So, hier also endlich Kapitel 3. Ich weiß, es hat mal wieder ewig gedauert, aber die letzten Monate waren furchtbar stressig und mit nur einer einzigen Review war ich ehrlich mehr als nur ein bisschen demotiviert. Deshalb jetzt erstmal wieder ein ganz dickes Dankeschön an Isana, die mir wirklich eine wundervolle Review geschenkt hat. Danke, danke, danke. Du hast mich auf lange Sicht dazu gebracht, wieder in die Hufe zu kommen.
Und dann auch noch Danke an usa-ani und ihre Schwester für die nette Review zu Kapitel 1. Ich hab mich sehr darüber gefreut, dass ihr auch nach Erscheinen vom 2. Kapitel gereviewed habt. Ich hoffe, die fehlende Review für Kapitel 2 heißt nicht, dass die Story euch nicht mehr gefiel...
Und dann noch die übliche Bitte an alle, die das hier lesen: Bitte, bitte, schreibt eine Review, wenn euch die Story gefällt. Gern auch nachträglich, es stärkt mein Schreiberling-Ego. Natürlich freu ich mich auch darüber, wenn meine Geschichten oder ich als Autor auf die Favourite-Liste von jemandem komme, aber eine Review ist einfach persönlicher. Ich bin auch ein Reviewmuffel, das gebe ich zu, aber jede gute Geschichte, die weniger als 5 Reviews hat, bekommt von mir auch eine. Seid also bitte so lieb und sagt mir, was euch gefällt oder auch nicht gefällt. Konstruktive Kritik ist willkommen.
Disclaimer: Keine der Figuren, die euch aus Yu-Gi-Oh bekannt sind, gehören mir und ich überlasse es ihrem Schöpfer, mit ihnen Geld zu verdienen. Alle Figuren (menschlich wie tierisch), die euch vor dieser Geschichte unbekannt waren, sind aber bis zum letzten i-Tüpfelchen mein. Muwahahahahaha...
Verloren
Kapitel 3: Was der Tag bereithält... – Teil 1
Hohepriester Mahad ließ sich vor seinem Zelt nieder und schloss für einen Moment die Augen. Der Tag war mehr als frustrierend gewesen. Zu erfahren, dass der Pharao verschwunden war und dass es einen Verräter gab, innerhalb kürzester Zeit die Suche organisieren zu müssen, und schließlich die Suche selbst, die bisher ergebnislos gewesen war. Er hatte versucht, das Millenniumspuzzle mithilfe des Rings aufzuspüren, doch die Reaktion war so schwach gewesen, dass sie ihm nicht einmal eine ungenaue Richtung weisen konnte. Mahad seufzte.
'Das Rote Land ist groß. Und wir können nicht wissen, was die Entführer mit dem Puzzle getan haben. Ich bezweifle, dass sie es dem König gelassen haben, aber ebenso wenig kann ich mir vorstellen, dass sie es mit sich genommen haben.'
Er ließ den Blick über das kleine Lager streifen, beobachtete seine Männer, wie sie um die Feuer herumsaßen und sich leise unterhielten. Besorgnis lag wie ein schweres Tuch über ihnen. Sie alle hatten entgegen aller Logik so sehr gehofft, dass sie oder einer der anderen Suchtrupps den Pharao schon an diesem Tag finden würden. Nun konnten sie nur auf den nächsten Morgen hoffen und, wenn sie wieder erfolglos blieben, auf den nächsten und auf den nächsten, solange bis ihr Herrscher wieder im Palast war, sicher und unverletzt.
Mahads Gedanken wanderten ungewollt in eine Richtung, die er den ganzen Tag über hatte verdrängen können. Was, wenn sie den König nicht rechtzeitig fanden? Keiner wusste oder konnte auch nur erahnen, was die Entführer vorhatten. Sie mochten ihn getötet haben, kaum dass sie Kemets Grenzen überschritten hatten. Ein Leichnam verschwand in der Wüste ohne Schwierigkeiten. Mahad schauderte es, als er daran dachte, was das für Atems jenseitige Existenz bedeuten würde. Energisch schüttelte er den Kopf, um die düsteren Gedanken zu vertreiben. Er durfte die Hoffnung nicht aufgeben. Mit einem letzten Blick über das Lager zog er sich in sein Zelt zurück und legte sich zur Ruhe. Die Nacht würde kurz genug werden.
Der Morgen brach mit einem klaren Sonnenaufgang an, der die kalte Luft schnell aufzuheizen begann. Atem genoss ihre wärmenden Strahlen in diesem Moment, ließ sie die bittere Kälte vertreiben, die ihn die ganze Nacht über gepeinigt hatte. Er zitterte noch immer am ganzen Körper, wusste aber nur zu genau, wie bald sich das ins Gegenteil verkehren würde. Die Hitze des Tages war nicht mehr fern, und er war müde. Er war die ganze Nacht hindurch gewandert, ohne Rast, ohne auch nur einmal anzuhalten, um eine möglichst große Strecke zurückzulegen, solange die göttlichen Kinder der Nut ihm den rechten Weg weisen konnten((1)). Nun sah er sich nach einem halbwegs geschützten Platz um, wo er den Tag über ausharren konnte. Vergeblich. Trotz seiner Müdigkeit suchte er weiter, trieb sich selbst dazu an, weiterzugehen, immer einen Schritt nach dem anderen, wissend, dass die Hitze ihn bald zum Anhalten zwingen würde.
