Magician: Hallo und herzlich willkommen zum letzten Kapitel von 'Verloren'.
Annuket 'Kindersektflasche aufmach': Hurra. Herzlichen Glückwunsch.
Magician 'lach': Du tust ja so, als wär das meine erste Story... Na ja, eigentlich stimmt das ja auch, ist schließlich der erste Mehrteiler. Wow. Hätte nie gedacht, dass ich sowas mal schreibe.^^
Annuket: Ja, und ich finde, die Geschichte ist sehr gut geworden. So, nun aber schnell zu deiner Reviewantwort, damit die Leser nicht so lange warten müssen.
Magician: Aye aye, Sir. 'salutier'
Annuket 'schmoll': Ma'am...
Magician: Pscht! 'an die Leser wend' Es war ja leider wieder nur eine Review. Echt schade... Aber dafür war diese eine wieder absolut toll! Vielen lieben Dank, Isana, ich habe mich einmal mehr riesig gefreut. Ich kann auch gut nachvollziehen, was der Anfang des Semesters mit einem anstellen kann. Da ist man mit den Nerven fertig, bevor die dritte Woche angefangen hat.^^ Und trotzdem hast du so eine lange Review geschrieben.
Es freut mich, dass ich die Stimmung wieder gut hingekriegt habe. An dem Rückblick habe ich recht lange arbeiten müssen, bis er mir gefiel.=^^= Es ist gut, dass er auch so rüberkam. Ich freue mich jedesmal darüber, dass du so mitfieberst. Und das sogar bei meinen eigenen Figuren. Der Oberpriester ist aber auch eine absolut tragische Figur hier. Er bereut aus tiefsten Herzen, aber seine Taten lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Es wird sich zeigen, ob sich deine Hoffnung auf Gnade erfüllen kann oder nicht. Aber ich sollte dich und alle anderen nicht mehr länger auf die Folter spannen, sondern schnell anfangen. Auf jeden Fall noch ein dickes Danke für deine schöne Review. 'großen Teller mit Weihnachtskeksen überreich'
Disclaimer: Noch immer gehören mir die meisten der Figuren nicht. Anspruch erheben kann ich nur auf die drei Verräter, den Obersten der Wache, Mahads Falken und den gesamten Haushalt von Seth' Mutter. Na ja, und unzählige unwichtige Hintergrundfiguren, die vielleicht einmal auftauchen und nichtmal einen Namen haben.^^
Verloren
Kapitel 5: Was die Zukunft prägt...
Die nächste Stunde verging nur langsam, und ohne zu wissen warum, schien der ganze Palast den Atem anzuhalten. Eine merkwürdige Stille senkte sich über jeden Raum, selbst im Garten verstummten beinahe alle Laute.
Seped-Ra jedoch bemerkte davon nichts. Er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um die eigenartige Atmosphäre zu erkennen. Es hätte ihm vielleicht eine Warnung sein können, wäre er in der Lage gewesen, die Zeichen zu deuten. Doch so saß er in seinen Gemächern und gab sich der Genugtuung hin, die die erfolgreiche Ausführung seiner Pläne ihm brachte. Ein kaltes Lächeln spielte um seine Lippen, während er sich die letzten qualvollen Tage im Leben des Pharao vorstellte. Er konnte kaum erwarten, den Thron zu besteigen und endlich keine Befehle mehr von jemandem annehmen zu müssen, der um ein Vielfaches jünger war als er. Den früheren König hatte er als höhere Instanz akzeptieren können, wenn auch nur mit Mühe. Doch dieser Junge, der nach dessen überraschend frühem Tod die Krone trug, hatte in seinen Augen keinerlei Recht darauf. Und doch hatte er sich diesem Bengel unterordnen müssen! Aber nun endlich würde er den Platz einnehmen, der ihm zustand.
Alles war perfekt gelaufen, und jetzt musste er nur noch die Audienz bei den Millenniumspriestern hinter sich bringen. Er konnte es kaum noch erwarten. Doch trotz seiner Vorfreude zwang er sich, die Maske aufrecht zu erhalten und ruhig zu bleiben. Als schließlich einer der Diener ihn abholte, um ihn in den Thronsaal zu geleiten, folgte er ihm gemessenen Schrittes, ernst und würdevoll.
