Teil III

Als Harry am nächsten Morgen erwachte, war es trotz der geschlossenen Vorhänge bereits hell im Zimmer. Langsam setzte er sich auf und tastete nach seinem Zauberstab. Sein Nacken schmerzte und fühlte sich an, als ob er die halbe Nacht im Sitzen verbracht hätte. So lange konnte er doch eigentlich gar nicht an Malfoys Bett gesessen haben. Jetzt, bei Tagesanbruch kam ihm die ganze Situation fast peinlich vor. Was, wenn Malfoy aufgewacht wäre und bemerkt hätte, dass er seinen Kopf auf Harrys Schoss liegen hatte? Obwohl Harry ziemlich sicher war, dass Malfoy nichts bemerkt haben konnte, so spürte er doch, wie ihm heiss wurde. Was hatte er sich nur dabei gedacht, in der Nacht aufzustehen und vor allem, was um alles in der Welt war ihm durch den Kopf gegangen, als er sich zu Malfoy aufs Bett gesetzt und dessen Kopf auf seine Beine gelegt hatte? Wie sollte er jetzt Malfoy noch in die Augen sehen können, wie sollte er zu dem beruhigenden Gefühl der gegenseitigen Abneigung und vor allem seiner Ansicht, dass Malfoy zwar ein hübsches Äusseres, aber definitiv kein so hübsches Inneres hatte, zurückkehren?

Er hatte gesehen, wie der andere sich in der Nacht in einem Alptraum gefangen in seinem Bett hin und hergeworfen hatte. Er hatte gesehen, wie Malfoy im Traum gewimmert und gebettelt hatte. Er hatte die Wärme gespürt, die dessen Körper abgegeben hatte und das beruhigende Gefühl, das über ihn gekommen war, als er dort gesessen hatte. Wie sollte er da Malfoy noch mit Abneigung betrachten? Ohne, dass Harry es wollte, kamen auch die Erinnerungen wieder hoch. Erinnerungen, die er doch so geschickt verdrängt hatte. Erinnerungen daran, wie er hatte beobachten müssen, wie Draco auf Anweisung Voldemorts den Cruciatus gesprochen hatte, Erinnerungen an den gehetzten Ausdruck in seinen Augen und die Angst, die sich in seinem Gesicht widerspiegelte, wenn er die Befehle ausführte. Aber auch Erinnerungen daran, wie Malfoy sie nicht verraten hatte, als Greyback sie gefangen genommen hatte und Erinnerungen an den Raum der Wünsche. An das Dämonsfeuer, das ausser Kontrolle geraten war, wilde Bestien und ein Besen, der sie aus der Hölle brachte. Erinnerungen an zwei Arme, die sich viel zu eng um seinen Körper geschlossen hatten, zitternd vor Angst, als Harry sie beide in Sicherheit geflogen hatte.

Der Zauberstab bebte leicht in seiner Hand. Harry schloss die Augen und atmete tief ein, dann wieder aus und noch einmal ein. Erst dann wurde er etwas ruhiger und auch erst dann fiel ihm die Stille im Zimmer auf. Ein Blick auf das ausgezogene Bett bestätigte ihm, was er irgendwie schon vorher gewusst hatte, was er instinktiv von dem Augenblick an gespürt hatte, als er die Augen geöffnet hatte. Er war allein im Zimmer. Malfoy musste schon lange aufgestanden sein. Jedenfalls war das Bett gemacht und wirkte vollkommen unberührt. Ganz so, als ob in der letzten Nacht niemand darin geschlafen hatte, als ob sich dort nie jemand in einem Alptraum gewälzt hatte und als ob Harry nie aufgestanden und sich eben auf dieses Bett gesetzt und die andere Person gehalten hatte. Wie spät mochte es wohl sein? Langsam liess Harry seinen Blick zu dem Wecker neben seinem Bett auf dem kleinen Nachttisch wandern. Viertel nach neun.

