Magician ‚grinst von einem Ohr zum anderen': Hallihallo, hier bin ich schon wieder. Herzlich willkommen zu Kapitel 4. Ich hätte selbst nicht erwartet, dass ich so schnell mit dem Kapitel fertig werde, aber die letzten Reviews waren so toll!^^
Deshalb zuerst an Isana: Du bist einfach nur super! Deine Review war der absolute Wahnsinn! Vielen, vielen, vielen Dank! Ich habe noch nie eine so lange, so wundervolle Review bekommen. Ich habe sie, glaub ich, gleich fünfmal gelesen. Und seitdem lese ich sie immer wieder und wieder und freue mich jedesmal auf's Neue unglaublich.^^
Ich bin froh, dass ich die Atmosphäre tatsächlich so gut hinbekommen habe. Ich habe mir auch viel Mühe gegeben. Ich bin selbst ein großer Fan von Geschichten, die nicht nur von Action leben, sondern einen richtig mitreißen. Dass du mich da so gelobt hast, macht mich echt stolz und glücklich. Wobei ich mal wieder dazusagen muss, dass Annuket mir hier als mein Beta-Reader wirklich unglaublich geholfen hat. Ich habe selbst vieles über das alte Ägypten von ihr gelernt. Ich bin ihr mit meinen ganzen Fragen wahrscheinlich ziemlich auf die Nerven gegangen.^^"
Annuket 'rot werd': Nein, da wiederhole ich ja selbst immer, was gut ist.
Magician: Was Seped-Ra und den Oberpriester angeht: Sie sind zwei Seiten einer Medaille in gewisser Hinsicht. Der deutliche Unterschied zwischen einem Verräter und einem Mitläufer. Hier der machthungrige Berater, dessen tatsächliche Motive wir noch nicht kennen, da der Oberpriester, der sich in etwas hineinmanövriert hat, dass eigentlich nicht seiner Überzeugung entspricht. Und du hast recht, er hat Hochverrat begangen und deshalb allen Grund, sich zu fürchten.
Die Göttin Nesret entstand übrigens, weil ich es blöd fand, die beiden Priester ihren König durch reinen Zufall finden zu lassen.^^ Und mir gefiel die Idee, dass Ra seinem ‚Sohn' unter die Arme greift. Die Götter wussten, dass Mahad und Seth an dieser Stelle vorbeikommen würden, und schickten deshalb Nesret, um den Pharao genau dort aufzuhalten. Der arme Atem konnte das natürlich nicht wissen.
Und ganz zum Schluss zu deiner Beruhigung, weil du meintest, du hättest die Hoffnung schon fast aufgegeben: Ich werde meine Geschichten immer beenden. Ich hasse es selbst, wenn Geschichten mittendrin abgebrochen werden, deshalb werde ich das niemals tun. Es mag extrem lange dauern, bis es weitergeht, aber ich ziehe es auf jeden Fall bis zum Ende durch. ;)
Dann an Yukiko15: Auch für deine Review vielen Dank. Freut mich, dass dir die Story gefällt. Hoffe, dieses Kapitel erfüllt deine Erwartungen.^^ Was die anderen Stories angeht: Da musst du Annuket fragen. ;) Alle anderen noch nicht abgeschlossenen Geschichten sind von ihr. Wir schreiben ja immer in die Summary, wer der Autor ist.
Annuket 'sich schäm': Aufgegeben habe ich noch nicht. Aber ich hänge ein bisschen an einer Stelle (ich hasse Actionszenen...) und mit meinem Studium hänge ich ja auch noch hinterher... Zumindest mit letzterem sollte ich aber bald fertig werden.
Disclaimer: Yu-Gi-Oh gehört mir immer noch nicht. Ich nenne nur einige der Figuren in dieser Geschichte mein eigen, die nicht in der Original-Serie auftauchen.
Widmung: Dieses Kapitel widme ich diesmal ganz offiziell Isana, die mich mit ihren wundervollen Reviews mehr als nur ein wenig motiviert hat. Danke Isana, du bist ein echter Schatz. Das hier ist für dich.^^
Verloren
Kapitel 4: Was der Tag bereithält... – Teil 2
Mahad und Seth gaben ihren Pferden gleichzeitig die Sporen und galoppierten so schnell es ging die Düne hinunter. Beide befürchteten das Schlimmste und waren mehr als panisch, als sie ihren König schließlich erreichten.
Mahad sprang ab, noch bevor sein Pferd ganz zum Stehen gekommen war, und wollte sich eben neben der zusammengesunkenen Gestalt hinknien, als ihm plötzlich die große Schlange auffiel, die in einigen Metern Entfernung auf dem Boden lag. Er erstarrte.
Seth hatte das Tier ebenfalls bemerkt und beobachtete nun mit ebenso großem Erstaunen wie Mahad, wie sie sich nach einem eindringlichen Blick auf sie beide langsam davonschlängelte. Er schüttelte den Kopf. Er hatte beinahe das Gefühl gehabt, dass die Kobra ihnen in diesem Moment den Schutz des Pharao übertragen hatte. Doch sie hatten jetzt Wichtigeres zutun, als über solch ein Rätsel zu grübeln.
Der Priester des Rings hatte den König inzwischen umgedreht und bemerkte sofort mit einer gewissen Erleichterung, dass er noch atmete, schwach zwar, doch er atmete. Er schien nicht verletzt zu sein, abgesehen von seinen Handgelenken, und die provisorischen Verbände dort waren zwar schmutzig, jedoch nicht blutig. Das zumindest war beruhigend. Die Besorgnis kehrte aber sofort zurück, als Mahad ihm eine Hand an die Stirn hielt. Sie glühte förmlich, und die Haut war trocken, kein einziger Tropfen Schweiß war zu spüren.