Die Hohepriester erwarteten ihn bereits. Sie standen vor dem Thron, Schimon in ihrer Mitte. Sehem-Amun, sein Mitverschwörer und Untergebener, stand etwas abseits neben Seth, warf ihm aber nur einen kurzen, unauffälligen Blick zu, bevor er sich wieder abwandte. Den Wachen, die an den Seiten standen, schenkte Seped-Ra ebensowenig Beachtung wie seinen Kollegen aus dem Beraterstab des Königs, die sich ebenfalls versammelt hatten und ihn überrascht und neugierig musterten, während er den Raum durchquerte und sich dann ehrerbietig vor den Hütern der Millenniumsgegenstände verbeugte.
„Gut", setzte daraufhin Schimon an. „Da nun alle versammelt sind, lasst uns beginnen. Wir alle wissen, was geschehen ist. Die Götter haben uns ihre Botschaft gesandt, und es soll nun entschieden werden, was zu geschehen hat. Sehem-Amun, tretet vor und verkündet vor diesem Rat, was sie Euch enthüllt haben."
Der Genannte trat vor und verbeugte sich. Einen Moment zögerte er, als müsse er sich fassen, dann jedoch wiederholte er mit fester Stimme die Weissagung über den Tod des Königs und das Zeichen des erwählten Nachfolgers. Es folgte Seped-Ras eigener Bericht über den Fund des Millenniumspuzzles, was ein aufgeregtes Gemurmel zur Folge hatte. Schimon brachte es schließlich mit einer knappen Geste zum Schweigen.
„Genug. Wir haben den Willen der Götter gehört. Erhebt jemand die Stimme dagegen?" Die Worte hingen schwer im Raum, doch niemand durchbrach die Stille.
Der Verräter musste sich zusammenreißen, um nicht laut zu lachen. Alles Weitere war jetzt beinahe zu einfach. Niemand würde es wagen, ohne guten Grund wider den Willen der Götter zu sprechen. Er war endlich am Ziel.
‚Jetzt bekommt dieses Land endlich wieder einen Herrscher, der weiß, was-'
Doch ein Geräusch unterbrach seinen Gedankengang. Ein leises Scharren war zu hören, das er in diesem Moment nicht zuordnen konnte. Und dann erklang eine Stimme, die Seped-Ra das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Diese Weissagung ist nicht der Wille der Götter!"
Der Vorhang hinter dem Thron wurde beiseitegeschlagen, gehalten von Mana auf der einen und Set-nechet, dem Obersten der Wachen, auf der anderen Seite. Und zwischen ihnen...
Der Pharao trat heraus, aufrecht und stolz, mit einem Gesichtsausdruck, der jeden im Raum frösteln ließ. Das prachtvolle Gewand, das er trug, erkannten alle sofort als jenes, das dem Hohen Gericht vorbehalten war, und darüber glänzte die zeremonielle Rüstung des Horus((1)). Das Schwert an seiner Seite in Verbindung mit der Aura der kalten Wut, die um den jungen König loderte, verbreitete eine unausgesprochene Drohung.
Einige Sekunden herrschte eine Totenstille im Raum, dann fiel der gesamte Beraterstab und auch Sehem-Amun vor ihrem Herrscher auf die Knie. Seped-Ra dagegen blieb stehen, zu geschockt, um in irgendeiner Weise zu reagieren. Er starrte die Erscheinung vor sich nur fassungslos an.
Der König ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen, bis er schließlich bei Seped-Ra anlangte. Die Augen des jungen Mannes verengten sich und die Kälte in ihnen schien nochmals zuzunehmen.
Und nun endlich, nach einer Ewigkeit wie es schien, wurde dem Berater klar, dass er als einziger noch stand. In einer fließenden Bewegung sank er ebenfalls zu Boden, während seine Gedanken zu rasen begannen. Jetzt, wo sich der erste Schock zu legen begann, erkannte er, dass die Millenniumspriester ihn in eine Falle gelockt hatten. Sie mussten gewusst haben, dass der Pharao noch am Leben war, und irgendwie hatten sie auch erfahren, dass er, Seped-Ra, ein Verräter war. Er warf Sehem-Amun, der ein Stück weiter hinten kniete, einen verstohlenen Blick zu. Auf dessen Gesicht las er, wie zu erwarten war, ein ungläubiges Staunen, aber gleichzeitig auch Erleichterung, ja sogar Freude. Er begriff, dass sein Mitverschwörer keine Hilfe, sondern nun eher eine Gefahr für ihn war. Doch noch war nicht alles verloren. Schließlich hatte er für einen solchen Fall vorgesorgt.
