Hallo, ihr Lieben! Und jetzt geht es auch schon weiter mit dem zweiten und zugleich letzten Kapitel. Viel Spaß beim Lesen! Alles Liebe, eure Melissa.


Lily hatte Jahre darauf gewartet, dass die Welt über James Potters Kopf einstürzte. Ein Einsturz war unvermeidbar: sein Ego war so aufgeblasen, dass es nur eine Frage des Wann und Wo war bis es platzte. Lily bezweifelte, dass dieses berüchtigte Ego heute Abend bleibenden Schaden genommen hatte, dasselbe konnte sie allerdings nicht über den dazugehörigen Schulsprecher sagen, weswegen sie sich überhaupt nicht an der unglaublichen Ironie der Ereignisse des heutigen Abends erfreuen konnte.

Typisch Potter, dass er ihr dieses Gefühl der ausgleichenden Gerechtigkeit vermiesen musste.

Es würde ihm gut gehen, natürlich. Er entkam jedem Unheil mit einem Grinsen auf dem Gesicht und Kriegswunden, die für alle Welt sichtbar waren. Lily kannte James zu gut, um etwas anderes zu erwarten, selbst wenn ein Tunnel es sich kurzzeitig auf seinen Beinen bequem gemacht hatte. Das versuchte sie sich selbst einzureden, als sie am Rand eines Bettes im Krankenflügel saß und Madam Pomfrey laut über den Zustand ihres Armes schimpfte.

Es funktionierte nicht.

So sehr sie auch versuchte Erinnerungen an den stolzierenden, grinsenden Blödmann aus der Vergangenheit heraufzubeschwören, ihr Gehirn fügte immer wieder unwillkommene Details hinzu: ein Humpeln, eine ihn schwächende Wunde, eine zerbrochene Brille. Lilys Innerstes wand sich und sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie wütend sein sollte oder besorgt.

Wo war er? Was dauerte nur so lange? Wenn irgendjemand den Einsturz eines Ganges rückgängig machen konnte, dann Dumbledore – aber was wenn er seinen Zauberstab geschnipst hatte und nicht gewutscht und der Gang während der Bergung vollends zusammengestürzt war?

Was wenn jemand geniest hatte?

Lily zuckte zusammen, als etwas Kaltes und Nasses auf ihre Haut tropfte.

„In dieser Schule folgt eine Verletzung auf die andere.", sagte die Heilerin schroff, während sie mit ihrem Zauberstab eine Heilsalbe auf Lilys Arm verteilte. „Explodierte Kessel, Quidditchspiele, einstürzende Schlösser – um Himmels Willen! Wenn es nach mir ginge, würde ich euch alle in Schutzpolster packen. Das würde mir eine ganze Menge Arbeit ersparen, das sag ich Ihnen…"

Lily nickte dumpf, aber ihre Gedanken waren schon wieder bei dem Korridor im Ostflügel. Die Fragen kamen wieder auf und stapelten sich wie Backsteine in einer Mauer, höher und höher, bis sie es nicht mehr ertragen konnte.

„Wo ist James?", platzte es aus ihr heraus. Der Name fühlte sich immer noch fremd auf ihrer Zunge an. „Er sollte schon längst hier sein. Was, wenn sie ihn nicht befreien konnten?"

Madam Pomfrey schüttelte den Kopf und umfasste Lilys Arm mit einem festeren, stärkeren Griff. „Darum sollten Sie sich keine Sorgen machen. Er wird bald hier sein. Sie bleiben hier jetzt ruhig hier sitzen und warten bis die Heilsalbe wirkt."

Madam Pomfrey murmelte etwas über die Auswirkungen von Stress auf die Schüler vor sich hin und bedachte Lily mit einem mahnenden Blick, bevor sie zum nächsten Bett eilte. Während Lily ihr dabei zusah, wie sie die Bettdecke zurückschlug, überkam sie der starke Drang zu fliehen und zwar jetzt, bevor jemand in diesem Bett lag.

