Die Nacht war dunkel, Frost hing in der Luft. Snaps Athem stieg in kleinen, weißen Wolken zum Himmel empor, während er einfach nur dastand, nachdachte und die Einsamkeit des Waldes genoss.
Es war nun schon fast fünf Tage her, dass er Hermine in seine Hütte aufgenommen hatte. Ihr Zustand hatte sich, nicht zuletzt durch seine Hilfe, schnell verbessert. Seit gestern konnte sie sogar wieder alleine aufstehen. Snape war froh, dass sie nun etwas selbstständiger war. Zugegebenermaßen war sie keine schwierige 'Patientin' gewesen. Snape hatte bis jetzt jedoch immer nur für sich selbst sorgen müssen und hatte immer alleine gelebt.
Bis jetzt hatte er sich, bezüglich Hermine, wacker geschlagen, stellte er sehr zufrieden mit sich fest. Keine Wutausbrüche mehr seit zwei Tagen und für seine Verhältnisse war er sehr geduldig gewesen. Gut, eben gerade war er wieder ein wenig laut geworden, aber ihre andauernden Fragen und die ständige Nähe zu ihr, machten ihn reizbar und nervös. In der völligen Einsamkeit der Nacht konnte er sich wieder etwas entspannen.
Der gefrorene Boden unter seinen Füßen knirschte, als er zurück zur Hütte ging. Der Wald, in dem sie sich befanden, erstreckte sich über mehrere Kilometer. Hier mitten im Wald, auch nur ein paar Meter von der Hütte entfernt, konnte man die Einsamkeit einfach am besten genießen.
Snape stieg zur Veranda der Hütte hinauf. Noch einmal sog er die eiskalte Nachtluft in seine Lungen, bevor er durch die Tür schritt. Das Innere der Hütte lag in warmen Lichtschein des Kaminfeuers vor ihm. Hermine lag halb auf dem Sofa, halb auf dem Tisch, der vor ihr stand. Anscheinend war sie eingeschlafen. Snape setzte sich in einen der Sessel neben der Couch.
Er betrachtete Hermine, ihre langen dunklen Locken, die ausgebreitet über dem Tisch üher war ihr Haar buschig und unbändig gewesen, doch jetzt umrahmte es ihr schlafendes Gesicht mit langen seidigen Locken. Snape wunderte sich, dass ihm solche Kleinigkeiten überhaupt auffielen. Hermines entspanntes Gesicht regte sich ein wenig.
Sie lag mit dem Oberkörper halb auf dem Tisch und rutschte ein Stückchen zur Seite. Snapes Augen verengten sich, als er erkannte, was Hermine als Kopfkissen verwendet hatte. Mit der flachen Hand schlug er unbarmherzig auf den kleinen Holztisch. Hermine zuckte hoch. Verängstigt riss sie die Augen weit auf. Durch ihre ruckartige Bewegung entblößte sie das Buch, über dem sie eingeschlafen war und bevor sie irgendetwas sagen konnte, wütete Snape auch schon los:
"Regel Nummer zwei Miss Granger?" Hermine senkte den Kopf und presste die Lippen zusammen. Er hasste es, wenn sie weinte, das wusste sie und sie wollte ihn auf keinen Fall noch wütender machen. „REGEL NUMMER ZWEI?", fragte Snape in gefährlich ruhigem Ton und betonte dabei jedes einzelne Silbe.
„Nichts anfassen, was ihnen gehört,Sir", flüsterte Hermine ängstlich. Sie hoffte, dass er nicht sah, dass Tränen über ihre Wangen flossen. „Ich verstehe sie nicht! Lauter und schauen sie mich dabei an, damit ich sehe, dass wir uns verstanden haben!" , bemerkte Snape gehässig. Hermine hob widerwillig den Kopf, schaute ihren früheren Lehrer jedoch nicht an, sondern rechts an seinem Gesicht vorbei und sagte nun lauter:" Ich soll nichts anfassen was ihnen gehört, Sir".
Snape sah das Tränen ihre Wangen bedeckten.
Er wusste nicht warum, aber es machte ihn jedes Mal wütender, wenn er bemerkte, dass sie weinte. Eine kleine Stimme in ihm flüsterte jedoch, dass er wütend wurde, weil er der Situation hilflos ausgeliefert war und nicht in der Lage, ihre Tränen zu stoppen. Sogar als er es am vierten Tag einmal versucht hatte, indem er ihr klar machen wollte, dass die Beerdigung ihrer Mutter schon vor einem Tag gewesen war und sie deshalb nicht hingehen musste, hatte er alles nur noch schlimmer gemacht.
