Teil II

Der nächste Tag verging schnell mit den letzten Vorbereitungen für den Heiligen Abend. Das Haus musste noch geschmückt werden und Petunia verbrachte den Grossteil des Tages in der Küche, um das Festessen vorzubereiten. Irgendwann nach dem Mittagessen, als das Haus endlich geschmückt war, hatte Dudley Harry dazu überredet, mit ihm in sein Zimmer zu kommen. Harry war ihm eher zögernd gefolgt. Auch wenn Dudley am vorherigen Tag ausgesprochen freundlich gewesen war und sich sehr an Hogwarts und seinem Leben als Zauberer interessiert gezeigt hatte, so traute Harry dem Frieden nicht so ganz. Zuviel war in den Jahren, die er am Ligusterweg gelebt hatte und in den Sommerferien, die er eingesperrt in seinem Zimmer verbracht hatte, geschehen, als dass er seinem Cousin von heute auf morgen plötzlich vertrauen konnte.

Eine Weile hatten sie sich schweigend gegenüber gesessen und krampfhaft nach einem Thema gesucht, über das sie sich unterhalten konnten, wobei sich Harry nicht die Mühe machte, nach etwas zu suchen, das die Atmosphäre auflockern konnte. Seine Tante und sein Cousin hatten unbedingt gewollt, dass er hier war. Bei seiner Tante konnte er inzwischen nachvollziehen, warum sie ihn über Weihnachten bei sich haben wollte. Irgendwie hatten der Betrug von Vernon und das letzte Jahr dazu geführt, dass sie gewisse Ansichten überdacht hatte, aber bei Dudley war er sich nicht so sicher. Warum wollte sein Cousin ihn unbedingt über Weihnachten dabei haben?

Dudley fummelte unruhig an der Haut neben seinen Fingernägeln herum, bis es schliesslich aus ihm herausplatzte: „Danke, dass du mich damals vor diesen Wesen gerettet hast und dass du den wahnsinnigen Zauberer vernichtet hast." Im ersten Moment wusste Harry nicht, was er darauf antworten sollte. Bitte, gern geschehen, war irgendwie nicht die richtige Lösung. Gern hatte er beides nun wirklich nicht gemacht. Eher, weil es halt getan werden musste und er derjenige gewesen war, der es hatte tun können. Schliesslich beschränkte er sich darauf zu nicken. Für Dudley schien das allerdings so etwas wie ein Startsignal gewesen zu sein, denn er begann davon zu erzählen, wie ihn die Begegnung mit den Dementoren verändert hatte, wie er angefangen hatte, sich selber und seine angeblichen Freunde als das zu sehen, was sie wirklich waren: Schlägertypen, die es mit Vorliebe auf diejenigen abgesehen hatten, die schwächer waren als sie und sich deshalb nicht wehren konnten und langsam hatte diese Erkenntnis, wie erbärmlich er selber doch eigentlich war, dazu geführt, dass er sich verändern wollte.

Er hatte sich selber auf Diät gesetzt und ernsthaft mit dem Boxen angefangen. Mit dem Training kamen die Besuche im Fitnessstudio, um die benötigten Muskeln aufzubauen und plötzlich hatte er nicht mehr so viel Zeit für seine Freunde. Die Distanz zu ihnen folgte schon beinahe automatisch, vor allem, als diese anfingen, erst mit Haschisch und später auch mit Koks herumzuexperimentieren. Sport und Drogen vertrugen sich nicht sonderlich gut und im Nachhinein war Dudley froh, rechtzeitig den Absprung geschafft zu haben.

Der erzwungene Wegzug zum Schutz vor den Todessern hatte noch weiter dazu beigetragen und als sie nach dem Fall von Voldemort in den Ligusterweg zurückgekehrt waren, hatte er gar nicht mehr den Kontakt zu seiner alten Clique gesucht und dann war da Natasha gewesen. Er hatte sie im Fitnessstudio kennengelernt und war seitdem ein paar Mal mit ihr im Kino oder essen gewesen. Bevor sich Dudley in Schwärmereien verlieren konnte, wie süss und nett und sexy Natasha doch war, rief Petunia zum Essen.