„Hofft nicht auf Euren Bruder, Seped-Ra", erklang wieder die Stimme des Königs, beinahe als hätte er seine Gedanken gelesen. „Er kann Euch nicht länger beistehen."
Das ließ Seped-Ra abrupt aufschauen, und mit Schrecken erkannte er, dass seine Pläne seinen Gegnern in ihrer Gesamtheit bekannt waren. Offensichtlich hatten sie die richtigen Schlüsse gezogen, sehr zu seinem Nachteil. In jedem der Gesichter vor sich las er Wut und Verachtung. Und der Pharao starrte ihn mit einem solchen Zorn an, dass er innerlich zu zittern begann. Nach außen hin zeigte er das jedoch nicht, sondern senkte nur wieder scheinbar resigniert den Kopf. Seine Hand aber stahl sich langsam und unbemerkt in sein Gewand, wo er stets einen schmalen Dolch verborgen hielt. Er wusste, dass alles verloren war. Wenn sein Bruder bereits verhaftet war, konnte er nichts mehr tun. Doch er würde nicht kampflos untergehen. Zumindest würde er den König mit sich in den Untergang reißen.
Bevor irgendjemand reagieren konnte, war Seped-Ra aufgesprungen und stürzte sich mit einem wütenden Schrei auf den jungen Herrscher, der direkt vor ihm stand.
Ein lautes Klirren erklang, als der Dolch auf das Schwert des Königs traf, der es geistesgegenwärtig gezogen hatte. Der junge Mann wirkte keineswegs überrascht, sondern sah den Verräter ruhig an. Ein kaltes Lächeln spielte um seine Lippen, als er mit einem scharfen Befehl jene zurückrief, die ihm zu Hilfe eilen wollten. Die Waffen der Kontrahenten schienen miteinander verwachsen zu sein, so fest waren sie ineinander verkeilt. Die einzige Bewegung, die sich im Ringen der beiden Männer um den Sieg zeigte, war das langsame Vor und Zurück der Klingen, mal mehr in Seped-Ras Richtung, dann wieder näher an den Pharao heran. Dessen nächste Worte galten seinem Gegner, während sie beide darum kämpften, die Oberhand zu gewinnen.
„Nun also zeigt Ihr endlich Euer wahres Gesicht, Seped-Ra. Sagt mir: Wann seid Ihr zu der verräterischen Schlange geworden, die ich hier vor mir sehe?"
„Ich bin Euch keine Antwort schuldig, o großer Herrscher." Der Verräter betonte den Titel mit einer solchen Verachtung, dass alle im Raum ihn geschockt anstarrten. Ein ungläubiges Raunen lief durch den Saal. Seped-Ra konnte sich ein böses Grinsen nicht verkneifen.
„Oh, tut doch nicht alle so entrüstet. Als ob keiner von euch jemals Zweifel an diesem Herrscher gehabt hätte. Ihr, Sehem-Amun, habt mir doch sogar bei meinen Plänen geholfen, weil ihr meine Meinung teilt." Der Oberpriester des Amun-Tempels senkte beschämt den Kopf, erwiderte aber nichts, und so fuhr der Verräter fort.
„Euren Vater habe ich respektiert. Er war ein guter Herrscher, erfahren und bewandert in allen Bereichen, die die Königswürde erforderte. Eine Schande, dass er zu früh verstarb und ein unfähiges Kind als seinen Erben zurückließ."
Ein dunkles Grollen entrang sich der Kehle des Königs, als er das hörte.
„Wagt es nicht, meinen Vater zu beleidigen! Ihr vergesst, dass er es war, der mich alles gelehrt hat, was ich wissen musste, um seine Nachfolge anzutreten! Und doch nennt Ihr mich unfähig. Sehr weit her kann es mit Eurem Respekt für meinen Vater nicht sein."
„Der Lehrer mag noch so gut sein, wenn der Schüler nicht begreift, ist es umsonst", erwiderte Seped-Ra herablassend.
