Kapitel 11: Hogsmeade

~ Daren ~

„Wir müssen sicherer im Zuspiel werden, da sind wir ihnen eindeutig unterlegen!"

„Quatsch, die Löwen bekommen in der Luft keine Tatze nach oben. Hast du nicht gesehen, wie sie gegen Hufflepuff gestümpert haben?"

„Genau, deswegen haben die Dachse auch nur 230 zu 90 verloren, weil die Gryffindors nicht spielen können, schon klar."

„Mann, hör doch zu! Ich habe nicht gesagt dass sie schlecht sind. Nur das Zuspiel haben sie noch nicht so raus. Die haben mindestens zehn Mal den Ball verloren!"

„Übertreib nicht so."

„Na gut, aber fünf Mal bestimmt!"

„Und deswegen brauchen wir das Zuspiel nicht mehr üben?"

„Doch, schon, aber die Schnelligkeit ist viel wichtiger. Wenn man freie Bahn hat, muss man einfach mal über das Spielfeld zischen und nicht erst den Quaffel hin und her und her und hin werfen."

„Versuch es doch selber erst einmal bevor du hier mit schlauen Sprüchen kommst. Blind auf einen Klatscher drauf hämmern kann ich auch."

„Du würdest den Klatscher nicht einmal treffen, wenn er vor dir in der Luft stehen bliebe und ‚Bitte, bitte hau mich Pete' singen würde."

„Wenn du meinst Cev… dann pass ich den Quaffel das nächste Mal zu dir und du kannst gucken, wie du ein Tor machst."

„Jetzt hört doch mal auf ihr Zwei, das bringt doch nichts", unterbrach Daren die beiden Streithähne missmutig. Beide wandten ihm das Gesicht zu, hielten aber, nach einem warnenden Blick seinerseits, den Mund.

Damit zufrieden griff er nach seinem Butterbier und nahm einen großen Schluck.

Er hatte sich auf einen schönen Tag mit Julie gefreut und nun durfte er mit seiner Quidditchmannschaft in ‚Die Drei Besen' sitzen und den Reibereien zwischen den Jägern und Treibern lauschen. Wenn es wenigstens einmal etwas Interessantes wäre, aber hier ging es nur um die Fortsetzung der üblichen Kabbeleien. Genau dasselbe, was er sich nach und teilweise auch in jedem Training anhören durfte.

Normalerweise ging er auf Ideen, die er wirklich für sinnvoll erachtete, ein, aber heute nervte ihn das alles gewaltig. Ein lächerlicher Vorwurf nach dem Anderen und wenn Schnapsideen wirklich aus Alkohol bestehen würden, lägen sie sicher schon alle unter dem Tisch.

Ungeduldig blickte er zu der Uhr an der Wand ihm gegenüber und dann weiter zur Tür, welche in das Wirtshaus führte.

Gleich darauf zuckte er zusammen, als ein Ellenbogen seine Seite traf.

„Komm schon Käpt'n, du wirst es wohl mal ein paar Stunden ohne deine Kleine aushalten."

Daren hörte den provozierenden Unterton deutlich heraus und ließ sich nur deshalb nicht zu einer Antwort hinreißen. Einen verärgerten Blick auf seinen Nebenmann konnte er sich trotzdem nicht verkneifen, doch dieser wurde nur mit einem Grinsen kommentiert.

Natürlich konnte er auf Julie verzichten - wenn es nicht für zu lange war - schließlich brauchte sie auch etwas Zeit für sich. Aber heute wollte er bei ihr sein und nicht hier, mit einer schwatzenden Truppe Halbstarker, die kein anderes Thema als Quidditch zu kennen schien.

Doch er hatte keine Wahl gehabt.

Als er mit Julie, Hand in Hand, über die Hauptstraße von Hogsmeade geschlendert war, hatte sie ihm plötzlich eröffnet, dass sie noch Besorgungen machen musste – allein.

