Sturmnacht (durch Eis und Feuer)
Drückend lag die Dunkelheit über ihnen. Es war als ob die Zeit still stände. Hermine konnte niemanden im Nachbarraum erkennen und doch spürte sie die Anwesenheit von zwei Personen, ganz in ihrer Nähe. Was sollten sie nur tun? Ein Kampf würde die Angreifer nur in ihrer Annahme bestätigen. Fliehen? Wie? Hektisch schaute Hermine Snape an. Er konnte ihre ungebetenen Gäste am besten einschätzen.
Ihre Blicke trafen sich. Snape zog sie nah an sich heran. So nah, dass er ihr Ohr fast mit den Lippen berührte. „Wenn ich jetzt sage flieh aus dem Fenster, lauf einfach geradeaus, du wirst einen kleinen See erreichen, laufe rechts an ihm entlang. An der großen Trauerweide liegt eine kleine Kette. Sie ist ein Portschlüssel und du..", doch weiter kam er nicht. Ein Fluch sirrte durch den Raum und verfehlte Hermine nur um wenige Zentimeter. „Jetzt", schrie Snape und stieß Hermine von sich. Er sprang in den Wohnraum, den Angreifern entgegen. Hermine blieb wie angewurzelt stehen.
Sie wollte nicht gehen, sie wollte ihm helfen. „Geh endlich", schrie Snape ,ein zweites Mal und Hermine löste sich aus ihrer Erstarrung. In der Hoffnung, dass er einen Plan hatte, riss sie das Fenster im Schlafzimmer auf und sprang hinaus. Ein eisiger Wind blies ihr entgegen. Seit Tagen war sie nicht mehr draußen gewesen und es hatte geschneit. Die Nacht war kalt und finster, doch Hermine rannte los. Geradeaus, in der Hoffnung nicht im Kreis zu laufen.
Das Adrenalin in ihrem Körper übertünchte die Kälte und den Schmerz, der sie wieder einzuholen drohte. Entsetzt bemerkte Hermine, dass ihr jemand folgte und immer wieder Flüche auf sie abfeuerte. Noch schneller rannte sie. Doch ihr Verfolger kam unaufhaltsam näher. Der Medeor-Anima und die Anstrengungen des Tages forderten ihren Tribut. Er war eindeutig schneller und würde sie bald einholen.
Sie ging hinter einem Baum in Deckung und schleuderte einen Schock-Zauber in die Richtung ihres Verfolgers. Doch sie hatte ihn verfehlt und er kam immer näher. Haken schlagend wich er Hermines Flüchen aus und war nun auf wenige Meter an sie heran gekommen. Es war Mc Nair. Hermine überlief ein eisiger Schauer. Dieser Mann hatte ihre Mutter getötet. Ohne nachzudenken stürzte sie vorwärts. Sie wollte diesem Bastard Schmerzen zu fügen. Sie wollte sich an ihm rächen, ihre Mutter rächen.
Snape rappelte sich benommen auf. Malfoy lag auf dem Boden. Er schien bewusstlos zu sein. Ihm wieder das Gedächtnis zu verändern wagte Snape nicht. Stattdessen zog er eine kleine, silberne Phiole hervor. Oblivi-covigatum war ein starker Vergessenstrank. In großen Mengen hochgiftig für die Seele.
Snape drehte den bewusstlosen Mann in seinem Wohnzimmer grob um, sodass er mit dem Rücken nach unten lag. Vorsichtig ließ Snape einen einzigen Tropfen der silbernen Flüssigkeit zwischen Malfoys Lippen fallen. Das würde genügen. So gerne er Malfoy tot gesehen hätte, es würde nur Fragen aufwerfen.
