hermine machte sich auf, die Erkundungsgänge fortzusetzen.

Sie wollte keine Zeit verschenken, vielleicht würden Tage vergehen bevor sie wieder die Chance dazu hätte.

Die junge Hexe eilte durch Korridore, stieg Treppen auf und ab, zählte ihre Schritte. Als sie sicher war, an der richtigen Stelle angekommen zu sein, blieb sie stehen.

Alles, was sie zu tun hatte, war zu warten. Eine Minute später begann sich der Raum zu verändern und sie stand in der Gemäldegalerie.

Zufrieden lächelte sie - endlich hatte sie den Beweis: der Raum erschien zweimal pro Tag an der gleichen Stelle: um neun Uhr morgens und sechs Uhr abends. Sie vermutete auch, dass die Lage des Raum irgendwie mit dem Labor verbunden war.

Vielleicht konnten ihr die Gemälde helfen.

"Entschuldigen Sie", rief sie einer unfreundlich aussehenden Frau zu.

„Was wollen Sie?"

Hermine brachte ein schwaches Lächeln zustande. Hier würde sie wohl keine Hilfe finden.

"Nichts. Tut mir leid, Sie gestört zu haben."

Sie schaute sich weiter um.

Vielleicht waren nicht alle Bilder „echt" ?

Sie ging langsam zu einem Landschaftsbild und berührte es. Tatsächlich war das Bild eine verzauberte Tür.

Hermine ging durch und da sah sie die Tür zu Snapes Labor.

Weiter wollte sie heute gehen. Es reichte, dass sie das Labor gefunden hatte und was ihr einmal gelang, würde auch ein zweites Mal möglich sein.

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Snape kam nicht zum Abendessen, aber er erschien wie vereinbart im Leseraum.

Leider war er nicht so guter Laune und Hermine wußte sofort warum.

„Was soll das ?", fragte er und deutete auf die zerknüllte Zeitung.

"Wenn Sie die Zeitung lesen wollte, fragen Sie einfach. Sie hätten mein Exemplar nicht verstümmeln müssen", verkündete er.

"Tut mir leid, Sir«, murmelte Hermine verlegen.

Snape drehte sich um und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Und nun zeigen Sie mir was Sie gelernt haben."

Hermine begann sofort und ein paar Minute nickte Snape zufrieden.

"Jetzt zeigen Sie mir den Repello Circuitum Zauber."

Repello Circuitum war der erste Zauber an dem sie gearbeitet hatte.

Er war einfach, aber Snape hatte darauf bestanden, dass sie ihn lernen sollte.

Auch hier war Severus mit den Ergebnissen zufrieden. Es war Zeit für etwas Neues.

Snape zog seinen Zauberstab aus dem Ärmel.

"Jetzt werden wir an einem Schlüsselzauber arbeiten."

"Meinen Sie Portschlüssel?", fragte Hermine.

Das wäre eine sehr fortgeschrittenen Magie und sie hätte nichts dagegen zu lernen, wie sie gemacht würden. Aber Snapes Antwort enttäuschte sie.

"Nicht Portschlüssel. Schlüsselzauber. Man kann die betreffenden Gegenstände mit einer Signatur versehen und der Gegenstand erkennt so den Zauberer, der dies getan hat. Wenn man also einen Zauberspruch ausspricht, dann reagiert der Gegenstand auf diesen Zauberer. Diese Dinge sind zudem unsichtbar. Ich zeige es Ihnen."

Snape hob seinen Zauberstab und Hermine sah aufmerksam zu.

"Gehen Sie zum Regal", forderte sie auf.

Hermine tat, wie angewiesen und zuckte zusammen als ihre Nase mit einer unsichtbaren Mauer kollidierte.

Dann ging Snape ohne Probleme zum Regal und nahm ein Buch heraus. Hermine runzelte die Stirn, als sie bemerkte, dass es ein Buch mit Rezepten für Haushaltsreiniger war.

"Der Inhalt des Buches ist in diesem Fall irrelevant, Miss Granger."