Auf seine Fragen, worum es den ginge, hatte sie nur ausweichend geantwortet und er hatte schließlich zugestimmt, im Wirtshaus auf sie zu warten.

Nachdem seine Freundin mit einem ‚Dauert nur eine Stunde' verschwunden war, hatte er sich zu seinen Kumpels gesellt – was er mittlerweile fast bereute.

Schon wieder hatten sie etwas gefunden, über das sie geteilter Meinung waren und die Sticheleien flogen über dem Tisch hin und her.

Gereizt beugte er sich tiefer über seinen Krug und versuchte nicht hinzuhören.

Ein leises Schellen und ein kalter Luftzug machten ihn darauf aufmerksam, dass die Tür geöffnet wurde, und als er aufsah konnte er erkennen, dass endlich, endlich, Julie hereinkam.

Ihr Blick wanderte durch den Raum und blieb an seiner Hand hängen, welche er winkender Weise über seinen Kopf erhoben hatte.

Während er schon nach seiner Geldbörse angelte, kam Julie, sich an den vielen Tischen vorbei arbeitend, zu ihnen herüber.

Kurz bevor sie angekommen war, stieß sie am Nebentisch jemanden an und entschuldigte sich verlegen, ehe sie die letzten Schritte tat, dann an seiner Seite stehen blieb und lächelnd in die Runde grüßte.

Die Antworten fielen freundlich bis spöttisch aus und letzteres veranlasste Daren wieder dazu, einige mahnende Blicke in die Runde zu schicken.

„Hast du alles?", wandte er sich dann an Julie, die prompt errötete und nickte, was er etwas verwundert registrierte, jedoch nicht ansprach. Sie war seinen Fragen schon zuvor ausgewichen, also würde er einfach warten, bis sie es ihm mitteilte.

„Hier, trink noch einen Schluck, draußen ist es kalt", ergriff er wieder das Wort und hielt ihr fürsorglich sein, immerhin noch lauwarmes, Butterbier hin.

Dankend ergriff sie das Gefäß und führte es an die Lippen, während er einige Münzen abzählte und auf den Tisch legte.

Nachdem er aufgestanden war, reichte sie ihm das Getränk zurück und er leerte es zur Gänze, ehe er den Krug auf den Tisch zurück stellte.

„Also Leute, bis dann…", verabschiedete er sich und zog Julie zur Tür.

„Da geht es hin, das junge Glück, während wir hier weiter darben müssen!" Cev hatte wieder eine seiner dramatischen Anwandlungen, aber Daren war nun sehr viel besser gelaunt und winkte ihm nur kurz zu, ehe er hinter Julie nach draußen trat.

Ein kalter Wind pfiff ihnen um die Ohren und veranlasste ihn dazu, seine Jacke so schnell wie möglich zu schließen.

Andererseits war die Kälte aber auch ein guter Grund, dass er seine Hand um Julies Hüfte legen und sie zu sich her ziehen konnte. So war es schließlich viel wärmer.

Aneinandergeschmiegt trotzten sie dem unfreundlichen Wetter und schlenderten die Hauptstraße hinunter.

Da außer ihnen die Meisten ein warmes Café der Straße vorzogen, hatten sie keine Schwierigkeiten die Schaufenster zu bewundern und ließen sich Zeit mit ihrem Spaziergang.

Doch so sehr Daren das Alleinsein mit Julie genoss, seine Ohren wurden empfindlich kalt und er war froh, als sie, wie immer, über die Schwelle des Honigtopfes traten und ihm ein warmer Luftstrom ins Gesicht blies.

Julie streifte die Kapuze ihres Mantels zurück und er öffnete seine Jacke wieder, damit die Wärme auch in tiefere Kleidungschichten dringen konnte.

Händereibend standen sie sich gegenüber und lachten gegenseitig über ihre roten Nasen und Wangen. Sie sahen fast so aus, als hätte man sie angemalt.