Dieses Mal war die Atmosphäre deutlich entspannter und Petunia liess es sich nicht nehmen, den neuesten Klatsch aus dem Quartier zum Besten zu geben. Nachdem sie die Suppe gegessen hatten, half Harry seiner Tante die benutzten Teller in die Küche zu bringen, als es an der Tür klingelte. Nur wenig später hallte Dudleys Stimme durch den Flur: „Mum, wir haben Besuch. Jemand aus Harrys Schule. Kannst du noch ein Gedeck mehr auflegen?" Harry hörte Stimmengewirr im Flur, meinte für einen Augenblick, Malfoys Stimme erkannt zu haben, schob den Gedanken aber sofort wieder zur Seite. Warum sollte ihn ausgerechnet Malfoy über Weihnachten bei seinen Verwandten besuchen? Das war absurd.

Petunia hielt ihm einen weiteren Teller und Besteck mit der Bitte hin, doch das zusätzliche Gedeck schon einmal aufzulegen, während sie sich noch um das Essen kümmerte. Harry nickte nur und trug es zum Tisch, bevor er ins Wohnzimmer ging, von wo aus er immer noch Dudleys Stimme hören konnte, wie er sich mit dem Fremden unterhielt oder wie er es zumindest versuchte. Der Fremde schien allerdings nicht sonderlich redselig zu sein und gab, wenn überhaupt, nur sehr einsilbige Antworten. Trotzdem hatte Harry den Eindruck gelegentlich diese herablassende Blasiertheit zu hören, die er so nur aus Malfoys Stimme kannte. Aber das konnte nicht sein. Das war vollkommen unmöglich.

Nichts hätte Harry auf das Bild vorbereiten können, das ihn erwartete, als er das Wohnzimmer betrat. Auf den beiden Sesseln unmittelbar vor dem Weihnachtsbaum sassen Dudley und der unbekannte Gast. Hellblondes Haar fiel sanft um Malfoys eckiges Gesicht. Was um alles in der Welt machte Malfoy hier? Wie kam Draco Malfoy auf das Sofa seiner Verwandten? Er musste träumen. Das musste eine Halluzination sein. Wahrscheinlich war das alles ein Fiebertraum und wenn er aufwachte, befand er sich in der Krankenstation von Hogwarts. Harrys Hand suchte instinktiv den Türrahmen, um sich festzuhalten, als Malfoy aufstand, auf ihn zukam und schliesslich nur wenige Meter entfernt von ihm stehen blieb.

„Potter, ich… Ich…" „Malfoy, was tust du hier?", unterbrach ihn Harry schliesslich etwas krächzend und ungläubig. Der Blonde starrte auf den Boden und flüsterte schliesslich: „McGonagall hat mich hergebracht. Das Herrenhaus steht unter Quarantäne. Ein akuter Ausbruch von Drachenpocken und da ich nicht in der Schule bleiben kann und sie der Meinung ist, dass ich mich in Gefahr befinde, wenn sie mich zu den Greengrass', Parkinsons oder Zabinis schickt, hat sie beschlossen, dass ich hier am besten aufgehoben bin." „Aber… aber", fiel ihm Harry ins Wort. „Aber das geht nicht." Das war vollkommen unmöglich. Er musste träumen. Das war die einzige Erklärung. Die Tatsache, dass ihn seine Tante und sein Cousin plötzlich wie einen Menschen und nicht mehr wie eine Absonderlichkeit behandelten, war an sich schon schwer zu begreifen, aber dass er jetzt Weihnachten ausgerechnet mit Draco Malfoy verbringen sollte und nicht nur das, er sollte Weihnachten mit Draco Malfoy bei seinen Verwandten, bei seinen Muggelverwandten, verbringen, das ging zu weit. Das war so abartig und surreal, dass das einfach nur ein Traum sein konnte. Etwas anderes war gar nicht möglich. Das konnte nur ein Traum sein und wenn er aufwachte, dann lag er in seinem Bett in Hogwarts, würde Neville und Seamus schnarchen hören und wissen, dass Ron die Nacht wieder mit Hermine hinter vielen Schutzzaubern verborgen im Gemeinschaftsraum verbracht hatte. Jetzt musste er nur noch aufwachen. Unbedingt.