Wenn er gehofft hatte, mit dieser groben Beleidigung den jungen Mann aus dem Takt bringen zu können, so wurde er nun enttäuscht. Die einzige Reaktion, die er bekam, war ein kurzes Aufblitzen in den Augen des anderen.
„Was wisst Ihr davon und von mir, Verräter? Ihr wart nie Teil meiner Ausbildung, wart niemals anwesend, wenn mein Vater mich unterrichtete. Und Ihr habt mir keine Chance gegeben, meine Fähigkeiten zu zeigen." Kalter Zorn und tiefe Verachtung schlugen Seped-Ra in diesen Worten entgegen. „Nach dem, was wir herausgefunden haben, habt Ihr all dies hier bereits wenige Wochen nach meiner Krönung zu planen begonnen. Sagt mir, wie Ihr in jener kurzen Zeit habt feststellen können, dass ich nicht fähig bin, Kemet zu führen?"
Das brachte den Verräter nun doch aus dem Tritt. Einen kurzen Moment nur hielt er überrascht inne, doch dem Pharao reichte das. In einer fließenden Bewegung stieß er den Dolch seines Gegners von sich, holte aus und schlug dem anderen die flache Seite seines Schwertes gegen den Arm. Mit einem Schmerzenslaut ließ der seinen Dolch fallen. Im nächsten Moment hatte er die Spitze des Schwertes an seiner Kehle und die sarkastische Stimme des Königs im Ohr.
„Nun, zumindest im Schwertkampf habe ich offensichtlich besser aufgepasst als ihr."
Einen Moment herrschte absolute Stille im Thronsaal, dann sprangen zwei Wachen vor, packten Seped-Ra an den Armen und zwangen ihn auf die Knie. Langsam ließ der junge Herrscher sein Schwert sinken. Er richtete sich stolz auf und blickte hoheitsvoll auf den Mann zu seinen Füßen.
„Seped-Ra, Ihr habt Euch des Hochverrats schuldig gemacht. Ihr habt nicht nur mithilfe angeheuerter Attentäter versucht, mich zu töten und damit die Herrschaft an Euch zu reißen, nein, Ihr habt eben gerade nochmals vor aller Augen einen Mordanschlag auf mich verübt. Dies soll als das Schuldeingeständnis gewertet werden, das es ist. Allein Eure Taten innerhalb der Verschwörung verdienen den Tod, doch dieser zweite Versuch, mich zu beseitigen, besiegelt Euer Schicksal. Dasselbe gilt für Euren Bruder, der bei seiner Festsetzung keinerlei Reue, sondern nur große Verachtung sowohl für mich als auch meinen Vater zeigte."
Der König hielt inne und bedeutete Sehem-Amun, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, vorzutreten. Der Oberpriester zitterte, folgte der Anweisung jedoch entschlossen, ohne zu zögern, und sank respektvoll auf die Knie. Die beiden Männer, die ihn die ganze Zeit unauffällig bewacht hatten, traten nun offen hinter ihn.
„Sehem-Amun, auch Ihr habt Euch des Hochverrats schuldig gemacht. Ihr wart Teil der Verschwörung, die meinen Tod verfolgte. Die falsche Prophezeiung, die Seped-Ra auf den Thron bringen sollte, stammt von Euch. Jedoch... Im Gegensatz zu den anderen habt Ihr Reue gezeigt und bei der Überführung Eurer Komplizen geholfen. Ebenso für Euch spricht Eure Reaktion, als Ihr eben erfuhrt, dass ich noch am Leben bin. Habt Ihr etwas zu sagen?"
Der Priester nickte, hob jedoch nicht den Kopf, als er zu sprechen begann: „Mein König, was ich getan habe, ist unverzeihlich und verdient jede Strafe, die Ihr für angemessen haltet. Ich werde mich Eurem Urteil beugen. Ich bedauere zutiefst, was geschehen ist, und danke den Göttern dafür, dass Ihr überlebt habt. Ich bin glücklich, Euch noch einmal zu Diensten gewesen zu sein. Möge Eure Herrschaft lang und gesegnet sein."
Alle im Raum waren berührt von diesen so aufrichtig gesprochenen Worten. Und der Pharao blickte nun mit freundlichem Wohlwollen auf den Priester.