Mühsam erklomm er den Kamm der nächsten großen Düne und blickte in das Tal darunter. Es war ein tiefer Kessel zwischen den Sandbergen und wenn die Sonne höher stieg, würde es immer wieder ein paar kleine Stellen geben, die Schatten gaben. Es war besser als gar nichts. Er versuchte, den besten Platz auszumachen, dann stieg er langsam hinunter, doch bereits nach ein paar Schritten stolperte er und geriet ins Rutschen. Ein Teil der Düne folgte ihm nach unten, und als er schließlich den Grund des Tals erreichte, begrub ihn der Sand halb unter sich. Der Pharao stöhnte. Eine Weile blieb er erschöpft liegen, versuchte Kraft zu sammeln, die Müdigkeit abzuschütteln, die ihn zu überwältigen drohte. Schließlich richtete er sich, so gut es ging, auf und befreite sich langsam aus dem schweren Sand.
Ein Blick zum Himmel zeigte ihm, dass er kaum noch Zeit hatte. Die Sonne stand bereits recht hoch, und er wollte auf keinen Fall wie am vorigen Tag in der sengenden Hitze unterwegs sein. So schnell er konnte, ging er zu der Stelle, die er sich vorher ausgesucht hatte, und begann ein weiteres Mal zu graben. Als er damit fertig war, nahm er die beiden Lederbeutel von seiner Schulter. Einen legte er in das niedrige Loch, den anderen öffnete er und nahm einen Schluck Wasser. Dann noch einen, doch es war bei Weitem nicht genug, um seinen Durst zu löschen. Die ganze Nacht über hatte er sich keinen einzigen Schluck gegönnt, um das kostbare Nass nicht zu schnell aufzubrauchen. Aber jetzt, nach der langen Wanderung und der unerwarteten, ungewollten Anstrengung, brauchte er wenigstens ein paar Schluck, um bei Kräften zu bleiben. Doch der Durst blieb. Sorgfältig verschloss er den Beutel wieder, legte ihn neben den anderen und rollte sich dann in der schmalen Kuhle zusammen, seinen Umhang über sich und die Wasserschläuche gebreitet. Nun konnte er nur noch warten. Müde schloss Atem die Augen, und ein erschöpfter Seufzer entrang sich seiner Kehle. Der Schlaf ließ nicht lange auf sich warten.
Der Tag verging nur langsam. Bedrückende Stille herrschte im Palast, das normalerweise so lebhafte, laute Treiben war zu einem kaum hörbaren Wispern geworden. Wer Arbeit zu erledigen hatte, tat dies schweigend, in Gedanken versunken. Einige suchten dabei bewußt die Einsamkeit, die meisten hingegen suchten Trost in der Nähe anderer. Doch alle hofften... und flehten die Götter an, ihren Herrscher zu beschützen.
In der großen Beratungskammer herrschte ebenfalls Stille, doch schien sie tiefer, schwerer zu sein als überall sonst. Das schwächer werdende Licht der Nachmittagssonne flutete durch die Balkonfenster und tauchte den Raum in goldenes Licht. In einer Ecke, tief in Trance versunken, saß Isis. Seit die Suchtrupps am vorigen Tag aufgebrochen waren, hatte sie sich kaum von der Stelle gerührt.
Die Magie ihrer Millenniumskette gab ihr die Macht, in die Zukunft zu sehen, Dinge zu erfahren, die ihrer harrten, und sie versuchte, etwas über das Schicksal des Königs herauszufinden. Oft hatte sie so lauernde Gefahren erkannt. Doch die Kette ließ sich nicht ‚beherrschen'. Isis konnte die Visionen nicht erzwingen. Konzentrierte sie sich auf die Kette und die ihr innewohnende Magie, war es ihr möglich, den Blick auf Zukünftiges zu lenken. Suchte sie nach etwas Bestimmtem, konnte sie so die Chance erhöhen, genau darüber etwas zu erfahren. Doch wenn die Kette ihr nichts enthüllen wollte, gab es nichts, was sie dagegen tun konnte.
Ein leises Geräusch ließ sie aus der Trance erwachen. In der Tür zur Kammer stand Mana mit einem kleinen Tablett in der Hand und beobachtete sie. Isis lächelte und bedeutete ihr, näher zu kommen.
„Wie lange bist du schon hier, Mana?" fragte sie sanft.
„Eine Weile", antwortete das Mädchen. „Ich wollte nicht stören, aber ich dachte, Ihr hättet vielleicht Hunger. Ihr habt seit heute morgen nichts mehr gegessen." Sie hielt der Priesterin das Tablett hin.
„Vielen Dank." Isis merkte erst jetzt, wie erschöpft sie war. Die Magie der Kette zu beeinflussen war keine einfache Sache. Es kostete sie immer viel Kraft, wenn sie so lange in Trance verbrachte, und so war sie sehr froh, sich ein wenig ausruhen zu können.
Ein paar Minuten vergingen in friedlichem Schweigen, während Isis ihr Mahl genoss. Mana beobachtete sie dabei und schien bemüht, sie nicht zu stören, obwohl sie ganz offensichtlich etwas fragen wollte. Doch schließlich konnte sie sich nicht mehr beherrschen.
„Lady Isis?" Die Stimme des Mädchens klang unsicher. Isis unterbrach ihre Mahlzeit und sah sie freundlich an.
„Ja?"
„Habt Ihr... habt Ihr etwas sehen können?" Sorge schwang in dieser Frage mit, Angst, aber auch Hoffnung. Und so sehr sich Isis auch wünschte, dass es anders wäre, sie musste diese Hoffnung enttäuschen.
„Nein, zumindest nichts, was uns helfen könnte. Es ist alles verschwommen, undeutlich. Einmal schien es mir, als sähe ich den Pharao im Thronsaal, eine schattenhafte Gestalt zu seinen Füßen, doch alles war in tiefes Dunkel gehüllt. Dann wieder sah ich Res Barke am Himmel, gleißend, unbarmherzig, und Hitze flimmerte um sie." Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann bisher nur Vermutungen anstellen, doch ich glaube, dass der König noch am Leben ist. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben."
Mana nickte stumm, dann stand sie auf und ging zum Balkon hinüber. Dort blieb sie stehen und rührte sich nicht mehr, bis Isis ihr Mahl beendet hatte und sie wieder zu sich rief.