„Potter, ich... Danke, dass du mir meinen Zauberstab zurückgegeben hast." Draco starrte auf den Boden und studierte die Faserung im Teppich. Harrys Kopf fuhr hoch und er sah seinen Mitschüler ungläubig an. Draco Malfoy hatte sich bedankt. Draco Malfoy hatte sich bei ihm bedankt. Jetzt wurde es aber wirklich langsam allerhöchste Zeit, dass der Wecker klingelte und er aufwachte. Es war dann allerdings nicht der Wecker, sondern seine Tante, die sie wieder an den Tisch zum Essen rief.

Malfoy benahm sich seiner Tante gegenüber ausgesprochen charmant, lobte das Essen und ihre Dekoration und begann dann zu Harrys grossem Erstaunen tatsächlich mit ihr Konversation zu betreiben. Während er selber stur auf seinen Teller starrte und nur einsilbig auf Dudleys Fragen, wer das denn nun eigentlich sei, Antwort gab, plauderte Draco Malfoy angeregt mit seiner Tante über das Wetter, den Garten und die Schwierigkeiten, die der trockene Sommer den Dahlien bereitet hatte und wieder konnte sich Harry des Gefühls nicht erwehren, dass er sich in einer völlig absurden Parallelwelt befand. In einer Parallelwelt, in der die Guten böse und die Bösen gut und die Kühe lila waren.

Nach dem Nachttisch, bei dem Malfoy Harry damit verblüfft hatte, dass er eine zweite Portion von Tante Petunias vorzüglichem Schokoladenpudding gegessen und diesen in höchsten Tönen gelobt hatte, sassen sie alle im Wohnzimmer vor dem Baum zusammen. Irgendwie kam die Rede auf die Schule und Tante Petunia fragte Draco ganz direkt nach dem Haus, in dem er war und auch nach seinen Eltern. Der Frage nach seinen Eltern wich Malfoy aus, aber als er auf die Frage nach seinem Haus Slytherin antwortete, schaute ihn Petunia einen Augenblick verblüfft an. „Da war doch etwas. Lily hatte etwas erzählt. Der Junge, mit dem sie befreundet gewesen war, hatte der nicht auch dorthin gehört?" Fragend sah sie Harry an. Dieser antwortete nur grummelnd: „Ja, Severus Snape war auch in Slytherin. Er war der Hauslehrer und Malfoy sein Liebling." Den letzten Teil konnte er sich nicht verkneifen. Er konnte es einfach nicht und so, wie Malfoys Augen aufgeblitzt waren, wusste er genau, dass dieser darauf angesprungen war.

„Nur weil du absolut hoffnungslos in Zaubertränken bist, Potter, heisst das nicht, dass Professor Snape diejenigen bevorzugt hat, die besser waren als du. Er hat nur getan, was er tun musste." Der letzte Satz war leise gewesen und obwohl Draco schnell den Kopf zur Seite gedreht hatte, hatte Harry doch den Schmerz in seinen Augen sehen können, der kurz aufgeblitzt war. Er wandte sich ab. Auch wenn der Draco, der hier mit ihm und seinen Verwandten vor dem Weihnachtsbaum sass, so ganz anders war, als der, den er in all den Jahren in der Schule kennen gelernt hatte, so war Harry noch lange nicht bereit, zu akzeptieren, dass auch an Malfoy die letzten Jahre nicht spurlos vorübergegangen waren, dass auch dieser sich verändert hatte und noch weniger wollte er sich jetzt mit dem Schmerz und mit der Trauer um Snape beschäftigen, die dieser empfinden mochte.