„Eure Worte ehren Euch, der Ihr eigentlich jede Ehre verloren hattet. Ich erkenne an, dass ihr aufrichtig bereut habt und bereit seid, für Eure Taten zu büßen. Hier nun zeigt Ihr Eure Größe. Es ist bedauerlich, dass es erst unter diesen Umständen geschieht. Doch ich kann nicht darüber hinwegsehen, was ihr getan habt."
Der Oberpriester senkte den Kopf noch etwas weiter, rührte sich aber sonst nicht. Er erwartete nichts Geringeres als ein Todesurteil, wie bei seinen Mitverschwörern auch. Trotz des Umstandes, dass der König mit ihm sehr viel freundlicher gesprochen hatte als mit Seped-Ra, glaubte er nicht daran, verschont zu bleiben.
„Sehem-Amun, Ihr werdet sämtlicher Ämter enthoben und verliert alle Privilegien, die Ihr Euch in Eurem Leben erworben habt, ebenso wie Euer gesamtes Vermögen. Ihr werdet 5 Jahre in verschärftem Arrest verbringen und danach unter strenger Aufsicht erneut Pflichten übernehmen, die Euch zugewiesen werden. Wenn ich mich im Verlaufe dieser Zeit von Eurer Loyalität überzeugen konnte, werde ich erneut über Euren Fall entscheiden."
Abrupt hob der Mann vor ihm den Kopf und starrte seinen Herrscher voll Staunen an. Der Pharao schenkte ihm ein kurzes Lächeln, bevor er fortfuhr:
„Ich halte es für angemessen, Euch eine Chance zu geben. Ihr wart meinem Vater lange Jahre treu ergeben und trotz Eurer Beteiligung an dieser Verschwörung habt ihr Euch am Ende ehrenhaft verhalten. Es besteht die Chance, dass dies Eure Loyalität mir gegenüber gefestigt hat, und das werde ich nicht übergehen. Doch versteht dies nicht falsch. Es wird nicht leicht für Euch werden, und vielleicht werdet Ihr Euch schon bald wünschen, nicht verschont worden zu sein."
Ein unterdrücktes Schluchzen erklang, als die Erleichterung Sehem-Amun überwältigte. Er war starr vor Staunen, und doch fühlte er eine Leichtigkeit in seinem Herzen, die er seit dem Verschwinden seines Herrschers nicht mehr gespürt hatte. Er begriff, welches Geschenk ihm der junge Mann gemacht hatte, und er konnte nicht anders, als nocheinmal das Wort zu ergreifen.
„Mein König", begann er leise und mit belegter Stimme, „ich danke Euch. Ich schwöre bei diesem Leben, das Ihr mir in Eurer unendlichen Güte gelassen habt, dass ich alles mir Auferlegte meistern werde. Ich werde alles dafür tun, Euer Vertrauen zu ehren. Und vielleicht kann ich Euch eines Tages wieder dienen wie einst Eurem Vater. Ich danke Euch."
Und dann senkte er erneut den Kopf und begann zu weinen. Der Pharao nickte den Wachen zu, und sie halfen dem ehemaligen Oberpriester sanft auf und führten ihn hinaus. Seped-Ra erhielt eine wesentlich unfreundlichere Behandlung und wurde förmlich aus dem Raum geschleift. Der König würdigte ihn nicht eines Blickes mehr.
Erst als die beiden Verurteilten den Raum verlassen hatten, steckte er das Schwert zurück in die prachtvolle Scheide und beruhigte mit einigen Worten die Millenniumspriester und seine Berater, die sich sehr besorgt zeigten. Dann erklärte er die Versammlung offiziell für beendet. Mahad und Mana traten an seine Seite und begleiteten ihn, als er den Thronsaal durch dieselbe Tür verließ, durch die er vorher gekommen war.
Als der schwere Vorhang hinter ihnen zufiel und ihnen ein Mindestmaß an Ungestörtheit lieferte, stolperte Atem und wäre gestürzt, hätten nicht sowohl Mahad als auch Mana geistesgegenwärtig zugegriffen. Der junge Herrscher atmete ein paar Mal tief ein und versuchte, die Erschöpfung unter Kontrolle zu bringen, doch sein Körper wollte ihm nicht mehr gehorchen. Schweiß stand ihm auf der Stirn.
„Mein König, Ihr habt Euch zu sehr belastet." Mahad klang nun noch besorgter als vorher. „Warum habt ihr uns nicht helfen lassen?"