Ein heißes Gefühl der Panik befiel ihr Gemüt und sie konnte sich gerade noch zurückhalten zur Tür zu flüchten. Es war ja nicht so, dass sie James nicht sehen wollte – ganz im Gegenteil sogar. Sie wollte unbedingt sichergehen, dass er die Rettungsaktion überlebt hatte. Es war nur – es war nur so, dass…

Lily pfriemelte an ihrer Bettdecke herum, bis Madam Pomfrey drohte sie zu konfiszieren.

Die Sache war – die Sache war die, dass sie nicht wusste was sie James sagen sollte, wenn sie ihn sah. Er war es, der mit dem Gedanken beschäftigt gewesen war, seine Würde zu bewahren, aber sie war es, die vorhin zusammengebrochen war und sich an seiner Hand festgeklammert hatte. Wenn sie beide zusammengenommen noch etwas Würde besaßen, dann bestimmt nicht wegen Lily.

Aber es ging nicht nur um Stolz. Im Gegensatz zu James hatte Lily kein besonders großes Ego, das zusammengefaltet werden konnte und sie war auch niemand, der sich einer Situation entzog, um Peinlichkeiten zu vermeiden. Der Kern des Problems war sehr viel einfacher. Von Angesicht zu Angesicht in einer Situation, in der es nicht um Leben oder Tod ging, befürchtete Lily, würden sie wieder miteinander zanken, genau wie in den letzten sechs Jahren.

Mit dem Blick starr auf das ihr gegenüberliegende Bett gerichtet, atmete Lily zittrig aus.

Albern. Sie verhielt sich total albern. Wenn sie mit James durch eine Trümmerwand Geplänkel austauschen konnte, sollten sie das auch hier können. Es sollte keinen Unterschied machen. Das sollte es nicht.

Ihr Blick blieb an der glänzenden Heilsalbe auf ihrem Arm hängen, den sie durch den Trümmerhaufen gesteckt hatte, um nach dem Schulsprecher zu greifen, weil es in diesem Moment das Richtige zu sein schien. Was für ein unsinniges Zeug hatte James noch mal gesagt? Irgendetwas über Gryffindors und –

Sie verzog das Gesicht. „Ich bin kein Meerschweinchen."

„Das ist die richtige Einstellung, meine Liebe.", sagte Madam Pomfrey abwesend vom gegenüberliegenden Bett aus, wo sie die Kissen aufschüttelte.

Lily errötete, aber sie ließ nicht von dem Gedanken ab. Lily Evans gab nicht auf. Dazu war sie viel zu gut und mutig. Und eigentlich wusste sie auch, dass sie James irgendwann sowieso begegnen musste. Lieber in dem einigermaßen ungestörten Krankenflügel als im Gemeinschaftsraum von Gryffindor.

Aber was in aller Welt sollte sie sagen?

„Was für ein Zufall dich hier zu treffen, Evans."

Lilys Kopfe ruckte nach oben, als sie den Klang dieser Stimme vernahm und die übliche böse Vorahnung von Chaos, Unordnung und allgemeinem Unheil kam ihr sogleich in den Sinn. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. In Erwartung James zu sehen, blinzelte Lily, als sie nur McGonagall entdeckte. Sie folgte der ausgestreckten Zauberhand der Professorin zu dem horizontal schwebenden Körper.

Sie schnappte nach Luft.

„Bitte werden Sie nicht hysterisch.", sagte McGonagall, während sie mit hinter ihr wehendem Morgenmantel durch den Krankenflügel schritt. „Wenn Potter noch reden kann, würde ich behaupten er wird es überleben." Sie klang nicht besonders begeistert von der Tatsache.

McGonagall wechselte einen finsteren Blick mit Madam Pomfrey und ließ James dann auf das Bett neben dem von Lily schweben. Bewegung kam wieder in seinen Körper, sobald er die Matratze berührte, aber alles was Lily sah, war das Aufblitzen eines blassen Lächelns, bevor die beiden Hexen die Vorhänge um sein Bett zuzogen.

„Was auch immer Sie mit ihm vorhaben, Poppy, ich rate Ihnen Ihn zu betäuben. Der Junge könnte bestimmt etwas Skele-Wachs vertragen."