Ein Rippenstoß beendete Darens Heiterkeitsausbruch und erst jetzt bemerkte er, dass der Laden proppenvoll war. Kein Wunder, bei der heimeligen Wärme und dem köstlich süßen Geruch der Leckereien. Er hatte es auch nicht besonders eilig, wieder nach draußen zu kommen.

Aber darüber musste er sich wohl erst einmal keine Sorgen machen.

Julies kleine Hand stahl sich in Seine und sie zog ihn zu dem Gestell mit großen Papiertüten.

Einige Rempeleien später hatte jeder von ihnen eine davon in der Hand und der Streifzug durch das Süßigkeitenparadies konnte beginnen.

Zusammen klapperten sie die vielen Regale und Tische ab und bewunderten die neuen Kreationen.

Obwohl noch November war, lagen bereits einige Weihnachtsleckereien aus, welche sie kritisch in Augenschein nahmen.

Singende Christbaumkugeln mit Nougatfüllung hörten sich nicht schlecht an und von den kleinen Marzipanengeln, die wirklich schwebten, packte Julie gleich eine ganze Handvoll ein.

Von den Stechpalmenzweigen aus Fruchtgummi ließen sie aber lieber die Finger, nicht sicher, ob diese vielleicht wirklich so spitz waren, wie sie aussahen.

Neben diesen unbekannten Größen wurde aber auch auf altbewährtes zurückgegriffen. Schokofrösche, Berti Botts Bohnen, Zucker-Federhalter und springende Fruchtgummibälle durften dabei nicht fehlen.

Zu guter Letzt steuerten sie noch die Schale mit den Sirupkirschen an, damit Julie ihre Tüte mit den heißgeliebten Bonbons auffüllen konnte.

„Hallo ihr Zwei", flötete es hinter ihm, doch er reagierte nicht weiter, da er annahm, das jemand anderes gemeint war.

Als jedoch eine Hand auf seiner Schulter landete, drehte er sich um, nur um in das strahlende Gesicht einer gewissen slyhterin'schen Vertrauensschülerin zu sehen.

„Hi", grüßte er etwas lahm zurück, doch für mehr war er in diesem Moment einfach zu überrascht.

Normalerweise ignorierte die MontGommery doch jeden, der nicht in ihrem Haus war, und nun sprach sie Julie und ihn sogar von sich aus an? Was war denn jetzt kaputt?

An Julies gemurmeltem „Hey…" konnte er hören, dass sie ebenso verwirrt über die Begrüßung war, wie er.

„Scheußliches Wetter nicht? Das einzig Gute, was sich darüber sagen lässt, ist, dass es wenigstens nicht auch noch regnet", plapperte das Mädchen weiter und warf dabei, mit einer fließenden Bewegung, ihre langen blonden Haare nach hinten.

„Ähm, ja…" Wieder war er es, der antwortete. Julie sagte nichts.

Irrte er sich oder wollte die Slytherin wirklich ein Gespräch mit ihnen anfangen?

„Oh, habt ihr diese hier schon gesehen?", schwatzte diese schon wieder und kramte in ihrer Tasche, welche etliche Beulen aufwies und vermutlich schon einiges aus dem Honigtopf beherbergte.

„Ist das nicht lustig?" Sie wedelte mit irgendetwas vor seinem Gesicht herum, allerdings so schnell, dass er nichts Genaues erkennen konnte.

„Schau, der kann sogar fliegen!" Als sie das Ding los ließ, schwebte es tatsächlich gemächlich um ihren Kopf und nun konnte man den kleinen Besen auch als solchen wahrnehmen.

„Ja, ganz nett", stimmte er ihr zu.

„Hier, ich schenk ihn dir." Breit lächelnd strahlte sie ihn an, pflückte den Miniaturbesen aus der Luft und drückte ihn in Darens Hand.

„Danke", brachte er perplex hervor, doch sie hatte sich schon halb umgedreht und rauschte mit einem „Dann viel Spaß noch" davon.

Nachdem er ihr einen Moment nach gestarrt hatte – das Ganze war ihm immer noch rätselhaft – nahm er neugierig die Süßigkeit in seiner Hand unter die Lupe.