Durch die geschlossene Tür drangen leise Stimmen, das Klappern und Klirren von Geschirr und Besteck. Das Licht, das durch die geschlossenen Vorhänge drang, war weich und warm und etwas rötlich gefärbt. Seit wann hatte Petunia rote Vorhänge? Irgendwie war ihm das überhaupt nicht aufgefallen, als er am vorherigen Tag aufgestanden war. Deutlich konnte er die Stimme seiner Tante hören, die irgendetwas anordnete, das er nicht verstand. Eine andere Stimme, die Antwort gab, Schritte, welche die Treppe hinaufkamen und anschliessend das leichte Klopfen an einer Tür, an seiner Tür, wie er etwas verspätet feststellte. Dann ein erneutes Klopfen und eine Stimme. Eine Stimme, die wie diejenige seines Cousins klang. „Harry, aufstehen. Das Frühstück ist fertig und danach wollen wir den Baum holen." Die Klinke bewegte sich langsam nach unten und weniger später öffnete sich die Tür und Dudley betrat das Zimmer. „Harry? Willst du nicht aufstehen? Mum hat Pfannkuchen gemacht."

Als sein Cousin plötzlich im Zimmer stand, wäre Harry beinahe der Zauberstab aus der Hand gefallen. Dieser neue Dudley war einfach unheimlich. Sein Cousin weckte ihn nicht einfach so, war freundlich und sagte ihm, dass seine Tante Pfannkuchen zum Frühstück gemacht hatte. Ganz kurz war das Bedürfnis da, Dudley auf bewusstseinsverändernde Substanzen zu prüfen, aber das hätte vielleicht doch sehr misstrauisch gewirkt und so beschränkte sich Harry darauf, zu nicken und seinem Cousin zu sagen, dass er gleich hinunterkommen würde. Die Frage nach Draco, nein, nach Malfoy, verkniff er sich. Er wollte gar nicht wissen, was sein Erzfeind schon so früh morgens gemacht hatte. Solange er nicht etwas plante, um Voldemorts Werk fortzusetzen, konnte es ihm egal sein. So egal, wie ihm seine Tante und sein Cousin waren und da das nicht sehr wahrscheinlich war, musste er sich keine Sorgen machen.

Natürlich wusste Harry, dass er sich irgendwie selber belog. Seine Tante und auch sein Cousin waren ihm nie egal gewesen, auch wenn er sich das versuchte einzureden. Er hatte sie gehasst, phasenweise vielleicht sogar verachtet, er hatte um ihre Liebe, um ihre Anerkennung gekämpft und resigniert. Sie waren alles gewesen, aber nicht egal und das hatte sich nicht geändert. Wahrscheinlich würden sie ihm nie egal sein und vielleicht, vielleicht bestand jetzt tatsächlich die Chance, dass er so etwas wie eine Familie erhielt. Eine echte Familie. Eine Familie, die tatsächlich mit ihm verwandt war, deren Blut auch durch seine Adern floss. Eine Familie, auf die er sich würde verlassen können, eben, weil sie seine Familie waren. Ganz kurz kam ihm der Gedanke an die Weasleys. Natürlich waren sie auch seine Familie. Natürlich behandelte ihn Molly irgendwie wie ihren Sohn und doch war es nicht dasselbe. Vor allem jetzt nicht, da er Ginny nicht heiraten würde und so jedes Recht auf einen wirklichen Platz als Familienmitglied verspielt hatte. Nicht, dass die Weasleys ihn das jemals würden spüren lassen und doch war es so.

Völlig in Gedanken versunken, hatte Harry nicht bemerkt, wie Dudley das Zimmer wieder verlassen hatte, nachdem er ihn noch einmal daran erinnert hatte, sich zu beeilen, damit die Pfannkuchen nicht kalt wurden. Völlig in Gedanken versunken hatte sich Harry angezogen, sich ein wenig Wasser ins Gesicht gespritzt und erst da bemerkt, dass er eine dunkelblaue und eine schwarze Socke angezogen und sein T-Shirt einen Fleck hatte. Fluchend hatte er sich noch einmal umgezogen und war die Treppe hinunter gegangen, nur um mit einem Anblick konfrontiert zu werden, den er wahrscheinlich bis ans Ende seines Lebens nicht vergessen würde: Draco Malfoy ging mit einem Stapel Teller um den Tisch und verteilte sie auf die vier Tischsets und legte jeweils Messer und Gabel dazu. Als er sich umdrehte, um zurück in die Küche zu gehen und die Tassen zu holen, fiel sein Blick auf Harry, der immer noch wie erstarrt auf der untersten Treppenstufe stand. „Was gibt es zu glotzen? Hilf mir lieber den Tisch zu decken, damit wir nachher los können." Täuschte sich Harry oder hatte das weitaus weniger aggressiv geklungen, als es ursprünglich geplant gewesen war?