„Er lebt, Seth. Aber er ist fast völlig ausgetrocknet und hat hohes Fieber((1)). Wir haben keine Zeit zu verlieren."
Mehr musste nicht gesagt werden. Sie wickelten die zitternde Gestalt in einen Umhang aus dünnem, hellem Stoff, den Seth zusammen mit seinem Wasserschlauch aus einer seiner Satteltaschen genommen hatte, und Mahad versuchte, ihrem geschwächten Herrscher ein wenig Wasser einzuflößen. Es gelang mehr schlecht als recht, doch es war besser als gar nichts. Ein leises Stöhnen weckte seine Aufmerksamkeit und mit großem Erstaunen stellte er fest, dass der Pharao bereits wieder erwachte.
Violette Augen öffneten sich schwerfällig und sahen den Mann über sich verständnislos an. Sie waren stumpf, und die tiefe Erschöpfung, die darin zu sehen war, erschreckte den Priester. Er warf Seth, der neben ihm kniete und kaum weniger geschockt aussah, einen Blick zu. In diesem Moment erklang eine heisere Stimme, so leise, dass sie es beinahe nicht gehört hätten.
„Ma...ha...d..."
Sofort wandte er sich wieder dem Pharao zu. „Ich bin hier. Wir werden Euch nach Hause bringen, mein König. Haltet noch etwas länger durch, ich bitte Euch."
„Ma...had..." Diesmal klang die Stimme ihres Herrschers drängend trotz seiner Schwäche. „...entführt... Ver...räter... kann nicht... Kemet..." Er konnte nicht weitersprechen, kämpfte jedoch weiter dagegen an, erneut ohnmächtig zu werden.
Der Priester des Rings nickte und sagte sanft: „Das wissen wir. Er wird nicht entkommen. Macht Euch darüber jetzt keine Sorgen. Ihr seid jetzt sicher vor ihm."
Das Gesicht des Pharao entspannte sich ein wenig, und er schien den Kampf gegen die Bewusstlosigkeit aufzugeben, denn ein paar Augenblicke später schlossen sich seine Augen wieder.
Mahad und Seth sahen sich an, und beide lasen die gleichen Gefühle im Gesicht des anderen. Sorge, Wut, aber auch Staunen. Einen Moment später erhob sich Seth jedoch wieder und verstaute den Wasserschlauch, bevor er Mahads Platz einnahm, damit dieser auf sein Pferd steigen konnte. Dann stand er erneut auf, den König in seinen Armen, und reichte ihn dem anderen Priester.
Kurz darauf waren sie bereits wieder unterwegs. Sie schlugen ein mörderisches Tempo an, doch die Pferde schienen ihre Nervosität und Sorge zu spüren und gaben bereitwillig alles, was sie hatten. Kaum zwei Stunden später sahen sie endlich ein glitzerndes blaues Band in der kahlen Landschaft auftauchen.
Der Nil lag vor ihnen.
Nie war er ihnen willkommener erschienen. Doch nun, da sie sich der Heimat näherten, stellte sich doch eine drängende Frage, und Seth brachte sie zur Sprache, als sie schließlich das Ufer des Flusses erreichten.
Die Pferde zitterten vor Anstrengung, und beide Priester wussten, dass sie den Tieren nicht mehr viel zumuten konnten, wollten sie sie nicht zu Schanden reiten. Daher hielten sie an einem kleinen Palmenhain an, um sie zu tränken und ihnen eine kurze Rast zu gönnen.
Während Seth die Pferde an den Fluss führte, setzte Mahad den Pharao im Schatten vorsichtig auf dem Boden ab und griff nach dem Wasserschlauch, der neben ihm lag. Als Seth zurückkam und sich neben ihn setzte, war er noch dabei, ihrem Herrscher vorsichtig Wasser einzuflößen. Der Hüter des Stabes beobachtete das ein paar Augenblicke, dann ergriff er das Wort.
„Wohin bringen wir ihn? Wir können nicht in den Palast zurückkehren. Wir wissen nun sicher, dass Seped-Ra der Verräter und die Weissagung Teil seines Plans ist. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass er noch einen zweiten Plan hat für den Fall, dass die Weissagung nicht den erwünschten Erfolg bringt. Und wir wissen nicht, wer noch alles Teil dieser Verschwörung ist."
Mahad nickte und ließ den Kopf des Pharao sanft zurück auf den Boden sinken. „Wenn ich mich richtig erinnere, ist sein Bruder ein ranghoher Offizier in der Armee. Auch das könnte Probleme machen. Und wir können Seped-Ra nicht beweisen, dass er der Verräter ist. Nur aufgrund der Weissagung wird er kein Geständnis ablegen. Solange wir ihn nicht als den Schuldigen brandmarken können, hat er freie Hand, und solange ist das Leben des Königs in Gefahr. Wir müssen ein sicheres Versteck finden. Niemand Außenstehendes darf wissen, dass er am Leben ist."
Seth nickte zustimmend. „Aber irgendwen müssen wir einweihen. Wir wurden beide zurückbefohlen, es wird auffallen, wenn wir nicht in angemessener Zeit zurückkehren." Er dachte kurz nach und fügte dann hinzu: „Bringen wir ihn in das Haus meiner Mutter. Sie lebt allein, die Dienerschaft besteht nur aus meiner alten Amme und ihrem Mann, und sie beide sind meiner Familie treu ergeben. Sie werden den König mit ihrem Leben schützen."
„Wollt Ihr Eure Mutter wirklich einer solchen Gefahr aussetzen? Falls Seped-Ra Verdacht schöpfen sollte..."