„Nun... ich habe dir erzählt, was ich erfahren habe", setzte die Hohepriesterin an und senkte unbewusst ihre Stimme. „Was ist mit dir?" Ihr war klar, dass das Mädchen noch nichts herausgefunden haben konnte, denn das hätte sie ihr sofort erzählt, doch man konnte nie wissen. Manchmal konnte ein Detail wichtiger sein, als es im ersten Moment den Anschein hatte.
Mana schüttelte traurig den Kopf. „Ich konnte nichts entdecken. Ich habe mich überall umgehört, aber alle scheinen aufrichtig besorgt zu sein. Keiner benimmt sich merkwürdig, alles ist so, wie man es erwarten würde."
Die fast schon überwältigende Bitterkeit in ihrer Stimme überraschte Isis nicht. Sie selbst spürte die Frustration, geboren aus einem Gefühl der Hilflosigkeit, dem Gefühl, nichts tun zu können, um ihrem König zu helfen.
„Verlier nicht den Mut. Wir alle teilen deine Sorge. Karim, Mahad, Schada… selbst Seth… und all die anderen, die auf der Suche nach dem Pharao sind. Doch für uns, die wir zurückbleiben mussten, erscheint es so viel schwerer. Wir können nur unser Bestes geben, tun, was immer in unserer Macht steht."
Mana war den Tränen nahe, doch sie kämpfte sie tapfer nieder und nickte. „Ich... ich gehe wohl besser wieder." Sie stand auf, hob das Tablett vom Boden auf und ging zur Tür, wo sie sich noch einmal umdrehte. „Danke, Lady Isis." Dann war sie verschwunden.
Isis lächelte in sich hinein. Eine Weile ließ sie die Stille sie umhüllen. Es war keine schlechte Idee, ein wenig zu ruhen, bevor sie sich erneut auf ihre Aufgabe konzentrierte. Sie konnte nur hoffen, dass die Visionen bald klarer wurden.
Atems dritte Nacht in der Wüste begann. Er hatte den Tag erneut schlafend verbracht, doch diesmal war ihm kein so ruhiger Schlaf wie am ersten Tag vergönnt gewesen. Er war immer wieder aufgewacht, der Durst und die Hitze ließen ihm keine Ruhe. Sein Wasservorrat schwand erschreckend schnell, obwohl er sehr sparsam damit umging und nie mehr als drei Schlucke auf einmal nahm. Und das war wie ein Tropfen auf einem heißen Stein, es half nichts gegen den Durst. Seine Zunge erschien ihm wie ein Fremdkörper, sie war trocken und rau, und er konnte kaum noch schlucken. Sand knirschte zwischen seinen Zähnen. Und jetzt, wo er wieder unterwegs war und sich seinen Weg durch die nächtliche Dünenlandschaft suchte, spürte er, dass seine Kräfte langsam nachließen. Die Erschöpfung, die ihm morgens so überwältigend vorgekommen war, hatte zwar nachgelassen, war aber noch immer da. Die anstrengende Wanderung, der Wassermangel, der heftige Wechsel zwischen klirrender Kälte und glühender Hitze... das alles laugte ihn erbarmungslos aus.
Der Pharao blieb einen Moment stehen, um tief Luft zu holen, nachdem er den nächsten Dünenkamm erklommen hatte. Schweiß stand ihm auf der Stirn, doch die Kälte ließ ihn trotzdem zittern. Er blickte in die Ferne, suchte, hoffte, etwas zu finden, das auf eine Oase oder eine Siedlung schließen ließ, irgendetwas, wo er Hilfe bekommen konnte. Fahles Mondlicht fiel auf eine dunkle, fast gespenstische Landschaft, und kein Licht, kein freundliches Flackern eines Feuers durchbrach den finsteren Anblick. Atem seufzte, dann ging er langsam weiter.
Ein paar Stunden später hielt er wieder an, diesmal, um erneut nach Wasser zu suchen. Der kleine Zauber kostete ihn zum Glück kaum Kraft, so dass er ihn während seiner Wanderung immer wieder einsetzen konnte. Doch seit dem ersten Tag hatte er nichts mehr finden können. Vorsichtig erhob er sich und klopfte sich den Sand von den Knien. Nicht dass das irgendeinen Unterschied machte, der feine Staub hatte bereits den Weg unter seine Kleidung gefunden, doch es musste ja nicht mehr werden als unbedingt nötig. Er nahm einen Schluck Wasser und stellte mit Sorge fest, dass der erste Beutel so gut wie leer war. Nur ein paar Tropfen waren jetzt noch darin. Atem wusste, wenn er kein Wasser mehr fand, konnte er allerhöchstens noch zwei Nächte wandern, bevor es ihm endgültig ausging. Und was danach mit ihm passierte... er schauderte. Dann schüttelte er den Kopf, entschlossen, nicht den Mut zu verlieren. ‚Noch ist es nicht soweit. Ich werde nicht aufgeben.' Und mit diesem Gedanken machte er sich wieder auf den Weg.