„Hat er Knochen verloren?"

„Ich hab keine Ahnung. Ich habe nicht an seine Gesundheit gedacht."

Madam Pomfrey schnaubte zustimmend. Daraufhin folgte das raschelnde Geräusch der Bettdecke und James musste seine Meinung zu dem Gespräch hinzufügen.

„Wissen Sie, dass ist nicht ganz der Empfang, den ich in meinem Krankenbett erwartet hatte..."

Lily starrte auf die geschlossenen Vorhänge und hatte dabei völlig ihren Arm vergessen. Madam Pomfreys Diagnose war durch den dünnen Baumwollvorhang deutlich zu vernehmen: ein gebrochener Knöchel und schwere Prellungen vom Oberschenkel bis zur Hälfte der Waden – und nein, sie würde nicht aufhören, Potter dort zu berühren, sie machte ihre Arbeit, und wenn er sich bitte wieder hinlegen würde oder müsste sie Filchs Fesseln holen?

Es klang, als würde James die Verletzung überleben – wenn auch nicht den Zorn der Heilerin.

Lily fiel mit einem gedämpften Seufzen zurück in die Kissen. Ein Gefühl von Erleichterung drückte gegen ihre Rippen. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass James mehr als einen gebrochenen Knöchel und Prellungen verdiente für seine unvergleichliche Idiotie durch verbotene Geheimgänge zu wandern, aber es war nur ein Knöchel und sie dankte Merlin dafür. Der Gedanke an einen verletzten Potter... war mehr als nur schmerzhaft. Sie wollte lieber nicht darüber nachdenken warum.

„Die Salbe hat ihre Wirkung jetzt bestimmt getan, meine Liebe.", sagte Madam Pomfrey hinter dem Vorhang und es dauerte eine Weile, bis Lily begriff, dass sie mit ihr sprach. Sie erschrak und warf einen Blick auf ihren Arm. Die Haut war glatt und keine Narben waren zu sehen, kein Vergleich zu der zerfetzten Wunde auf die Madam Pomfrey die Salbe aufgetragen hatte.

„Danke.", sagte sie leise und vielleicht war es zu leise um es durch den Vorhang zu hören. Lily war sich nicht ganz sicher, ob sie wollte, dass Madam Pomfrey sie hörte. Wenn sie sie hörte, würde sie Lily mit Sicherheit zurück in ihren Schlafsaal schicken und McGonagall würde dem nur zustimmen. Aber sie konnte noch nicht gehen. Sie musste mit James reden, ihre eigene Diagnose stellen und noch ein paar Knöchel brechen, falls nötig.

Im nächsten Moment erschien auch schon McGonagall durch den Vorhang und hielt abrupt inne, als sie Lily erblickte.

„Schlafsaal, Evans. Wenn Poppy sagt, Ihr Arm ist geheilt, gibt es keinen Grund mehr für Sie hier rumzulungern. Ich begleite Sie zurück zum Turm. Ich denke es wird höchste Zeit, dass der Siegesfeier ein Ende gesetzt wird."

Lily schüttelte den Kopf und dachte fieberhaft nach. „Ich fühl mich nicht so gut, Professor. Mir ist schwindlig. Wenn es in Ordnung ist – wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gerne noch eine Minute hier liegen bleiben."

McGonagall musterte sie eingehend und als sie sprach, wunderte Lily sich über die Wärme in ihrer Stimme. „Natürlich. Das wird an dem Schock liegen. Sie bleiben hier, bis Sie sich erholt haben – und lassen Sie sich nicht von Potter stören."

Mit einem letzten Nicken schritt ihre Hauslehrerin zur Tür und Lily atmete erleichtert aus. Sie lehnte sich in die Kissen zurück und hörte zu, wie Madam Pomfrey etwas über idiotische Schuljungen vor sich hinmurmelte, die sich für unbesiegbar hielten, bis ein paar Gesteinsbrocken sie vielleicht zur Vernunft brachten.