Immer noch etwas verdattert folgte er Malfoy in die Küche, wo ihn der Geruch nach frischen Pfannkuchen empfing. Petunia stand am Herd vor der Pfanne. Neben ihr, auf einem Teller, befand sich ein riesiger Berg Pfannkuchen. Vorsichtig bewegte sie die Pfanne ein wenig, überprüfte, ob sich der Teig bereits gelöst hatte und schob dann den Pfannenwender darunter, um den Pfannkuchen mit Schwung zu wenden. „Ich bin gleich so weit, Harry. Draco, die Tassen stehen schon auf dem Tisch. Der Tee muss noch einen Augenblick ziehen. Hast du Dudley gesehen?" Mit Erstaunen beobachtete Harry, wie Draco zum Tisch ging und die Tassen, das Stövchen und die Teekanne auf das Tablett zu stellen begann. „Dudley hat vorhin nur gesagt, dass er Harry wecken geht.""Dann wird er sicher gleich kommen." Damit wandte sich Petunia wieder den Pfannkuchen zu und liess den letzten aus der Pfanne auf den Berg auf dem Teller rutschen. „Harry, stellst du sie bitte auf den Tisch?" Petunia hielt ihm den Teller mit den Pfannkuchen hin. Zögernd nahm ihn Harry entgegen, während sie schon den Kühlschrank öffnete und anfing, Butter, Konfitüre, Honig und Schokoladensauce auf den Tisch zu stellen. Anschliessend ging sie zur Tür und rief in den Flur hinaus nach Dudley, dass er sich beeilen solle, da das Frühstück fertig sei.

Harry stand die ganze Zeit mit dem Teller und den Pfannkuchen in der Küche und starrte fassungslos auf die Stelle, wo die Tassen und der Tee gestanden hatten, die Malfoy schon lange ins Esszimmer gebracht hatte. Das hier, das war nicht so chaotisch und laut wie bei den Weasleys und Petunia würde auch nie Mollys warme und mütterliche Art haben, aber das hier, das fühlte sich an wie Familie, wie Alltag. So, wie es sein sollte. Wärme breitete sich in Harry aus und er konnte nicht verhindern, dass sich ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. Vielleicht war das alles nur ein Traum, vielleicht war das alles nur eine verrückte Parallelwelt, in die er irgendwie geraten war, aber gleichzeitig kam das alles seinem Wunsch nach einer Familie so nahe. Da war es egal, dass es Malfoy war, mit dem er sich das Zimmer teilen musste, dass es Malfoy war, der den Tisch deckte. Vielleicht würde er schon am nächsten Morgen allein in seinem Bett im Schlafsaal in Hogwarts aufwachen und feststellen, dass alles nur ein Traum gewesen war, aber solange dieser Traum anhielt, wollte er ihn geniessen, wollte er geniessen, dass auch er eine Familie hatte, mit der er Weihnachten zusammen verbringen konnte.

Wenig später sassen sie alle gemeinsam am Tisch und Harry beobachtete aus den Augenwinkeln, wie Draco vorsichtig seinen Pfannkuchen mit Honig beträufelte und dann ein kleines Stück abschnitt und sich in den Mund schob. Anhand seines Gesichtsausdrucks und der Vorsicht, die er walten liess, war sich Harry fast sicher, dass Draco noch nie in seinem Leben so etwas wie Pfannkuchen gegessen hatte, doch kaum hatte er begonnen das erste Stück zu kauen und kaum breitete sich der süsse Geschmack des Honigs in seinem Mund aus und vermischte sich mit dem Aroma der Butter, das mit dem Geschmack von Eiern und Mehl eine Einheit bildete, da verzog sich das sonst so kalte und fast ein wenig verkniffene Gesicht in den Ausdruck puren Genusses. Draco griff noch einmal zum Honig, verteilte ein wenig mehr davon auf seinem Pfannkuchen und schnitt ein grösseres Stück ab. Erst nachdem er dieses gegessen hatte, schaffte er es aufzusehen. Sein Blick fiel genau auf Petunias Gesicht, die ihn mit einem leichten Lächeln beobachtete. „Ich… Das … Was immer das auch ist, es schmeckt vorzüglich." Das Lächeln auf Petunias Gesicht breitete sich aus. „Es freut mich, wenn es dir schmeckt. Greif' ruhig zu. Es ist genug da."