Atem brauchte ein paar Momente, bevor er antworten konnte.
„Ich musste ihm klar machen, dass ich ihm gewachsen bin. Seine Überheblichkeit konnte ich nicht dulden. Hätte ich mir helfen lassen, hätte ich in den Augen der Berater mein Gesicht verloren. Ich durfte keine Schwäche zeigen."
Mahad begriff, was sein Freund meinte, doch das änderte nichts daran, dass er ihm diesen Kampf in seinem geschwächten Zustand lieber erspart hätte. Gleichzeitig jedoch erfüllte ihn bei dem Gedanken an die Stärke und den Mut seines Herrschers ein gewisser Stolz, der ihm seiner Meinung nach eigentlich nicht zustand. Er hörte aber auch die gut versteckte Unsicherheit in der Stimme des anderen. Er lächelte.
„Macht Euch keine Sorgen, mein König. Keiner der Anwesenden hat bemerkt, dass Ihr nicht bei vollen Kräften seid."
„Wie auch?" warf Mana überschwänglich ein. „Ihr ward unglaublich! Keiner würde es wagen, jetzt noch an Euch zu zweifeln."
Atem lächelte dankbar. Es hatte all der eisernen Disziplin, die sein Vater ihm vermittelt hatte, bedurft, um während der Versammlung stark und gesund zu erscheinen. Der Kampf war nicht unerwartet gekommen, doch er hatte bis zum Ende gehofft, dass Seped-Ra nicht so weit gehen würde. Und es hatte über die Maßen an seinen Kräften gezerrt. Während der Urteilsverkündung hatte er sich nur noch mit reiner Willenskraft aufrechtgehalten und ständig befürchtet, dass man ihm das ansehen konnte. Dass er jetzt von seinen Freunden die Bestätigung bekam, dass niemand etwas von seiner Schwäche gemerkt hatte, beruhigte ihn ungemein.
„Mein König?" Mahads Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Ihr seid zu erschöpft. Bitte verzeiht meine Unverschämtheit..."
Und mit diesen Worten hob er seinen Herrscher auf seine Arme und trug ihn in Richtung der königlichen Gemächer. Mana lief voraus, um sicherzugehen, dass niemand dort war, der sie hätte sehen können.
Atem war im ersten Moment zu überrascht, um zu protestieren. Er starrte Mahad nur groß an. Doch ebenso schnell wie sein Schock nachließ, wurde ihm auch klar, dass sein Freund recht hatte. Er wusste, dass er nicht mehr aus eigener Kraft in seine Gemächer würde gehen können. Und so lächelte er nur und ‚ergab' sich in sein Schicksal. Er schlief schon beinahe, als er schließlich auf seinem Bett abgesetzt und vorsichtig von all seinem Schmuck und der zeremoniellen Robe befreit wurde. Während Mana alles ordentlich verstaute, nötigte Mahad ihn, einige Früchte zu sich zu nehmen, bevor er sich endlich hinlegen konnte. Nach all der Anstrengung war es kein Wunder, dass er in tiefen Schlaf gesunken war, noch bevor der Priester die Decke über ihn gebreitet hatte.
Und diesmal würde er so lange schlafen können wie nötig.
Epilog:
Es dauerte zwei Wochen, bis der Pharao wieder ganz bei Kräften war. Erst dann wurden die Urteile gegen die Verschwörer vollstreckt, doch endete die ganze Angelegenheit mit einem schalen Nachgeschmack. Sehem-Amun trat seine Strafe an wie geplant, und auch General Nachet wurde hingerichtet. Seped-Ras Hinrichtung jedoch wurde vom Auftauchen des Königs der Diebe unterbrochen. Dieser erste Auftritt jenes Mannes, der später Atems selbsternannter Erzfeind werden sollte, verursachte ein großes Chaos, das Seped-Ra zur Flucht nutzte. Er tötete zwei der Wachen und floh mit einem gestohlenen Pferd aus der Stadt. Trotz einer ausgiebigen Suche blieb er verschwunden und niemand wusste, wohin er gegangen war.
Erst viel später, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung zwischen Atem und dem König der Diebe tauchte er wieder auf und stand auf Seiten des Grabräubers, was niemanden sonderlich überraschte. Er wollte Rache und dabei war es ihm völlig egal, was mit Kemet passierte.