„So weit wird es nicht kommen! Und selbst wenn... Zur Zeit bleibt uns keine große Wahl. Der König kämpft um sein Leben, und lange wird er nicht mehr durchhalten. Er braucht einen Ort, an dem er ausruhen kann, und einen Heiler, sonst werden wir ihn verlieren. Habt Ihr einen anderen Vorschlag? Wenn nicht, dann lasst uns nicht noch mehr Zeit verschwenden."
Mahad spürte sehr deutlich die Sorge, die Seth empfand. Sorge um ihren Herrscher, aber nicht weniger Sorge um seine Mutter, die er in Gefahr bringen musste, wollte er den Pharao retten. Der Priester des Ringes verstand beides vollkommen und wusste, dass die Entscheidung getroffen war. Mit einer kleinen, aber respektvollen Verbeugung akzeptierte er sie und sah Seth dann fest an.
„Weißt uns den Weg. Alles Weitere wird sich zeigen."
Sie machten sich wieder auf den Weg. Als sie die Stadt erreichten, zog Mahad seinem König die Kapuze tief ins Gesicht, so dass er nicht mehr zu erkennen war. Langsam, um nicht aufzufallen, aber doch so schnell wie möglich ritten sie unter Seth' Führung durch das Gewirr der Straßen, bis sie schließlich vor einem einfachen, aber nichtsdestotrotz geräumigen Haus mit Garten standen. Der Hüter des Stabes bedeutete Mahad zu warten, saß dann ab und trat durch die Tür.
Ein paar Minuten vergingen, dann kehrte er mit einer alten Frau zurück, die sich alle Mühe gab, ihr Erstaunen und ihre Sorge nicht zu deutlich zu zeigen. Sie starrte die reglose Gestalt vor dem jungen Priester einige Momente an, bevor sie näher trat und dem Pharao vorsichtig eine Hand auf die Stirn legte. Dann drehte sie sich abrupt um und verschwand eilig wieder im Haus. All das geschah in völligem Schweigen.
Mahad warf Seth einen fragenden Blick zu, bevor er vom Pferd stieg. Der andere wartete, bis sie im Haus waren, bevor er antwortete.
„Merit-ptah((2)) hat oft genug Opfer der Wüste behandelt. Sie wollte wissen, wie es um den König steht, um einige Dinge zusammenzusuchen, die uns helfen werden."
Sie durchquerten den schmalen Eingangsbereich und betraten ein helles Zimmer, das schlicht eingerichtet war und nicht den Eindruck erweckte, als ob es oft benutzt wurde. Mahad ließ den Pharao langsam auf das Bett sinken. Der junge Herrscher stöhnte gequält auf. Ein Zittern durchlief seinen Körper.
„...nein..." Seine Stimme war kaum zu hören, doch trotzdem schwang in ihr soviel Schmerz mit, dass sich die beiden Priester unwillkürlich fragten, was er träumte. Nur dieses eine Wort, mehr hörten sie nicht, und das machte es nur umso besorgniserregender.
Mahad ließ sich auf die Bettkante sinken und legte seinem König eine Hand auf die Brust und die andere auf die Stirn. Er brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, dass Seth sich auf der anderen Seite niederließ und seine Haltung kopierte. Beiden war klar, dass der Pharao ohne Magie den Tag nicht überleben würde. Und ebenso klar war ihnen die Teilung der Aufgaben. Mahad war schon immer besser in Heilzaubern gewesen, und so würde Seth ihm zusätzliche Kraft geben, sich ansonsten aber heraushalten.
Etwas mehr als eine Stunde saßen sie so, vertieft in ihre Aufgabe. Als Mahad schließlich erschöpft den Blick hob, bemerkte er, dass sie nicht länger allein im Zimmer waren.
Die alte Amme stand neben der Tür, eine Schale Wasser, Tücher und einige Kräuter in der Hand. An Seth' Seite jedoch saß eine schlanke Frau mit langem, dunklem Haar, das durch hineingeflochtene farbige Bänder zusammengehalten wurde. Sie war nicht mehr jung, doch noch immer schön, und die Ähnlichkeit mit dem Mann neben ihr ließ keinen Zweifel daran, dass sie Seth' Mutter war.
Höflich neigte Mahad den Kopf, was sie mit einem sanften Lächeln erwiderte. Dann wandte sie sich an ihren Sohn, der den kurzen Austausch schweigend beobachtet hatte.
„Was ist geschehen?"
Seth zuckte mit den Schultern, bevor er antwortete. „Wir wissen es auch nicht genau, Mutter. Vieles ist immer noch nur eine Vermutung, und nichts davon darf nach außen dringen. Der König ist noch immer in großer Gefahr." Und während die Amme die Wunden an den Handgelenken des Bewusstlosen verband, berichtete er, was seit dem Verschwinden ihres Herrschers geschehen war.
Zwei Stunden später saß Mahad allein neben dem Krankenlager seines Königs, der noch immer gegen sein Fieber ankämpfte. Der Heilzauber hatte ihn zwar von der Schwelle des Todes zurückgeholt, doch das hatte die Magie beider Priester so sehr beansprucht, dass es für alle drei gefährlich gewesen wäre, es weiter zu versuchen. Das fiebersenkende Mittel, das Merit-ptah dem Kranken danach eingeflößt hatte, und die kühlenden Bandagen, die Mahad immer wieder auswechselte, waren alles, was sie noch hatten tun können. Alles Weitere hing nun von der Stärke des Pharao ab.