Bevor die Stille, die sich daraufhin über den Raum senkte, unangenehm werden konnte, räusperte sich Petunia und erhob sich. „Ich weiss nicht, was ihr noch gedenkt zu tun, aber ich werde ins Bett gehen. Das andere Zimmer oben ist noch nicht wieder eingerichtet. Ich hoffe, es macht euch nichts aus, euch vorübergehend das Gästezimmer zu teilen", wandte sie sich mit einem entschuldigendem Lächeln an Draco und Harry. „Bettwäsche ist im Schrank. Dudley hilft euch sicher kurz, das zweite Bett aufzustellen." Die Gläser klirrten leise, als Petunia sie auf das Tablett stellte und nur diejenigen von Harry, Draco und Dudley auf dem Wohnzimmertisch stehen liess. Die anderen Gläser brachte sie in die Küche und ging anschliessend, nachdem sie den dreien eine gute Nacht gewünscht hatte, die Treppe hinauf.

Harry starrte Draco fassungslos an. Er sollte die Nacht im gleichen Zimmer mit Malfoy verbringen? Ausgerechnet mit dem Frettchen? In das Entsetzen mischte sich aber auch noch ein anderes Gefühl. Ein seltsames, aufgeregtes Kribbeln im Magen und von irgendwoher schlich sich der Gedanke in seinen Kopf, dass das eine ausgezeichnete Gelegenheit war, mehr von Malfoy zu sehen. Auch wenn er ein Ekel war, so war er doch immer noch ein gutaussehendes Ekel.

Dudley trank den letzten Schluck aus seinem Glas und erhob sich ebenfalls. „Wir sollten wohl auch langsam ins Bett gehen. Ich helfe euch noch kurz, das Sofa auszuziehen." Wenig später standen sie alle im Gästezimmer. Dudley baute das Sofa zum Gästebett um, während Harry im Schrank nach der Bettwäsche suchte und Draco staunend daneben stand und zusah, bis ihn Dudley aufforderte, doch schon einmal ins Bad zu gehen und sich fertig zu machen. Mit einem Blick, den Harry nicht deuten konnte, nahm Draco einen schwarzen Pyjama aus der Tasche und verschwand damit und einem kleinen Seidenbeutel unter dem Arm aus dem Zimmer.

Harry breitete die Bettwäsche aus und begann dann im Schrank nach seinem eigenen Pyjama zu suchen. „Du magst ihn nicht besonders." Dudleys Feststellung liess ihn innehalten. „Nein", presste er zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen hervor. Nicht mögen war die Untertreibung des Jahrhunderts. Er hatte Malfoy gehasst. Malfoy hatte ihm und seinen Freunden all die Jahre das Leben zur Hölle gemacht. Malfoy war ein Anhänger Voldemorts gewesen und doch hatte er ihm das Leben gerettet, damals im Raum der Wünsche und doch hatte ihn Malfoy nicht verraten, damals, als er, Hermine und Ron von Greyback gefangen genommen wurden. Er hätte sie verraten können und er hatte es nicht getan. Das änderte aber nichts daran, dass er ein verzogener, arroganter Schnösel war und Harry nichts mit ihm zu tun haben wollte.