Es dauerte eine Weile bis die Heilerin hinter dem Vorhang hervorkam und dann hielt sie inne und warf Lily einen scharfen Blick zu. „Immer noch da, was?"

„Professor McGonagall hat es erlaubt.", erklärte Lily und versuchte ihr Bestes so müde und geschwächt auszusehen, wie sie sich fühlte.

„Hat sie das? Nun, Minerva muss es ja wissen… Vielleicht etwas Schokolade…"

Lily nahm bereitwillig eine Tafel Schokolade entgegen und knabberte daran herum, bis Madam Pomfrey zufrieden davonging. Es dauerte kaum eine Sekunde, bis James ihre Ungestörtheit ausnutzte.

„Lily?"

Lily hörte sofort auf an der Schokolade zu knabbern. Sie räusperte sich einmal, dann noch einmal und plötzlich fiel es ihr schwer zu Schlucken. „Ja?", brachte sie schließlich heraus.

„Na, komm schon rüber! Zieh die Vorhänge zurück oder sonst was, setz dich auf mein Bett oder was auch immer du willst. Ich würde ja zu dir rüberkommen, aber mein Knöchel ist im Eimer und ich bin mir ziemlich sicher Madam Pomfrey hat ein Glöckchen an meinem großen Zeh angebracht."

Die Schokolade schmolz zwischen ihren Fingern. Lily hatte keinen Appetit mehr und legte die restliche Schokolade auf den Tisch neben ihrem Bett. Die Wärme, die sie bei den ersten paar Bissen durchflutet hatte, flaute bereits wieder ab.

„Lily? Lily!"

„Halt die Klappe, sonst hört sie dich.", zischte Lily, bewegte sich aber keinen Zentimeter, um aufzustehen und James Aufforderung nachzukommen. Es hatte sich nicht wirklich etwas geändert – sie wollte immer noch nachsehen, dass es ihm gut ging und dass seine Gliedmaßen noch alle dran waren und dass seine Kissen aufgeschüttelt waren und seine Wangen nicht zu blass – aber genau dieser Drang ihn zu behüten, hielt sie zurück. Sie sollte das nicht fühlen. Das hatte sie vorher noch nie getan, egal wie sehr ihr Bauch beim Klang von James' Stimme geflattert hatte.

Ihre Hand zitterte leicht, als sie sie an der Bettdecke abwischte.

„Komm doch rüber. Wo wir schon beide hier sind, können wir uns auch unterhalten."

Als Lily nicht gleich antwortete, atmete James laut aus und seine Frustration war offensichtlich. „Merlin, Evans. Kannst du noch nicht einmal die Vorhänge zurückziehen und einen Blick auf den Invaliden werfen? Jetzt mach mal halblang. Ich will dich sehen."

Lily biss sich auf die Lippe. „Warum?"

Darum. So funktioniert nun mal eine normale Unterhaltung zwischen zwei Erwachsenen. Ich ich will, du weißt schon… sicherstellen, dass es dir gut geht."

„Es geht mir gut.", sagte Lily und hoffte, dass das Engegefühl in ihrer Brust sich nicht in ihrer Stimme widerspiegelte. Er wollte wissen, wie es ihr ging? Blödsinn. Warum sollte er?

„Dir geht es gut, ja? Pomfrey sagte, irgendetwas sei mit deinem Arm. Und du hast McGonagall gesagt dir sei schwindlig."

„Willst du vielleicht Heiler werden?"

„Es reicht, okay? Es fühlt sich so an, als wäre ich immer noch in diesem blöden Tunnel gefangen mit dir auf der anderen Seite."

Lily versteifte sich; sein Kommentar ging ihr näher, als ihr recht war. Ein deutlich flehender Unterton lag in ihrer Stimme, als sie knapp antwortete. „Ich bin ja noch hier, oder nicht?"

„Ja, das bist du.", erwiderte James und er klang selbst ein wenig überrascht, als hätte er vorher noch gar nicht darüber nachgedacht. Es lag eine Wärme in seiner Stimme, die mehr als deutlich machte, wie sehr er sich über diese Tatsache freute; eine Wärme, die Lily erkannte und die sie dann sofort ignorierte.