Der Priester des Rings warf einen Blick hinaus und stellte fest, dass die Sonne bereits tief am Horizont stand. Bald würde er aufbrechen müssen. Seth hatte sich schon vor einer ganzen Weile auf den Weg gemacht. Sie wollten nicht das Risiko eingehen, dass Seped-Ra misstrauisch wurde, weil sie gemeinsam zurückkehrten. Seth würde auf schnellstem Wege Schimon davon unterrichten, was geschehen war, damit sie Vorbereitungen treffen konnten, bevor alle Priester zurückgekehrt waren. Mahad blieb zurück, um ihnen mehr Zeit zu verschaffen, aber auch, um ein wenig länger über den König zu wachen. Er war noch geschwächt durch den ersten Einsatz des Heilzaubers, doch er hatte sich in den letzten Stunden genug erholt, um im Notfall nochmals helfen zu können. Ein leises Geräusch ließ ihn wieder zum Bett zurückschauen, und er betrachtete die schlanke Gestalt genau.
Der Pharao schien erneut in einem Fiebertraum gefangen zu sein, denn er lag nicht länger still da, sondern schien mit den dünnen Decken zu kämpfen, mit denen die alte Amme ihn vorher zugedeckt hatte.
„Vater...nicht..." Seine Stimme war noch immer rau, doch die Angst darin war nicht zu überhören. „NEIN!"
Mit einem Mal bäumte sich der Körper des jungen Königs auf, und allein Mahads schnelles Zupacken verhinderte, dass er aus dem Bett fiel. Nur mit Mühe konnte der Priester seinen Herrscher wieder in eine liegende Position zwingen und dort festhalten, da dieser mit der Kraft der Verzweiflung gegen ihn zu kämpfen schien. Doch dann, plötzlich, erschlaffte der Kranke und blieb schwer atmend liegen.
„Bitte... lasst mich... ...Vater..." Diesmal klang die Stimme des Pharao flehend und so verletzlich, wie Mahad es seit ihrer gemeinsamen Kindheit nicht mehr gehört hatte. Es erschreckte ihn zutiefst.
Er lockerte seinen Griff, ließ aber noch nicht los. Nun erst blickte er dem anderen wieder ins Gesicht und bemerkte, dass dieser nicht länger schlief, sondern ihn ansah. Doch seine Augen waren stumpf und voller Angst, und er schien den Priester nicht zu erkennen, schien noch immer in den Bildern seines Alptraumes gefangen zu sein.
„Bitte... ich muss... ...er stirbt... ...bitte..."
Mahad konnte es nicht länger mitanhören. Es verstörte ihn zutiefst, seinen Freund so zu sehen. Sanft ließ er die Arme des anderen los und legte ihm in einer beruhigenden Geste die Hand auf die Schulter. Er ahnte, dass der Geist des Königs in der Vergangenheit weilte, und so reagierte er entsprechend.
„Mein Prinz, beruhigt Euch bitte", sagte er leise, um den anderen nicht noch mehr zu erschrecken. „Ihr seid nicht in Gefahr. Es war nur ein Traum."
Einen Moment befürchtete der Priester, nicht verstanden worden zu sein, doch dann zeigte sich ein Funke des Erkennens in den Augen des Pharao, und er entspannte sich merklich.
„Ma...had... Wo…ist mein...Vater?" Angst und Sorge waren noch immer übermächtig in der schwachen Stimme, und Mahad wurde klar, dass sein König nicht in der Lage war, sich komplett aus seinem Traum zu befreien.
Erinnerungen stiegen in ihm auf, an einen Tag vor vielen Jahren, an dem er so wie jetzt neben dem Bett des Prinzen gesessen hatte. Es war in jener Zeit gewesen, als die königliche Gemahlin verstorben war. Der Prinz war damals erst fünf gewesen, hatte jedoch sehr schnell begriffen, was passierte. Er hatte am Bett seiner Mutter bitterlich geweint und die Götter angefleht, sie zu retten, doch ohne Erfolg. Die ersten Monate danach blieb er still und in sich gekehrt, ließ niemanden an sich heran.
Dann, eines Morgens, erschien der Junge nicht zu seinem Unterricht, sondern tauchte plötzlich im Thronsaal auf, in dem sein Vater gerade eine heftige Diskussion mit seinen Beratern führte. Von einem Moment zum anderem herrschte absolute Stille, und jeder einzelne der Männer starrte die kleine Gestalt in der Tür ungläubig an. Dem Prinzen war es wie allen anderen Kindern verboten, diesen Raum ohne Erlaubnis zu betreten, und er hatte noch nie dagegen verstoßen. Nun aber stand er dort und schaute den Pharao mit einem undeutbaren Ausdruck im Gesicht an. Und dann, bevor irgendjemand etwas sagen konnte, lief der Junge durch den Raum, blieb vor seinem Vater stehen und schmiegte sich fest an ihn. Verwirrt schloss der König ihn in die Arme.
„Mein Sohn... was...?"
„Wir sind noch hier." Es war nur ein Flüstern, das sich von den Lippen des Kindes löste, doch es hätte ebenso gut ein lauter Donnerschlag sein können.
Keiner der Männer im Raum wagte es, sich zu rühren, ja, noch nicht einmal, einen Laut von sich zu geben. Die Situation wirkte so irreal, dass sich niemand einen Reim daraus machen konnte. Und dann erklang die Stimme des Prinzen erneut, leise, fast so als würde er mit sich selbst reden.
„Wir sind noch hier. Ich... Vater... Mahad... Mana... das ist wichtiger... es ist gut so... trotz allem..."
Jetzt endlich begriff der Pharao, was den Jungen an diesem Morgen hierher getrieben hatte((3)). Er löste sich kurz aus der Umarmung, ging in die Knie und zog seinen Sohn dann wieder fest an sich. Der Kopf des Kindes sank auf seine Schulter, und der König spürte, wie Tränen, die nicht länger zurückgehalten werden konnten, den Stoff seines Umhangs tränkten.