„Er ist ein arroganter Feigling!" Mit mehr Wucht, als nötig gewesen wäre, schloss Harry die Schranktür. Vom Bett her kam nur Schweigen. „Was?", fuhr Harry seinen Cousin an. Wen versuchte er hier eigentlich zu täuschen? Malfoy war längst nicht mehr so arrogant, wie er es noch im fünften Schuljahr gewesen war, als er unter Umbridge das Inquisitionskommando angeführt hatte und so sehr Harry es auch vor sich selber zu verleugnen versuchte, so hatte Draco sich doch den ganzen Herbst über sehr bedeckt gehalten, hatte sich aus sämtlichen Streitereien herausgehalten und sich aufs Lernen konzentriert und mal abgesehen davon, dass er in Harrys Augen plötzlich ausgesprochen attraktiv erschien, war da etwas, was seine Neugier weckte. Etwas, was ihn dazu drängte, diesen neuen Draco Malfoy näher kennenzulernen. Etwas, das er mit all seiner Kraft in den hintersten Winkel seines Kopfes verdrängte. Draco Malfoy war ein arroganter, verzogener Schnösel und würde das auch immer bleiben. „Mir kam er nicht sonderlich arrogant vor. Eher irgendwie verloren", kam es ruhig vom anderen Ende des Zimmers her.

Die sich öffnende Tür liess Harry keine Möglichkeit mehr, um darauf zu antworten. Seine Kleidung über den Arm gelegt, in den schwarzen Pyjama gekleidet, betrat Draco das Zimmer. Dudley lächelte ihm kurz zu und wünschte ihnen dann eine gute Nacht. Harry unterdrückte nur mit Mühe den Wunsch zu schreien. Alles war besser, als die Nacht mit Malfoy im gleichen Zimmer zu verbringen. Draco legte seine Sachen auf seine Tasche und murmelte leise, während er seinen Zauberstab griffbereit auf den kleinen Tisch neben dem ausgezogenen Sofa legte: „Gute Nacht, Potter." Damit kroch er unter die Decke, drehte Harry den Rücken zu und zog die Decke bis zur Nasenspitze hoch, so dass nur noch seine Haare herausschauten.

Mit mehr Hast als eigentlich nötig gewesen wäre, machte auch Harry sich bettfertig und kroch unter die Decke. Seinen Zauberstab legte er unter das Kopfkissen und er hatte ganz sicher nicht das Bedürfnis, Malfoy eine Gute Nacht zu wünschen. Warum er es dann trotzdem tat, würde ihm wohl für immer ein Rätsel bleiben.

Es war dunkel im Zimmer, als Harry von irgendetwas geweckt wurde. Noch bevor er die Augen geöffnet hatte, hatte er bereits nach seinem Zauberstab getastet. Die Leuchtziffern des Weckers auf dem Nachttisch leuchteten schwach und dann hörte er es. Das leise Wimmern, das von der anderen Seite des Zimmers herkam, von der Seite, in der Malfoy schlief. Harry kämpfte einen Augenblick mit sich selber und zog dann die Decke über den Kopf. Er wollte das nicht hören. Er wollte nicht hören, dass Malfoy vielleicht selber Alpträume hatte, er wollte nicht hören, wie Malfoy im anderen Bett im Schlaf wimmerte. Er wollte es einfach nicht. Das Wimmern schien durch die Bettdecke hindurch zu dringen, lauter zu werden und wieder leiser. Immer wieder, unaufhörlich, bis Harry es nicht mehr aushielt. Er hielt es einfach nicht aus, zu wissen, dass im gleichen Zimmer wie er jemand in einem Alptraum gefangen war und sich vielleicht nichts mehr wünschte, als aufzuwachen oder jemanden zu haben, der ihn weckte. Zu oft hatte er es selber schon erlebt. Zu oft hatte er selber schon Alpträume gehabt, als dass er jetzt einfach nur zusehen konnte, selbst wenn das Malfoy war, der da in dem anderen Bett lag, selbst wenn es Malfoy ja irgendwie verdient hatte, Alpträume zu haben und wenn es nur war, weil er ihn in einer der seltenen Nächte, in denen Harry selber tatsächlich keine Alpträume gehabt hatte, geweckt hatte.