James Potters Stimme war gefährlich und das durfte sie auf keinen Fall vergessen.

„Mir war schwindlig.", sagte sie, nachdem sie sich etwas erholt hatte und ihre Stimme klang abwehrend. Sie wollte nicht, dass James glaubte, dass sie wegen ihm im Krankenflügel geblieben war – besonders, da es ja eigentlich die Wahrheit war.

„Aber jetzt geht es dir gut."

„Ich habe etwas Schokolade gegessen."

„Niemand hat mir Schokolade angeboten. Ich nehme an, bei einem gebrochenen Knöchel bekommt man keine. Ich hätte stattdessen einen Ohnmachtsanfall vortäuschen sollen."

„Ich habe ihn nicht vorgetäuscht, Potter."

„Dann war es wohl mein Anblick, der deine Knie weich werden ließ."

„Sehr witzig."

James prustete. „Ich kenne dich, Evans. Du fällst nicht einfach in Ohnmacht, wenn mal ein Zauberstab runterfällt und vorhin im Ostflügel hat es sich ganz bestimmt nicht angehört, als sei dir schwindlig. Entweder du bist wegen der Schokolade hier geblieben, ein Schachzug, vor dem ich mich nur verbeugen kann und den ich bewundern würde oder du wolltest mit mir reden."

„Arroganter Blödmann."

„Die Beleidigung hab ich schon ein paar Jahre nicht mehr gehört. Ich dachte ich hätte mich laut Grabstein zum ‚eingebildeten Trottel' hochgearbeitet."

„Wie die Zeiten sich ändern."

Es war unfassbar wie schnell Lilys Verärgerung sich gesteigert hatte, obwohl dass sehr wahrscheinlich an der jahrelangen Übung lag. Sie rutschte unruhig auf dem Bett hin und her und ihre Verärgerung richtete sich mehr auf sich selbst als auf den Trottel hinter dem Vorhang. Sie verhielt sich mehr als nur unvernünftig und war ziemlich gereizt. Das sah ihr gar nicht ähnlich. Sie wollte sich nicht so verhalten.

Das war genau das, wovor sie sich gefürchtet hatte: dass sie nicht normal miteinander sprechen konnten, sobald die Krisensituation vorbei war. Und es war nicht James Schuld, überhaupt nicht. Er verhielt sich eigentlich wie immer – und er war nett.

Sie zuckte zusammen, als er begann sich zu entschuldigen, ganz offensichtlich darauf bedacht nicht noch einen Streit vom Zaun zu brechen – aber Lily konnte das nicht zulassen.

„Nein, nicht.", unterbrach sie ihn mit fester Stimme. „Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich bin es, die sich blöd verhält. Und es tut mir Leid. Wirklich."

„Trotzdem, ich hätte dich nicht drängen dürfen. Also hör ich auf. Und wir reden einfach nur. So wie du es gewollt hast."

„Wie ich es gewollt habe.", wiederholte Lily langsam und gab es schließlich laut zu. Es war natürlich die Wahrheit, aber das half ihr nicht dabei, dass ihr etwas einfiel worüber sie sprechen könnten.

Die ganze Sache hätte sich wohl zu einem unangenehmen erwartungsvollen Schweigen ausgedehnt, wenn James nicht zu ihrer Rettung gekommen wäre und angefangen hätte von der Gryffindor-Party zu sprechen. Er hatte schon immer ein Faible dafür gehabt den Helden zu spielen.

„...und Sirius bricht mir noch den anderen Knöchel, wenn er herausfindet, dass ich das Butterbier nicht habe. Natürlich wird er erst mal ein paar Wochen nachsitzen müssen, wenn McGonagall auftaucht und ihm die Handschellen anlegt. Er wird vor dem Spiel gegen Slytherin keine Gelegenheit dazu haben und das ist alles worauf es ankommt. Wir werden sie ungespitzt in den Boden rammen, wir arbeiten schon seit Monaten an unserer Taktik. Ich kann es kaum erwarten, Stebbins Gesicht zu sehen…"

Lily, die mit der Absicht voller Zustimmung zu sein, begonnen hatte ihm zuzuhören, hielt es nicht mehr länger aus. Mit einem lauten „James!" unterbrach sie erfolgreich seinen Monolog.