Plötzlich wurde Harry bewusst, dass seine Gabel nun schon eine ganze Weile regungslos auf dem Teller lag und hektisch begann er, seinen Pfannkuchen in kleine Stücke zu schneiden, aber Malfoy, der seinen ersten Bissen Pfannkuchen ass und anschliessend nach Worten suchte, war ein zu faszinierender Anblick gewesen. Überhaupt war er ein faszinierender Anblick. Das Licht spielte mit den Reflexen, während sich Dracos Haar leicht bewegte, als er erneut nach dem Honig griff, um seinen zweiten Pfannkuchen zu beträufeln. Die Pupillen waren leicht geweitet und die Lippen glänzten vom Fett und vom Honig. In Harrys Magen begann es zu kribbeln. Ein ganz anderes Kribbeln, als die Wärme, die er in der Küche verspürt hatte, als die ganze Atmosphäre, einfach alles, so familiär auf ihn gewirkt hatte und er zum ersten Mal wirklich Teil davon gewesen war. Nein, das war ein ganz anderes Kribbeln. Ein Kribbeln, das ihn an einen aufgescheuchten Schwarm Schmetterlinge erinnerte oder an das Flattern des Schnatzes in seiner Hand, wenn er ihn nach einer langen Jagd endlich gefangen hatte.

Harry spürte, wie ihm der Appetit verging. Nur mit Mühe gelang es ihm, ein kleines Stück von dem Pfannkuchen auf seinem Teller in den Mund zu schieben und darauf herum zu kauen. Immer wieder wanderte sein Blick zu Malfoy, der in der Zwischenzeit bei seinem dritten Pfannkuchen angekommen war und diesen grosszügig mit Honig begoss. Es war nicht, dass Petunias Pfannkuchen nicht gut gewesen wären. Im Gegenteil, sie schmeckten ausgezeichnet. Es war auch nicht, dass ihn irgendjemand drohend oder feindselig angestarrt hätte, aber die Art, wie Malfoy die Augen schloss, wenn er ein weiteres Stück Pfannkuchen in seinen Mund schob, die Art, wie sich Verzücken in seinem Gesicht widerspiegelte, das alles brachte die Schmetterlinge in Harrys Magen dazu, noch viel aufgeregter herumzuflattern, als sie das ohnehin schon taten und verdarb ihm dabei den Appetit. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte sich in sein Zimmer zurückgezogen, aber gleichzeitig konnte er nur schwer die Augen von Malfoys Gestalt lösen, wie sie da am Tisch sass und einen Pfannkuchen nach dem anderen genüsslich verspeiste.

Es kam Harry wie eine halbe Ewigkeit vor, bis Dudley und Draco endlich ihr Frühstück beendet hatten und sie Petunia dabei halfen, das benutzte Geschirr in die Küche zu räumen. Eigentlich wollte sich Harry gleich darauf in sein Zimmer verziehen und bis zum Abend nicht mehr herauskommen. Eigentlich wollte er alles tun, um möglichst viel Abstand zwischen sich und Malfoy zu bringen. Abstand, der verhindern sollte, dass er Draco noch mehr anstarrte. Abstand, der aber auch verhindern sollte, dass er noch mehr als ohnehin schon begann, sein Bild, das er von dem Blonden hatte, zu hinterfragen.