Der Oberpriester des Amun-Tempels trat in den sonnenüberfluteten Hof hinaus. Einen Moment lang glitt sein Blick über die heilige Stätte, bevor er, fast gegen seinen Willen nach oben wanderte. Res Barke stand gleißend am beinahe schon gnadenlos blauen Himmel, und die Hitze ließ alles in einiger Entfernung verschwimmen. Der Mann wandte sich ab und schüttelte den Kopf, bevor er sich in die relative Kühle des Tempels zurückzog. Wieder schüttelte er den Kopf. Er kam einfach nicht zur Ruhe. Seine Gedanken kreisten ohne Unterlass um die Situation, in der sich der Pharao zur Zeit befinden musste. Der Priester wusste, dass sein Herrscher sich in der Wüste befand, schutzlos, der Hitze ausgeliefert, vielleicht sogar schon tot. Er schauderte. Je mehr Zeit verstrich, desto mehr Zweifel kamen ihm an den Plänen, die jener Mann vor fast einem Jahr an ihn herangetragen hatte. Damals waren ihm dessen Argumente überzeugend erschienen, und er hatte sich bereit erklärt, seinen Teil beizutragen. Er war wütend gewesen in jener Zeit, unzufrieden mit den Entscheidungen, die der neue König getroffen hatte. Der Oberpriester hatte bei ihm um eine Erhöhung der Opfergaben für den Tempel ersucht und diesmal, anders als bei seinem Vater, sofortige Zustimmung erwartet. Der Pharao war jung, und trotz der Erfahrung, die er als Prinzregent gesammelt hatte, war die Situation nach dem Tod seines Vaters völlig neu für ihn. Daher hatte den Priester die eindeutige Absage an seine Forderung völlig aus dem Konzept gebracht und seinen Zorn entflammt. Er hatte es tatsächlich gewagt, seinem König zu widersprechen, und er musste noch heute schlucken, wenn er sich an den eisigen Blick erinnerte, mit dem der junge Mann ihn durchbohrt hatte.
„Mein Vater", hatte jener mit schneidender Stimme gesagt, „hat Euer Gesuch bereits vor einigen Monaten abgelehnt. Ihr habt, ebenso wie ich, gehört, welche Gründe er dafür nannte. Die Speicher sind seitdem nicht voller geworden, Sehem-Amun((2)), noch sind weniger Menschen zu versorgen. Trotzdem erscheint Ihr erneut hier und wagt es auch noch, meine Entscheidung in Frage zu stellen!"
Sehem-Amun hatte diese Zurechtweisung nur schwer ertragen können, auch wenn der Pharao, wie er sich inzwischen selbst eingestand, völlig Recht gehabt hatte. Doch der Oberpriester war wütend gewesen, mehr als je zuvor in seinem Leben. Dem verstorbenen König war er immer treu ergeben gewesen, hatte ihn respektiert und verehrt, und auch dem jungen Regenten hatte er Wohlwollen entgegengebracht, doch an jenem Tag war ihm in aller Deutlichkeit klargemacht worden, dass dieser junge Mann nun der PHARAO war und er sich ihm absolut zu beugen hatte, ob ihm das nun passte oder nicht.
Inzwischen erschreckte ihn der Zorn, der ihn damals soweit getrieben hatte, Teil einer Verschwörung zu werden, die den rechtmäßigen Herrscher beseitigen und einen anderen an seinen Platz setzen wollte. Doch seine Einsicht war zu spät gekommen, sein Gewissen regte sich erst an dem Tag, an dem der König auf so geheimnisvolle Weise verschwand. Nun konnte er nichts mehr tun, wusste er doch selbst nicht, wohin die Attentäter ihr Opfer gebracht hatten. Und er fürchtete sich... der Mann, der all dies geplant hatte, war wahrlich furchterregend in seiner fanatischen Wut auf den Pharao. Und diese Angst lähmte ihn, ließ ihn schweigen und weiterhin den Befehlen jenes Mannes folgen. Dies und die Gewissheit, dass er bereits zu tief in die Sache verwickelt war, um noch unbeschadet davonzukommen.
Der Oberpriester schauderte erneut. Vier Tage... vier Tage, seit der König verschwunden war... vier Tage, in denen er zutiefst bereut hatte, je auf das Angebot jenes Mannes eingegangen zu sein... vier Tage, in denen er auf eine Nachricht gewartet und gleichzeitig gehofft hatte, dass sie nicht kommen würde... dass wider Erwarten jemand den Pharao rechtzeitig fand und die Verschwörung aufgedeckt wurde. Er würde sich bereitwillig seiner Strafe stellen.
Der hohe Ruf eines Raubvogels riss ihn aus seinen Gedanken, und er trat wieder in den Hof hinaus. Ein kleiner Falke landete auf seiner Schulter. Sehem-Amun nahm ihm die Nachricht ab und hielt sie einige Minuten nur in der Hand, gedankenverloren, hin und her gerissen zwischen seiner Furcht und dem, was sein Gewissen ihm zu tun gebot. Ihm war völlig klar, was die Nachricht beinhaltete, und er kämpfte lange mit sich, merkte dabei nicht einmal, wie der schlanke Vogel sich von seiner Schulter abstieß und wieder davonflog. Doch am Ende siegten Furcht und Resignation. Er entrollte den kleinen Papyrus, las die mehr als knappen Worte darauf und machte sich schweren Herzens auf den Weg zum Allerheiligsten.
Die Zeit für eine ‚Vision' war gekommen.
Er würde jenem Mann den Weg auf den Thron Kemets ebnen.
Mahad gab seinen Männern ein Zeichen, anzuhalten und das Lager aufzuschlagen. Die Nacht war schon lange hereingebrochen, doch trotzdem hatten sie bis jetzt weitergesucht. Die Nachricht wurde weitergegeben, bis schließlich alle in der weit verstreuten Gruppe bescheid wussten und die Suche für diesen Tag beendeten. Der Hohepriester konnte deutlich die Erschöpfung auf den Gesichtern erkennen, ein Großteil davon stammte nicht von den Mühen der Suche, sondern von Sorge und Frustration. Er selbst fühlte, wie die Situation mehr und mehr an seinen Nerven zerrte. Der vierte Tag ihrer Suche ging erfolglos zu Ende, und die Hoffnung schwand.