„Ja?"

„Ist das alles, worüber du reden kannst? Quidditch?"

Darauf folgte ein verblüfftes Schweigen und dann – „Entschuldige?"

Lily blickte böse auf den Vorhang vor ihr. „Wie kannst nur dasitzen und über Sport reden, nach allem was wir gerade durchgemacht haben? Du wärst fast – ich dachte – du hättest sterben können, Potter!"

„Nun, worüber sollen wir uns denn dann unterhalten?"

Lily suchte verzweifelt nach Worten und platzte dann mit dem heraus, was ihr als erstes einfiel. „Ich weiß nicht – oder, doch, das tue ich! Über das Leben. Es gibt mehr im Leben als nur Quidditch, James!"

„Natürlich gibt es noch mehr. Es gibt noch all die langweiligen Dinge, aber über die will ich nicht reden. Quidditch ist wie … es ist das Fliegen, Lily, dieses Gefühl am Leben zu sein. Wenn ich von meinen Besen steige fühlt sich alles mehr oder weniger so an, als wäre ich unter Steinen in einem sehr, sehr dunklen Ort voller Schmerzen begraben." Er räusperte sich unangenehm berührt. „Na ja, nicht alles. Einige Dinge sind anders… aber das tut jetzt nichts zur Sache."

Lily wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Mit so etwas hatte sie nun gar nicht gerechnet, aber nach allem, was heute Abend geschehen war, sollte sie eigentlich auch nicht mehr überrascht starrte auf ihre Hände und war sich vollkommen bewusst, dass James auf der anderen Seite dieses Vorhanges war und auf eine Antwort wartete.

Sie verhielt sich lächerlich, so viel war klar. Und James war – es gab kein anderes Wort dafür – ehrlich. Nett und ehrlich zugleich. Die Welt war aus den Fugen geraten.

Lilys Erwartungen stürzten alle über ihr zusammen und sie hatte keine Ahnung wie sie sich verhalten sollte, was sie sagen sollte, was sie tun sollte.

Überfordert suchte sie wieder nach Worten und entschied sich für die einfachste Lösung. „Tut mir wirklich Leid, das diese Unterhaltung so dunkel und voller Schmerzen für dich ist."

James Enttäuschung war selbst durch den Vorhang zu spüren, der die beiden trennte. „Du besteigst den Besen von der falschen Seite, Lily. Schon wieder. Und ich hasse es wirklich wenn du mich wie einen vollkommen Trottel behandelst, ganz besonders, wenn ich mich nicht wie einer benehme." Er nahm einen tiefen Atemzug und beendete seine Ansprache mit einer Leichtigkeit in der Stimme, von der Lily wusste, dass sie sie nicht verdiente. „Ich nehme dann wohl an, das ist die erste der siebzehn verschiedenen Stufen Schmerz, die du mir versprochen hattest."

Was sollte Lily darauf antworten? Sie konnte sich nur entschuldigen und das tat sie dann auch zum, wie es sich anfühlte, zwanzigsten Mal heute Abend.

James seufzte tief. „Alles vergeben und vergessen, wenn du mir etwas Schokolade rüberwirfst."

„Du könntest sie dir auch herbeizaubern, weißt du."

„Es wäre nicht Lily, wenn sie mich nicht dafür arbeiten ließe.", grummelte James vor sich hin, aber ein Lächeln lag in seiner Stimme und Lily spürte wie sie es widerwillig erwiderte.

„Wann hast du aufgehört ein arroganter Blödmann zu sein?"

Die Frage war ihrem Mund entkommen, bevor sie es realisierte.

Es herrschte ein langes unbehagliches Schweigen, bevor James sich räusperte. „Ich hab nicht aufgehört, ich hab mich nur ein bisschen mehr zusammengerissen."

