„Engel"

Es war im Herbst des Jahres 1994, die Blätter hatten sich schon verfärbt und wurden vom Wind getragen.

In einem kleinen Cafe´ in Hogsmeade trank gerade eine junge Frau einen warmen Tee. Sirius war damals ebenfalls in Hogsmeade gewesen, natürlich in Hundegestalt.

Ihre Haare waren damals in einem eleganten Knoten im Nacken festgehalten worden, nur ein paar lockere Strähnen umrahmten ihr Gesicht und ließen sie seriös, aber nicht zu streng wirken. Ebenso war ihre Kleidung gewählt. Ein kurzärmeliger orangefarbener Rollkragenpullover und ein langer leicht fallender Rock in einer bräunlichen Farbe passten sich der Jahreszeit an. Dazu hatte sie sehr dunkelbraune Stiefeletten mit nicht allzu hohen Absätzen an.

Sie stand auf legte das passende Geld auf den Tisch und wandte sich zum Gehen. An der Tür kam ihr ein junger Mann entgegen. Seine Haare waren halblang, hellblond und seine grünen Augen blitzten als er sie erblickte. Doch sie lief an ihm vorbei, sah nur kurz zu ihm auf, ihre Wangen wurden leicht rot, doch sie ging weiter. Draußen pfiff ein scharfer Wind, er zerrte an ihrer Haaren. Sie merkte dies, überlegte kurz löste dann den Knoten und ließ die langen braunen Haare im Wind spielen. Sie warf einen letzten Blick zurück zum Cafe´, der junge Mann stand wie versteinert hinter dem Glas und sah sie, als hätte er einen Engel oder etwas anderes wunderschönes gesehen. Jedenfalls war es ein Bild für die Götter, obwohl dieser Moment nur wenige Sekunden andauerte, schien es für den jungen Mann eine Ewigkeit zu sein. Ebenso war auch Sirius das herz stehen geblieben, denn die blauen Augen der unbekannten schönen sahen nicht nur zu dem jungen Mann, sondern auch zu ihm, den Hund. Dann ging sie und Sirius und der junge Mann hatten sie nie wieder gesehen.

Sirius erwachte wieder in seinem Zimmer. Er musste wohl eingeschlafen sein, dennoch hatte sich die kleine Szenerie von damals wieder in seinem Kopf abgespielt. Innerlich musste er lächeln, wie konnte er nur diesen „Engel" vergessen haben?

Es war schon helllichter Morgen, durch den schmalen Spalt der schweren dunklen Vorhänge in seinem Zimmer fiel Sonnenlicht. Er richtete sich auf und griff nach dem Buch neben seinem Bett.

23. November 1993

Dear Unknown,

ich finde es ist Zeit, auch einmal die Umgebung in der ich wohne zu erwähnen, denn diese Umgebung prägt mich ungemein.

Das Dorf, in dem ich wohne, ist etwa eine Meile von Londons südlichem Stadtrand entfernt. Es ist nicht leicht zu finden, daher haben wir selten Besucher in unserem Dorf und wenn welche kommen, dann haben sie sich verfahren.

Es ist eine Lüge zu behaupten, Hogsmeade wäre das einzige Zaubererdorf in ganz England. Mein Dorf heißt „Little Wing". Es gibt 17 Häuser in unserem Dorf, allerdings sind die meisten davon Gemeinschaftshäuser, werden also von mehreren Familien bewohnt. Es gibt nur sieben Privathäuser, darunter eine Villa ganz am Ende des Dorfes.

Ich lebe in einem Gemeinschaftshaus ganz oben auf dem Dachboden, über mir ist noch der Speicher, aber da lebt nur einer: Boris. Boris ist der Hausghoul und wir hängen sehr an ihm. Was für andere Leute ein Hund, eine Katze oder eine Kröte als Haustier ist, das Boris für uns. Nur leider ist Boris ein russischer Ghoul und kann kein Wort Englisch, denn Ghoul können sehr wohl sprechen, auch wenn man es nicht glaubt. Nun denn im Laufe der Zeit haben wir Russisch gelernt zumindest ein bisschen.

In meinem Haus wohnen außer mir noch fünf weitere Personen.

Da hätten wir Edna Dutchman, die gute Seele unseres Hauses und mit ihren fast 160 Jahren hat sie uns schon manche Geschichten erzählt. Aus den zwei großen Muggelweltkriegen, aus den Kriegen davor, wie man damals gelebt hat, immer von dem typischen Satz begleitet: „ So etwas hätte es in meiner Jugend nicht gegeben". Aber das nehmen wir nicht so ernst. Nur über Voldemort muss sie uns nichts mehr erzählen, denn alle in unserem Haus haben diese Zeit noch miterlebt.

Nelly George zum Beispiel, eine 28- jährige Sopranistin, verlor ihren Vater, der Auror war. Er war bei einem Einsatz gestorben.

Henry George, ihr Mann und mindestens 10 Jahre älter als Nelly, war ebenfalls Sänger, ebenso wie Nelly in einer Oper. Er singt Bass und das ziemlich gut, denn wenn er seine Stimmbänder schult, springen oben bei mir die Tassen aus den Schränken. Er hatte damals wie viele andere Sänger nicht mehr auftreten können, da kein Mensch mehr Nerven für eine Oper hatte.

Francis Lloyd ist Komponist, meine Güte ich wohne in einem Musikerhaus. Er wanderte zu Voldemorts Zeiten aus, nach Italien. Ein netter älterer Herr, mit seinen 98 Jahren sehr rüstig und immer für einen kleinen spaß zu haben.

Und dann ist da noch Carley Donovan, die jüngste im Bunde. Sie ist erst neunzehn und wohnt erst seit kurzem in unserem Haus. Sie studiert Musik, wie gesagt in meinem Haus leben fast nur Musiker.

Ich höre gerne Musik, aber ich würde mich nie trauen zu singen, denn mit diesen Leuten kann ich nicht mithalten. Ich habe mal gesungen, aber das ist nicht mehr, ich bin nicht mehr frei, nur noch der Spielball einer Gesellschaft, die sich einbildet besser zu sein als die Gesellschaft der Muggel und dennoch die gleichen Fehler macht. Sie schürt Rassismus, Hass, Neid, zieht Mörder und Verbrecher in ihren Elendsvierteln groß und bestraft alle, die aus den von ihr festgelegten Regeln ausbrechen. Wann werden wir wieder frei sein? Erst wenn alles zugrunde gegangen ist? Wenn die Welt erneut in seiner Asche liegt? Haben wir dann noch die Kraft aufzustehen und einen Neuanfang zu beginnen, besser, gerechter? Werden wir dann aus unseren Fehlern lernen oder verfallen wir in alte Gewohnheiten und beginnen wieder dieselben Fehler? Gibt es noch Hoffnung für uns? Wenn ja, wann, wie und wo? Werden Menschen in Zukunft nicht mehr allein sein müssen, hat jeder Mensch seinen Partner, egal ob Werwolf, Riese, Vampir oder Muggel? Habe ich noch eine Chance auf Liebe oder habe ich schon verspielt? Wer kann jemanden wie mich lieben, mit all meinen Fehlern? Man sagt, wer liebt erhält eine unsterbliche Seele. Wann werde ich unsterblich, wer nimmt meine Liebe an und gibt mir die seine? So viele Fragen und niemand kann sie mir beantworten, aber irgendwo da draußen gibt es jemanden der es kann, das weiß ich.

Parvati Shrivastav, 22

To be continued…