Er zog das Buch von ihr weg und überflog die Überschrift der aufgeschlagenen Seite. Etwas erstaunt schaute er zu Hermine. Sie hatte sich ganz klein in einer Ecke des Sofas zusammengekauert. Die Frage die ihm schon auf der Zunge lag, blieb ihm im Hals stecken, als er sah, wie verängstigt sie aussah. Wütend stand er auf, ging in sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Hermine hatte wirklich schlecht ausgesehen. Tiefe Augenringe und eine abnormale Blässe hatten ihr Gesicht merkwürdig verzerrt.
Am Anfang hatte es Snape noch Spaß gemacht sie einzuschüchtern, doch ihre Reaktionen waren immer übertriebener geworden. Langsam fragte er sich, für was für ein Monster sie ihn wohl hielt. Er wollte am liebsten nicht darüber denken, nicht mehr an sie denken. Er war schon immer fies zu den Schülern von Hogwarts gewesen, vorzugsweise zu den Gryffindors. Er hatte grausame und verabscheuungswürdige Dinge getan. Doch er hatte sich immer eingeredet, es wäre für die Tarnung, nur für den Dienst unter Dumbledore, alles nur für Lily. Er hatte geglaubt, dass er sich verändert hatte, da er sich für all die Taten zutiefst verabscheute, doch nun da er im Grunde frei war, verhielt er sich weiterhin wie ein Mistkerl. Snape lehnte sich mit dem Rücken an die Tür und rutschte langsam an ihr herunter. Er war ein Monster. Verzweifelt vergrub er sein Gesicht in seinen Händen. Er hatte sich nicht verändert. Er war der Mann, von dem er die ganze Zeit angenommen hatte, dass er ihn nur spielte. Aber dieses Mädchen nebenan, verängstigt, wie ein misshandeltes Haustier, war der lebende Beweis dafür, dass er, Severus Snape, genau das war, was er immer verabscheut hatte.
Ein Laut aus dem Nachbarraum riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Er stand auf und öffnete leise die Tür. Im Wohnraum war es dunkel. Der Kamin verströmte nur ein schummriges Licht. Hermine lag in ihrem Bett und schlief. In dem Glauben, sich das Ganze nur eingebildet zu haben, wollte er die Tür schon wieder schließen, als er wieder das Geräusch vernahm und erkannte, dass Hermine im Schlaf vor sich hinmurmelte. Lautlos kam er an ihr Bett heran. Hermines Schlaf schien unruhig zu sein. Sie warf sich hin und her. Ihre Lippen bewegten sich. "Bitte nicht", flüsterte sie im Schlaf. „Bitte nicht," wiederholte sie es ,diesmal lauter und flehender. „Bitte Professor!", schrie Hermine nun und Snape starrte sie, wie vom Blitz getroffen, an. Er hatte das leise Gefühl, dass er gemeint war und er wollte, dass sie aufhörte. Sein erster Instinkt war sie zu wecken und anzuschreien. Doch er unterdrückte ihn und blieb ruhig. Er hatte keinen blassen Schimmer, was er tun sollte und tat das einzige was ihm sonst einfiel. Er setzte sich auf die Bettkante und zog Hermine in seine Arme. Etwas starr saß er, ihren Oberkörper umschlungen, da. Hermine erwachte von der Berührung und begann sich zu wehren, erst leicht, dann immer heftiger. „Bitte Professor, lassen sie mich", rief sie, während sie sich seinem stählernem Griff zu entwinden versuchte. Geschockt, sie dieselben Worte ihres Alptraums sagen zu hören, lies er von ihr ab und sprang auf.
Erst als Snape sie losließ spürte sie, dass er es gut gemeint hatte, dass die Geste freundlich gewesen war. Verwundet schaute sie zu ihm auf und wieder, wie damals kurz nachdem er sie gerettet hatte, verstand sie nicht, warum er es getan hatte. Es passte einfach nicht zusammen. Der Verräter und ihre Rettung. Die Grausamkeit, mit der er sie behandelte und diese Umarmung. Was war das nur für ein Mann?