Lily blickte nach oben zu den Filigranarbeiten an der Decke. „Das glaube ich nicht."

„Wenn dem so ist, hab ich wahrscheinlich aufgehört einer zu sein, als du aufgehört hast mich für einen zu halten, Evans. Darüber scheine ich sehr wenig Kontrolle zu haben."

Lily dachte darüber nach. Vielleicht hatte James Recht – vielleicht hatte er keine Kontrolle darüber. Aber das hatte sie auch nicht, auch wenn er das anders sah. Sie hatte überhaupt keine Kontrolle oder sie würde nicht hier rumliegen und an die Decke starren, weil sie zu viel Angst hatte, von Angesicht zu Angesicht mit jemanden zu sprechen, mit dem sie sich sonst täglich Geplänkel austauschte.

Dann nieste James und die Situation erschien sogar noch lächerlicher. Er war nur ein Junge, ein alberner Junge, den sie schon seit Jahren kannte und der wahrscheinlich immer noch staubbedeckt war von dem Gang, der über ihm eingestürzt war.

„Gesundheit."

„Ähm, du auch?"

„Es ist eine Muggelsache.", erklärte Lily und ihre Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. „Frag mich nicht. Zumindest löst du hier keine Lawinen aus."

„Da wär ich mir nicht so sicher. Ich traue diesem Schloss kein bisschen. Es hat mich vorhin in diesem Tunnel im Stich gelassen und wer sagt, dass es das nicht wieder tun wird?"

„Gesunder Menschenverstand und Logik."

„Und seit wann verlasse ich mich darauf?"

„Da hast du auch wieder Recht."

„Wenn das Schloss wieder einstürzt, schickst du einfach noch so einen lebensrettenden Patronus, ja? Oder musst du dazu meine Hand halten?"

Lily versteifte sich sofort. „Ich weiß nicht, wovon du redest."

„Oh, warum kannst du es nicht einfach zugeben?" Die Frustration war ihm deutlich anzuhören. „Es ist wirklich nicht so schwer. Du konntest den Patronus vorhin nicht heraufbeschwören, bis du meine Hand gedrückt hast und – und einen Moment der Klarheit hattest. Du mochtest es. Du mochtest es."

Lilys Bauch verkrampfte sich angesichts der unaussprechlichen Wahrheit, aber die Angst in ihr war noch größer und sie war schon halb aus dem Bett und bereit zu gehen, als James seine Hand durch den Vorhang streckte.

„Zurück ins Bett mit dir.", blaffte sie, entsetzt bei dem Gedanken, dass James seinem Knöchel noch mehr zusetzte. „Willst du gesund werden oder nicht?"

„Nicht, wenn du nicht hier bleibst."

Lily zögerte, aber der Anblick der wartenden Hand war zu viel für sie. „Das interessiert mich nicht.", sagte sie kurz angebunden und drehte sich um. Im nächsten Moment zwang das rasselnde Geräusch eines Vorhangs, der zurückgezogen wurde, Lily dazu sich abrupt wieder umzudrehen und sie schnappte nach Luft, als James sich auf die Beine hievte. „Wag es ja nicht!"

„Komm – her und – rede – mit mir.", keuchte er und sein Gesicht nahm einen Grünstich an, als er nach vorne stolperte.

Lily verfluchte Potters Namen und jeden seiner noch lebenden Verwandten, eilte nach vorne, packte ihn an den Schultern und stieß ihn zurück auf das Bett. Sein Körper war schwächer als sein Geist und er lag wieder auf der Matratze, bevor Lily ihre Drohung, Madam Pomfrey zu rufen, wahr machen musste.

„Hast du völlig den Verstand verloren?", fauchte sie und hievte seine Beine auf die Matratze, da er dazu selbst nicht im Stande war. Sie waren schwerer, als sie gedacht hatte und es kostete sie einige Kraft sie anzuheben und dabei auch noch den gebrochenen Knöchel zu stützen. Als sie es schließlich geschafft hatte und wieder normal atmete, blickte Lily James voller Wut an. Der intensive Blick, mit der er ihrem begegnete – halb triumphierend, halb entschlossen – ließ ihr das Herz in den Hals springen.