Der Plan, sich gleich nach dem Frühstück zurückzuziehen, wurde allerdings von Dudley zunichte gemacht, der, kaum dass sie in der Küche fertig waren und sich die Zähne geputzt hatten, anfing, sich mit Schal, Mütze und Handschuhen warm einzupacken und Draco und Harry aufforderte, das Gleiche zu tun. Als ihn Draco seltsam verwirrt anblickte und Harry ihn schliesslich fragte, warum sie das tun sollten, verkündete er bloss, dass sie jetzt losfahren würden, einen Weihnachtsbaum zu besorgen, den sie nachmittags schmücken konnten.

Es dauerte eine Weile, bis sie alle warm eingepackt vor der Haustür in der Einfahrt standen und darauf warteten, dass Dudley den Wagen aus der Garage fuhr. Zwischen Harry und Draco herrschte eine unangenehme Stille. Es hatte kaum geschneit. Nur gerade ein Hauch Schnee bedeckte den Boden in den Vorgärten. Trotzdem war es klirrend kalt. Aus den Augenwinkeln beobachtete Harry, wie Draco vor sich hinstarrte und sein Atem kleine, weisse Wölkchen bildete. Als Dudley endlich mit dem Wagen vor ihnen hielt, kam es Harry vor, als ob eine halbe Ewigkeit vergangen wäre, obwohl es doch nur wenige Augenblicke gewesen waren. Ohne zu zögern öffnete Harry die Beifahrertür und stieg bereits ein, während Malfoy das Auto noch misstrauisch betrachtete. Schliesslich schien ein Ruck durch ihn zu gehen, er straffte seine Schultern und machte einen entschlossenen Schritt auf das Auto zu und öffnete die hintere Tür auf der Beifahrerseite.

Als er sich hinsetzte, kam es Harry so vor, als ob Draco die Luft angehalten hätte, als er ins Auto gestiegen war und sie jetzt langsam entweichen liess. Ganz so, als sei er erleichtert, dass er ins Auto hatte steigen können, ohne sich selber zum Idioten zu machen. Harry schob den Gedanken sofort zur Seite. Das war immer noch Malfoy und Malfoy machte sich keine Gedanken darüber, ob er sich selber zum Idioten machen könnte. Dazu war er doch viel zu arrogant und behandelte andere doch viel zu sehr von oben herab und trotzdem blieb der Gedanke, liess sich nicht einfach verdrängen. Aber vielleicht war es auch dieser Gedanke, der Harry dazu veranlasste, Draco einigermassen ruhig zu erklären, wie er sich anschnallen musste und ihm irgendwie schief anlächelte. Ein Lächeln, das wohl bedeuten sollte, dass ihm nichts passieren würde. Ein Lächeln, das aber nur bewirkte, dass Draco irritiert und misstrauisch die Stirn runzelte und dafür sorgte, dass sich Harry mit heissen Wangen nach vorne drehte und durch die Windschutzscheibe auf die Strasse starrte. Bei Merlin, er hatte soeben Malfoy angelächelt. Er hatte ihn angelächelt! Er mochte zwar schwul sein, aber das war Malfoy und er hatte ihn angelächelt! Einfach so!

Langsam liessen sie die letzten Häuser hinter sich. Ausserhalb der Ortschaft lag ein wenig mehr Schnee und so zog sich die Landstrasse als schwarzes Band durch weiss überpuderte Felder. Im Auto herrschte eine angespannte Stille. Harry starrte nach vorne auf die Strasse, während er doch immer wieder versuchte, unauffällig im Rückspiegel einen Blick auf Draco werfen zu können. Draco sass völlig verspannt hinter ihm und schaute abwechselnd aus dem Fenster, auf Harrys Hinterkopf und auf Dudleys Hände, die ruhig auf dem Lenkrad lagen oder, gelegentlich, mit sicheren Bewegungen schalteten. Dudley war, nachdem seine wenigen Versuche, sich mit Draco oder Harry zu unterhalten, nur mit sehr einsilbigen Antworten geendet hatten, verstummt und konzentrierte sich vollkommen auf die Strasse.