Er musste sich jetzt wichtigeren Fragen zuwenden. Wo war Mc Nair und noch wichtiger wo war Hermine? Ein lautes Krachen und eine erdbebenähnliche Erschütterung des Bodens ließen Snape zusammenzucken. Schnell sprang er auf, verließ die Hütte und rannte in Richtung des Knalls. Der Wald war nicht sehr dicht, wodurch Snape gut zwischen den Bäumen hindurchlaufen konnte. Zudem konnte er relativ weit sehen. Und was er sah, gefiel ihm gar nicht. Hundert Meter vor ihm waren mindestens zehn Bäume entwurzelt und lagen kreuz und quer übereinander. Es schien eine riesige Explosion gegeben zu haben. Snape rannte noch schneller. Was war hier nur passiert? Wo war Hermine? Kurz vor der neu entstandenen Lichtung wurde Snape langsamer und betrat nur zögernd den Kreis aus Bäumen, in deren Mitte ein tiefer Krater ragte. Total perplex stand Snape da. Was war hier nur passiert? Es war niemand zu sehen, weder Mc Nair, noch Hermine. Zu Snapes Überraschung durchflutete ihn eine heftige Welle der Angst, als er an Hermine dachte und an das, was ihr zugestoßen sein könnte. Noch einmal sah er sich um, versuchte irgendwie einen von Beiden zu erspähen. Mit wachsender Verzweiflung umkreiste er einmal den Krater. Als er nichts entdeckte, wollte er sich schon abwenden, da bewegte sich rechts neben ihm etwas. Es war ein Haufen Äste. Aus den Ästen rappelte sich ein blutverschmierter Mc Nair auf. Mit Schrecken erkannte er, dass Mc Nair der rechte Arm fehlte. Mc Nair schien Snape nicht einmal zu bemerken. Er wankte in Richtung Hütte, kam sogar einige Schritte weit, bevor er bewusstlos in den Schnee fiel. Snape ging zu ihm hinüber und ließ die blutende Wunde versiegen. Auch ihm flößte Snape den Oblivi-covigatum ein, falls er diese Wunde doch überleben sollte. Doch viel wichtiger war, wenn Mc Nair hier gewesen war, musste Hermine auch in der Nähe gewesen sein. Noch einmal schritt er den Umkreis des Kraters ab, schaute unter jeden Baumstumpf und jeden Ast, fand jedoch nichts. Vielleicht hatte sie es doch zu dem Portschlüssel geschafft, überlegte Snape hektisch und lief in Richtung See. Und wirklich, sie war in Richtung See gelaufen, hatte es jedoch nicht geschafft. Sie lag im Schnee, einfach so. Keine erkennbaren Verletzungen, nur sehr blass und ihre Lippen leicht bläulich. Snape kniete neben ihr. Ihr Atem ging nur flach und unregelmäßig. Sie war eindeutig unterkühlt. Wieder wurde er von einer überraschend starken Welle aus Angst und Sorge überrollt. Irritiert musste er blinzeln. Was war nur mit ihm los? Warum hatte er nur so große Verlustängste? Etwa wegen ihr?
Verärgert schüttelte Snape seinen Kopf. Für so etwas hatte er nun wirklich keine Zeit.
Behutsam hob er Hermine auf. Er hätte sie auch vor sich her schweben lassen können, was sie jedoch brauchte war Wärme und wenn es nur die Wärme seines eigenen Körpers war. Mit ihr im Arm drehte er sich auf der Stelle. Im Moment gab es nicht viele sichere Orte für sie, doch Snape wusste genau wo er hin musste.
Hermine erwachte unter fürchterlichen Schmerzen. Grelles Licht verhinderte, dass sie die Augen für längere Zeit geöffnet halten konnte. Meine Haut, dachte Hermine voller Schmerzen. Wieder versuchte sie die Augen zu öffnen.
Nur verschwommen sah sie eine schwarze Iris, doch sie wusste genau wem sie gehörte. „Bitte", krächzte Hermine mit vor Schmerz verzerrter Stimme. „ Bitte Professor, helfen sie mir! Ich…. Ich verbrenne!"