Als sich die Situation durch die Beschwörung Zorks zuspitzte, kämpfte er an vorderster Front und erwartete voll Vorfreude die völlige Vernichtung des Pharao. Und sein Wunsch schien in Erfüllung zu gehen. Einer nach dem anderen fielen die Verbündeten des Königs, bis er schließlich allein vor Zork stand, verletzt und zu schwach, um sein Schicksal noch abzuwenden.
Das war auch Atem klar, als er die riesige Gestalt vor sich anstarrte, die sich ihres Sieges sicher war und ihn verspottete. Er wusste, dass er diesen Gegner nicht würde besiegen können. Seine Freunde, angefangen bei Mahad, hatten ihr Leben geopfert, um ihn zu schützen, und die Trauer um sie lähmte sein Herz. Er selbst hatte alles gegeben, was er hatte, und nun war er so schwach, dass er kaum noch stehen konnte. Nein, ein Sieg war unmöglich. Es gab nur noch eine letzte Möglichkeit, und er zitterte innerlich bei dem Gedanken daran. Er musste versuchen, das Scheusal vor sich im Millenniumspuzzle zu versiegeln, doch dazu musste er seine eigene Seele ebenfalls dort einschließen, um über das Siegel zu wachen. Seine Erinnerungen würde er opfern müssen, um den Zauber stark genug zu machen, und seinen Namen, um das Siegel zu schließen.
Er legte beide Hände um das Puzzle, schloss die Augen und begann leise, die magische Formel für das Siegel zu rezitieren. Sie war nicht lang, aber kompliziert, und er konnte sich keinen Fehler erlauben. Eine zweite Chance würde er nicht bekommen. Er spürte, wie Magie um ihn zu wirbeln begann, und flehte die Götter an, ihm genug Zeit zu verschaffen, den Zauber zu beenden, damit sein Volk eine Chance hatte zu überleben. Als er die letzten Silben der Formel aussprach und spürte, wie etwas an seiner Seele zu zerren begann, gab es plötzlich einen Ruck und ein kurzes Aufflammen in der Verbindung, die ihn und seinen Gegner langsam in das Puzzle zog.
Erschrocken öffnete Atem die Augen und sah sich Seped-Ra gegenüber, der mit beiden Händen versuchte, ihm das Puzzle zu entreißen. Offensichtlich hatte er bemerkt, was der König zu tun versuchte, und wollte den Zauber unterbrechen, indem er das Puzzle an sich brachte. Zu seinem Unglück hatte er zu spät gehandelt und wurde nun ebenfalls in das Siegel einbezogen. Sein Geist war schwächer als der Atems oder Zorks, und so ergriff die Magie ihn zuerst. Ein panischer Schrei entrang sich Seped-Ras Kehle, als seine Seele gewaltsam in das Puzzle gezerrt wurde, dann sank er mit leeren Augen zu Boden und riss den Pharao mit sich.
Schwer atmend richtete sich Atem wieder auf und sah sich nach Zork um. Das Puzzle hatte er nicht eine Sekunde losgelassen. Mit Erleichterung stellte er fest, dass das Ungetüm ebenfalls zu Boden gegangen war und mit letzter Kraft gegen den Zauber ankämpfte. Atem selbst spürte das Zerren, das seine Seele auch in das Puzzle binden wollte, doch er widersetzte sich dem, auch wenn es ihm starke Schmerzen bereitete. Er musste sicher sein, dass Zork versiegelt war, bevor er sich in sein Schicksal ergeben konnte. Und dann endlich, nach einer Ewigkeit, wie es schien, sank der riesige Kopf des Monsters zu Boden, und der König spürte, wie sich das Siegel endgültig über seinem Gegner schloss. Mit einem gequälten Stöhnen sank er nun auch zu Boden.
In diesem Moment tauchten über ihm die Gesichter von Seth und Mana auf.
„Mein König!" Seth' Stimme stockte. Der Zustand seines Herrscher erfüllte ihn mit mit einem solchen Entsetzen, dass er nicht weitersprechen konnte.
„Seth... Mana... ihr seid...noch am Leben..." Ein erleichtertes Lächeln zeigte sich auf Atems Lippen, als ihm klar wurde, dass wenigstens diese beiden überlebt hatten. Sie mochten verletzt und schwach sein, doch sie lebten. Er hatte nicht alle seine Freunde verloren.