Während die Soldaten die Zelte aufstellten und Feuer machten, entfernte sich der Hohepriester ein Stück von ihnen und konzentrierte sich nochmals auf seinen Millenniumsring. Die Magie durchströmte ihn, doch die erhoffte Reaktion blieb aus. Wie bei jedem seiner bisherigen Versuche, das Puzzle aufzuspüren, konnte er keine Richtung erkennen. Mit einem Gefühl tiefer Enttäuschung beendete er den Zauber und blickte stattdessen auf das unendliche Sandmeer um ihn. Eine Weile verharrte er so, in Gedanken versunken, und erst als einer seiner Männer ihn rief, drehte er sich um und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Lager.
Die meisten der Soldaten hatten ihre Arbeit unterbrochen und starrten in den Himmel. Einer kam im Laufschritt auf Mahad zu.
"Mein Lord", rief er aufgeregt. „Wir haben einen Falken entdeckt, der hierher unterwegs ist!"
Der Millenniumspriester wusste sofort, was das bedeutete, und sah in die Richtung, die der Mann ihm bedeutete. Und tatsächlich: Dort war, noch recht weit entfernt, die Silhouette eines großen, goldgelben Falken zu erkennen. Der Vogel kam schnell näher und bald darauf landete er auf Mahads ausgestrecktem Arm.
„Aut-a-en-Schu((3))", begrüßte der Priester seinen Falken liebevoll und strich ihm einmal kurz über den Bauch. „Was bringst du für Nachrichten, mein Freund?"
Das Tier rieb seinen Kopf mit einem zufriedenen Laut an seiner Hand, bevor es ein Bein ausstreckte. Mahad nahm die Nachricht entgegen und setzte sich Aut-a-en-Schu auf die Schulter, um sie lesen zu können. Wie er erwartet hatte, war die Nachricht von Mana. Doch ihm gefiel überhaupt nicht, was sie zu berichten hatte.
‚Meister, heute am frühen Abend kam ein Bote vom Amun-Tempel in den Palast. Er trug eine Weissagung des Oberpriesters bei sich, die besagte, dass seine Majestät für Kemet verloren und dass, wer immer das Millenniumspuzzle fände, von den Göttern als sein Nachfolger auserwählt sei. Lord Schimon und Lady Isis geben den anderen Suchtrupps bescheid, doch sie bitten darum, dass Ihr Aut-a-en-Schu zu Lord Seth schicken möget, da Ihr seiner Gruppe am nächsten seid.'
Er unterbrach seine Lektüre, um sich zu beruhigen. Jeder Satz schien wie ein Messer in sein Herz zu stoßen, doch er war sich der erwartungsvollen Blicke seiner Männer bewusst und zwang sich mit einer bewussten Anstrengung zur Ruhe, bevor er weiterlas. Mana bat ihn im Namen von Schimon, möglichst schnell in den Palast zurückzukehren, setzte jedoch hinzu, dass es, ihrer Meinung nach, besser wäre, allein zu kommen und seine Gruppe währenddessen weitersuchen zu lassen. Das verwirrte ihn zuerst, doch als er den letzten Satz las, musste er unwillkürlich lächeln. Mit der ihr eigenen taktlosen Offenheit tat Mana ihre Meinung kund:
'Ich glaube kein Wort dieser Weissagung.'
Er ließ den Papyrus sinken. Er musste Mana Recht geben, es war möglich, dass die Weissagung zum Plan des Verräters gehörte. Und auch er wollte nicht glauben, dass der König tot war. Mit neuer Entschlossenheit wandte er sich an seine Männer.
„Meine Anwesenheit ist im Palast von Nöten. Ich werde sofort aufbrechen, doch die Suche darf nicht unterbrochen werden. Ich verlasse mich auf euch alle. Verliert nicht die Hoffnung."
Er bestimmte einen der erfahrensten Offiziere als seine Vertretung, bevor er sich zu einem der bereits aufgebauten Zelte begab, um dort eine Nachricht an Seth zu verfassen. Er fasste sich kurz, wiederholte Manas Informationen über die Weissagung und den Aufruf von Schimon, in den Palast zurückzukehren. Als das erledigt war, konzentrierte er sich kurz und rief eines seiner niederen Monster, um ihm die Nachricht anzuvertrauen. Aut-a-en-Schu gab einen unzufriedenen Laut von sich, als das Monster durch den Zelteingang verschwand, und Mahad strich ihm besänftigend über den Bauch.
„Ruhig, mein Freund. Ich brauche dich, um eine Antwort an Mana zu schicken. Es ist wichtig, dass sie mich über jede neue Entwicklung auf dem Laufen halten kann, und du bist der einzige, dem ich das anvertrauen möchte."
Er schrieb schnell eine kurze Antwort an seine Schülerin und band sie dem Falken ans Bein, bevor er wieder nach draußen trat und ihn losschickte. Dann ging er zu seinem Pferd, saß auf und verließ nach einem letzten aufmunternden Blick zu den Soldaten das Lager.
Atem blieb zum wiederholten Male stehen, um tief Luft zu holen. Er war inzwischen völlig erschöpft und hielt sich beinahe nur noch mit Willenskraft aufrecht. Vier Tage und fünf Nächte war er nun schon in der Wüste und doch erschien es ihm so, als wäre er keinen Schritt vorwärts gekommen. Die Landschaft veränderte sich kaum, und nichts ließ darauf schließen, dass er dem lebensspendenden Nil näherkam.
Er wusste, dass es dem Ende zuging. Jeder Schritt, den er machte, kostete ihn enorme Überwindung, und der Durst brachte ihn fast um den Verstand. Am frühen Abend dieses Tages war ihm trotz all seiner Bemühungen das Wasser ausgegangen, und er war inzwischen nicht mehr in der Lage, nach Ersatz zu suchen. Selbst für diesen kleinen Zauber reichte seine Konzentration nicht mehr aus.
Der Pharao atmete nochmals tief ein und wollte sich gerade wieder auf den Weg machen, als er eine Stimme neben sich hörte.
„Habt Ihr Euch schon wieder davongeschlichen, mein Prinz?"
Abrupt wandte er sich um und starrte die Gestalt an. Ein heiseres Flüstern entrang sich seiner Kehle.