Dumpfe Laute klangen an ihrem Ohr, doch sie verstand nichts. Als die Schmerzen so unerträglich wurden, dass Hermine meinte auf jedem Zentimeter ihrer Haut tausende von messerscharfen Nadeln zu spüren, ebbte der Schmerz plötzlich ab. Die Schmerzen machten einer Wärme platz, die sich in ihrem ganzen Körper auszubreiten schien. Erleichtert öffnete sie die Augen. Es war immer noch hell, aber sie gewöhnte sich langsam daran. Sie erkannte, dass sie in einem großen, hellen Bad war, das sogar größer zu sein schien, als der Gemeinschaftsraum der Gryffindors.
Sie lag in einer Wanne, die in der Mitte des Raumes eingelassen war. Die Wanne war so groß und tief, dass sie eher einem Whirlpool glich, denn einer Wanne. Hermine trug nichts als ein weißes, knöchellanges Kleid, dass ihr am Körper klebte und sie hinabzuziehen drohte. Doch sie wurde über Wasser gehalten. Sie schaute nach rechts, Snape stand voll bekleidet in der Wanne, hielt ihren Oberkörper kurz unter der Wasseroerfläche und schaute sie voller Sorge an. Hermine hob ihren Kopf, obwohl es sie einiges an Anstrengung kostete, ließ ihn jedoch sofort sinken, als sie Snapes tadelnden Blick sah. Plötzlich fühlte sie sich furchtbar schwach. Sie konnte sich kaum noch bewegen. Panik überfiel sie. Sie war Snape hilflos ausgeliefert. Dieser nahm Hermine vorsichtig hoch und trug sie aus dem Becken. Wenige Sekunden später trocknete er sie mit Magie. Hermine ließ es mit sich geschehen, sie war ohnehin so schwach, dass sie noch nicht einmal etwas erwidern konnte. Einen endlos langen Gang entlang trug er sie in ein kleines Zimmer. Es war gemütlich und hell. Ein Himmelbett, ein Schrank und eine kleine Kommode standen im Zimmer, sonst nichts. Snape legte sie vorsichtig in das Bett. Er deckte sie behutsam zu und schaute sie prüfend an. Hermine zitterte wieder.
Ohne große Umschweife streifte Snape seine immer noch nasse Robe ab, trocknete seine schwarze Hose und sein Hemd und stieg zu ihr ins Bett. Hermines Augen weiteten sich vor Angst. Was hatte er vor? Snape zog sie an sich. „Keine Angst," flüsterte er ihr zu, als sie sich versteifte. Sein Körper strahlte eine wunderbare Wärme aus, sie entspannte sich langsam und genoss diese Umarmung. Schon lange nicht mehr war ihr jemand so nahe gewesen. Sie fühlte sich so sicher und beschützt, dass sie fast im selben Moment, in dem sie dies erkannte, in die Traumwelt hinüber gilt.
Snape hingegen war hellwach. Was fiel ihm nur ein, sich zu einer Schülerin ins Bett zu legen? Was war nur über ihn gekommen? Er musste sich eingestehen, dass er sich mehr Sorgen um sie gemacht hatte, als in den ganzen letzten Jahren um sich selbst. Wenn er mit sich ehrlich war, war sein Leben ihm kaum noch etwas wert gewesen. Nun da Hermine dasselbe Schicksal mit ihm teilte, spürte er eine Verbundenheit zu ihr. Er wollte ihr wichtig sein, wenigstens von ihr wollte er nicht weggestoßen werden. Sie hatte einen Bruchteil von seiner Seele erhaschen können, wie auch immer es geschehen war. Er wollte nicht mehr allein sein, jetzt wo er die Nähe zu einer anderen Person fühlte, wollte er dies nie wieder missen. Nein, er musste sich verändern, er wollte sich verändern. Für sich und für sie. Er war die einzige Person, die sie momentan hatte. Sie sollte ihn nicht mehr als das Monster sehen, dem er schon seit seiner Demaskierung versuchte zu entfliehen. Ja er würde es versuchen. Er wollte nicht mehr alleine sein. Er machte sich keine Illusionen darüber, dass sie sehr jung und seine Schülerin war, dazu noch seine Schutzbefohlene. Ohnehin würde sie romantische Gefühle niemals erwidern, doch auch eine gute Freundschaft würde ihn zu einem besseren, einem nicht mehr so einsamen Menschen machen.