„Professor", sagte Hermine zögernd und als Snape sich nicht regte, sprach sie weiter. „Danke, dass sie mich geweckt haben." Immer noch rührte er sich nicht. Hermine wurde es flau im Magen. Obwohl sie Angst hatte, etwas falsches zu tun und wieder seinen Ärger auf sich zu ziehen, stand sie ebenfalls auf und stellte sich vor ihn. „Professor, ich glaube ihnen, dass sie Dumbledores Spion sind, ich verstehe nur nicht...", doch Snape unterbrach sie schneidend : „Denken sie wirklich, es würde sie auch nur im Entferntesten etwas angehen?" Hermine kratzte allen Mut zusammen, den sie noch übrig hatte. Sie schaute ihm fest in die Augen und sagte laut: „Sie sind erbärmlich! Wahrscheinlich sind sie nur zu Dumbledore zurückgekehrt, weil sie zu feige waren nach Askaban zu gehen! Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihnen jemals irgendetwas was bedeutet hat. Sie haben ihre Seele doch immer dem Meistbietenden verschachert oder eben dem, der gerade am besten dastand!" Hermine redete sich in Rage und ließ die ganze in ihr aufgestaute Wut und Angst heraus, doch bevor sie weitersprechen konnte, schlug Snape ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Die Wucht des Schlages ließ sie gegen die Holzwand der Hütte taumeln. Mit drei schnellen Schritten kam Snape ihr nach, packte sie an den Schultern und presste sie gegen die Wand. Er kam ihrem Gesicht ganz nah und blitzte sie mit seinen Augen gefährlich an. Er sah wieder die Angst in ihren Augen trat und plötzlich brachen alle seine Schutzschilde. Das was sie gesagt hatte, hatte ihn zutiefst verletzt. Auch wenn es nur das bestätigte, was er schon befürchtet hatte. Sie sah ihn ebenfalls als ein Monster an. Er dachte an Lily. Auch sie hatte ihn am Ende wohl für nichts anderes mehr gehalten. Die Erinnerungen an Lily überfluteten ihn. Er sah in Hermines Augen, sah in ihnen sein Leben mit allen Gefühlen, allen Facetten an sich vorbei ziehen.
Hermine sah den grenzenlosen Zorn in seinen gefährlich schwarzen Augen aufblitzen und glaubte, er würde sie töten, doch es geschah etwas ganz anderes.
Gerade als der Schmerz in ihren Schultern so stark wurde, dass sie glaubte, er würde ihr gleich beide Arme brechen, überströmte sie eine riesige welle von Gefühlen und Erinnerungen, die nicht die Ihren waren. Sie sah Szenen vor ihrem inneren Auge vorüber ziehen, die nicht aus ihrem Leben stammten, sondern aus seinem.
Keuchend sackte Snape zusammen. Hermine stand vor ihm, geschockt und doch langsam verstehend. Er kniete in seiner schwarzen Robe vor ihr, den Kopf vor Erschöpfung gesenkt und leicht zitternd. Mühsam rappelte er sich auf. Hermine stand stocksteif da und schaute ihn aus großen Augen an. Es gefiel ihm nicht, wie sie ihn ansah. War es möglich? Nein sie konnte nicht gesehen haben, was er gesehen hatte. Snape schaute sie bei dem Gedanken entgeistert an. Ihre Augen trafen sich und zu seinem Entsetzten sah er in ihren Augen, dass sie es wusste, dass sie alles wusste. Verwirrt und panisch wich er vor ihr zurück und stürzte in sein Zimmer.
Hermine ließ sich auf die Couch fallen. Ihr Gehirn dröhnte von dem Schlag und den vielen Erinnerungen, die sie gerade durchlebt hatte. Ihr war immer noch nicht klar, wie es geschehen war, doch sicher war, dass sie einen Einblick in Snapes Inneres erhascht hatte. Einen sehr tiefen Einblick, das war ihr deutlich vor Augen geführt worden, als Snape das Zimmer so fluchtartig verlassen hatte. Dies ließ auch darauf schließen, dass er davon genauso überrumpelt worden war wie sie. Das wiederum musste bedeuten, dass es ohne sein Einverständnis geschehen war. Hermine hoffte inständig, dass er sie dafür nicht bestrafen würde. Fast hätte sie über sich selbst gelacht, natürlich würde er sie dafür büßen lassen, was sie gesehen hatte. Oder doch nicht? Das was sie gesehen hatte, setzte sich nur langsam zu einem Ganzen zusammen, ließ sie ihn aus anderen Augen betrachten und ein wenig besser verstehen. Als Kind war er anscheinend sehr verängstigt und eigenbrötlerisch gewesen. Kein Wunder bei den Eltern, dachte Hermine. Sie hatte nur bruchstückhafte Fetzen gesehen, doch was sie gesehen hatte, ließ sie eins und eins zusammenzählen. Nur wer war dieses Mädchen gewesen, für die er so starke Gefühle empfunden hatte? Nie hätte Hermine sich träumen lassen, dass der kühle Severus Snape so stark empfinden konnte. Es tat ihr nun Leid wie und was sie zu ihm gesagt hatte. Sie hatte gesehen, dass auch ein Severus Snape verletzt werden konnte. Aus irgendeinem Grund hasste sie das rothaarige Mädchen aus Snaps Erinnerungen dafür, was sie ihm angetan hatte. Was es gewesen war, wusste Hermine nicht genau, doch hatte sie ihm damit sehr weh getan. Insgeheim beneidete sie das Mädchen darum, so intensiv von ihm geliebt worden zu sein.