„Mahad..."
„Meister", erklang in diesem Moment eine weitere Stimme, und er sah die zweite Figur neben seinem alten Freund stehen. „Seid nicht immer so streng. Der Prinz sollte auch mal Spaß haben dürfen."
„Mana..."
Energisch schüttelte Atem den Kopf, um die Trugbilder zu vertreiben, und als er die Augen wieder öffnete, waren sie tatsächlich verschwunden. Er seufzte müde. Dies war ein weiteres Zeichen dafür, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Die Halluzinationen hatten vor einigen Stunden begonnen und suchten ihn inzwischen schon viel öfter heim, als ihm lieb war. Doch alles, was er tun konnte, war, weiterzugehen und darauf zu hoffen, dass er bald Hilfe fand. Beides fiel ihm immer schwerer.
Er konzentrierte sich nur noch auf den nächsten Schritt, immer einen nach dem anderen, so vorsichtig wie möglich, um nicht zu stolpern, denn er ahnte, dass er nicht noch einmal würde aufstehen können. So verging die Zeit, ohne dass er es wirklich mitbekam.
Plötzlich hörte er ein Geräusch vor sich und blieb wie angewurzelt stehen. Er kannte dieses Geräusch nur zu gut und wusste, dass er jetzt sehr vorsichtig sein musste. Langsam hob er den Kopf und entdeckte keine drei Meter vor sich genau das, was er erwartet hatte. Eine schwarze Königskobra hatte sich vor ihm zu ihrer vollen Größe aufgerichtet und zischte bedrohlich. Es war ein großes Tier, kraftvoll und gefährlich. Atem machte ein paar Schritte zurück, was die Schlange immerhin dazu brachte, ihn nicht mehr anzuzischen. Einige Augenblicke lang standen sie sich nur gegenüber, dann schlug der Pharao einen weiten Bogen um das Tier. Er wollte sie nicht reizen, doch er hatte auch keine Zeit zu vergeuden. Die Nacht war noch lange nicht vorbei, und er wollte soweit kommen, wie er konnte, bevor die Sonne aufging. Zu seiner Überraschung rollte sich die Kobra jedoch blitzschnell zusammen und folgte seiner Ausweichbewegung, um sich dann wieder direkt vor ihm aufzurichten und ihn erneut anzuzischen.
‚Sie versperrt mir absichtlich den Weg...', dachte er verwundert. ‚Aber warum-'
Er konnte den Gedanken nicht zu Ende führen, denn in diesem Moment sah ihn das majestätische Tier direkt an. Als ihr Blick den seinen traf, verließ ihn schlagartig das letzte bisschen Kraft, das ihm geblieben war, und er sank langsam auf die Knie. Er war nicht im Stande, sich von diesen Augen zu lösen. Sie erschienen ihm alt, auf eine unnatürliche Art wissend...
Und plötzlich begriff er.
„Nesret..." Die Stimme des Königs war kaum mehr als ein Flüstern, und er senkte respektvoll den Kopf.((4))
Er konnte hören, wie die Kobra sich wieder zusammenrollte, wusste aber, auch ohne hinzusehen, dass sie ihn noch immer scharf beobachtete. Und selbst wenn sie das nicht getan hätte, hätte er dennoch nicht aufstehen können. All seine Kraft hatte ihn verlassen, er war völlig hilflos. Seine Gedanken verwirrten sich. Erinnerungen zogen vor seinen Augen vorbei: Das besorgte Gesicht seines Vaters über sich, als er nach einer schweren Krankheit zum ersten Mal erwachte; Mahad, Mana und er beim Training und die Späße, die sie dabei oft genug getrieben hatten; Schimon, der ihm eine seiner verrückten Geschichten erzählte – der alte Mann hatte immer versucht, den jungen Prinzen zum Lachen zu bringen; der Tag, als sein Vater ihn das erste Mal in die Stadt mitgenommen hatte, um ihm die Menschen zu zeigen, für die er eines Tages verantwortlich sein würde...
Er verlor sich in den Bildern und vergaß alles um sich herum. Er merkte nicht, dass die Schlange zu ihm kam und ihn wärmte, solange die Nacht anhielt((5)). Als schließlich die Sonne aufging und es wärmer wurde, kehrte sie an ihren Platz zurück, aber auch das bemerkte er nicht. Ein kleiner Winkel seines Bewusstseins versuchte vergeblich, ihm mitzuteilen, dass es bald heiß werden würde und er Schutz suchen musste. Doch er blieb einfach sitzen, auch als die Sonne höher stieg und er sogar in seinem betäubten Zustand spüren konnte, wie sie auf ihn herunterbrannte. Irgendwann wurde ihm schwindelig. Mühsam hob er noch einmal den Kopf. Schwarze Flecken schwammen am Rand seines Blickfeldes. In einem letzten Moment völliger Klarheit wurde ihm bewusst, dass dies das Ende war, und er sah die Kobra an.
‚Warum?'
Das war sein letzter Gedanke, bevor die Schwärze ihn verschluckte.
Mahad saß, tief in Gedanken versunken, auf seinem Pferd, Aut-a-en-Schu auf seiner Schulter. Der Falke war vor ein paar Minuten zu ihm zurückgekehrt, und erneut trug er schlimme Nachrichten mit sich.
Das Millenniumspuzzle war gefunden worden. Ein paar Stunden nach dem Eintreffen der Weissagung war Seped-Ra((6)), einer der engsten Berater des Königs, in den Palast gekommen, staubbedeckt und erschöpft von dem Gewaltritt, den er sich und seinem Pferd zugemutet hatte. Bei sich trug er das Puzzle, das er, laut seiner Aussage, am frühen Morgen in der Wüste gefunden hatte. Vom Pharao sei nichts zu entdecken gewesen, doch er habe seine Gruppe trotzdem in dieser Gegend weitersuchen lassen, während er sich auf den Rückweg gemacht habe, um diese Neuigkeiten persönlich zu überbringen. Laut Mana war der Mann, gelinde gesagt, sehr überrascht, als er von der Weissagung erfuhr.