„Ich weiß, mein Sohn..." Die Stimme des Herrschers war kaum lauter als die des Prinzen und so sanft, dass niemand außer Vater und Sohn hörte, was er sagte. „...trotz allem... von jetzt an wird es leichter... ich liebe dich, vergiss das nie..."
Die kleine Gestalt in seinen Armen begann zu zittern, und ein ersticktes Schluchzen erklang. Der König warf seinen Beratern einen Blick zu, den sie mit einem verständnisvollen Nicken erwiderten, dann hob er das Kind in seine Arme und ging zur Tür.
Draußen, gerade außerhalb der Türschwelle, stand Mahad, der seinem Freund aus Sorge gefolgt war und alles mitangesehen hatte. Der Siebenjährige starrte den Pharao mit großen Augen an. Unsicherheit und Angst sprachen aus ihnen, und es war klar, was er nicht wagte zu fragen. Der König lächelte.
„Sorge dich nicht. Ich bin nicht böse auf ihn. Im Gegenteil..." Liebevoll sah er auf das Kind in seinen Armen herab. Nach einem Moment des Schweigens fuhr er fort: „Kehre nun zu deinem Unterricht zurück. Ich werde bei ihm bleiben. Doch wenn deine Pflichten erfüllt sind, erwarte ich, dass du mit Mana kommst, um nach ihm zu sehen, verstanden?"
Das Lächeln und der fast schelmische Tonfall, die den letzten Satz begleiteten, ließen ein strahlendes Lächeln auf Mahads Gesicht erscheinen. Der Junge nickte heftig und stob dann lachend davon, während der König sich in die andere Richtung entfernte.
Als Mahad, mit der einjährigen Mana auf dem Arm, ein paar Stunden später schließlich das Gemach seines Freundes betreten hatte, hatte der andere geschlafen. Der Pharao war nicht mehr dort gewesen, und als der Prinz dann erwacht war, hatte er als erstes nach seinem Vater gefragt.
Der Priester erinnerte sich noch deutlich daran, was er damals geantwortet hatte, und ohne dass er bewusst darüber nachdachte, wählte er nun erneut dieselben Worte, um den Fieberträumen seines Königs, seines Freundes, den Schrecken zu nehmen.
„Er ist nicht hier, mein Prinz. Aber alles ist in Ordnung." Er hielt einen Moment inne, bevor er hinzusetzte: „Ihr hattet einen bösen Traum."
Der Pharao seufzte erleichtert und entspannte sich endlich. Die wenige Kraft, die er in den vergangenen Stunden hatte schöpfen können, war durch den Alptraum offensichtlich verbraucht worden, denn der junge Herrscher sank fast sofort wieder in tiefen Schlaf.
Mahad strich ihm eine Strähne aus dem Gesicht, legte ihm die Hand auf die Stirn und sprach einen Zauber, der den Geist des Kranken beruhigen würde.
„Mögen Eure Träume ab jetzt friedlich sein, mein König", murmelte er, bevor er sich erhob. „Wir erwarten Eure Rückkehr."
Und mit diesen Worten verließ er den Raum. Er suchte die Hausherrin auf, um ihr mitzuteilen, dass er bald seine Schülerin mit weiteren Informationen schicken würde, und verabschiedete sich dann. Als er schließlich draußen auf seinem Pferd saß, konnte er nicht anders als einen letzten Blick auf das Haus zu werfen. Er konnte nur hoffen, dass der Pharao sich schnell erholte. Bis dahin mussten die Priester die Stellung halten und den Verräter unauffällig beobachten.
‚Alles Gute, mein Freund. Wir werden alles tun, was wir können.' Er verbeugte sich leicht, dann trieb er sein Pferd an und ritt Richtung Palast davon.
Durst war das erste, was er bewusst wahrnahm. Erschöpfung war das nächste. Einen Moment lang glaubte er, noch immer in der Wüste zu sein, dass die Ankunft von Mahad und Seth nur eine Halluzination gewesen war, doch dann spürte er einen angenehm kühlen Lufthauch und die weichen Decken, die ihn umgaben.
Als Atem schließlich die Augen öffnete, war das erste, was er sah, das Gesicht von Mana, die sich gespannt über ihn beugte. Als sie sah, dass er wach war, lächelte sie verschmitzt.
„Schön, dass Ihr wieder bei uns seid. Ihr habt Euch aber ganz schön Zeit gelassen, mein Prinz."
Gegen besseres Wissen ließ er dem Lachen, das ihre freche Begrüßung zum Ziel hatte, freien Lauf und fing, wie zu erwarten war, gleich darauf heftig an zu husten. Das Mädchen wartete, bis er sich beruhigt hatte, und half ihm dann, sich aufzusetzen und einen Becher Wasser zu leeren. Doch die ganze Zeit grinste sie von einem Ohr zum anderen.
Das Wasser war kühl und erfrischend. Der junge König musste sich zusammenreißen, es nicht hastig hinunterzustürzen. Stattdessen nahm er langsame, kleine Schlucke, denn er wusste, dass sein Magen sonst dagegen rebellieren würde. Er spürte deutlich, wie sehr die Strapazen in der Wüste ihn geschwächt hatten. Hätte Mana ihm nicht geholfen, hätten seine zitternden Hände den leichten Becher mit der so kostbaren Flüssigkeit nicht halten können.
Mit einem Seufzen ließ er sich schließlich zurücksinken. Müdigkeit drohte bereits wieder, ihn zu überwältigen, doch er kämpfte dagegen an. Zuviel gab es noch, dass er wissen musste.
„Mana?" Seine Stimme war schwach und kaum wiederzuerkennen. "Was ist geschehen? Wo sind wir?"
„Dies ist das Heim von Lady Neferti, mein Prinz."