Mit einem leisen Seufzen griff Harry nach seinem Zauberstab, den er wieder unter das Kopfkissen geschoben hatte, sobald ihm klar geworden war, dass nur Malfoy ihn geweckt hatte, und sprach einen schwachen Lumos. Wenn er schon aufstehen musste, so wollte er sich wenigstens nirgends anschlagen. Langsam tastete er sich durch das Zimmer zu dem Schlafsofa, auf dem Malfoy übernachtete und beugte sich vorsichtig über die schlafende Gestalt. Das Gesicht war schmerzhaft verzogen, die Augäpfel hinter den geschlossenen Lidern bewegten sich unruhig hin und her und ein feiner Schweissfilm bedeckte die viel zu blasse Haut und liess das feine Haar an der Stirn kleben. Trotzdem konnte sich Harry nur schwer von dem Anblick losreissen. Malfoy bewegte sich unruhig im Schlaf und wimmerte wieder und jetzt konnte Harry die kleinen Tränen sehen, die sich unter den geschlossenen Wimpern sammelten und in schmalen Streifen seitlich das Gesicht hinunter ins Kissen flossen. Die Tränen waren es dann auch, die Harry schliesslich aus seiner Erstarrung lösten. Er konnte einfach nicht zusehen, wie jemand weinte und wenn es Malfoy war. Zaghaft streckte er seine Hand aus und berührte Malfoy an der Schulter.

Draco zuckte zusammen und wimmerte etwas lauter. Beim zweiten Versuch griff Harry etwas beherzter zu und rüttelte Malfoy ein wenig an der Schulter. „Malfoy! Wach' auf. Das ist nur ein Traum." Harry konnte sich nicht erinnern, wann seine Stimme das letzte Mal so bittend geklungen hatte. Als Harrys Berührungen heftiger, drängender wurden, rollte sich Draco zu einer Kugel zusammen, versuchte sich unter der Decke zu verkriechen und begann leise zu flüstern. Harry brauchte einen Moment, bis er verstand, was Draco vor sich hin murmelte, doch als er die ersten Worte dann verstanden hatte, brannten sie sich in sein Gedächtnis ein und er wusste, es würde ihm unmöglich sein, sie so schnell wieder zu vergessen. Draco flehte. Er flehte jemanden an, doch bitte seine Mutter zu schonen. Er flehte immer wieder und bot sogar sich selber an und Harry brauchte nicht viel Phantasie, um sich vorstellen zu können, wen er da bat, das Leben seiner Mutter zu schonen und ob er es wollte oder nicht, begann sich langsam das Bild, das er sich von Malfoy hatte machen wollen, zu verändern.

Natürlich hatte er gewusst, dass Draco im letzten Jahr im Auftrag Voldemorts hatte foltern müssen. Natürlich hatte er dessen verlorene Augen gesehen, den Abscheu in ihnen, wenn er den Folterfluch gesprochen hatte, aber nie hatte sich Harry bewusst gemacht, wie weit Voldemort gegangen sein mochte, um sich Draco und seine Eltern wirklich gefügig zu halten. Natürlich war das Wissen, dass Voldemort irgendwie seine Eltern als Druckmittel gegen ihn eingesetzt haben mochte, irgendwo da gewesen, aber Harry hatte einfach nicht die Kraft gefunden, sich damit auch noch auseinanderzusetzen, neben der Trauer um Remus und Tonks, um Fred und all die anderen, welche die letzte Schlacht nicht überlebt hatten. Es war einfacher gewesen, Draco Malfoy weiterhin als den arroganten Schnösel zu sehen, als den er ihn kennengelernt hatte. Aber das hier, das, was sich vor ihm abspielte, das konnte Harry nicht mehr übersehen, das konnte er einfach nicht ignorieren.

Mit einem leisen Seufzen liess er sich vorsichtig auf das Bett sinken und zog Draco an seinen Körper heran, bis dessen Kopf auf seinem Schoss lag. Warm, eigentlich viel zu warm, schmiegte sich der andere Körper an ihn, während das Wimmern langsam nachliess. Sanft liess Harry seine Hände durch die feinen Haare gleiten, immer und immer wieder, ohne überhaupt zu bemerken, was er da eigentlich genau tat. Es fühlte sich nur irgendwie so seltsam richtig an, dort zu sitzen, auf Dracos Bett, das feine Haar über seine Haut gleiten zu spüren und den Atemzügen zu lauschen, die langsam ruhiger wurden. Geborgenheit, Sicherheit und grosse Ruhe umgaben Harry, hüllten ihn ein und liessen ihn selber zum ersten Mal seit seinem Sieg über Voldemort tatsächlich so etwas wie wirklichen Frieden finden.