Schliesslich, nach fast einer Viertelstunde, in der sich Malfoy nur unmerklich entspannt hatte, bog Dudley links in einen Feldweg ein, an dessen Rand eine grosse Hinweistafel stand, dass es dreihunderfünfzig Meter weiter frische Weihnachtsbäume zu kaufen gäbe. Das Auto rumpelte über zugefrorene Schlaglöcher. Der Weg war so schmal, dass nur ein Fahrzeug Platz hatte und als ihnen ein silberfarbener Kleinwagen mit einem bedenklichen grossen Baum auf dem Dach entgegenkam, musste Dudley in die Grasnarbe neben dem Weg ausweichen. Einige Meter weiter erreichten sie eine zweite Hinweistafel, auf der in grossen, roten Lettern stand, dass sie den Weihnachtsbaumverkauf erreicht hatten und dass sie das Auto auf der Wiese unmittelbar hinter der Tafel abstellen sollten. Dudley fuhr in eine grosse Lücke zwischen einem Minivan und einem Kombi und stellte den Motor aus. „Nun, dann wollen wir mal", verkündete er mit einem breiten Lächeln und öffnete die Tür auf seiner Seite. Auch Harry stieg aus und öffnete, nach kurzem Zögern, die hintere Tür auf seiner Seite, nachdem er mit einem seltsamen Gefühl im Magen Dracos Versuche bemerkt hatte, die Tür alleine zu öffnen.

Dudley verschloss das Auto mit einen Druck auf die Fernbedienung und ging anschliessend voran zu dem mit Maschendraht umzäunten Feld, auf dem im vorderen Bereich nur noch wenige, kleine, zerzauste und krumme Tännchen und ein Haufen Baumstümpfe standen. In der Hand trug er einen grossen Metallkasten, der erschreckende Ähnlichkeiten mit der alten Werkzeugkiste von Onkel Vernon aufwies. Harry und Draco folgten ihn in gebührendem Abstand, die Hände tief in ihren Taschen vergraben, den Schal fast bis zur Nase hochgezogen und zumindest von Draco war sich Harry sicher, dass er seinen Zauberstab umklammert hielt. Langsam wanderte die klirrende Kälte unter die Jacken und auch die Schals konnten nicht verhindern, dass die Haut am Kinn taub zu werden begann.

Dudley ging an den mickrigen Tannen vorbei in den hinteren Teil, wo es mehr Bäume und weniger Stümpfe gab. Kritisch betrachtete er die verschiedenen Bäume und fragte immer wieder Harry und Draco nach ihrer Meinung. Harry hatte allerdings gleich beim ersten Baum, dessen Stamm eine seltsame S-förmige Kurve aufwies, gesagt, dass sie den nehmen könnten und hatte sich dadurch für weitere Bäume disqualifiziert, während Draco Anstalten machte, seinen Zauberstab zu zücken, um die Kurve mittels einfachem Zauber zu begradigen, damit sie wieder fahren konnten und zurück in die Wärme kamen. Dudley hatte beides mit einem Schnauben quittiert und war zum nächsten Baum weitergegangen. Aber so wirklich das passende hatte er nicht gefunden. Der eine Baum war zu klein, der nächste zu gross. Der danach hatte zu wenige Äste, der andere zu viele, dann waren da ein Loch zwischen den Zweigen oder der Stamm und damit der Baum schief.

Mit jedem Baum, den Dudley verwarf, folgte ihm Harry widerwilliger. Die Zehen in den Stiefeln begannen langsam kalt zu werden und in ihm stieg der Wunsch auf, zumindest kurz seinen Zauberstab ziehen und einen kurzen Wärmezauber sprechen zu können. Ein kurzer Blick in die Umgebung offenbarte allerdings eine Muggelfamilie mit zwei quengelnden Kleinkindern, ein älteres Ehepaar, das sich lauthals stritt, ob der Baum für das Wohnzimmer nicht doch zu gross sei und ein junges Paar, das vor einem winzigen Tännchen in einen Kuss versunken war. Obwohl sich alle auf die Auswahl an Bäumen zu konzentrieren schienen, waren es doch zu viele Leute, um zu zaubern. Als Dudley den neunten Baum ablehnte, weil auf der linken Seite ein Ast fehlte, der zur Perfektion geführt hätte, konnte Harry von der Seite her beobachten, wie Draco genervt die Augen verdrehte und die Schultern vor Kälte höher zog. Beim nächsten Baum, der zu klein und zudem unten zu dicht war, trafen sich ganz kurz Harrys und Dracos Augen und Harry meinte deutlich in den grauen Augen lesen zu können, dass Draco langsam aber sicher ziemlich genervt von der ganzen Prozedur war und Harry konnte ihm nur zustimmen. Für was waren sie eigentlich Zauberer? Spätestens zu Hause konnten sie einen nicht ganz gerade gewachsenen Baum mit einem kurzen Zauber begradigen oder eine Lücke zwischen den Ästen schliessen, aber nein, Dudley musste unbedingt den perfekt gewachsenen Baum finden.