„Seth' Mutter? Warum setzt er sie solch einer Gefahr aus?" Er klang besorgt und hätte sich erneut aufgerichtet, wenn Mana ihn nicht sanft zurückgehalten hätte.
„Es war die einzige Möglichkeit. Lord Seth weiß um die Gefahr, doch Ihr brauchtet einen Ort, an dem Ihr Euch erholen könnt, und jeder hier ist Euch treu ergeben. Im Moment seid ihr hier sicher."
Atem nickte. Trotzdem war er besorgt. Sollte der Verräter herausfinden, dass er hier war, würde das alle in diesem Haus in Gefahr bringen, und er würde es sich niemals verzeihen, wenn der Lady wegen ihm etwas zustieß. Sie war eine freundliche, gute Seele, und der Hüter des Stabes war ihr sehr zugetan, auch wenn er das niemals vor anderen zeigen würde. Doch der Pharao verstand die Gründe, die seinen Priester zu dieser Entscheidung bewogen hatten.
„Sind Mahad und Seth noch hier?"
„Sie wurden in den Palast zurückgerufen. Noch länger zu bleiben, wäre zu auffällig gewesen. Deshalb bin ich jetzt hier. Ich soll Euch ausrichten, dass die Millenniumspriester unter Führung von Lord Schimon in Eurer Abwesenheit alles unternehmen werden, den Verräter zu behindern und seine Pläne aufzuhalten, bis Ihr stark genug seid, in den Palast zurückzukehren."
Atem warf ihr einen prüfenden Blick zu. „Das bedeutet, es ist bereits etwas passiert. Doch er hat sich nicht tatsächlich verraten. Mana, wer ist es?"
„Seped-Ra. Und der Hohepriester des Amun-Tempels ist sein Komplize, ebenso vermutlich einer Eurer Generäle." Sie konnte deutlich sehen, wie Zorn die Müdigkeit aus den Augen ihres Königs vertrieb.
„Sein Bruder. Natürlich." Er schüttelte den Kopf. „Mein Vater hat mich immer davor gewarnt, Männern wie Seped-Ra zu vertrauen. Doch so etwas... Solch hochangesehene, mächtige Männer und es genügt ihnen nicht! Sie waren willens, ganz Kemet ins Chaos zu stürzen, um noch mehr Macht zu bekommen!"
Wütend ballte er die Fäuste. Er konnte es nicht fassen. Er hatte so etwas befürchtet, doch gleichzeitig gehofft, sich zu irren. Dass jene, die geschworen hatten, das Reich zu schützen und zu leiten, sich aus solch niederen Motiven zu so einer Tat hinreißen lassen würden, war etwas, das kein Herrscher erleben wollte. Nur mit Mühe schaffte es Atem, seinen Zorn wieder einigermaßen unter Kontrolle zu bringen.
„Niemals!" presste er schließlich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Niemals werde ich solchen Männern dieses Reich überlassen! Und wenn ich Osiris((4)) selbst ein Schnippchen schlagen muss, ich werde nicht zulassen, dass mein Volk unter solch einer selbstsüchtigen Herrschaft leiden muss!"
Mana musste unwillkürlich lächeln. Kein Wort über das Unrecht, das ihm selbst zugefügt worden war. Nein, nur Zorn über das Leid, das sie über das Land und seine Menschen bringen würden. Kemet stand für den Pharao immer an erster Stelle.
‚Er würde wahrscheinlich sogar sein eigenes Leben opfern, sollte das die Menschen vor Unheil bewahren', dachte sie, und aus irgendeinem Grund lief es ihr in diesem Moment kalt den Rücken herunter.
Die Stimme ihres Königs unterbrach diesen beunruhigenden Gedankengang.
„Was ist geschehen seit meinem Verschwinden? Du musst mir so genau berichten, wie du nur kannst, Mana. Jedes noch so kleine Detail ist wichtig."
Er klang jetzt ruhiger, doch sie hörte deutlich den kalten Unterton kontrollierter Wut. Seped-Ra und seine Komplizen erwartete ein hartes Urteil, sobald der Pharao in den Palast zurückkehrte, das war nur zu klar.
Das Mädchen atmete einmal tief durch, dann begann sie langsam zu berichten, was die Priester bisher herausgefunden hatten.
Es dauerte drei Tage, bis der König sich weit genug erholt hatte, dass er aufstehen konnte. Er fühlte sich noch immer schwach, doch trotzdem bestand er darauf, in den Palast zurückzukehren.
Lady Neferti und auch Mana versuchten vergeblich, ihn davon abzubringen. Ihre Sorge tat er mit einer energischen Handbewegung ab.
„Ich weiß Eure Besorgnis zu schätzen", erwiderte er mit sanfter Stimme, „doch wir können nicht länger warten. Nur wenn ich zurückkehre, wird die Weissagung als die Lüge entlarvt, die sie ist. Erst dann können wir wirklich gegen den Verräter vorgehen."
Der junge Herrscher wusste genau, wie gefährlich es war, in seinen Zustand Seped-Ra gegenüberzutreten, doch er hatte keine Wahl. Mit jedem Tag, der verging, stieg die Gefahr, dass seine Priester den Verräter nicht länger hinhalten konnten. Außerdem waren die Informationen, die sie durch Aut-a-en-Schu erhalten hatten, vielversprechend. Dem ausführlichen Bericht zufolge hatten Seth und Schada den Oberpriester des Amun-Tempels aufgesucht.