Das leichte Glimmen seines Zauberstabes reichte gerade aus, damit die Silhouetten der Zimmereinrichtung zu erkennen waren. Eigentlich hätte Harry jetzt aufstehen und in sein eigenes Bett zurückkehren können. Es gab keinen Grund, noch länger auf Dracos Bett sitzen zu bleiben oder diesen festzuhalten. Das Wimmern hatte aufgehört und Dracos Atem ging ruhig, so, wie es sein sollte und eigentlich hätte Harry erleichtert aufstehen und in sein eigenes Bett zurückkehren müssen. Stattdessen blieb er sitzen und fuhr mit den sanften Berührungen fort, unwillig, die Ruhe, die Geborgenheit und Sicherheit, die er gefunden hatte, so schnell wieder verlassen zu müssen.

Als Harry das nächste Mal die Augen öffnete, schmerzte sein Nacken von der gekrümmten Position, in der er zu lange gesessen hatte, ohne es sich bewusst zu sein. Im Zimmer war es immer noch still und dunkel, auch wenn das Glimmen des Zauberstabes irgendwann aufgehört haben musste. Dracos Körper lag immer noch neben ihm, zu dicht an seinen Beinen und Harrys Hand ruhte auf seiner Brust. Er konnte fühlen, wie sie sich mit den ruhigen Atemzügen hob und senkte, konnte das regelmässige Schlagen des Herzes spüren. Im ersten Moment wollte Harry aufspringen und sich in seinem Bett unter der Decke verkriechen und nicht mehr zum Vorschein kommen, aber dann machte er sich klar, dass ihn Draco doch gar nicht bemerkt haben konnte. Schliesslich hatte der andere geschlafen. Auch wenn er einen Alptraum gehabt hatte, Draco hatte geschlafen. Draco hatte ganz sicher geschlafen.

Vorsichtig schob Harry Dracos Kopf von seinen Beinen, legte ihn aufs Kopfkissen und kontrollierte, ob die Decke bis zum Kinn hochgezogen war und den Schlafenden überall bedeckte. Anschliessend schlich er sich im schwachen Licht seines Zauberstabs in sein eigenes Bett, legte den Stab unter das Kopfkissen und drehte das Gesicht zur Wand, nachdem er die Decke so weit nach oben gezogen hatte, dass nur noch die Haare hinausschauten. Er schloss die Augen und versuchte wieder einzuschlafen. Die Stellen, auf denen Dracos Kopf gelegen, die dessen Körper berührt hatte, kribbelten, als ob Ameisen darüber laufen würden und immer wieder tauchte Dracos Gesicht vor ihm auf. Er hatte friedlich ausgesehen, als er sich beruhigt hatte. Friedlich und entspannt. So, wie ihn Harry noch nie gesehen hatte und irgendwie wünschte er sich, ihn öfter so sehen zu können.

Erst in den frühen Morgenstunden gelang es Harry wieder einzuschlafen, Dracos Bild immer noch vor Augen und auch in seinen Träumen tauchte dieser immer wieder auf, auch wenn er dort ganz andere Dinge tat, als einfach nur auf Harrys Beinen zu liegen und zu schlafen. Ganz andere Dinge, Dinge, die mit Schlafen überhaupt nichts mehr zu tun hatten. Dinge, die dafür sorgten, dass Harry das Bedürfnis nach einer kalten Dusche verspürte und Dinge, von denen er sich bis jetzt nicht hatte vorstellen wollen, dass er sie mit Malfoy würde tun wollen.