„Was?", fragte sie scharf und zog die Bettdecke mit wachsender Verlegenheit über James. Er war hier, genau hier, warm und fest unter ihrer Hand und er sah genau so wütend aus, wie sie sich fühlte. Sie begegnete seinem Blick entschlossen, wütend und es dauerte nur Sekunden bevor seine Verärgerung verblasste.

„Ich bin dran, mich zu entschuldigen.", sagte er schlicht. „Ich habe dich schon wieder gedrängt. Tut mir Leid."

„Ja, du hast mich verdammt noch mal gedrängt.", sagte Lily und wandte ihren Blick mit einem Seufzen ab. Sie ließ sich auf sein Bett sinken und schlug seine Hand weg, als sie sich der ihren näherte. Es war seltsam, dass sie bemerkte, wie er versuchte ihren Blick auf sich zu ziehen, während sie so bewusst versuchte ihm auszuweichen. Die Sache war die, wenn sie wieder hinsah, wenn sie ihn ihre Hand nehmen ließe, hatte sie dass Gefühl, dass er sie noch nicht einmal drängen müsste.

Der Gedanke war furchterregend.

„Lily, ich - ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, aber… eine Hirschkuh, Lily! Dein Patronus ist eine Hirschkuh und du weißt noch nicht einmal wovon ich eigentlich rede."

Das wusste sie nicht. Sie saß einfach nur da und lauschte seinen gestelzten unbeholfenen Worten.

„Ich muss – ich muss es einfach weiter versuchen, okay? Weil ich das wirklich will, ich will, dass es ein uns gibt und ich weiß, dass deine Entschlossenheit am Einstürzen ist. Du empfindest auch etwas. Und ich werde meinen Fuß durch deine Mauer treten und wenn es das Letzte ist, was ich tue."

Lily zuckte bei der Erinnerung an diesen letzten Einsturz hinter der Statue von Gregor dem Kriecher zusammen. „Das war ein Unfall.", flüsterte sie, weil sie Angst hatte, ihre Stimme würde brechen, wenn sie lauter sprechen würde. „Du hast – du hast keine Ahnung was für eine Angst ich hatte, James."

„Was für eine Angst du hattest oder was für eine Angst du hast, Lily?"

„Ich bin kein Meerschweinchen."

„Gryffindors sind mutig und nicht dumm. Und ehrlich, ehrlich Lily – ich hab schon Schlimmeres überstanden, sehr viel Schlimmeres als einen bescheuerten einstürzenden Gang."

„Ich nicht."

„Aber du könntest es. Ich weiß, dass du es könntest. Du bist brillant, weißt du noch? Und manchmal muss du zulassen, dass die Mauern einstürzen oder wie willst du sonst je glücklich werden? Manchmal muss man die dunklen Orte einfach verlassen. Das wirst du früher oder später begreifen müssen."

Lily schenkte seiner Hand, die geöffnet auf der Bettdecke lag ein schwaches Lächeln. „Vorhin, hinter der Trümmerwand, hast du mir gesagt, du wärst ein furchtbarer Schüler, wenn du kein Interesse hast etwas zu lernen. Erinnerst du dich daran? Tja, mir geht es genauso."

„Ich bin geduldig."

„Du drängst."

„Dann lass mich dich drängen."

Lily wandte James ihren Blick schließlich zu und sah die offene ehrliche Bitte in seinem Gesicht, sah die Entschlossenheit in seinem Kiefer und das Mitgefühl in seinen Augen, aber mehr noch als alles andere, hörte sie seine Stimme: diese gefährliche, autoritäre Schulsprecherstimme.

„Willst du niesen oder soll ich?", murmelte sie und ließ schließlich zu, dass er ihre Hand ergriff.

„Auf drei?"

Lily nahm einen tiefen Atemzug. „Eins… zwei…"

Und dann setzte er sich auf und küsste sie und die Welt stürzte über Lily ein.