Ohne zu wissen, was sie erwartete, hatten sie sich auf den Weg gemacht. Als Vorwand diente ihnen die notwendige Bestätigung der Nachricht über die Weissagung. Sie fanden einen in sich gekehrten, nachdenklichen Mann vor, der kaum noch etwas mit dem stolzen Oberpriester, den sie kannten, gemein hatte. Und so fiel es ihnen nicht weiter schwer, ihn unter Druck zu setzen. Sehem-Amun wirkte beinahe erleichtert, als sie ihm auf den Kopf zusagten, den Pharao verraten und die Weissagung erfunden zu haben. Ohne zu zögern, kniete er vor ihnen nieder.
„Hohe Lords, mein Verbrechen wiegt schwer auf meiner Seele. Es stimmt, ich bin ein Verräter und verdiene keine Gnade. Alles, worum ich bitte, ist, dazu beitragen zu dürfen, dass meine Mitverschwörer aufgehalten werden. Dem Geist des Königs muss Gerechtigkeit zuteil werden. Danach möget Ihr mir auferlegen, was auch immer Ihr als Strafe für angemessen haltet."
Nach diesen Worten sank er in einer förmlichen Verbeugung, die seinem Rang eigentlich nicht angemessen war, ganz zu Boden((5)).
Seth und Schada erkannten deutlich, dass der Mann ehrlich bereute, was er getan hatte. Trotzdem beschlossen sie mit einem raschen Blickwechsel, ihn zu testen. Seth trat vor und durchbohrte den Oberpriester mit einem eisigen Blick.
„Dann sagt mir, ‚Oberpriester'", er spuckte den Titel förmlich aus, als wäre er etwas Verdorbenes, „wer sind Eure Mitverschwörer? Nennt mir ihre Namen."
Sehem-Amun hob kaum den Kopf, als er antwortete. „Die Gruppe ist sehr klein, außer mir ist da nur noch Seped-Ra, der Kopf der Verschwörung, und General Nachet((6)). Er und seine Soldaten sind die Rückversicherung für den Fall, dass der Plan misslingt. Ihr müsst sie unauffällig ausschalten, wollt Ihr Blutvergießen verhindern. Es darf nicht noch mehr Leid geben."
Die beiden Millenniumspriester nickten zufrieden. Jetzt hatten sie nicht nur die Bestätigung für ihre Vermutungen, sondern auch den Beweis für die Verschwörung, mit dem sie Seped-Ra konfrontieren konnten.
„Erhebt Euch", befahl Seth, während er und Schada rechts und links von der knieenden Gestalt Aufstellung nahmen. „Ihr werdet uns in den Palast begleiten. Offiziell, um die Weissagung vor dem Hof zu verkünden, und wagt es nicht, von dieser Darstellung abzuweichen! Wenn Ihr ehrlich bereut, werdet Ihr uns helfen, die Verschwörung zum Scheitern zu bringen."
Der Oberpriester stand langsam auf und nickte dann. „Ich werde Euch helfen, so gut ich kann, hohe Lords. Ich schwöre es bei meinem Leben."
Der Bericht schloss mit der Einschätzung von Seth, dass Sehem-Amuns weiteres Verhalten, sowohl auf der Rückreise in den Palast als auch danach, jeden Zweifel an seiner Aufrichtigkeit ausschloss. Er würde gegen seine Komplizen wahrheitsgemäß aussagen.
Damit war nun das Scheitern der Verschwörung endgültig. Doch nur, wenn der Pharao ebenfalls im Palast erschien. Der junge Herrscher wusste das und drängte deswegen zum Aufbruch. Seine letzte Nachricht, die Mahads treuer Falke am Tag zuvor in den Palast getragen hatte, beinhaltete sowohl letzte Anweisungen für die Ausschaltung des abtrünnigen Teils der Armee und die Festsetzung ihres Anführers als auch seine Pläne, wie bei seiner Rückkehr mit Seped-Ra verfahren werden sollte. Atem verließ sich darauf, dass die Millenniumspriester alle Vorkehrungen treffen würden, bevor er in den Palast zurückkehrte.
Und so brach er an diesem Morgen, eine gute Woche nach seiner Entführung, in Begleitung Manas auf. Mit einer leichten Verbeugung verabschiedete er sich von Lady Neferti, bevor er auf sein Pferd stieg. Er überprüfte noch einmal, dass der lange Umhang und die Kapuze seine Gestalt komplett verbargen, dann warf er Mana einen Blick zu, und sie ritten los. Der Weg führte sie durch die weniger belebten Straßen der Stadt, abseits des Marktes, und so war es kein Wunder, dass sie kaum einem Menschen begegneten.
Der junge Herrscher schwieg die ganze Zeit, tief in Gedanken versunken, und Mana beobachtete ihn besorgt. Sie konnte deutlich erkennen, wie sehr er gegen die Erschöpfung ankämpfte, die ihn noch am Tag zuvor beinahe komplett gelähmt hatte. Sie schwor sich, ihn nicht aus den Augen zu lassen, bis die ganze Sache ausgestanden war. Und hoffte, dass ihr König unversehrt bleiben würde. Er hatte schon so viel durchgemacht. Sie bat die Götter inständig, ihm Kraft zu schenken und ihn zu beschützen.
Schneller, als ihr lieb war, erreichten sie den Palast. Vor einem der Lieferanteneingänge erwartete sie Mahad. Keiner von ihnen sprach ein Wort, während sie die Pferde ungesehen in den Stall für die Lasttiere führten und dort versteckten. Erst als sie über verborgene Pfade durch den Garten in den Palast und schließlich in Mahads Gemächer gelangt waren, ergriff der Pharao das Wort.
„Ist alles vorbereitet?"
Der Hüter des Ringes nickte. „Die abtrünnigen Soldaten sind in Gewahrsam. Niemand hat etwas davon bemerkt. Seped-Ra erwartet in einer Stunde die Entscheidung der Millenniumspriester bezüglich der Weissagung Sehem-Amuns, der ebenfalls anwesend sein wird. Wir sind so diskret vorgegangen, wie wir nur konnten."