„Seit wann redet die freiwillig mit Nichtslytherins?", kam es ungläubig von Julie, doch da er ihre Frage nicht beantworten konnte, zuckte er nur mit den Achseln.

„Vielleicht wollte sie einfach nur nett sein?", gab er zu bedenken, doch seine Freundin schnaubte nur.

„Und? Freust du dich darüber?" Mit einem Nicken in die Richtung seiner Hand machte sie deutlich, was sie meinte.

„Na ja… ich mag keine Lakritze, ich glaub ich geb es Jim", meinte er und verstaute den Lakritzbesen in seiner Jackentasche.

„Haben wir alles?", wollte er dann wissen, doch von Julie kam keine Antwort.

„Alles okay?", hackte er deshalb nach, vor allem, da ihn ihr Stirnrunzeln irritierte.

„Ja, gut, gehen wir zahlen", erklärte sie daraufhin knapp und schlängelte sich durch die Schülermassen vor zur Kasse.

Schweigend reihte er sich hinter ihr in die Schlange und wartete, um sie erneut anzusprechen, bis sie wieder, nun jeder mit einer Tasche, voll mit süßen Sachen, draußen vor dem Laden standen.

Doch bevor er auch nur den Mund auf gemacht hatte, war sie schon mitten im Satz.

„Ich brauche noch etwas von Besenknechts°. Du willst doch bestimmt zu Zonkos?" Automatisch nickte er. „Gut, dann sollten wir uns besser trennen, es ist schon recht spät und ich habe keine Lust auf einen Rüffel von Filch, weil wir ein paar Hundertstelsekunden zu spät zurück sind."

„Okay, dann hol ich dich da ab…", meinte er hastig, trotzdem blickte er bei seinen letzten Worten nur noch auf ihren Rücken. Mit einem knappen Winken der Hand bedeutete sie ihm, dass sie verstanden hatte.

Verwundert steuerte er auf den Scherzartikelladen zu.

oOoOoOo

Eine gute Stunde später gingen beide schweigend nebeneinander her, den Weg zurück zum Schloss.

Als er ihr angeboten hatte ihre Taschen zu tragen, hatte sie mit einem „Geht schon", abgewehrt. Nun konnte er sie nicht mal an der Hand fassen, da diese dummen Tüten zwischen ihnen - an ihrer Hand wohlgemerkt - baumelten und ihn auf Abstand hielten.

Er war froh, als sie endlich die Eingangshalle betraten, da er so dem unangenehmen Wind und dem noch unangenehmeren Schweigen entkam.

Nachdem sie noch in Filchs Büro vorgesprochen und ihre Rückkehr bezeugt hatten, suchten sie auf schnellstem Wege den Gemeinschaftsraum auf, um sich vor dem Feuer aufzuwärmen.

Doch auch als die Kälte aus seinem Körper gewichen war, die Atmosphäre zwischen Julie und ihm schien ihm immer noch etwas unterkühlt.

Das an sich war schon unschön, aber das er keinen Schimmer hatte, warum es ihr nicht gut ging, ärgerte ihn wirklich.

Abwartend saß er neben ihr auf dem Sofa und schielte immer wieder zu ihr hinüber, in der Hoffnung, einen Fingerzeig zu bekommen.

Aber sie saß nur da, die Nase in einem Buch, und lernte.

Irgendwann gab er es auf und entschied, dass der Lernstress wohl die wahrscheinlichste Erklärung für Julies abweisendes Verhalten war.

Außerdem hatte er selbst noch einen Berg an Hausaufgaben zu bewältigen, der in der letzten Woche, mit jedem abendlichen Quidditchtraining, beständig gewachsen war.

Nach einem letzten Blick zu seiner Freundin, die immer noch in ihre Lektüre versunken schien, tauchte er entschlossen seine Feder in die Tinte und begann konzentriert den ersten Aufsatz.


° ‚Besenknechts Sonntagsstaat', Kleiderladen in Hogsmeade