Mahad schüttelte sich. Er hatte diesen Mann noch nie gemocht, hielt ihn für machthungrig und verschlagen. Doch seine Sorgen hatten sich zerstreut, als Seped-Ra vom vorigen König in seinen persönlichen Beraterstab berufen wurde. Damit hatte er, abgesehen von Schimon und den Millenniumspriestern, den höchsten Rang am Hof erhalten und schien damit höchstzufrieden zu sein. Er war diesem Amt stets mit dem nötigen Ernst nachgegangen. Doch der Gedanke, dieser Mann könne nun Pharao werden, erschreckte Mahad zutiefst, auch wenn er nicht sagen konnte, warum. Er seufzte. Wie es nun weiterging, würde sich entscheiden, wenn er den Palast erreichte. Er nahm Aut-a-en-Schu von seiner Schulter und schickte ihn mit einigen sanften Worten wieder auf die Reise. Der Priester glaubte nicht, dass der Falke den Palast nun noch einmal verlassen würde, bevor er selbst dort ankam.
Er ritt ein wenig langsamer und hielt schließlich an, um seinem Pferd eine Pause zu gönnen. Aus einer Satteltasche nahm er seinen letzten Wasserschlauch, trank einen Schluck und gab dann seinem Pferd in der hohlen Hand ebenfalls etwas davon. Plötzlich hörte er hinter sich Hufgetrappel. Als er sich umdrehte, entdeckte er einen einzelnen Reiter, der sich ihm schnell näherte, und nach ein paar Augenblicken erkannte er erstaunt, dass es Seth war. Im nächsten Moment schoss eines von Seth' niederen Monstern an ihm vorbei, schlug einen Bogen um sein Pferd, bevor es direkt vor dem Hüter des Ringes anhielt. Verwundert strich er dem kleinen Wesen über den Kopf, während er auf Seth wartete. Als der andere Priester schließlich neben ihm sein Pferd zügelte und abstieg, begrüßte Mahad ihn höflich. Der andere nickte nur als Antwort und rief mit einer kurzen Handbewegung sein Monster zurück, bevor er seinen eigenen Wasserschlauch hervorholte und sein Pferd tränkte.
„Seth, es ist gut, dass ich Euch hier treffe, es gibt weitere Neuigkeiten. Ihr habt nach mir gesucht?"
„Ja, allerdings", Seth warf ihm einen durchdringenden Blick zu. „Es gibt da ein paar Dinge, die ich mit Euch besprechen wollte, bevor wir in den Palast zurückkehren. Also ließ ich eines meiner Monster nach Euch suchen, und als ich eben Euren Falken aufsteigen sah... Aber sagt mir, was sind das für Neuigkeiten?"
Mahad berichtete ihm, was er aus Manas letzter Botschaft erfahren hatte, und Seths Miene wurde finster.
„Ich glaube kein Wort dieser Weissagung", sagte er kalt, war dann aber mehr als irritiert, als er Mahads Gesichtsausdruck sah. „Findet Ihr das zum Lachen?"
Der Angesprochene versuchte vergeblich, das Lächeln von seinem Gesicht zu verbannen, als er antwortete: „Nein. Es ist nur, dass Mana in einem ihrer Berichte genau das Gleiche gesagt hat..."
Nun wurde Seths Miene erst recht finster. Er grummelte etwas Unverständliches, bevor er laut hinzufügte: „Wie auch immer... Was ist Eure Meinung?"
„Lasst uns weiterreiten, während wir das besprechen." Sie stiegen wieder auf und schlugen ein mittleres Tempo an. Mahad dachte einen Moment nach, dann beantwortete er die Frage: „Wir können nicht sicher sein. Auch ich glaube, dass der König noch am Leben ist, doch das mag Wunschdenken sein. Sollte die Weissagung stimmen, ist alles bereits vorgegeben. Gehört sie jedoch zum Plan des Verräters, dann haben wir nun zwei Verdächtige: Den Oberpriester des Amun-Tempels, der die Weissagung ausgesprochen hat, und Seped-Ra, der das Puzzle fand. Sie wären in diesem Fall ohne jeden Zweifel Komplizen, doch wer von beiden der Kopf der Sache ist, ist nicht so leicht zu sagen. Ich persönlich halte den Priester für den Handlanger."
Seth nickte zustimmend. „Doch bevor wir uns damit beschäftigen können, müssen wir wissen, welche der beiden Möglichkeiten zutrifft. Habt Ihr eine Spur vom Pharao finden können?"
Mahad schüttelte den Kopf. „Es scheint, als habe er sich in Luft aufgelöst. Als ich meine Männer verließ, habe ich sie über den Inhalt der ersten Nachricht absichtlich im Dunkeln gelassen, denn dann hätten sie vielleicht jeglichen Willen für die Suche verloren. Mit jedem Tag, der verging, schwand ihre Hoffnung ein wenig mehr, und ich wollte nicht, dass sie endgültig verzweifeln. Ich will, dass sie weitersuchen, bis wir Klarheit haben."
„Da seid Ihr nicht der einzige", erwiderte Seth mit einem kaum erkennbaren Lächeln. „Wie ich sagte, ich glaube weder, dass der König tot ist, noch, dass Seped-Ra der Auserwählte der Götter ist, seine Nachfolge anzutreten."
Mahad sah ihn an und erwiderte das Lächeln einen Moment später. Sie mochten sich beide nicht ausstehen können –es hatte bisher kaum eine Gelegenheit gegeben, zu der sie nicht verschiedener Meinung gewesen waren und das auch deutlich gezeigt hatten– doch in ihrer Loyalität und Zuneigung zu ihrem Herrscher waren sie gleich. Dies war etwas, über das sie niemals würden diskutieren müssen. Und solange der Pharao in Gefahr war, war alles andere zwischen ihnen unwichtig.