Er führte mit seinem Zauberstab eine Reihe von schnellen, ruckartigen Bewegungen aus, berührte dann das Buch und reichte es Hermine.

„So, nun probieren Sie es noch einmal."

Hermine näherte sich langsam der Stelle gegen die sie gelaufen war, aber diesmal passierte nichts. Sie erreichte ohne Probleme ihr Ziel – das Regal.

Neugierig sah sie Snape an.

Snape nahm ein Buch aus dem Regal und warf es in Richtung der unsichtbaren Barriere. Wie erwartet prallte es dagegen und fiel zu Boden.

"Das andere Buch ist ein Schlüssel mit dem Sie alle Barrieren durchdringen können. Jeder andere wird nicht durchkommen. Nun müssen Sie lernen so eine Barriere aufzurichten. Damit stoppen Sie Ihre Verfolger für eine gewisse Zeit", klärte Snape sie auf.

Hermine nickte und versuchte die Tatsache zu ignorieren, dass sie ja wohl niemals in so eine Situation kommen würde.

"Theoretisch können alle Objekte ein Schlüssel sein, aber der Zauber scheint erfolgreicher zu sein, wenn es sich um Stoffe handelt, die eine Flüssigkeit enthalten - in diesem Fall die Tinte auf den Seiten des Buches."

Oder die magische Tinte der Tätowierung auf den Armen der Todesser, dachte Hermine.

Snape hob den Zauber auf und begann Hermine genau zu erklären was sie machen musste.

Allerdings war Hermine nicht bei der Sache. Und Snape schien es heute Abend ähnlich zu gehen. Vielleicht war es ein guter Zeitpunkt, um ihn in ein Gespräch zu verwickeln.

"Sir, darf ich eine Frage stellen?"

"Sicher."

"Diese drei Leute in der Zeitung stehen, was wird mit ihnen geschehen?"

Snape erstarrte.

"Sie werden höchstwahrscheinlich gefoltert und dann getötet", antwortete er kalt.

"Kannten Sie einen von ihnen?"

"Ich pflege keinen Umgang mit Verrätern."

Hermine setzte ihre Übungen fort, redete aber weiter.

"Die Zeitung sagt, dass Sie einen von ihnen verhört haben", erwähnte sie und versuchte locker zu klingen, was noch nie ihre starke Seite gewesen war.

"Ich war dort um Mr. Ainsworth verhören. Miss Granger, Ihre Handbewegung war falsch."

"Sorry", sagte Hermine und korrigierte die Bewegung.

"Kannten Sie ihn?", fragte sie.

Snape zögerte und Hermine sah sich gezwungen ihn anzusehen.

"Er ist einer meiner ehemaligen Studenten und besuchte Hogwarts zwei Jahre früher als Sie. Ich bezweifle, dass Sie ihn kannten. Er war ein Slytherin."

Hermine hatte oft Mühe ihren Gesichtsausdruck zu kontrollieren und so drehte sie ihren Kopf weg und arbeitete weiter an ihren Bewegungen, auch in der Hoffnung, dass Snape ihre Gedanken nicht lesen konnte.

Die Tatsache, dass Snape den jungen Mann kannte, machte es wahrscheinlich, dass er an seiner Flucht beteiligt gewesen war.

"Ist es schwierig jemanden zu verhören, wenn weiß, das er sterben wird", fragte sie leise.

Snapes Hand packte sie mitten in der Bewegung.

"Was Sie tun ist sehr gefährlich, Miss Granger."

Beide wussten was damit gemeint war.

"Ich will es nur wissen", flüsterte sie, sich seiner Berührung sehr bewusst.

"Es gibt viele Dinge über mich, die Sie besser nicht wissen sollten, Miss Granger."

An diesem Abend stellte Hermine keine weiteren Fragen mehr und ihre Sitzung endete bald danach.

Als sie ins Bett ging, war sie davon überzeugt, dass gerade die Dinge, die sie nicht über ihn wusste, ihr am meisten schaden könnten.