„Wollen wir hoffen, dass er keinen Verdacht geschöpft hat", erwiderte Atem und sank dann mit einem erschöpften Seufzen in einen Stuhl. Mahad warf seiner Schülerin einen besorgten Blick zu, als er sah, wie blass der Pharao war.
„Mein König, bitte ruht Euch aus. Es mag nur eine Stunde sein, doch Ihr werdet alle Kraft brauchen, die ihr aufbringen könnt. Niemand wird Euch hier stören."
Atem lächelte, als er die Sorge in den Augen der beiden sah. Sie waren seine besten Freunde, solange er sich erinnern konnte, und einige der wenigen Personen, in deren Gegenwart er sich komplett entspannen und seine Rolle als Herrscher Kemets eine Weile beiseite schieben konnte. Und auch wenn Mahad stets förmlich blieb, merkte Atem sofort, wenn nicht sein Berater, sondern sein Freund mit ihm sprach. Und deshalb ließ er es jetzt auch zu, dass der Priester ihm vorsichtig aufhalf und ihn stützte, während er zum Bett hinüberging und sich dann hinlegte.
„Ich danke dir, mein Freund", flüsterte der junge Pharao, bevor ihn die Erschöpfung endgültig übermannte.
„Schlaft jetzt, mein König. Wir werden über Euch wachen."
Doch diese Worte hörte Atem schon nicht mehr. Mahad betrachtete ihn voller Zuneigung, bevor er sich wieder Mana zuwandte, die sich bereits neben dem Bett auf den Boden gesetzt hatte. Das Mädchen erwiderte seinen Blick mit einem sanften Lächeln. Keiner von ihnen sagte etwas. Es war auch nicht nötig. Sie wussten beide, dass sie ihren Herrscher in der nächsten Stunde nicht allein lassen würden.
Und danach würde sich entscheiden, wer der wahre König Kemets und von den Göttern erwählt war. Der letzte Akt hatte begonnen.
Fortsetzung folgt...
Anmerkungen:
((1)) Wenn jemand stark ausgetrocknet ist, stellt der Körper gezwungenerweise die Schweißproduktion ein, und damit verliert er die Möglichkeit zum Temperaturausgleich, kann sich in großer Hitze also nicht mehr abkühlen. Die Folge: Fieber.
((2)) Annuket: Merit-Ptah bedeutet Geliebte des Ptah bzw. geliebt von Ptah.
Magician: Und Ptah war nochmal gleich wofür zuständig?^^
Annuket: Ptah war der Stadtgott von Memphis (im Alten Reich die Hauptstadt, später eine der Hauptstädte bzw. Verwaltungszentrum Ägyptens). Er war Gott des Handwerks und in diesem Sinne wurde er auch Schöpfergott (der durch Worte die Welt erschuf bzw. später auch wie Chnum die Töpferscheibe für seine Schöpfungen benutzt). Dargestellt ist er normalerweise als Mumie mit Zepter und hat einen kahlen Menschenkopf mit einem Käpchen.
Magician: Und wieder was gelernt...^^
((3)) Nur für den Fall, dass das nicht allen so geht, versuche ich mal zu erklären, was ich hier ausdrücken wollte. Der kleine Prinz war wie gelähmt durch den Tod seiner Mutter, einem der wichtigsten Menschen in seinem Leben. Jetzt aber ist ihm klar geworden, dass alle anderen, die ihm ebenso wichtig sind, nämlich sein Vater und seine Freunde, noch immer bei ihm sind. Und deshalb ist es für ihn gut so. Trotz allem. Das ist sein Weg, mit der Trauer um seine Mutter umzugehen. Ich hoffe, ich konnte mich hier wenigstens halbwegs verständlich machen, aber ich wollte es wenigstens versuchen, weil Annuket beim Lesen eine etwas andere Interpretation von der Stelle gemacht hatte, an die ich gar nicht gedacht hatte.^^
((4)) Äh, es weiß jeder, dass er der Herrscher über das Totenreich ist, oder? ‚unsicher sei'
((5)) Ich stelle mir vor, dass Sehem-Amun in etwa denselben Rang hat wie Seth und Schada und deshalb in einer normalen Situation nicht so vor ihnen niederknien würde. Diese Art ‚Verbeugung' ist eine enorm unterwürfige Geste, denn er ist auf den Knien, Oberkörper auf dem Boden und den Kopf auf die Hände gelegt.
((6)) Annuket: Nachet heißt in der Übersetzung 'Stärke'. Da es das auch wirklich so als Namen gab, heißt der arme Mann jetzt so.
Magician: Er ist wirklich arm dran. Bis fast zur letzten Version des Kapitels hatte er überhaupt keinen Namen... Ich bin echt nicht gut darin, meine Figuren zu benennen.^^" Deshalb wieder mal ein großes Danke an Annuket für die vielen schönen Namen, die ich von ihr habe. ‚Annuket eine Schüssel Kekse geb'
Annuket 'an Keksen knabber': Nicht dass man ihn zu Gesicht bekommen würde, aber immerhin ist ihm nach ägyptischer Vorstellung mit der Namensgebung Leben eingehaucht.
Magician: So, das war's mit diesem Kapitel. Das nächste wird dann wohl das letzte sein. Ich werde mir Mühe geben, es möglichst schnell fertigzukriegen, kann aber leider nicht dafür garantieren. Das neue Semester fängt an, und es wird wieder extrem stressig für mich. -_- Vielleicht kann ich um ein paar Reviews bitten? Die motivieren mich immer unglaublich.^^ Es wär wirklich echt nett.