„Gut, was schlagt Ihr also vor, Seth?"
Sie sprachen noch eine Weile über ihre Möglichkeiten, kamen jedoch zu keinem Entschluss, außer, dass sie erst einmal die Situation im Palast einschätzen mussten. Danach spornten sie ihre Pferde an und ritten von da an schweigend. Der Rest der Nacht verging schnell und bald ging die Sonne auf. Trotzdem setzten sie ihren Weg fort, denn sie wollten den Palast so schnell wie möglich erreichen, auch wenn das eine große Anstrengung für ihre Pferde bedeutete. Doch die Tiere würden sich, waren sie erst einmal zurück, so lange wie nötig ausruhen können. Ein paar Stunden später jedoch zügelte Mahad seinen Hengst plötzlich so abrupt, dass Seth ihm nur mit Müh und Not ausweichen konnte. Sie befanden sich auf der Kuppe einer großen Düne und hatten einen guten Blick über die Landschaft vor ihnen.
„Was sollte das?" fauchte Seth ihn wütend an, als er zu ihm zurückgeritten war.
Mahad ignorierte die Frage und deutete stattdessen nach vorne. „Seht Ihr das dort?"
Der andere Mann folgte seiner Geste mit den Augen. Die Hitze ließ die Luft flimmern, und es war schwierig, etwas klar zu erkennen, doch schließlich entdeckte auch er die kleine Gestalt, die in einiger Entfernung am Boden kniete. Seth' Augen weiteten sich, als er erkannte, wer es war.
Doch bevor einer von ihnen noch etwas sagen konnte, schwankte die Gestalt und sank dann in sich zusammen. Zwei Stimmen erklangen einstimmig in einem entsetzten Schrei.
„PHARAO!"
Fortsetzung folgt...
Anmerkungen:
((1)) Annuket: Gemeint sind natürlich die Sterne. Die Ägypter haben zwar nicht ‚höhere Astronomie' betrieben, aber solange ihnen eine praktische Anwendung möglich war, nutzten sie dies. Somit konnten sie sich u.a. mit ihrer Hilfe orientieren, wobei das im Allgemeinen wohl eher für die Ausrichtung von Gebäuden genutzt wurde, da es sonst nicht nötig war (Ägypten folgt ja schön der Süd-Nord-Richtung).
Magician: Und gleich vielen lieben Dank von mir unwissender Autorin für diese Anregung. Ich hatte mir ja schon gedacht, dass er sich wohl an den Sternen orientieren müsste, um nicht völlig vom Weg abzukommen, musste aber natürlich erst wieder fragen. ‚verlegen lach'
((2)) Annuket: Der Name bedeutet ‚Amun ist mächtig'.
Magician: Ist das nicht nett von Ihr, dass sie mir immer so tolle Namen vorschlägt? ‚Annuket Kekse geb' Vielen lieben Dank nochmal dafür.
Annuket 'nibbelt am Keks und ist damit endlich zum Schweigen gebracht... für 2 Minuten'
((3)) Für diesen Namen muss ich mal wieder Annuket ganz lieb danken. Er bedeutet „Geschenk des Schu", wobei Schu ein Gott ist, der mit Wind bzw. Luft zu tun hatte. Es kann also auch ‚Geschenk der Luft' heißen, aber das klingt nicht so gut, finde ich.^^
((4)) Magician: Das täte wohl jeder, wenn er einer leibhaftigen Göttin (oder etwas Entsprechendem) gegenüber stünde. Ähm, Annuket, magst du vielleicht erklären, wer sie ist?
Annuket: Du kannst Fragen stellen. Ich weiß selber nicht allzu viel über sie. Nes(e)ret bedeutet ‚die Feurige' (weil es von der nsrt kommt: ‚Feuer, Flamme'). Das ist der Name der Uräusschlange, die an der unterägyptischen Krone ist. Sie ist eine Schutzgöttin der Pharaonen und spuckt praktisch Feuer auf seine Gegner. Ein weiterer ihrer Namen ist Jaret (‚die sich Aufbäumende') und Uadjet (die Stadtgöttin von Buto), aber ich finde, das geht halt immer alles ziemlich durcheinander mit den Bezeichnungen für sie. Ich bin mir nicht sicher, ob es einfach wieder Gleichsetzungen verschiedener Göttinnen sind oder ob sie von Anfang an verschiedene Namen hatte. … Reicht das als Erklärung?
Magician: Ja, vielen Dank. Hab ich schon erwähnt, dass ich ohne Annuket bei dieser Geschichte völlig aufgeschmissen gewesen wäre?^^
((5)) Magician: Bevor sich jemand wundert, ich weiß natürlich, dass Schlangen kaltblütige Tiere sind, also keine eigene Wärme produzieren können, aber dieses Tier ist eben keine normale Schlange.
Annuket: Und ich habe ja gerade schon erwähnt, dass sie die Feurige ist. Da ist bestimmt auch ihr Körper warm, wenn sie das will...
((6)) Annuket: Der Name bedeutet ‚redegewandt'.
So, das war's. Ich weiß, ich weiß, Cliffhanger sind gemein, aber ich bin auch ein wenig frustriert, das gebe ich zu. Vielleicht krieg ich so mal ein paar Reviews... Aber es war auch die beste Stelle, um aufzuhören, sonst wäre das Kapitel noch länger geworden (und es sind jetzt schon 12 Seiten in Schriftgröße 12). Seid mir also bitte nicht böse, sondern schreibt eine Review, um mich zu motivieren. Oder wenn ihr mir böse sein müsst, lasst in einer Review kräftig Dampf ab. ;) Also dann, bis zum nächsten Mal.