Als beim nächsten Baum schliesslich die Spitze zu lang war und zu kahl, trafen sich wieder Harrys und Dracos Blicke und schienen so etwas wie ein gemeinsames Verständnis zwischen sich zu finden und als Dudley den nächsten Baum wieder ablehnen wollte, weil er etwas schief und an einer Stelle etwas kurze Äste hatte, beschloss Harry, der Sache ein Ende zu machen. „Den Baum nehmen wir und wenn es unbedingt sein muss, können wir die kurzen Äste zu Hause mit einem Zauber verlängern." Im Hintergrund sah er, wie Draco bestätigend nickte. Dudley schaute zweifelnd von ihm zu Draco und wieder zurück und zuckte anschliessend mit den Schultern. „Wenn ihr meint." Damit stellte er den schweren Metallkasten auf den Boden und entnahm ihm eine Axt und eine kleine Säge. Wenig später war die Tanne gefällt und Dudley schleppte sie zurück zum Ausgang, wo zwei Muggel sie in ein weisses Netz verpackten und er den Baum bezahlte. Kurz darauf befanden sie sich mit dem Baum im Kofferraum auf der Heimfahrt.

Das ganze Auto roch nach Tanne und Harry konnte es nicht lassen, immer wieder in den Rückspiegel zu schauen und Draco zu beobachten, der jetzt sichtlich entspannter auf der Rückbank sass und aus dem Fenster schaute. So ruhig sah sein Gesicht ganz anders aus, nicht mehr so verkniffen und ernst und Harry spürte, wie es in seinem Magen wieder zu Kribbeln begann und am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn die Heimfahrt noch deutlich länger gedauert hätte und er in dieser Zeit Draco weiter hätte beobachten können. Aber so langsam die Hinfahrt auch vergangen war, so kurz schien die Rückfahrt zu sein und viel zu früh bog Dudley in den Ligusterweg ein und hielt schliesslich vor der Haustür.

Gemeinsam brachten sie den Baum ins Wohnzimmer und stellten ihn in den Ständer. Während Dudley versuchte, den Baum gerade zu halten, kroch Harry auf dem Boden herum und drehte an der Schraube, die für festen Halt im Ständer sorgen sollte, während Draco von verschiedenen Stellen des Zimmers aus kommentierte, dass der Baum eben doch schief stand. Schliesslich war es aber doch geschafft. Die Stelle mit den kürzeren Ästen hatten sie gegen die Wand gedreht und Harry und Draco liessen sich erschöpft auf das Sofa fallen. Dudley war in den Keller verschwunden, um die Schachteln mit der Dekoration zu holen und Petunia war in der Küche mit Kochen beschäftigt, nachdem sie, während die jungen Männer den Baum geholt hatten, das Haus mit immergrünen Zweigen und Lämpchen dekoriert hatte. Ganz kurz hatte sie ins Wohnzimmer geschaut und den Baum mit einem wohlwollenden Lächeln betrachtet. „Einen schönen Baum habt ihr da ausgesucht", hatte sie nur gesagt und war anschliessend wieder in die Küche verschwunden.

Irgendwann hatte Harry den Kopf zur Seite gedreht und Draco angeschaut. Die grauen Augen waren auf grüne getroffen und langsam hatte sich der Mund darunter zu einem kleinen Lächeln verzogen. Harry konnte gar nicht anders als zurückzulächeln, während in seinem Magen erneut ein ganzer Schwarm Schmetterlinge aufflatterte. Vielleicht würde Weihnachten ja doch noch schön werden.