„Seth... ich... das Siegel... löscht meinen Namen aus..." Er konnte kaum noch sprechen. Mehr und mehr seiner Seele wurde in das Puzzle gezogen, und sein Leben schwand. „Ihr müsst... nach mir Pharao..."
Seth starrte ihn entsetzt an. Er verstand, was sein König getan hatte und welches Opfer er dafür hatte bringen müssen. Und auch, was er von ihm erwartete. Tränen stiegen ihm in die Augen, während Mana ungehemmt zu schluchzen begann. Auch sie wusste, was mit dem Siegel gemeint war.
„Ich schwöre Euch, Kemet wieder aufzubauen, mein König. Euer Opfer wird nicht vergessen werden, auch wenn Euer Name verschwinden muss."
„Mein Name..." Die Stimme des jungen Herrschers war schwach und kaum noch zu hören, doch Mana begriff, um was er bat. Sie ergriff seine Hand und lächelte ihn unter Tränen an.
„Wir werden uns irgendwann wiedersehen, mein Freund. Leb wohl... Atem."
Der Pharao erwiderte ihr Lächeln dankbar, dann schloss er langsam die Augen. Und mit seinem letzten Atemzug verschwand der Rest seiner Seele im Puzzle.
Sanft ließ Mana die Hand ihres Freundes zu Boden sinken und küsste ihn auf die Stirn.
„Möget Ihr in Frieden ruhen, mein König. Bis zu dem Tag, an dem ihr erneut gebraucht werdet."
Dann sah sie Seth an, der ihren Blick mit neugefundenem Respekt erwiderte, und stand auf. Der Hüter des Stabes folgte ihrem Beispiel und verneigte sich nocheinmal vor seinem König, bevor er das Puzzle an sich nahm. Dann hob er den Leichnam vorsichtig auf und trug ihn in Manas Begleitung zum Palast zurück. Die Menschen, denen sie auf dem Weg begegneten, begriffen sofort, was geschehen war, als sie das Puzzle um Seth' Hals sahen. Ein großes Klagen erhob sich, als der Pharao vom Schlachtfeld zurückkehrte, und sollte viele Wochen anhalten.
Die nächsten Monate waren geprägt vom Aufbau der Stadt und alles anderem, das zerstört worden war. Seth brachte Ordnung in das Chaos und sorgte dafür, dass der verstorbene König in allen Ehren bestattet wurde. Die neu ernannten Millenniumspriester, zu denen auch Mana als neue Hüterin des Ringes gehörte, reisten durch das ganze Land, um die Menschen zu unterstützen und die Ordnung wiederherzustellen. Kemet erholte sich langsam.
Atems Opfer wurde nicht vergessen, doch sein Name verschwand aus allen Aufzeichnungen. Niemand sollte die Möglichkeit bekommen, das Siegel zu brechen.
Die zweite menschliche Seele jedoch, der Verräter Seped-Ra, wurde vergessen. Niemand wusste, dass er ebenfalls ein Opfer des Siegels geworden war. Man nahm verständlicherweise an, dass er im letzten Kampf gefallen war, und so wurde seine Leiche zusammen mit dem König der Diebe und dem Monster Zork tief in der Wüste im Sand verscharrt. Doch seine Seele lebte noch, eingeschlossen in einem der Räume tief im Millenniumspuzzle, rasend vor Wut und Hass. Viel Zeit sollte vergehen, bis sich die Tür zu seinem Gefängnis wieder öffnete.
Doch das ist eine andere Geschichte...
Ende
Anmerkungen
((1)) Nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen: Nichts von dem, was in diesem Satz genannt wird, gibt es wirklich. Das Hohe Gericht und die Rüstung des Horus sind beide auf meinem Mist gewachsen. Ich wollte das nur dazusagen, weil wir ja schon einige reale Dinge hatten, und ich möchte niemanden in die Irre führen.^^
Magician: So, das war's. Hiermit endet 'Verloren'. Ich hoffe, ihr hattet alle viel Spaß beim Lesen. Lasst vielleicht eine kleine Abschlussreview da. Ich würde mich sehr darüber freuen. Ich wünsche allen da draußen ein frohes Weihnachtsfest.^^
